Martin Sichert (AfD) drückt sich

Täuschen, tarnen, irreführen, wegducken – bevorzugte Praktiken der ach so aufrechten AfD. Ein aktuelles Beispiel liefert der Landesvorsitzende der AfD Bayern, Martin Sichert.

Schüler des Gräfelfinger Kurt-Huber-Gynmasiums (KHG) erarbeiten gerade in einem P-Seminar in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) eine Radiosendung zum Thema „Weiße Rose“. Die Thematik hat Tradition am KHG, war doch der namengebende Kurt Huber selbst bekennendes Mitglied der Weißen Rose und wohnte zuletzt in Gräfelfing, bis er vom NS-Regime hingerichtet wurde. In Projekten und Veranstaltungen hält das KHG das Gedenken an Huber fortlaufend wach und versucht bei den Schülern den kritischen Blick auf die Vergangenheit und ihren Nachhall in der Gegenwart zu schärfen. In diesem Zusammenhang setzt sich das aktuelle P-Seminar auch mit der Frage nach einem Missbrauch der Erinnerung an die Weiße Rose durch die AfD auseinander, der sich beispielsweise ausdrückt im Wahlplakat ‚Sophie Scholl würde AfD wählen’, das die AfD in Nürnberg 2017 publiziert hatte. Zur Fragestellung eines möglichen politischen Missbrauchs wurden verschiedene Politiker, Intellektuelle und der Sohn von Kurt Huber vom P-Seminar befragt. Weil die AfD direkt angesprochen war, hat man, in Absprache mit dem BR, entschieden, auch die AfD mit diesem Vorwurf zu konfrontieren. Zur Aufklärung dieser Frage wurde Martin Sichert zu einem Gespräch in die Schule eingeladen.

Ergebnis: Martin Sicher postet nun in den sozialen Medien, z.B. auf Facebook, er habe einen „spannenden Termin“ bei Schülern des KHG gehabt. Sie hätten mit ihm über die Weiße Rose sprechen wollen, „Menschen aus dem Bürgertum“, „die in einer Zeit, in der fast alle Mitläufer des Systems waren, Ereignisse kritisch hinterfragt haben und den Mut hatten, ihre Kritik auch öffentlich zu äußern.“ Insofern seien sie für ihn ein persönliches Vorbild. (Facebook Eintrag von Sichert am 25.01.2019)

Hört sich doch nett und harmlos an, oder nicht? Allerdings vergisst Sichert in seiner ausführlichen Beschreibung der Weißen Rose einen Hinweis darauf, um welche Zeit es sich gehandelt hat. Nationalsozialismus ist bei der AfD offenbar ein Tabu-Wort oder Sichert kann es einfach nicht aussprechen, zu eklig. Ein Vogelschiss-Wort: weg damit. Wichtiger sind ihm Worte wie „Mitläufer des Systems“ (das sind wir) und Mut zu öffentlicher Kritik (den hat nach seiner Lesart nur die AfD).

Und was erfährt man gar nicht? Die Antwort auf die Frage der Schüler: Gibt es einen Missbrauch der Erinnerung an die Weiße Rose durch die AfD? –  Kein Wort dazu. Oder doch? Ist nicht die Art, wie er über den Termin berichtet, ein weiterer Beleg dafür, wie die AfD (und die anderen Faschisten) alles für ihre Zwecke instrumentalisieren, jeden Finger den man ihnen reicht, jedes Stöckchen, das sie erhaschen können? Auch das Gedenken an die Weiße Rose. Insofern hat Sichert mit seinen zurechtgestutzten „Fake News“ indirekt und unbewusst doch die Antwort gegeben und den Beleg erbracht. Es ist nun an den Schülern, das fein säuberlich zu exegieren. Viel Erfolg dabei!

Weil Sicherts Tritt ins Fettnäpfchen nicht so leicht zu erkennen ist, hat das KHG dennoch eine sofortige Richtigstellung zu dem Termin veröffentlicht, wo es fettgedruckt heißt: Die Darstellung von Herrn Sichert auf Facebook und Twitter ist in diesem Zusammenhang irreführend, da es sich nicht um eine Diskussion zum Thema Weiße Rose handelte, sondern in erster Linie um seine Stellungnahme zum Vorwurf des Missbrauchs der Erinnerung an die Weiße Rose im Rahmen eines Interviews!

Tja, Sichert, Butter bei die Fische: wie haltet ihr es denn nun mit dem Gedenken an Nationalsozialismus, Judenvernichtung und Widerstand, heute, am Holocaust-Gedenktag? Hat sich mit Frau Knobloch schon etwas Neues ergeben, außer dass ihr immer noch mehr Schmutz versucht über sie auszukippen? (Kein Facebook-Eintrag heute von Sichert)

Lynx, der alte Indianer sagt: ihr sprecht mit gespaltener Zunge.

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Moshe, Amin und Leila/Kim

Als wir hinaustreten in die dunkle, kalte Nacht der Straße und hoffen, dass bald die Tram kommen möge, fragen wir uns: wo war der Erkenntnisgewinn? (und erfahren bei der Nachlese, dass auch andere sich diese Frage schon stellten.) Zwei Stunden eingezwängt im Theater, Entkommen gilt nicht. Auf dem Herweg erscholl vor der Residenz der Ruf des Muezzins, den die Angstmacher auf rechts seit geraumer Zeit aufführen, während die reichen Araber vom Golf gerade ihre Shoppingtour beendeten und in ihre geliehenen Ferraris einstiegen. Jetzt, in der Tram sitzt neben uns ein wohlhabendes israelisches Paar und unterhält sich lautstark (warum sind Israelis häufig laut und dominant im Auftreten?). Wir zuckeln weiter in die Nacht.

„Die Attentäterin“ ist die Dramatisierung eines Romans von Yasmina Khadra alias Mohammed Moulessehoul, die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen besorgte Amir Reza Koohestani. Die Geschichte spielt zunächst in Tel Aviv und endet in Bethlehem, es geht um einen katastrophalen Selbstmordanschlag in einem Einkaufszentrum, bei dem viele Kinder umkommen. Ausgeführt wurde er von einer Frau, die als säkular-moderne Israelin bekannt war, und die mit ihrem Mann, einem erfolgreichen Chirurgen, beide Palästinenser, dabei war, sich wohnlich einzurichten in Israel, auf dem Weg nach oben. Der ahnungslose Mann, Amin, notoperiert die Opfer und wird erst dann mit der Wahrheit über seine Frau, Sihem, konfrontiert, die ein Doppelleben als (künftige) Märtyrerin führte. Amin will verstehen und reist zurück in ihrer beiden Heimat Bethlehem, wo er seit zwanzig Jahren nicht mehr war – entgegen aller Warnungen, da gäbe es nichts zu verstehen und er gefährde nur sich und seine Familie.

Diese Geschichte erlebt man mit als Abfolge von Gesprächen an einem langen Tisch. Gespräche als Aneinanderreihung von Stereotypen über den Nahostkonflikt, über Israelis und Araber, vorgetragen im Duktus von alltäglichen Gesprächen unter Freunden und in der Familie. Dazu gesellt sich die Verhörsituation zwischen Moshe und Amin, auch sie so banal und dramaturgisch vorhersehbar wie bei einem Polizeiruf der ganz alten Sorte. Die Selbstbefragung der Akteure, warum dies alles sein müsse, bewegt sich im arrondierten Bezirk der eigenen Lebenswelt, des nur eigenen Erfahrungshorizonts. Alle sind gleichermaßen umgeben von perfekter Überwachungstechnik, die auf der Bühne als automatisierte Kameras agiert, und dennoch passieren die Anschläge und Einschläge, offenbar bis in alle Ewigkeit. Wie soll uns das weiterbringen, wo ist Licht?

Betont beiläufig, mal als Scherz des Penisvergleichs, mal als Lebenserinnerungen alter Männer, wird darauf verwiesen, dass der ganze Konflikt letztlich nichts anderes ist als ein Bruderkrieg, zwischen Brüdern aus inzwischen seit langem verfeindeten Familien, wo jeder den anderen nach Strich und Faden quält und zur Begründung die jeweils selbst erlittene Qual anführt. Maja Beckmann spielt zunächst Amins jüdische Kollegin Kim, später seine Schwester Leila. Am Tuscheln der Zuschauer um einen herum merkt man, dass der Regietrick funktioniert: man braucht eine Weile, bis man merkt, dass Leila nicht mehr Kim ist, so deckungsgleich sind Artikulation und Charakterzeichnung als handfest-pragmatische, gleichwohl empathische Frau, die dennoch nur die Opfer der eigenen Seite wahrnehmen und beweinen kann. Und so endet das ganze vorhersehbar in gewaltsamem Tod, Nacht, Kälte, Verwesung. Um sich unaufhörlich zu wiederholen.

Ja, die Inszenierung treibt einen an den Rand der Verzweiflung. Warum muss man sich zwei Stunden lang anschauen, was man eh schon weiß, oft genug schon imaginiert bekommen oder selbst zu ergründen versucht hat? Ohne dass ein Weg aufgezeigt wird, ein Hoffnungsschimmer? Oder dass klassische Katharsis passiert? Nichts davon, gar nichts. Was für ein subkutan-subversiver Akt!

Ein Gedanke schleicht sich dann doch ein, auf der dringlichen Suche nach Erklärung. Diese Familienclans: Mafia, Blutrache, tribale Strukturen überall. Sind nicht beide Religionen, Judentum und Islam, Stammesreligionen, hervorgegangen aus den Nomadenzelten der Wüste? (Und, in diesem Kontext nur ein gedanklicher Nebenast: ist nicht das Christentum unter den Weltreligionen semitischen Ursprungs die einzig urbane?) Ist es nicht dieser Tribalismus im Kern dieser Religionen, der überwunden werden muss? War es nicht eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung freiheitlich-demokratischer Gesellschaften, dass Menschen es gewagt haben, sich aus den Zwängen, Fesseln der Familien zu lösen? Nicht zurückgekehrt sind an Mutters Tisch und zu Vaters Welterklärung? Das ewige Festhalten an familiären Traditionen, nichts anderes als ein Clan-Kodex: liegt nicht dort der Kern des Übels? Haben wir nicht inzwischen seit langem einen Kodex namens Verfassung, der in der Lage ist, eine Gesellschaft zu befrieden – wenn man ablässt vom Gesetz der Familie, der Abstammung?
Und wie halten wir es mit einwandernden oder wiederkehrenden Riten des Tribalismus? Muss diesem Unwesen eine Republik nach 1789, 1918 und 1945 nicht unmissverständlich und durchsetzungsstark einen Riegel vorschieben?

Geschickt gesät vom Autor/Regisseur. Nicht-erfüllendes Theater mit nagender Nachwirkung. Dass es ein feministischer Akt von Frauen sein soll, als Selbstmordattentäterin zu agieren, das wurde allerdings nicht recht plausibel. Eher setzte sich der Gedanke fest, dass Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft offenbar selbst dann noch affirmativ agieren, wenn sie es eigentlich besser wüssten. Auch da hat die griechisch-urbane Antike die besseren Mythen.


Bildrechte: Münchner Kammerspiele, verändert

Bäume, Häuser, Menschen

Nein, es geht nicht um den Hambacher Forst, dazu dürfte so ziemlich alles gesagt sein – sollte man meinen. Ich wollte hier nur ein paar Nachrichten und Zettel zusammenbringen, die mir heute untergekommen sind und die sich zu einem eigenen Bild fügen.

1. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) vermeldet, dass München die am stärksten versiegelte Stadt Deutschlands ist, rund 47 Prozent des Stadtgebiets sind bebaut, betoniert oder asphaltiert. Dabei interessiert die Versicherer weniger das Fehlen von schönem Grün, guter Luft, Schatten außerhalb von Biergärten, sondern die Anfälligkeit von Städten gegen die zunehmenden Starkregenereignisse, ihre fehlende Fähigkeit, Oberflächenwasser „schadlos“ abzuleiten oder zurückzuhalten. Städte müssten zu „Schwammstädten“ werden, mit vielerlei Rückhalte- und Versickerungseinrichtungen. Besonders Grünflächen und Vegetationsstrukturen sind dafür prädestiniert. Doch wenn man zu wenige Grünflächen hat, wird’s eng. Jedenfalls endlich ein handfest ökonomisches Argument, warum München mehr tun muss, um in den „grünen Bereich“ zu kommen. Ein föhniges Alpenpanorama alleine hilft da nicht, das ist mehr so eine Art Fatamorgana von Natur und Landschaft, die sich zwar vermarkten lässt, im Alltagsleben aber nicht hilft. Bäume dagegen helfen: Ihre Baumkronen verzögern den Wasserabfluss, sie verdunsten das Wasser und kühlen die Umgebung herunter.

2. In der SZ von gestern war zu lesen, dass nach Angabe des BUND in München jährlich 2.500 Bäume durch Nachverdichtung und andere Bauaktivitäten verloren gehen. Und in der Regel ist es doch so, dass gefällte Bäume ein Vielfaches an Alter, Masse und Volumen besitzen, als die Ersatzbäume, die dann oft auch nicht in der erforderlichen Quantität gepflanzt werden. Also ein permanter Schwund an Biomasse, eine stetige Zunahme der Versiegelung (SZ Nr. 244/2018, S. R7).

3. „Mein Held, der Wald“ ist die heutige Kritik der SZ zu Richard Powers’ neuem Roman „Die Wurzeln des Lebens“ überschrieben (SZ Nr. 245, S. 12). Eine gewisse Faszination von Thema, Geschichten und Atmosphäre kann der Kritiker nicht verhehlen, kommt am Ende aber zu dem Schluss, Powers sei literarisch auf dem „Holzweg“. Denn in Romanen gehe es schließlich um Menschen und die Natur liefere „keine literaturfähigen Helden“. Damit schließt er sich letztlich etlichen anderen Verrissen an, die in ein ähnliches Horn bliesen, am lautesten, wenn ich mich recht erinnere, Denis Scheck, der sich fast nicht mehr einkriegte im ZDF. Nun, ich habe das Buch noch nicht gelesen, Powers-Bücher sind einfach wahnsinnig dick und da bin ich bei ihm schon einmal erlegen. Andererseits: jetzt ist meine Neugierde geweckt, denn

4. beim Aufräumen bin ich wieder einmal auf H.D. Thoreaus wunderbaren und schmalen Essay „Vom Wandern/Walking“ von 1862 gestoßen. Seitenweise könnte man daraus zitieren, aber ich will mich hier ja stets kurz fassen, deshalb nur zwei Appetithappen:

Ich will meine Stimme erheben für die Natur, für absolute Freiheit und Wildheit, im Gegensatz zur zivilisatorisch eingehegten Freiheit und Kultur; dabei betrachte ich den Menschen als Bewohner, ja als festen Bestandteil der Natur, nicht als Glied der Gesellschaft. Ich will eine extreme Position vertreten, und dies, mit Verlaub, durchaus energisch; denn Verfechter der Zivilisation gibt es ja genug; der Pfarrer, das Schulkomitee und jeder einzelne von Ihnen werden sich ihrer schon annehmen.

So beginnt sein Essay, saftig, energisch. In seiner netten Aufzählung hat er nur die Literaturkritiker vergessen. Ich habe das Gefühl, R. Powers hat das Bändchen einstecken gehabt auf seinen Spaziergängen in den Appalachen, während er an seinem Buch schrieb. Etwas weiter heißt es:

Der sogenannte Fortschritt, den die Menschen heutzutage vorantreiben und der sich etwa darin zeigt, dass Häuser errichtet, Wälder gerodet und alle großen Bäume gefällt werden, entstellt die Landschaft bloß und macht sie zahmer und schäbiger. Das wäre mir ein Volk, das mit dem Verbrennen der Zäune begänne und den Wald stehen ließe.

Thoreau lebte damals sozusagen am Rand der Zivilisation, in einem bereits erschlossenen und kulturlandschaftlich veränderten Neu-England, aber nicht allzu weit entfernt von der „frontier“ und der noch „herrenlosen“ Wildnis, in die er selber immer wieder „vorstieß“. Den Versiegelungsbericht eines Versicherungsverbandes konnte er sich noch nicht vorstellen, aber er hatte die richtigen Antennen. Die Literaturkritiker mögen in der Blase ihrer Vorstellungen über Literatur weiterdünsten. Doch auch vor 150 Jahren gab es bereits Menschen, die in der Lage waren, solche Blasen zu verlassen.

War das nun doch irgendwie ein Beitrag zum Hambacher Forst? Den Wald stehen lassen und Zäune verbrennen…

Epilog

Gerade erfahre ich noch, dass heute am Hambacher Forst eine Demo für das Abholzen stattgefunden hat. Eine RWE-Mitarbeiterin soll gesagt haben: „Seit wann ist eigentlich ein Baum mehr wert als ein Mensch?“ Das sind so Totschlag-Abholz-Argumente. RWE sollte ihr einen Grundkurs Ökologie bezahlen, damit sie mal eine Basisvorstellung davon bekommt, wie die Welt so ganz physikalisch-chemisch funktioniert und auf was es wann wo ankommt.

Alles falsch!

Josef Schmid aus München möchte in den Landtag. Dem „Schmid-Seppi“, wie ihn Freund und Gegner gerne rufen, wird es in München zu eng, er fühlt sich zu Höherem berufen. Dabei hat er als Stadtrat und Zweiter Bürgermeister der Stadt nicht wirklich viel gerissen, aber auf Landesebene ist das vielleicht nicht so bekannt. Im Landtag muss man auch nicht viel reißen, verdient aber besser und der Dunstkreis riecht wichtiger.

Im Münchner Westen hat die CSU jetzt plakatiert und was ein rechter Münchner ist, der fasst sich unverzüglich ans Hirn: wie kann man so dusslig sein? Ganz offensichtlich hat nicht nur der Schmid-Seppi, sondern auch die Partei vollends ihren politischen Instinkt verloren. Eiert irgendwo herum und schafft es nicht einmal mehr, treffend zu formulieren.

Bayern München in weißer Schrift auf blauem Grund. Geht’s noch? Habt’s es ihr noch alle Tassen im Schrank? Der FCB ist immer noch rot-weiß! Und die 60er sind zurecht empört, wenn die Bayern jetzt auch noch unter ihren Vereinsfarben segeln. In Giesing darf die Stadt ja nicht einmal rot gestrichene Bänke aufstellen, ohne dass sie umgehend demoliert werden, und dann plakatiert die CSU weiß-blau Bayern München. Da ist wirklich jedes Verständnis für die Befindlichkeiten der Bürger abhanden gekommen. Und als FCB würde ich mir überlegen, ob ich nicht Klage einreiche wegen Rufschädigung und Verletzung der Markenrechte.

Und dann dieses Blau. Außer diesem Schriftzug ist das ganze Plakat eigentlich nur blau. Eine einzige blaue Soße. Himmelblau. Der Himmel der Bayern? Nein, himmelblau ist die Farbe der AfD. RGB 0,129,225. So tief gesunken ist diese CSU, dass sie jetzt schon AfD-Plakate simuliert.

Der Schmid-Seppi: im Münchner Westen, wo die Stadt allmählich verflacht und irgendwann nur noch Aubing heißt, wird man ihm das wahrscheinlich alles nachsehen, Hauptsache die Musi spuit. Oh mei.

Schade nur, dass die einzig verbliebene ernstzunehmende Konkurrenz offenbar auch nicht in der Lage ist, die Gunst der Stunde umfassend zu nutzen. Lebte Sepp Daxenberger noch (der Herr hab’ ihn selig), dann gäbe es hier womöglich Kretschmann 2.0. Es ist ein Jammer.

Isarlust (exklusiv), Tzatziki (inklusiv)

Der Kapitalismus treibt schon merkwürdige Blüten, besonders bizarre, wenn sich seine Geschäfte mit dem links-hedonistischen Milieu kreuzen. Im Münchner Sommer gibt es seit ein paar Jahren den „Kulturstrand„, entstanden aus der Initiative von „Kreativen“, Vereinen und Stadtpolitik, mit der Mission, am Isarufer urbanes Leben auszubreiten – oder was Manche halt dafür halten.

Inzwischen hat man sich fest in der Grünanlage am „Vater-Rhein-Brunnen“ etabliert, gegenüber vom Deutschen Museum an der Ludwigsbrücke, auf einer Insel zwischen Großer und Kleiner Isar. Eine ehemals ruhige kleine Anlage unter dicht stehenden, schattenspendenden Linden, um einen größeren Brunnen herum, ein paar Stufen, Mäuerchen, Bänke. Formal, ohne streng zu sein, einfach aber nicht schlicht und eben: ruhig. Eine von vielen Passanten übersehene Oase am Wegesrand, gleich neben dem dichtesten Treiben zwischen Isartor und Gasteig.

Aber ruhig, mittendrin abseits, schlicht: das geht heute gar nicht mehr. Und was erst recht nicht geht ist: unentgeltlich! Also musste da Leben hin, was konkret heißt: Buden, Liegestühle, Strandkörbe, Sandhaufen, Getränkeverkauf, Fastfood-Stand, Lautsprecher, Illumination. Wie man das halt so kennt von irgendwelchen Strandbars zwischen Mallorca, Ibiza und Sylt. Angewitterte Bretterbuden umstellen nun die Brunnenanlage und sorgen für unsinnig urbanes Flair. „Strandinszenierung“ nennen sie das, die Stadtbewohner zu „urbanen Begegnungsformen“ verführen solle. Was jetzt? Strand oder Stadt?

Einer der wichtigsten Akteure hier ist Isarlust e.V, da finden sich viele Leute im Vorstand, die sich um die Stadtplanung verdient gemacht haben. Der Verein bezeichnet sich selbst als „Gemeinnütziger Verein zur Wiederentdeckung und Wiederbelebung des innerstädtischen Isarraums als öffentlicher Raum für alle“.

Für alle? Für diesen Ort kann man sagen: das war einmal. Derzeit sieht es eher nach einem typischen Gentrifizierungsprojekt aus. Konnte bislang tatsächlich jede(r) den Sommer in aller Ruhe auf einer schattigen Bank dort verdösen, ist das nun leider so nicht mehr möglich. Dösen geht gar nicht mehr, zu laut. Und ganz oben auf der To-do-list steht: Verzehr! Geld abdrücken, dann darf man sich niederlassen. Ja keine eigenen Getränke mitbringen, ist verboten: das ist während des Kulturstrands nun keine öffentliche Grünanlage mehr sondern ein bewirtschafteter Außenraum, der von der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt und auf dem privat abkassiert wird. Öffentlicher Raum für alle – die es sich leisten können. Da werden Prenzlauer-Berg-Gefühle wach. Eingebildete Inklusion der Exklusiven.

Lynx hat sich das en passant angeschaut, auch weil er sich dachte: kannst du im Schatten an der Isar gemütlich was schmausen. Die Speisenauswahl ist ziemlich übersichtlich. Gyros gab’s, natürlich mit Tzatziki. Tzatziki ohne Knoblauch. Mit Knoblauch wäre wahrscheinlich nicht inklusiv, könnte sich jemand dran stören. Die Pommes dazu vorgeblich handgeschnitzt (und haben auch so geschmeckt).

Kein Fortschritt ohne Rückschritte und Verluste also. Oder, anders herum betrachtet: die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist nur die Wehmut nach einem bestimmten Augenblick (1). Das, immerhin, konntest du dort heute lesen, für dich, auf der Bank abseits, hinter den Buden, mit Blick ins Kastanienlaub über der grünen Isar. Genau dort wollen die Aktivisten von Isarlust demnächst ein Fluss-Schwimmbad einrichten, erste Voruntersuchungen dazu wurden dieser Tage veröffentlicht. Die Eventisierung des Stadtraums schreitet munter voran. Nein, es geht nicht um die Qualifizierung des öffentlichen Raums, sondern um: Geschäftsmodelle.

(1) Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 1, Auf dem Weg zu Swann. Reclam, Stuttgart 2014, S. 585.

Benko übernimmt

Offenbar ist er jetzt am Ziel: In Kürze wird René Benko, der österreichische Investor und Immobilienhai (und seine Hintermänner) auch Kaufhof übernehmen und wohl, über kurz oder lang, mit Karstadt verschmelzen. Das sind für München keine guten Nachrichten, aber es war ja seit längerem zu befürchten.

Zukünftig werden also seine Kassen alle paar Meter klingeln zwischen Hauptbahnhof über den Stachus, die ganze Fußgängerzone der Neuhauser und Kaufinger Straße entlang bis zum Marienplatz. Fast alle wichtigen Adressen hat er besetzt und es steht zu befürchten, dass daraus langfristig eine einzige riesige Mall wird.

Sehr genau sollte man in diesem Zusammenhang die Planungen für den neuen Hauptbahnhof beobachten, vermutlich will er da auch rein, um künftig bereits direkt am Bahnsteig die Hand aufzuhalten.

Hallo lieber Stadtrat, liebe Stadtverwaltung, aufwachen!!! Da will uns einer unsere Stadt wegkaufen und privatisieren! Oder hat er euch auch schon umgarnt mit seinem Schmäh?

Hundehaltermonologe

Der Schwanz

„Der Schwanz von meinem Hund ist mega! Da kann ich dran ziehen, wenn er vornewegläuft!

 

Der Dieb

Eine Gruppe junger männlicher Migranten, irgendwie orientalisch, sitzt in der Wiese an der Isar. Ein junges deutsches Paar geht vorbei, mit zwei oder drei freilaufenden Hunden. Plötzlich Aufruhr, Auftritt Hundehalter, er brüllt. Die Migranten gestikulieren oder reden unverständlich, sind nicht zu verstehen:

Satz 1: „Was seid ihr denn für Arschlöcher! Ihr dürft den Hund doch nicht füttern. So was macht man nicht, das geht gar nicht!

Satz 2: „Ja, ich mein’s nicht so. Aber ihr müsst schon aufpassen, was ihr tut!“

Satz 3: „Was, er hat sich die Wurst geklaut? Eh, das tut mir echt leid, sorry Leute.“

Abgang.

Unterforderung

Da kommt ein junger Philologe aus Berlin nach München, geht in die Kammerspiele und ist begeistert. Warum? Es sei alles so neu für ihn, sagt er. Ist das glaubhaft? Dann ist er in Berlin also nie ins Theater gegangen und hat in München endlich den Weg dorthin gefunden? Unwahrscheinlich. Ist es nicht eher so, dass all das „Neue“ das Altbekannte ist? Dass sich Heimatgefühle bei ihm einstellen in der südländischen Fremde, wo die Leute sich „von Lilienthals Theater unterfordert“, er sich aber „ständig überfordert“ fühlt? Ja, die Überforderung, das ist wohl so ein Berliner Lebensgefühl. Jedenfalls hat der Neumünchner Steinau am Mittwoch eine kleine Demo auf dem Marienplatz veranstaltet, um für Lilienthal zu trommeln. Der ließ es sich natürlich nicht nehmen, sich auch zu zeigen.

Am Donnerstag sitzt Lynx im Theater und schaut sich wieder einmal ein Mitbringsel von Lilienthal aus Berlin an. Seine Lieblingstruppe SheShePop zelebriert „Oratorium“, ein Lehrstück um Privateigentum und Entmietung. Puuh, was soll man sagen. Unterforderung ist noch milde ausgedrückt. Anfangs ist das Publikum ja noch geneigt, den Chor zu spielen und projizierte Texte abzulesen. Da gibt es zunächst spaßige Wendungen und durchaus sitzende Pointen. Recht bald übernimmt dann die Abteilung „Ideologische Indoktrination“ und die Leute verlieren sehr schnell die Lust. Richtige Mitmachstimmung will nicht aufkommen, populistische Agitation zündet nicht. Und wer lässt sich schon gerne nötigen? Manchmal findet sich nur noch ein zartes Stimmchen, das erkennbar widerwillig die vorgegebene Textzeile abliest, damit das Stück wenigstens weitergeht. Weiter geht es dann meist, in dem der auf der Bühne als „Protagonist“ agierende Chor Phrasen absetzt und dazu auf den Boden stampft wie ein trotziges dreijähriges Kind. Das überfordert vielleicht einen Zweijährigen, aber sonst niemanden. Und komisch. Lynx hat verbotene Gedanken: ob es bei Pegida ähnlich zugeht? Was für ein trauriger Abend, einmal mehr.

Aber ein Ende ist ja absehbar. Lilienthal wird dann mutmaßlich heimkehren und viele Leute damit unterhalten, wie unterbelichtet die Münchner sind, schon immer waren und immer sein werden.
Und München: wird hoffentlich sein Theater zurückbekommen. Und zwar eines, das nicht in Trotzphasen, nicht in den 70er/80er Jahren festhängt, sondern wirklich gegenwärtig ist. Davon ist Lilienthal meistens meilenweit entfernt.