anlage of movement

„The concrete highway was edged with a mat of tangled, broken, dry grass, and the grass heads were heavy with oat beards to catch on a dog’s coat, and foxtails to tangle in a horse’s fetlocks…“

Ich habe endlich angefangen, John Steinbecks „Früchte des Zorns“ zu lesen, eigentlich „The Grapes of Wrath“ (1939), ich versuche mich am englischen Original. Was für eine beglückende Leseerfahrung (auch wenn mein Englisch bei weitem nicht hinreicht, um die Feinheiten zu erfassen)! Seit vielen Jahren stand es auf meiner Leseliste, vielleicht war es gut, damit zu warten, denn jetzt ist es (wieder) das Buch der Stunde: Die Natur und ihr eigenmächtiges Wirken raubt den Menschen ihre Lebensgrundlage und macht sie zu loser Streu, auf der Suche nach neuer Bleibe, neuem Auskommen.

Kapitel 3 ist sehr kurz und erzählt nur von dem Versuch einer Schildkröte, eine Landstraße zu überqueren, in der Einsamkeit der dürren Steppe. Aber eigentlich ist dieses Kapitel ein sehr kurzes Kompendium in Ökologie, ein Kurzessay über den Willen des Lebens zu überleben und sich auszubreiten, auch unter widrigsten Bedingungen. Die Schildkröte kämpft ihren einsamen Kampf gegen die Schwierigkeiten des Terrains am Straßenrand, aber eigentlich ist sie nur ein Werkzeug für sich ausbreitendes Leben, Transportmittel für Gräsersamen und Insekten, um neues Gelände zu erschließen. Diese unscheinbare und vertrocknete Biozönose im Bankett der Landstraße ist eine Welt vielfältiger Abhängigkeiten. Menschen kommen auch vor, nur kurz und episodisch, rauschen vorbei, geschildert nur als Werkzeuge um Fahrzeuge zu steuern – und wie sie steuern hat einen Effekt darauf, wie konkret sich das Leben verbreitet, aber das ist nur wie ein Wimpernschlag in den Zyklen der Natur, die sich mit schildkrötenhafter Langsamkeit vollziehen.

„The turtle entered a dust road and jerked itself along, drawing a wavy shallow trench in the dust with its shell. The old humorous eyes looked ahead, and the horny beak opened a little. His yellow toe nails slipped a fraction in the dust.“

Steinbeck hatte viel Ahnung von Ökologie. Das hatte er wohl hauptsächlich seiner engen Freundschaft mit Ed Ricketts zu verdanken, einem Meeresbiologen. In „Cannery Row“ hat er ihn als Doc literarisch verewigt, aber auch in anderen Büchern, auch in „The Grapes of Wrath“ taucht er als Figur auf. Die beiden unternahmen 1940, nach dem Erscheinen dieses Romans, eine Schiffsreise in den Golf von Kalifornen, widmeten sich der Erforschung des Lebens, im Wasser dort und im ganz Allgemeinen. Nachreisen kann man im „Logbuch des Lebens“, das Steinbeck 1941 über diese Reise veröffentlicht hat (und das 2017 in einer Neuübersetzung und schönen Ausgabe des Mare-Verlags erschienen ist). Ob aus diesem Austausch mit Ricketts auch der Begriff „anlage of movement“ stammt, mit dem der erste Absatz von Kapitel 3 endet?

„…every seed armed with an appliance of dispersal, twisting darts and parachutes for the wind, little spears and balls of tiny thorns, and all waiting for animals and for the wind, for a man’s trouser cuff or the hem of a woman’s skirt, all passive but armed with appliances of activity, still, but each possessed of the anlage of movement.“

Tatsächlich ist „anlage“ hier ein deutsches Lehnwort von seltenster Verwendung im Englischen und beschreibt wohl, wenn ich es recht verstehe, dass die Bewegung, die Ausbreitung tief sitzend angelegt ist, im konkreten Fall in den sich versamenden Pflanzen, man kann das aber wohl getrost verallgemeinern. (Ich habe bislang keine deutsche Ausgabe, weiß also nicht, wie das konkret übersetzt wurde – wer weiß es?)

Eigentlich wäre es jetzt schon gut. Steinbeck konnte aus seinem Blickwinkel nicht erkennen, dass weiter hinten in der geschilderten Szenerie, zwischen den lehmbraunen Steinen, den sagebrush-Büscheln und dem dürren Gras, mit seinem fahlen Fell nahezu unsichtbar mit der Umgebung verwoben, ein kleiner Luchs auf Lauer lag, alles beobachtete und versuchte, sich seinen Reim darauf zu machen. Oder eine Gelegenheit abpasste, um seinerseits ins Geschehen einzugreifen (auch nur als Verbreiter von klebrigen oder hakigen Samen). Mit einem Auge sieht er der Schildkröte zu, mit dem anderen liest er, was Leute von sich geben, deren Steckenpferd es ist, Leute aufzuhetzen, weil sie das irgendwie aufgeilt und wohl ihre Strategie ist, um sich zu „verbreiten“. Aber es muss ja nicht jeder Erguss fruchtbar werden.

So lese ich heute den neuesten von Martin Sellner, den die Sezession einmal wieder verbreitet, „Verschissmus“ im wahren Sinne des Wortes. Aus Frust über die zunehmende Marginalisierung seines Treibens, will er jetzt einen Online-Pranger für FPÖ-Politiker einrichten, die aus seiner Sicht die Sache der Rechten und Identitären (IB) verraten. Je verräterischer die Äußerung, desto mehr Malus-Sterne soll es geben. Der Pranger darf natürlich nicht Pranger heißen, es wird ja nur öffentliches Material in konzentrierter und von Sellner redigierter Form dargeboten. Es sollen auch keine Shitstorms ausgelöst werden, deshalb verlinkt er „nur“ geschäftliche Kontaktdaten der von ihm Herzitierten. Und selbstverständlich geht es ihm um „echte Meinungsfreiheit“, dass „keiner mehr Angst haben muß zu sagen, was er sich denkt.“ – Oder geht es doch eher um „rhetorische und weltanschauliche Schulung“, „ein patriotisches Korrektiv. Ein negativer Reiz, der auf die Distanzierung erfolgt und langfristig einen Lerneffekt einstellt“: Jeder soll künftig sein Recht und als „Patriot“ womöglich gar die Pflicht haben, freimütig über historische „Vogelschisse“ und dergleichen zu dozieren, so muss man das wohl verstehen? „Echte“ Meinungsfreiheit, also kernig-männliche, schließt doch wohl mit ein, dass Nazipropaganda möglich sein muss oder gar geboten ist?

Doch so weit sind wir noch nicht. Sellner schreibt zu seiner Motivation: „Nur sichtbare Akte des Widerstands transformieren die isolierten Wähler der FPÖ in eine sichtbaren und aktiven Zivilgesellschaft. Die Aufgabe der IB ist nicht gegen eine Partei gerichtet. Sie ist FPÖ und IBÖ schließen sich daher ebensowenig aus wie die GRÜNEN und Greenpeace! Beide Ansätze ergänzen einander und sind notwendige Säulen einer umfassenden patriotischen Arbeit.“

Aber dank der schlampigen Redaktion bei der Sezession enthält dieser Absatz immerhin zwei Informationen:

1. Sellner ist ein Wirrkopf und präpotenter Stümper, dem es nicht schnell genug gehen kann bis zum Erguss. Und die bei der Sezession sind genauso betriebsblind und tumb-aktionistisch, wie die bei der SPD Mülheim und ihrem Trauerkranz.

2. Es wird ja immer so getan, als hätten FPÖ und IB nichts miteinander zu tun. Derzeit klagt die Einprozent-Bewegung, das Baby vom Kubitschle, gegen einen Facebook-Rausschmiss: sie hätten nichts mit der IB zu tun. Ich hoffe nur, das Gericht kennt sich ein wenig mit Internet aus. Da ist der Zusammenhang doch offensichtlich, das Netzwerk von Schnellroda, EinProzent, IB, FPÖ, AfD (ja, auch Gauland ist gerngesehener Gast in Schnellroda). Also: nicht lange fackeln.

Übrig bleiben Fragen:

  • Hat der Luchs nun mutwillig die Verbreitung von Sellnern befördert? Oder hat er daran mitgewirkt, ihre Camouflage abzutakeln?
  • Erkennen geneigte Leser*innen den Unterschied zwischen ökologischem Wimpernschlag und kulturgeschichtlichem Vogelschiss?
  • Wird die langsame Schildkröte Demokratie den Angriff des nächsten Trucks überleben und weiterhin in die Zukunft blicken mit old humorous eyes?

Lieber Herr Lenz

beginnt der erste Brief Peter Handkes an Hermann Lenz, datierend vom 21. Dezember 1972. Am 23. März 1998 schrieb Hermann Lenz noch „lieber Peter, unser Telephongespräch hat mir wohlgetan„, wenige Wochen später ist er, seit Längerem schwer erkrankt, in München verstorben. Hermann Lenz, der Ältere, verdankte Peter Handke, dem Jüngeren, seinen späten literarischen Erfolg. Doch der Jüngere hatte in Lenz eine Bezugsperson gefunden, einen Ruhepol in einem zeitweise unsteten Leben, von dem er immer wieder Stärkung beziehen konnte. 25 Jahre lang schrieben sie sich regelmäßig, zeitweilig suchte Handke bei den Lenzens Unterschlupf.

In Handkes erstem Brief heißt es: „Ich bin sicher, Sie und Ihre ruhige, verläßliche Art der Weltsicht sehr zu verehren. Ihr letztes Buch [Der Kutscher und der Wappenmaler, das Buch, mit dem die Beziehung der beiden begann] habe ich Satz für Satz gelesen, weil ich auf jede Einzelheit neugierig war. Einmal dachte ich: ‚Da kann man sich wirklich auf die Einzelheiten ganz und gar verlassen‘ – und das ist sicher ein Zeichen, daß da wirklich ein Schriftsteller arbeitet, und kein bloßer Behaupter. […] Ich halte Sie für einen der wenigen Schriftsteller, bei denen man sich lesend zwar fremd, aber doch ganz zu Hause fühlen kann.

Wer so etwas schreibt an einen Kollegen, vielleicht schon gefühlten Freund, für den ist das auch Selbstreflexion, und so ist anzunehmen, dass Handke sich selbst auch so sehen wollte. Kein Behaupter zu sein, das trifft in den Kern seines eigenen Schreibens. Und genau das hat die Akademie in Stockholm heute auch so gesehen und ihm deshalb den Nobelpreis für Literatur 2019 zuerkannt. Ihm, einem der letzten wirklich freien, denkfreien, wortfreien Autoren der Gegenwart.

Alles Gute!“ endet dieser erste Brief. Alles Gute, Peter Handke. Und danke.


Bildrechte: Hermann-Lenz-Stiftung

Maddy, Maggie, Angie

2014 erschien Richard Powers’ Roman Orfeo und wenn Angela Merkel damals Muße hatte für Urlaubslektüre, dann könnte das etwas für sie gewesen sein, wer weiß. Die Geschichte des älteren Komponisten und Musikdozenten Peter Els, der aus wissenschaftlicher Neugier versucht, in seinem Privatlabor Musik und Genetik zu verschmelzen und deshalb ins Visier der Homeland Security gerät. Sein Leben wird schlagartig zum Ausnahmezustand und die Erzählung davon spielt auf verschiedenen Zeitebenen der persönlichen Erinnerung und Gegenwart, von Zeit- und Musikgeschichte – und von Orten der amerikanischen Provinz, wie stets bei Powers.

Eine Episode ist mir heute untergekommen: Els hält einen Vortrag über Messiaens Quatour pour la fin du temps – im Schattigen Hain, einem Altenheim, bei Menschen, die bald tot sein würden. Hier holen ihn Erinnerungen an den Winter 1967 ein: Aufbruchstimmung, irritierende Begegnung mit der Musik von John Cage, beglückende Begegnung mit Madolyn Corr. Mit ihr ist er auf dem Weg zu einer Cage-Performance, sie irren durch die Nacht auf der Suche nach dem Veranstaltungsort, einer Markthalle für Schlachtvieh, Peter auf dem Beifahrersitz eines alten geliehenen Kleinbusses:

Els nimmt die Hände vom Gesicht: „Ich glaube, das war ein Stoppschild“, stöhnt er.
„Wir schaffen das!“ In dem schlitternden Kleinbus schaut ihn Maddy von der Seite an und kneift ihm aufmunternd in den Oberarm. „Wir schaffen das!“
Erst vor wenigen Wochen ist dieses selbstsichere, wagemutige, aufgeklärte Mädchen aus dem Norden des Landes mitten in Els’ Leben gelandet, und mit einem einzigen abrupten Schnitt war der Schwarzweißfilm neonbunt geworden. […] Sie kann ein ganzes Jahr seiner Ängste davonzaubern, mit einem einzigen amüsierten Schmollmund. Sie sorgt dafür, dass er aus sich herausgeht, Anteil an der Welt um ihn her nimmt, der großen Schnitzeljagd. Sie ist so sicher auf ihrer Bahn, das reicht für zwei.“ (1)

Tja, denkbar, dass diese Passage Frau Merkel damals ein wenig aufgewühlt und sie sich wieder an Angela, das Mädchen, erinnert hat. Und warum sie das alles auf sich genommen hat. Der Rest ist Geschichte. Aber wie sangen schon Keimzeit, die auch als DDR-Band begonnen haben, in Maggie:

So einfach stehn die Dinge
Nun auch wieder nicht
Denn wer weiß schon genau
Wann so ein Krug zerbricht…

Dass wir aus uns herausgehen: das ging gerade mal einen Sommer lang. Merkel hat die vielen alternden Menschen in den beigen Blousons unterschätzt, das Nörgeln der Alten im schattigen Hain der Nation. Nicht wenige wünschen Angela die Homeland Security an den Hals. Manche von ihnen bedauern, dass es die gute alte Stasi nicht mehr gibt, oder ihren Vorläufer, die Herren mit den schweren Ledermänteln. Ihre Welt ist beige und verblassend, aber das hatte Nina Hagen ja schon sehr früh prognostiziert:

Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel‘
alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr…


(1) Powers, Richard. Orfeo, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2. Auflage, 2014. S. 171-173

Bäume, Häuser, Menschen

Nein, es geht nicht um den Hambacher Forst, dazu dürfte so ziemlich alles gesagt sein – sollte man meinen. Ich wollte hier nur ein paar Nachrichten und Zettel zusammenbringen, die mir heute untergekommen sind und die sich zu einem eigenen Bild fügen.

1. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) vermeldet, dass München die am stärksten versiegelte Stadt Deutschlands ist, rund 47 Prozent des Stadtgebiets sind bebaut, betoniert oder asphaltiert. Dabei interessiert die Versicherer weniger das Fehlen von schönem Grün, guter Luft, Schatten außerhalb von Biergärten, sondern die Anfälligkeit von Städten gegen die zunehmenden Starkregenereignisse, ihre fehlende Fähigkeit, Oberflächenwasser „schadlos“ abzuleiten oder zurückzuhalten. Städte müssten zu „Schwammstädten“ werden, mit vielerlei Rückhalte- und Versickerungseinrichtungen. Besonders Grünflächen und Vegetationsstrukturen sind dafür prädestiniert. Doch wenn man zu wenige Grünflächen hat, wird’s eng. Jedenfalls endlich ein handfest ökonomisches Argument, warum München mehr tun muss, um in den „grünen Bereich“ zu kommen. Ein föhniges Alpenpanorama alleine hilft da nicht, das ist mehr so eine Art Fatamorgana von Natur und Landschaft, die sich zwar vermarkten lässt, im Alltagsleben aber nicht hilft. Bäume dagegen helfen: Ihre Baumkronen verzögern den Wasserabfluss, sie verdunsten das Wasser und kühlen die Umgebung herunter.

2. In der SZ von gestern war zu lesen, dass nach Angabe des BUND in München jährlich 2.500 Bäume durch Nachverdichtung und andere Bauaktivitäten verloren gehen. Und in der Regel ist es doch so, dass gefällte Bäume ein Vielfaches an Alter, Masse und Volumen besitzen, als die Ersatzbäume, die dann oft auch nicht in der erforderlichen Quantität gepflanzt werden. Also ein permanter Schwund an Biomasse, eine stetige Zunahme der Versiegelung (SZ Nr. 244/2018, S. R7).

3. „Mein Held, der Wald“ ist die heutige Kritik der SZ zu Richard Powers’ neuem Roman „Die Wurzeln des Lebens“ überschrieben (SZ Nr. 245, S. 12). Eine gewisse Faszination von Thema, Geschichten und Atmosphäre kann der Kritiker nicht verhehlen, kommt am Ende aber zu dem Schluss, Powers sei literarisch auf dem „Holzweg“. Denn in Romanen gehe es schließlich um Menschen und die Natur liefere „keine literaturfähigen Helden“. Damit schließt er sich letztlich etlichen anderen Verrissen an, die in ein ähnliches Horn bliesen, am lautesten, wenn ich mich recht erinnere, Denis Scheck, der sich fast nicht mehr einkriegte im ZDF. Nun, ich habe das Buch noch nicht gelesen, Powers-Bücher sind einfach wahnsinnig dick und da bin ich bei ihm schon einmal erlegen. Andererseits: jetzt ist meine Neugierde geweckt, denn

4. beim Aufräumen bin ich wieder einmal auf H.D. Thoreaus wunderbaren und schmalen Essay „Vom Wandern/Walking“ von 1862 gestoßen. Seitenweise könnte man daraus zitieren, aber ich will mich hier ja stets kurz fassen, deshalb nur zwei Appetithappen:

Ich will meine Stimme erheben für die Natur, für absolute Freiheit und Wildheit, im Gegensatz zur zivilisatorisch eingehegten Freiheit und Kultur; dabei betrachte ich den Menschen als Bewohner, ja als festen Bestandteil der Natur, nicht als Glied der Gesellschaft. Ich will eine extreme Position vertreten, und dies, mit Verlaub, durchaus energisch; denn Verfechter der Zivilisation gibt es ja genug; der Pfarrer, das Schulkomitee und jeder einzelne von Ihnen werden sich ihrer schon annehmen.

So beginnt sein Essay, saftig, energisch. In seiner netten Aufzählung hat er nur die Literaturkritiker vergessen. Ich habe das Gefühl, R. Powers hat das Bändchen einstecken gehabt auf seinen Spaziergängen in den Appalachen, während er an seinem Buch schrieb. Etwas weiter heißt es:

Der sogenannte Fortschritt, den die Menschen heutzutage vorantreiben und der sich etwa darin zeigt, dass Häuser errichtet, Wälder gerodet und alle großen Bäume gefällt werden, entstellt die Landschaft bloß und macht sie zahmer und schäbiger. Das wäre mir ein Volk, das mit dem Verbrennen der Zäune begänne und den Wald stehen ließe.

Thoreau lebte damals sozusagen am Rand der Zivilisation, in einem bereits erschlossenen und kulturlandschaftlich veränderten Neu-England, aber nicht allzu weit entfernt von der „frontier“ und der noch „herrenlosen“ Wildnis, in die er selber immer wieder „vorstieß“. Den Versiegelungsbericht eines Versicherungsverbandes konnte er sich noch nicht vorstellen, aber er hatte die richtigen Antennen. Die Literaturkritiker mögen in der Blase ihrer Vorstellungen über Literatur weiterdünsten. Doch auch vor 150 Jahren gab es bereits Menschen, die in der Lage waren, solche Blasen zu verlassen.

War das nun doch irgendwie ein Beitrag zum Hambacher Forst? Den Wald stehen lassen und Zäune verbrennen…

Epilog

Gerade erfahre ich noch, dass heute am Hambacher Forst eine Demo für das Abholzen stattgefunden hat. Eine RWE-Mitarbeiterin soll gesagt haben: „Seit wann ist eigentlich ein Baum mehr wert als ein Mensch?“ Das sind so Totschlag-Abholz-Argumente. RWE sollte ihr einen Grundkurs Ökologie bezahlen, damit sie mal eine Basisvorstellung davon bekommt, wie die Welt so ganz physikalisch-chemisch funktioniert und auf was es wann wo ankommt.

Kirschblütenblattsturm – Leseempfehlung zur Haiku-Dichtung

Ein Weihnachtsgeschenk für bibliophile Menschen. Rechtzeitig hat der Reclam-Verlag eine wunderbar edierte und gestaltete Anthologie zur japanischen Haiku-Dichtung auf den Markt gebracht:

Haiku – Gedichte aus fünf Jahrhunderten
Japanisch / Deutsch, Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller.
Reclam, Ditzingen. 2017. ISBN 978-3-15-011116-1

Der Band ist bestechend schön und einfach gestaltet, ganz klar in seiner Struktur bei einer überreichen Fülle von Gedankenblitzen und Assoziationen – wie es sich gehört für eine Sammlung von Haikus. Mehr als 300 Stück sind es, seit den Anfängen im 16. Jh. bis heute.

 

IMG_20171112_094944
Bildnachweis: Haiku – Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Reclam 2017, S. 3

Jedes Gedicht wird auf einer Seite vorgestellt: im japanischen Original, in einer Transkription des japanischen Textes in lateinischer Schrift, in deutscher Übersetzung. Dazu Angaben zum Autor und eine kurze Anmerkung zum besseren Verständnis der Texte. Das ist kompakt, konzentriert und sehr schön anzusehen. Und hilfreich, denn die in Haikus verwendeten Metaphern sind in unserem Kulturkreis meist nicht direkt verständlich. Selbst wenn wir oberflächlich vielleicht einen Zugang finden, ist es dann doch in aller Regel sehr überraschend, welch ungeahnte Zusammenhänge und Anspielungen sich hinter diesen drei Zeilen aus 17 Silben verbergen können.

Vielleicht meinte deshalb eine gute Freundin, der ich den Band empfohlen habe, Haikus erschlössen sich ihr einfach nicht – und schickte mir dazu ihren Kommentar in Haiku-Form (ein in den USA offenbar beliebter Sticker):

Haikus confuse me
Too often they make no sense
Hand me the pliers

 

Die Editoren des empfohlenen Bandes beherrschen ihr Werkzeug und erleichtern mit ihren kundigen Anmerkungen den Zugang ungemein. Sie nehmen uns an der Hand und führen uns ganz behutsam ein in das vertrackte Labyrinth. Gleich das erste Haiku, eines der ältesten von Yamazaki Sōkan, macht es uns noch recht einfach und ist vortrefflich geeignet, um in einem Blog erwähnt zu werden:

Die Hände am Boden
intoniert er in großer Pose
seinen Gesang – der Frosch

 

Ein vielstimmiger Chor sind die Blogs dieser Welt und alles in allem wohl ein ganz schönes Gequake. Da will ich mich selbstversändlich nicht ausschließen.

Drei Zeilen mit je 5 – 7 – 5 Moren/Silben und einen Jahreszeitenbezug: mehr braucht es rein formal nicht für ein Haiku. Sollte doch ganz einfach sein. Aber wie so oft schreibt es sich viel leichter ausschweifend, als einen oder womöglich eine ganze Reihen von Gedanken in dieser kleinen Form zu verdichten und treffend zum Ausdruck zu bringen. Immer wieder einmal habe ich selber damit gespielt, viel Brauchbares ist nicht dabei herausgekommen. Aber das folgende Haiku aus dem April 2009 ist vielleicht doch nicht so verkehrt, entstanden bei einer Autofahrt:

eintauchen in den
kirschblütenblattsturm vor dir

die windschutzscheibe

Fürst Salina und der Fluss der Zeit

Rechte zitieren gerne den linken Silone. Auf einen anderen italienischen, besser sizilianischen, Schriftsteller geht ein geflügeltes Wort zurück, das vielen, die an den bestehenden Verhältnissen rütteln wollen, egal welcher Couleur, als Motto dient:

„Wenn wir wollen, daß alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, daß alles sich verändert.“ (1)

Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896 – 1957) schrieb diesen Satz im ersten Kapitel seines Romans „Il Gattopardo“ (Der Gattopardo/Leopard). Tancredi, der jugendliche Neffe des Fürsten Salina, ruft ihn aus, als Kämpfer für die Sache Garibaldis und der Einigung Italiens im Zeichen der Trikolore, es ist die Zeit um 1860.
Doch der Satz fällt nicht während eines realen Geschehens, sondern während einer der „üblichen plötzlichen Visionen [Salinas]: eine grausige Szene aus dem Guerillakrieg [,,,], Tancredi am Boden, die Eingeweide heraushängend…“ Und der halluzinierte Tancredi schickt noch einen Satz voraus: „Sind nicht auch wir [die Adeligen] dabei, so denken sich die Kerle noch die Republik aus“ (1) – es geht also bei Tancredi nicht um echte Revolution, komplette Systemveränderung. Es geht darum, die eigene Rolle, den eigenen Status in einer sich verändernden Welt zu sichern.

Ein letztlich hoffnungsloses Unterfangen: die Haltung Tomasi di Lampedusas (und seines alter ego Fürst Salina) könnte man als pessimistisch-resignativ beschreiben. All der Aufbruch, den er beschreibt und nachzeichnet, endet letztlich in Vergeblichkeit und Untergang. Fast folgerichtig fand der Autor zu Lebzeiten keinen Verleger für seinen einzigen Roman. Er erschien posthum 1958 und wurde ein Welterfolg. Berühmt ist auch die Verfilmung von Luchino Visconti von 1963 mit Burt Lancaster in der Hauptrolle. Und immer noch ist das Buch eine lohnenswerte Lektüre, das einem hilft, nicht übermütig zu werden.

Und dennoch ist etwas dran an diesem Ausruf von Tancredi, auch Fürst Salina denkt im weiteren Verlauf immer wieder darüber nach. In seiner Radikalität mag ich ihn mir aber nicht zu eigen machen: es muss sich nicht „alles“ ändern, es muss auch nicht „alles“ bleiben, wie es ist. Aber nur, wenn ich, für mich persönlich, in meinem eigenen Leben, zulasse, dass sich Dinge und Verhältnisse ändern, kann ich Teil sein dessen, was sich auch ohne mein Zutun um mich herum sowieso verändert.

Wir können für uns Refugien einrichten, wo wir uns den Zeitläuften zeitweise entziehen können, eine „Auszeit“ nehmen, kürzer oder auch länger. Wir können uns jedoch nicht gegen den Lauf der Zeit stellen. Wir müssen mitschwimmen. Das heißt nicht, dass wir uns treiben lassen können. Wir müssen das Schwimmen aktiv gestalten, uns eine Richtung wählen innerhalb des breiten Stroms der Möglichkeiten. Aber der Strom fließt. Wer Dämme gegen das Fließen errichtet, verursacht nur eine Überflutung des Landes und selber strandet er. Intelligenter Flussbau ist gefragt. Die Dinge so regeln, dass der Fluss fruchtbar zu nutzen ist und uns nicht ungestüm davonreißt. Aufhalten aber lässt er sich nicht: Panta rhei – alles fließt (Heraklit).

Betrachtet man die Dinge so, wird leicht verständlich, dass Tancredis Motto für eine Weltveränderung nach rechter Ideologie nicht taugt – denn kein Fluss fließt bergauf.
Aber auch linken Visionen sollte man Einhalt gebieten: große Flussumleitungen sind niemals gut für das Ökosystem.

Besser den Fluss studieren und meistern lernen.

(1) Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Leopard; dt. von Charlotte Birnbaum. Piper Verlag München, Neuauflage 1984, S. 21.
Bildrechte: Il Cinema Ritrovato: Szenenbild aus „Il Gattopardo“ mit Alain Delon (Tancredi), Claudia Cardinale (Angelica) und Burt Lancaster (Fürst Salina)

Armer Ignazio

Ein gutes Beispiel dafür, wie die Rechten Begriffe verdrehen und die Deutungshoheit für sich beanspruchen, ist ein Satz über den Faschismus, der dem italienischen Schriftsteller Ignazio Silone (1900-1978) zugeschrieben wird und den sie gerne für ihre Propaganda verwenden.

„Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‹Ich bin der Faschismus›. Nein, er wird sagen: ‹Ich bin der Antifaschismus›.“

Der als Essayist und vor allem als Literaturkritiker bekannt gewordene Francois Bondy gibt diesen Satz in einem 1988 veröffentlichten Buch wieder. Ober er authentisch ist, konnte bislang nicht geklärt werden. Bei den Rechten ist er beliebt, weil sie meinen, damit eine profunde Stimme gefunden zu haben, die belegt, dass politische Haltungen, die etwas weiter links als rechtsaußen zu verorten sind, den „neuen Faschismus“ verkörpern würden. Der Antifaschismus der Mitte und der Linken sei nur ein Vorwand, um deren eigenen Faschismus zu verschleiern, so die Legende.

Was ist dran?

Silone hat sich zeitlebens immer zur politischen Linken bekannt, trotz mancher Veränderung oder Entwicklung in seiner politischen Haltung. Es ist richtig, er hat im Sozialismus, insbesondere im Stalinismus, den er aus eigener (Moskauer) Erfahrung kannte, faschistische Züge erkannt, später sogar vom „roten Faschismus“ gesprochen. Er hat sich deshalb auch von den organisierten (Partei-)Strukturen gelöst, die Auseinandersetzung mit dem politisch etablierten Sozialismus war ein wesentliches Thema seines Schreibens. Hans Sahl schreibt dazu 1992 rückblickend (1):

„Wogegen Silone sich immer wieder auflehnt, ist die Institutionalisierung der Ethik, entweder durch die Kirche oder durch die Partei. In „Wein und Brot“, wo das Poetische und das Politische einander sich auf eine beispielhafte Weise ergänzen, wird zum ersten Mal die später in vielen Varianten wiederholte Forderung nach einer Erneuerung des Sozialismus aus dem Geist des Urchristentums entwickelt. […] Silone verlangt von demjenigen, der es unternimmt, eine bessere Gesellschaft zu verkünden, daß er selbst zunächst ein Beispiel geben soll.“

Das ist eine Haltung, die sich nicht vereinnahmen lässt für politische Propaganda jeglicher Couleur, sondern die sich allein den Menschen und ihren Lebensumständen zuwendet. Und sie warnt vor den (oft leeren) Versprechungen der großen Politik.
Zunächst ein gutes Beispiel für eine bessere Gesellschaft geben: das müsste den Rechten ja schmerzen in den Ohren, Ohrensausen müssten sie davon kriegen. Was Silone wohl in der Migrationskrise getan hätte?

Ich kann mir einen rhetorischen Seitenhieb gegen die Rechte aber nicht verkneifen: Ist es nicht so, dass derzeit Leute auftreten, die sagen: wir sind der Antifaschismus! Die Anderen, die Grün-Links-Versifften, die Merkel-Jünger, das sind die Faschisten!
So wendet sich dann die von der Rechten gewählte Prophetie wieder gegen die Rechte selber: Die sich als Antifaschisten von rechts gerieren, sind die neuen (und zugleich alten) Faschisten.

Silone würde das nicht gefallen, ihn so in die politische Stierkampfarena zu zerren. Scusi, Ignazio. Soll von meiner Seite her nicht mehr vorkommen.

(1) Hans Sahl: Alles kam anders – Über Ignazio Silone, Die Zeit Nr. 38/1992
Bildrechte: La Nuova Riviera

Longobardi

So unermesslich ungleich zeigt sich uns das nämliche Volk auf dem nämlichen Landstriche, wenn wir es in verschiedenen Zeiträumen anschauen. (Friedrich Schiller, 1789)

Thomas Steinfeld zitiert aus Schillers Ausführungen zur „Universalgeschichte“ anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung über die Langobarden in Pavia. Einwanderer des frühen Mittelalters in Oberitalien, die ursprünglich von der unteren Elbe kamen. – Kann man der Argumentation der „Identitären“ eleganter die Luft ablassen?

Für längere Diskussionen mit Rechten (ist so etwas überhaupt denkbar?) haben Per Leo, Max Steinbeis und Daniel Pascal Zorn den Leitfaden „Mit Rechten reden“ geschrieben (Klett-Cotta, Stuttgart 2017) und Axel Rühle hat dazu ein Gespräch mit den Autoren geführt. Neben den Handreichungen für’s kluge Arumentieren geht es ihnen auch darum, „den Zuschauern dieses permanente Kreisgehüpfe vorzuführen“, das rechte Wortführer vollführen. Schön beobachtet.

(SZ Nr. 236, 13.1.2017)

Wilderness Road

Historische Siedlung "Martin's Station" an der Wilderness Road bei Cumberland Gap
Historische Siedlung „Martin’s Station“ an der Wilderness Road bei Cumberland Gap/Virginia, (c) Lynxblox 8/2007

Der letzte Mohikaner von J.F. Cooper ist in einer neuen und erstmals vollständigen deutschen Übersetzung erschienen, 187 Jahre nach der Erstveröffentlichung 1826. Über 650 Seiten. Was wird es da alles zu entdecken geben. Werden doch, so kurios es erscheint, die eigenen Wurzeln berührt. Der Eintritt in die Welt des Lesens war zugleich der Ausblick auf weite, unerforschte Landschaften. Ein hartgesottener und zugleich sensibler Kundschafter an der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis war der treue Begleiter. Nathaniel Bumpoo sein Name, nur für schlichtere Gemüter war er einfach der „Lederstrumpf“.

Früh regte sich das Interesse, wer dahinter stecken könnte und ob es einen konkreten historischen Bezug gab. Als häufigstes Vorbild für die Romanfigur Coopers wird Daniel Boone genannt, zu dem es vielerlei Bezüge gibt, doch auch andere Figuren der Fronteer-Zeit sind eingeflossen. Daniel Boone, der Erschließer Kentuckys. der „Trailblazer“, der die „Wilderness Road“ schlug, den Pfad durch die Appalachen, durch die Kerbe der Berge bei Cumberland Gap. Die Lücke, die Öffnung für den Weg der Siedler nach Westen bis hin zum Missouri, Ende des 18. Jahrhunderts.

Kentucky wurde als ein Garten Eden wahrgenommen, eine landschaftsparkartige Gegend, hügelig, nicht zu dichter Wald im teils verkarsteten Gelände, äußerst wildreich. Thomas Steinfeld schreibt in seiner Buchbesprechung, dass die amerikanische Landschaft als „das gelobte Land, eine ganz und gar ursprüngliche, paradiesische Gegend, in der sich wahrhaft freie, an der Natur gebildete und daher weise Menschen bewegen.“(1) Und dass genau dieser überhöhte, mit sozusagen vermessenden Abstand genommene Blick auf die Landschaft ihre Inbesitznahme, Kultivierung, ja auch Zerstörung einleitet. Der Kundschafter Bumpoo/Boone lebt ein (idealisiertes) freies Leben an der Grenze zur Wildnis, zum Offenen, und leitet damit zugleich ihr Ende als Zone der Freiheit ein, in dem er den Weg ebnet für die Siedler, die Holzfäller, die Goldgräber, die Geschäftemacher, die ganzen Dumpfbacken, die sich nehmen, was sie nur kriegen können. (Wie verhält sich das heute mit unseren „Pionieren“ im Alpinismus beispielsweise?)

Bereist man heute die Wilderness Road, dann wird einem die im Rückblick rein funktionale Rolle der Kundschafter schnell klar: es ist immer noch eine eher abseitige, dünn besiedelte Gegend im „Dreiländereck“ von Virginia, Kentucky und Tennessee. Mittelgebirgslandschaft, weitab von den Metropolen diesseits und jenseits von Cumberland Gap. Die Leute sind durchgezogen, an der Wende zum 19. Jh. zu Zigtausenden. Haben den Mittleren Westen und dann den Westen erschlossen. Haben Omaha und Las Vegas gegründet.
Hier ist Appalachia, das Land von Bluegrass, Siedlerromantik und Daniel Boone, wo Amerika, wenn es das Bedürfnis hat, sich mental stärkt, bevor es wieder zum Tagesgeschäft übergeht – oder seinem verlorenen Traum nachtrauert.

Quelle:(1) Thomas Steinfeld. Die Vertreibung aus dem amerikanischen Paradies. SZ Nr. 58 v. 9./10.3.2013, S. 19