Helpless, reissued.

Die Sonne ist zurück, nach einigen trüben, regnerischen und ziemlich kühlen Tagen. Die waren wichtig und womöglich immer noch zu wenige. Dass die Sonne wieder wärmt ist schön, aber es bleibt die Unsicherheit, ob das nicht zur endlosen Hitze führt… Der Boden unseres Daseins ist schwankend geworden (war er das nicht schon immer?). 

In der Zeitung ein Artikel über die Reise Alexander v. Humboldts nach Südamerika und seine ständigen Begegnungen mit grassierenden Infektionen (Gelbfieber v.a.). Seuchen waren Alltag. Unsicherheit war Alltag. Wir waren uns unserer Sache zu sicher und hatten unsere Fragilität vergessen. „…dass wir eine Menge Dinge nicht wissen, mit deren völliger Kenntnis wir uns lange geschmeichelt haben“ wird Humboldt zitiert.

Heute wollen Tausende auf der Theresienwiese in München demonstrieren, die sich ihrer Sache sicher fühlen und „ihr altes Leben“ zurück haben wollen. Ja, sieht so aus, als verließen wir unser Plateau der Moderne und Aufklärung. Sinken wir zurück in die trüben und stumpfen Zustände, die die menschliche Welt eigentlich meist prägten? Dort wurden regelmäßig die Ursachen und Schuldigen auch immer anderswo gesucht – und gefunden, vorgeblich. Das Leben in scheinbarer „völliger Kenntnis“ ist halt so bequem. Oft gewalttätig, auch.

Spotify ist bequem und kennt mich inzwischen gut, kann meine Gedanken lesen. Also blendet es jetzt automatisiert ein: „Helpless„, der Klassiker von Neil Young, der mich treu begleitet hat. Allerdings in einer aktuellen Version von Molly Tuttle und der Old Crow Medicine Show. Hintergrund des Songs: in Youngs Kindheit gab es in seiner Heimat Kanada eine Polioepidemie, er selbst erkrankte auch daran, mit bleibenden Schäden…


Bildnachweis: https://thestoryofrockandroll.com, verändert

2020.099 | † John Prine

Wird das hier ein Sterberegister? Heute früh hat mich die NYT unterrichtet, dass John Prine in Nashville Covid-19 erlegen ist. Wenn man so will der typische Fall eines gesundheitlich angeschlagenen alten weißen Mannes, leichte Beute für das Virus…
Seine Musik habe ich (leider) erst spät für mich entdeckt, umso intensiver hat er mich die letzten Monate begleitet. Einfache Melodien, perfektes und transparentes Arrangement, eine kratzige Stimme, vollendete kleine Geschichten aus der Mitte der USA: davor haben auch die ganz Großen nach und nach über die Jahre den Hut gezogen. Erst im vergangenen Dezember hat er den Grammy für sein Lebenswerk erhalten.

Möglich, dass sich einmal für einen Moment unsere Wege gekreuzt haben, unerkannt. Am 15. Februar sollte noch ein Konzert von ihm in Berlin stattfinden, es wurde jedoch wegen seiner gesundheitlichen Probleme (erneut) abgesagt. Im Vorfeld war im SZ-Magazin ein Gespräch mit John Prine erschienen, wo es auch um seine Militärzeit in Deutschland in den 1960er Jahren ging. Ich stelle mir vor, dass er einer von den GIs war, die im Garten meines Onkels zu Gitarre und Mandoline gegriffen haben. Denn er erzählt, dass er auf den Nebenstraßen der Region unterwegs war: „Wenn ich mal ein oder zwei Tage frei hatte, habe ich versucht, mir kleine Orte auf dem Land anzuschauen, wo nicht so viele GIs hinkamen. Besonders in der Gegend zwischen Stuttgart und München.“ Dort verbrachten wir viele Wochenenden in einem paradiesischen Garten, der sich in den Hang schmiegte zwischen einem sehr berühmten Berg im Albvorland und einem idyllischen Wiesental, das von der Abendsonne golden ausgemalt wurde. Schon mittags loderte das Feuer im großen Gartenkamin, das Barbecue zog sich über den langen Nachmittag, zwischendurch wurden die Instrumente herausgeholt. Musizierend, lachend, speisend plätscherte der Sommertag dahin.

Im Song My Darlin‘ Hometown (aus dem Album Fair and Square von 2005) scheint mir die Erinnerung an den Garten meines Onkels festgehalten, far away over the sea… – möge er dorthin friedlich zurückgekehrt sein.

Far away over the sea
There’s a river that’s calling to me
That river she runs all around
The place that I call my hometown

There’s a valley on the side of the hill
And flowers on an old windowsill
A familiar old picture it seems
And I’ll go there tonight in my dreams

Where it’s green in the summer
And gold in the fall
Her eyes are as blue
As the sky I recall

Far away over the sea
There’s a place at the table for me
Where laughter and music abound
Just waiting there in my hometown

The river she freezes
When there’s snow on the ground
And the children can slide
To the far side of town

Far away far away me
Hung up on a sweet memory
I’m lost and I wish I were found
In the arms of my darlin‘ hometown

With the evening sun sittin‘
On the top of the hill
And the mockingbird answering
The old chapel bell

Far away over the sea
My heart is longing to be
And I wish I could lay myself down
In the arms of my darlin‘ hometown

(John Prine & Roger Cook)

2020.088 | Recovery?

Vor Jahren gelang dem Feuilleton der Süddeutschen schon einmal solch ein visueller Geniestreich, heute wieder (SZ Nr. 74/2020, S. 15/16). Auf der Vorderseite geht es um Bill Gates, den Guru und Geldgeber der Epidemieerforschung und -bekämpfung. Auf der Rückseite wird unter dem Titel „Der Derwisch von Absurdistan das neue Album „Recovery“ des Chicagoer Glamrockers Bobby Conn besprochen, den ich nicht kenne und dessen Musik mich wahrscheinlich nicht die Bohne interessiert. Doch dank der glücklichen Hand des SZ-Layouts entsteht auf semitransparentem Zeitungspapier ein Bildkommentar, der alle die langen Artikel und Endlosdiskussionen zur gegenwärtigen Lage auf den Punkt bringt: Wir sind am Boden, erledigt, alle Bremslichter leuchten. Wir hoffen auf Erholung und womöglich bald auf einen Erlöser. Dem Thinktank um Gates ist immerhin zuzutrauen, dass er mehr zustande bringt als der Denkpanzer von Trump.

In der Spalte daneben (nicht mehr abgebildet) bespricht Willi Winkler Bob Dylans aktuelle und überraschende Wortmeldung, Murder Most Foul. Mancher Kritiker spricht schon von Epilog. Recovery ist bei Dylan nicht in Sicht, nur noch tödlich getroffene, verdämmernde Erinnerung. Er berichtet vom Ende einer Epoche, das mit dem Attentat auf John F. Kennedy eingeläutet wird, ein Abgesang. Play „Moonlight Sonata“ in F-sharp / And „A Key to the Highway“ for the king on the harp…

Trackline #5 | How ‘bout you?

Nie war er so wertvoll wie heute: der bekannte Werbespruch für sehr hochprozentigen Schnaps, der gerne für Medizin gehalten wird, ist mir eingefallen. Le Corbusier, der Großarchitekt der Moderne, soll sich, als die Spanische Grippe 1919 in Paris grassierte, mit Cognac und Zigaretten in seine Wohnung eingesperrt haben, bis das Desaster vorbeigezogen war. Schnaps ist zumindest eine Exit-Strategie.

Derzeit erweist sich aber so wertvoll wie nie der Crosstrainer, der seit einigen Jahren im Keller steht und mal mehr, mal weniger Interesse findet. Klar kann man immer noch rausgehen zum Laufen. Dennoch halte ich es jetzt umso mehr für ein Geschenk, zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jedem Wetter die Lungen ein wenig durchlüften und mir ein paar Endorphine abholen zu können. Und dabei zu verreisen. Meist in die amerikanische Provinz, auf die Nebenstraßen aktueller und vergangener populärer Musik. So auch heute wieder, den Mississippi rauf und runter, wie üblich mit (gewagten) Exkursen – Leben im Shuffle-Mode. Schließlich kehre ich in einem Straßencafé in Colorado ein. „How ‘bout you“ – Wie steht’s bei euch? Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Gilian Welch: Look at Miss OhioShe’s a-running around with her rag-top down / She says, I want to do right but not right now
Professor Longhair: JambalayaSaid, Jambalaya, crawfish pie, fillet gumbo / ‚Cause tonight I’m gonna see ma chère amie-o… – Jambalaya ist Soulfood, erst recht in Krisenzeiten, der Rest: vertagt
The Savoy Family Band: ‘Tits Yeux NoirA ce matin je m’ai trouvé assis dessus mon lit, après pleurer avec un coeur aussi cassé… – inzwischen gibt es wieder Hoffnung
Atrium Ensemble: Im Sommer (Hugo Wolf) – Wo blieb die Erde weit und breit / Mit aller ihrer Herrlichkeit? – vertagt
Count Basie: Honeysuckle Rose – Instrumentalversion für die Ewigkeit, angemessen
Peter Tosh: Mama AfricaIn you there’s so much beauty / In you there’s so much life – die Süddeutsche schreibt, dass über 70 % der jungen Afrikaner hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Und 70 % der Afrikaner sind unter 30.
Punch Brothers: Three Dots and a Dash – Instrumental, Flashback
Van Morrison: The Ballad of Jesse JamesBut that dirty little coward / That shot Mr. Howard…
Yonder String Mountain Band: How ‘Bout YouI wonder where you’re going to / Flyin‘ by and out of view / I’ll keep looking, how ‚bout you?

2020.035 | Winterreise

Das Setting war perfekt: den ganzen Tag hat es schon reichlich geregnet, ein nasskalt triefender Tag, wie ich ihn für meine Freunde, die Bäume, schon lange herbeigesehnt hatte. In der Nacht zog dann noch kräftiger Sturm auf und pfiff in scharfen Böen ums Haus. Zwischendrin begaben wir uns in die „Winterreise“, Franz Schuberts Liederzyklus nach den Gedichten von Wilhelm Müller, vor fast 200 Jahren entstanden und eines von Schuberts letzten Werken, bevor er 31-jährig verstarb. „Schauerliche“ Lieder seien das, soll Schubert selber gesagt haben: Müllers Gedichte handeln von Wind und Wetter, der Einsamkeit des verstoßenen Wanderers, von Schmerz, Verlassenheit, Verzweiflung und Tod. Durch und durch also ein romantischer Stoff, schon die beiden ersten Verse setzen die Grundstimmung: Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh’ ich wieder aus.

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Das Konzert im Prinzregententheater gestalteten Andrè Schuen (Bariton) und Daniel Heide (Klavier) und der stürmische Beifall am Ende belegte, dass sie wohl einiges richtig gemacht hatten. Heides Klavierbegleitung erscheint mir wirklich über alle Zweifel erhaben. Jedem einzelnen Lied hat Schubert ein unverwechselbares musikalisches Thema, eine Färbung mitgegeben, so dass ich mir manchmal dachte, ich würde das gerne ohne Gesang hören, so eindringlich erzählerisch ist diese Musik. Fast zu leichtfüßig wandelte Heide durch das schwermütige Terrain, schuf ein lebendiges Fundament für Schuens Singen. Sein Bariton ist wunderbar warm und weich, rund und sanft, je leiser er wird, desto mehr trägt diese Stimme. Dennoch werde ich nicht ganz „warm“ mit seiner Interpretation, weil ich das Gefühl habe, dass diese „schauerlichen“ Lieder etwas mehr Schärfe vertragen könnten. Wenn es heißt „Der Rasen sieht so blaß.“, dann wünsche ich mir ein schneidendes „ssss“ am Ende, dass das Ausbleichen spürbar wird, das Entweichen der Farbe – das Deutsche ist eine lautmalerische Sprache (mit grauenhafter Grammatik). Bei Schuen verblasst das „blaß“ in ein gehauchtes „s“, rund und wohlgeformt. Wie man das als Sänger wohl lernt: die Sprache soll im Gesang nicht so herumzischen und nicht den Wohlklang des Tones stören. Doch muss das hier und immer so sein? Wahrscheinlich habe ich eine zu naturalistische Vorstellung – und zu wenig Ahnung von Musik.

Es war also sehr viel Wohlklang an diesem Abend, große musikalische Präzision mit etwas Hang zur Behaglichkeit. Weniger Winterreise, mehr Gartensaal. Dieser im Jugendstil 1901 entstandene Foyerbereich des Prinzregententheaters mit seiner ausgemalten gewölbten Decke ist einzigartig. Über den Köpfen der Gäste wuchert ein exotischer Wald, viel Eukalyptus dabei, bevölkert von tropischen Vögeln. Ewiger Sommer. Das passt irgendwie besser nach München, weshalb eine „Winterreise“ vielleicht auch nicht zu sperrig sein darf. Es war jedenfalls auch jüngeres Publikum im Konzert und die gaben ihrem Entzücken lautstark und anhaltend Ausdruck, was manch Älteren, der sich für den Besuch solcher Konzerte privilegiert fühlt, störte. Dabei ist es doch vor allem erfreulich, dass das Haus gerappelt voll war, für Liederabende nicht eben der Normalfall. Wie gesagt: Andrè Schuen und Daniel Heide haben das wohl richtig gemacht. Und wir zogen anschließend hinaus in die stürmische Nacht – „Es ist nichts als der Winter,/ Der Winter kalt und wild!“ – Mild und wild wäre heute treffender, aber das ist eine andere Geschichte.

Slowly but surely

Allen Ernstes dachte ich immer, die Formulierung „slowly but surely“ sei so richtig schlechtes Denglisch. Wenn man das mit schwäbischem Akzent ausspricht, dann kann man echt nicht glauben, dass diese allzu direkte Übersetzung von „langsam aber sicher“ als ordentliches Englisch durchgeht. Taylor Swift hat mich eines besseren belehrt: ob es heutzutage noch guter Stil ist, YouTube-Videos zu teilen, sei einmal dahingestellt. Aber ihr Auftritt beim NPR-Tiny-Desk ist aller Ehren wert.

Das aktuelle All-American-Girl naked: nur mit Gitarre und Klavier und ihren Liedern. Ob ihre Popmusik große Kunst ist, mögen andere entscheiden. Hier gibt es einen kleinen Einblick in die Werkstatt und der ist allemal spannender als die große Bühnenshow. Und der Tiny-Desk hat wieder einmal eine Sternstunde erlebt. This is one of my favourite corners of the internet. Sagt sie auch noch, aber diesen Satz hat sie definitiv von mir geklaut, das ist mein Mantra seit Jahren. Was für ein schönes Gegenprogramm zum heutigen Donald in Davos. (Und dass sie angeblich wegen ihrer astreinen Arierhaftigkeit von den Rechten hofiert wird, geht ihr einfach am Arsch vorbei). Not „All too Well“ but slowly but surely…

Countless Blues

Beim Herumräumen heute eine CD-Edition mit Aufnahmen von Lester Young gefunden, die ich mir vor Jahren einmal gekauft und danach kaum beachtet hatte. Irgend so eine Kompilation aus alten Aufnahmen, die x-te Verwertung. Allerdings immerhin ein vergleichsweise aufwändiges Booklet dabei und präzise Angaben zu den einzelnen Aufnahmen, wer wann wo. Und siehe da, Altbekanntes dabei, gleich zu Anfang die großartigen Aufnahmen mit Count Basie von 1936: Shoe Shine Boy, Evenin’, Boogie Woogie, Lady Be Good, immerwährende Freude. Seit den lange zurückliegenden Abenden in Gesellschaft von Joachim Ernst Berendt in SWF 2. Einsame Abende, wie heute wieder. Gelegenheit für solche Musik.

Der Rest der Familie ist ausgeflogen und ich hocke hier, gar nicht mal unzufrieden, im vertrauten Biotop. Und habe festgestellt, dass in all den Jahren Count Basie keinen Eingang gefunden hat in mein Tagebuch. Dabei war er doch so wichtig, früher mehr als heute. Aber er wird immer dazugehören. Als das Suchen, Finden, Sammeln von CDs noch ein ernstzunehmender Zeitvertreib war, habe ich immer wieder einmal für eine Weile in der Jazzplatten-Abteilung vom Kaufhaus Beck vorbeigeschaut und mich durchgearbeitet. Das war einer der Orte, wo man so richtig glücklich sein konnte, in München zu leben. Vorbei. Obsolet. Jetzt war ich schon Jahre nicht mehr dort. Das Musikinteresse hat sich mehr und mehr vom klassischen Jazz fortbewegt und die Wunschmusik kommt mittlerweile jederzeit frei Haus. Mit dem guten alten Beck geht es sichtlich bergab, die Veränderung der Alltagswelt geht rasant vonstatten.

Da wirken diese Klänge und die Tatsache, in der Abendstille alleine am Schreibtisch zu sitzen, wie eine Zeit-Insel. Allerdings, im Gegensatz zu früher schreibe ich jetzt flott an meinem kleinen Hochleistungsnotebook, keine Papierkritzeleien mehr. Doch auch die Zeiten, in denen diese Musik entstand, waren rasant und turbulent, voll schmerzhafterer biographischer Spuren: I’ll never be the same, New York Juni 1937, mit Billie Holiday, läuft aktuell…

Der Abend ist fortgeschritten, die CD ist durch, ich habe auf meine Spotify-Favoriten umgestellt (John Prine & Co) und mache mich, seit längerem wieder einmal, daran, ein paar alte Tagebucheinträge ins digitale Zeitalter zu retten, die Stimmung ist danach. Alte Aufzeichnungen, schwankend zwischen Aufbruch und Agonie, Scheitern auf allerlei Ebenen. Die Hintergrundmusik bildet die Grundkonstante. Und in den Aufzeichnungen Grundtöne, die sich bis heute gehalten haben. Manchem bin ich über die Jahre näher gekommen, viel ist vernachlässigt. Der Kitsch in alten Tagebucheinträgen ist gelegentlich kaum auszuhalten und dann frage ich mich, wozu es gut sein soll, das auch noch abschreibenderweise zu konservieren. Dann werde ich wieder sentimental und bin dankbar, dass da noch Spuren zu finden sind. Die Dinge sind immer noch im Fluss. Wohin? – John Prine singt jetzt: Taking a Walk:

I’m taking a walk
I’m going outside
I’m watching the birds
I’m just getting by

Maddy, Maggie, Angie

2014 erschien Richard Powers’ Roman Orfeo und wenn Angela Merkel damals Muße hatte für Urlaubslektüre, dann könnte das etwas für sie gewesen sein, wer weiß. Die Geschichte des älteren Komponisten und Musikdozenten Peter Els, der aus wissenschaftlicher Neugier versucht, in seinem Privatlabor Musik und Genetik zu verschmelzen und deshalb ins Visier der Homeland Security gerät. Sein Leben wird schlagartig zum Ausnahmezustand und die Erzählung davon spielt auf verschiedenen Zeitebenen der persönlichen Erinnerung und Gegenwart, von Zeit- und Musikgeschichte – und von Orten der amerikanischen Provinz, wie stets bei Powers.

Eine Episode ist mir heute untergekommen: Els hält einen Vortrag über Messiaens Quatour pour la fin du temps – im Schattigen Hain, einem Altenheim, bei Menschen, die bald tot sein würden. Hier holen ihn Erinnerungen an den Winter 1967 ein: Aufbruchstimmung, irritierende Begegnung mit der Musik von John Cage, beglückende Begegnung mit Madolyn Corr. Mit ihr ist er auf dem Weg zu einer Cage-Performance, sie irren durch die Nacht auf der Suche nach dem Veranstaltungsort, einer Markthalle für Schlachtvieh, Peter auf dem Beifahrersitz eines alten geliehenen Kleinbusses:

Els nimmt die Hände vom Gesicht: „Ich glaube, das war ein Stoppschild“, stöhnt er.
„Wir schaffen das!“ In dem schlitternden Kleinbus schaut ihn Maddy von der Seite an und kneift ihm aufmunternd in den Oberarm. „Wir schaffen das!“
Erst vor wenigen Wochen ist dieses selbstsichere, wagemutige, aufgeklärte Mädchen aus dem Norden des Landes mitten in Els’ Leben gelandet, und mit einem einzigen abrupten Schnitt war der Schwarzweißfilm neonbunt geworden. […] Sie kann ein ganzes Jahr seiner Ängste davonzaubern, mit einem einzigen amüsierten Schmollmund. Sie sorgt dafür, dass er aus sich herausgeht, Anteil an der Welt um ihn her nimmt, der großen Schnitzeljagd. Sie ist so sicher auf ihrer Bahn, das reicht für zwei.“ (1)

Tja, denkbar, dass diese Passage Frau Merkel damals ein wenig aufgewühlt und sie sich wieder an Angela, das Mädchen, erinnert hat. Und warum sie das alles auf sich genommen hat. Der Rest ist Geschichte. Aber wie sangen schon Keimzeit, die auch als DDR-Band begonnen haben, in Maggie:

So einfach stehn die Dinge
Nun auch wieder nicht
Denn wer weiß schon genau
Wann so ein Krug zerbricht…

Dass wir aus uns herausgehen: das ging gerade mal einen Sommer lang. Merkel hat die vielen alternden Menschen in den beigen Blousons unterschätzt, das Nörgeln der Alten im schattigen Hain der Nation. Nicht wenige wünschen Angela die Homeland Security an den Hals. Manche von ihnen bedauern, dass es die gute alte Stasi nicht mehr gibt, oder ihren Vorläufer, die Herren mit den schweren Ledermänteln. Ihre Welt ist beige und verblassend, aber das hatte Nina Hagen ja schon sehr früh prognostiziert:

Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel‘
alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr…


(1) Powers, Richard. Orfeo, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2. Auflage, 2014. S. 171-173

Der (ewige) Gärtner

Heute nacht hat der Wind ein wenig ums Häuschen gepfiffen, jetzt flockt es draußen wieder herum, schmuddelwintermäßig. Aber eigentlich nimmt das Frühjahr schon spürbar Anlauf und ich muss mir allmählich Gedanken machen, was ich dieses Jahr mit meinem Minigemüsebeet anstelle. Aber erst muss ich den Apfelbaum noch schneiden, dazu hätte ich es gerne ein bisschen sonnig bitteschön. Also zurück zur Zeitung.

Dort lese ich, dass ein verdienter Mittelalterhistoriker, Johannes Fried, sich auf seine alten Tagen ein paar Überlegungen und Spekulationen erlaubt, wie das „wirklich“ gewesen sein könnte, damals auf Golgatha, medizinisch betrachtet. Kann es nicht sein, dass der Lanzenstich des römischen Soldaten (Johannes 19, 33-34), der zum Abfluss von angestautem Blut und Wasser führte, gewirkt hat wie eine Pleurapunktion, wie man sie heutzutage ausführt? Und dass Jesus lediglich tief ohnmächtig, quasi narkotisiert war, als man ihn ins Grab legte, infolge der Verabreichung von Essig (ebd. 29-30)? Und dass er, nach dem Erwachen aus der Narkose, von weißgewandeten Männern (den Engeln) fortgebracht wurde? Als er wieder hergestellt war, könnte er den Rest seines Lebens gut versteckt verbracht haben, „wahrscheinlich als Gärtner“, so die Mutmaßung. Warum gerade als Gärtner? Dazu müsste ich das Buch wohl lesen. Mal sehen. (1)

Vielleicht liebte Jesus Rosen? Und zog sie für seine angeblich große Liebe Maria Magdalena? Vielleicht lebten sie noch lange fort in stiller Eintracht, Philemon und Baucis von Jerusalem?

There are all kinds of roses
But none are as handsome
As the ones that your own hands have grown
They bring as much hope
Leave as much satisfaction
As anything I’ve ever known

Vergangene Nacht wurden in den USA die Grammys verliehen und, hi folks: die Punch Brothers holten sich die verdiente Auszeichnung in der Kategorie „Best Folk Album“ mit ihrem letztjährigen Album „All ashore“, das man nicht genug preisen kann. Tags zuvor unkten sie noch, sie flögen lediglich hin, um zu bezeugen, dass Joan Baez den Titel davon tragen würde. Doch die Jury war erfreulich zukunftsorientiert, die Zeiten sind danach. Die obigen Zeilen sind dem (schwächeren) Song „The Gardener“ des prämierten Albums entnommen, der letzte Vers allerdings lautet:

May green grow the grass underneath our children’s feet

Ein wiederkehrendes Motiv in der aktuellen Musik der PB, fast schon ein Beschwören der amerikanischen Ideale vom Gemeinsinn und Zusammenhalt, gepaart mit lakonischer Zeitdiagnose: „Just look at this Mess“ heißt ein anderer Song. Jedenfalls: herzlichen Glückwunsch von einem „Big Time Friend“!

Womit wir bei der Kategorie „erwachsener Mensch des Tages“ wären: Timothy Springer ist ein US-Biochemiker aus Boston, der wissenschaftlich Wesentliches geleistet hat, aber auch einen gesunden Sinn für’s Investieren besitzt und es damit zu erklecklichem Wohlstand gebracht hat. Auf die Frage, ob er sich von seinem vielen Geld vielleicht nicht eine schicke Villa am Meer oder in den kalifornischen Hügeln leisten möchte, antwortet er nur: „Kein Bedarf“. Denn: „Wenn wir den Sommer über weggehen, wer kümmert sich dann um die Gemüseernte?“ (2)

Dem ist nichts hinzuzufügen.

(1) Rudolf Neumaier: Atmen kann man auch mit einem Lungenflügel. SZ Nr. 35/2019, S. 9; Johannes Fried: Kein Tod auf Golgatha. C.H.Beck, München 2019
(2) Claus Hulverscheidt: Der Millionen-Professor. SZ Nr. 35/2019, S. 17

Lynx dans son nique

Es tut Lynx nicht gut, sich mit den Faschisten zu beschäftigen. Das treibt nur seinen Puls hoch. Nachdem er die Sache mit Sichert festgehalten hatte, ist er noch ins Hamsterrad gegangen. Hatte er eh vor, aber jetzt hoffte er zusätzlich darauf, wieder runterzukommen von seinem Ast. Bluegrass, Cajun und TexMex sollten ihm dabei helfen, er hat diese unsägliche Neigung zu Musik aus rückständigen Regionen, wo die Rednecks, Hillbillies und Trump-Wähler hausen (doch dazu ein ander Mal mehr)…

Oh je. Die Trainingszeit war schon fast rum, da pendelte sich sein Puls zu einer warmherzigen Arhoolie-Allstar-Version des Lagerfeuer-Klassiker „Good Night, Irene“ mit Taj Mahal in tragender Rolle allmählich auf ein gesundes Niveau herunter – aber das Trainingsziel war noch weit. Also hat er sich noch eine Strafrunde auferlegt, durch die ihn das aus sentimentalen Gründen unvermeidliche „Take it easy“ der Eagles zuverlässig begleitet hat: Don’t let the sound of them old wheels drive you crazy. So ging sich das einigermaßen aus und er konnte vollends nach Hause laufen mit dem Cajun-Song „Lapin Dans Son Nique“ in den Ohren. Nochmal gut gegangen.

Bildrechte: The Week

Movement and Location

Mit diesem Song eröffneten die Punch Brothers die Konzerte ihrer letztjährigen Tour durch die Staaten: Movement and Location. Steckt da nicht alles drin, was unsere Zeit aktuell bewegt? Die einen wollen gerne bleiben, müssen aber gehen. Die anderen wollen sich bewegen und ernten dafür Hass, Ablehnung, Widerstand, Verachtung… Die anderen wollen verharren, stillstehen und reden dabei von „Aufbruch“ oder „Aufstehen“. Die einen wollen demnächst einen neuen Elysée-Vertrag unterzeichnen und die Kontur einer erweiterten Heimat ein wenig stärker zeichnen. Die anderen irren in diesem Raum herum und wissen nicht, wo sie hier eine Heimat finden können. Wieder andere sagen, Schnellroda ist Heimat genug, weil wir sind ja schon hier und das reicht. Um das zu verdeutlichen gründen wir jetzt eine neue Partei, „Asyl für Patrioten – Mitteldeutschland“. Oder so ähnlich. Verwirrend.

Muss ich etwas zu den Punch Brothers sagen? Falls nicht bekannt: Jenseits von Coldplay, Radiohead und Bluegrass gibt es etwas, wo die Sounds von gestern und heute eingeschmolzen werden und in ungehörter Klarheit wieder aus dieser Schmelze gezogen werden von fünf Musikern und ihren rein akkustischen Instrumenten. Best of America. Ja, es kommen noch immer wunderbare Dinge aus den USA. Lynx ist bekanntlich so ein merkwürdiger Americana-Liebhaber und wenn er Seelennahrung braucht, konsultiert er die Punch Brothers. Oder, wenn es traditioneller sein darf, schaut er bei Arhoolie Records vorbei, dem legendären Label, das echte Graswurzelarbeit geleistet hat. Zum 50. Geburtstag 2013 gab es ein großes Konzert und das Album dazu (They all played for us) bringt das Roots-Amerika zu Gehör, das wir (und mehr als 50 % der Amerikaner) sich wünschen, in allen Sprachen und Rhythmen, die dieses Land in sich vereint, immer noch und noch lange.

Die südwestlichen Regionen der USA sind seit Anbeginn der europäischen Kolonisation umstritten und die Mexikaner mussten da im Lauf der Zeit große Gebietsansprüche an die USA abtreten. Das nagt noch immer an den Gemütern und die Fröhlichkeit der TexMex-Musik, verbindendes Element der Kulturen, täuscht etwas darüber hinweg. „The Free Mexican Airforce“ ist ein Klassiker dieses Genres und angesichts des tumben Auftritts von Trump an der texanischen Grenze in diesen Tagen, wünscht man sich, dass sie aufsteigt: Not even the President knows the full truth of what’s going on. Zapatas Geist lebt in einem Raumschiff fort und die kleinen grünen Männchen, sie kommen…

Movement and Location. Das ewige Hin und Her. Heute hier, morgen dort. Tradition ist statisch – Heimat ist dynamisch, habe ich heute gelesen. Sagte ein Landschaftsplaner 1950. Waren einerseits ganz andere Umstände, andererseits…

Die Punch Brothers beschlossen ihr Konzert übrigens mit „Familiarity“: Again you nod your head and take my hand/Though i’m not sure where we’ll go (amen)…

Trackline #4: Ebbing and Beyond

CJ3s KI-Fähigkeiten übertreffen meine Erwartungen. Dass er die gestrige Tonspur irgendwie fortführen würde, war klar. Aber wie kann er auf mein Hirn zugreifen? Ich hatte ihm nicht erzählt, dass ich gestern abend im Kino war, dennoch entschied er, konsequent, den Lauf in den Südstaaten und im Mittleren Westen rund um den Mississippi fortzusetzen. Rund um Ebbing, Missouri, das rein filmtechnisch ja in den Blue Ridge Mountains liegt, in den südlichen Appalachen zwischen Tennessee und South Carolina. Deshalb verwundert es auch nicht, dass die Filmbilder über weite Strecken ein Déja-Vu-Erlebnis waren, Jonesborough/TN revisited.

Zum Film ganz kurz: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, der richtige Film zur richtigen Zeit, für meinen Geschmack. Kleine Leute, hinter den sieben Bergen (sic!), weit ab und doch in ihrer kleinen Welt mit Herausforderungen epischen Ausmaßes konfrontiert. Sie gehen ihre Probleme direkt und mit provinziell erscheinender Schlichtheit an. Das führt zu allerlei Gewalt und Verletzungen. Und zu zahlreichen Momenten der Brechung, wo die sicher geglaubten Überzeugungen ins Wanken geraten und manches sich ins Gegenteil verkehrt. Und das Ende ist uramerikanisch, wie aus einem sehr guten klassischen Western. Ohne tiefe Narben kommt man aus der Sache nicht raus, aber man sattelt das Pferd, packt ein paar Habseligkeiten zusammen und macht sich wieder auf, geläutert… Und gönnt man sich den O-Ton, dann ist es eine mitreisende Reise ins nordamerikanische Heartland.

CJ3 malt mir die Bilder mit seiner Trackline noch einmal aus, einen Lauf lang:

J.J.Cale: Cocaine (Troubadour, 1976) – …If you want to get down,/Get down on the ground, cocaine… Ein für die Gegend und das Milieu ein inzwischen typischer Aspekt, der im Film gefehlt hat: Drogen. Alkohol wurde reichlich konsumiert, doch das ist inzwischen wohl nicht mehr das Hauptproblem. Und es gibt Counties, die immer noch Prohibition verordnen.

Eric Clapton: Five Long Years (From the Cradle, 1994) – Claptons Version eines Blues-Klassikers von Eddie Boyd von 1952. Seine etwas fistelige Stimme passt nicht recht, aber der peinigende Gitarrensound: Have you ever been mistreated? You know just what I’m talking about./I worked five long years for one woman, she had the nerve to put me out. – Im Blues (und nicht nur dort) gibt es ein „HeToo-Genre“. Wo es um Sex geht, geht es meist auch um Ökonomie, in beiden Richtungen. Eine unpassende Feststellung, wo doch der Film von einem grauenhaften Sexualmord an einer jungen Frau handelt? Und dieser eklige Typ seine Phantasien sabbert?

Van Morrison: Choppin‘ Wood (Down the Road, 2002) – Martin McDonagh, der Regisseur des Film ist irischer Abstammung, so wie Van Morrison. Der erzählt hier die Geschichte, von einem der sein Glück in Detroit versucht hat und gescheitert heimkehrt nach Nordirland. Das Glück hat sich verflüchtigt, aber irgendwie macht man weiter, …you still kept on choppin‘ wood… Jason Dixon ist im Film dieser Loser, ein rassistischer Unsympath dazu, der unerwartet zum fast mythischen Krieger avanciert. Morrisons R&B-Song singt dahin wie die Baumsäge, in mäßigem Tempo, hin und her, versetzt das Gerät in rhythmische Schwingung.

Herbert Pixner Projekt: Black Orpheus (bauerntschäss, 2010) – Wechselt CJ3 doch das Thema und die Richtung? Nein, es stellt sich heraus, er nimmt einen kleinen Umweg über den richtigen Süden, Lateinamerika und Südtirol. Pixners Band interpretiert ein Bossa-Nova-Stück von Luiz Bonfa, rhythmischer Harfenklang. Von Brasilien geht es durch die Karibik nach New Orleans. Wichtig für den Läufer: das Metrum bleibt konstant, das Gerät schwingt noch immer.

Steve Riley & The Mamou Playboys: Lyons Point (Grand Isle, 2011) – Eine der besten Cajun-Bands, die immer wieder beweist, wie weit Minimalismus führen kann. 2011 traten sie zuletzt in Originalbesetzung auf, auch mit einem wunderbaren Tiny-Desk-Concert, das von diesem treibenden Song eröffnet wird.

Keb‘ Mo‘: Standin‘ At the Station (Just Like You, 1996) – Zeitgenössischer Deltablues mit den bekannten alten Themen: warum der andere und nicht ich? You wanna marry him/Make a family/That’s why I’m standin‘ at the station/Teardrops in my eyes…

Keb‘ Mo‘: Momma, Where’s My Daddy? (Just Like You, 1996) – Jetzt hat sich CJ3 für einen Moment festgefressen, das beweist, wie eigenständig, prägnant dieser Deltablues-Gitarrensound ist. Hier gräbt Keb‘ Mo‘ dicht an den Wurzeln, nahe bei der musikalischen Hütte von Son House am Mississippi.

Van Morrison: High Summer (Back On Top, 1999) – High summer’s got him lonesome/Even when he makes the rounds… Der versponnene Text erschließt sich mir nicht, dafür ist mein Englisch wohl viel zu schlecht. Aber der Song treibt den Läufer noch einmal kräftig voran und führt unweigerlich zu einer Dosis Endorphin. Well done.

Van Morrison: Keep Mediocrity At Bay (Magic Time, 2005) – You gotta fight every day to keep mediocrity at bay… Die Moral wird gleich noch nachgeliefert, aber das ist doch kein schlechter Vorsatz für die nächste Woche. Jason Dixon konnte das ja schließlich auch beherzigen, dort draußen in Ebbing, Missouri.

Trackline #3: Dahoam, Not Dahoam

Freund CJ3 und Lynx trafen sich mal wieder im Hamsterrad. Was hatte er diesmal mitgebracht? Kurzes Ping-Pong zwischen Norah Jones und Sven Regener (was für ein Match!), bevor wir uns auf den Byways von Nordamerika und in aktuellen Fragen der Zeit verliefen. Wie immer der Reihe nach:

The Little Willies: Fist City (For the good times, 2012) – If you don’t wanna go to Fist City,/You’d better detour ‚round my town/Cause I’ll grab you by the hair of the head/And I’ll lift you off the ground. Die Schlusstakte des Songs ertönen, übrig noch vom letzten Lauf. Norah Jones macht ihren Standpunkt klar, während Donald Trump nach Davos ausgewichen ist.

Element of Crime: Schwert, Schild und Fahrrad (Lieblingsfarben und Tiere, 2014) – Robert Habeck ist jetzt Grünen-Vorsitzender und die von Regener besungenen Attribute scheinen wie für ihn ausgewählt. Doch das ist eine andere Geschichte. Eigentlich ist es eines der vielen melancholischen Lieder, die um die Schwierigkeiten oder Unmöglichkeiten des Zusammenlebens in einer wirren Welt handeln. Wenn Trump einfliegt, nichts wie weg: Hinauf, Hinauf zu dem Punkt, von dem aus man sieht/Wie der Horizont sich verbiegt, nur damit auf dich/Noch mehr Licht fällt, als ohnehin schon/Und der Wind singt dazu monoton/Ein Lied von Glück und Gefahr/Wie an dem Tag/An dem ich dich das erste mal sah… Lynx kennt diese Orte über Davos durchaus, hat sie in den Beinen, aus Zeiten ohne Hubschrauberlärm.

The Little Willies: I gotta get drunk (The Little Willies, 2006) – Ein Willie Nelson Song von 1970 in einer munter zupackenden Version, eine Einladung an Regener, an die Bar zu kommen. Eine Verzweiflungstat, um sich diesen ganzen Irrsinn wegzusaufen? Well I gotta get drunk and I sure do dread it/cause I know just what I’m gonna do… Der Text endet mit der Einladung zur nächsten Runde, denn es gäbe schließlich mehr alte Trinker als alte Ärzte.

Element of Crime: Bitte bleib bei mir (Immer da wo du bist, bin ich nie, 2009) – Regener singt aber lieber davon, das alles hinter sich lassen, sich abzufinden, dass Jugend vergänglich, die Leber empfindlich und nicht unendlich belastbar ist, und dass es doch auch anders gehen kann. Auf die Beine, raus aus der Bar: Komm mit mir woanders hin, ich/weiß noch einen Weg/den kann man nicht alleine gehn und/ich hab mir überlegt…

Keb‘ Mo‘: More than one way home (Just like you, 1996) – Keb‘ Mo‘ mischt sich ein, der alte Fahrensmann des späten Blues, herumgekommen, ziemlich harmoniesüchtig, voller warmer Klänge. Er stammt aus Compton im berüchtigten Süden von L.A., lebt jetzt im Heartland der amerikanischen Rootsmusic, in Nashville/TN, dort wo die Zikaden kreischen und am Spätnachmittag alles etwas sepiafarben wird. Im Song erinnert er sich an seine Kindheit in den Straßen von Compton, von denen er sich weit entfernt hat: Well, there’s more/Than one way home/And there ain’t/No right way, no wrong – Ach, wem müsste man das alles eintrichtern, um die Ohren hauen. Was einmal eine Binsenweisheit war, hat aktuell schon wieder den Status einer fast revolutionären Erkenntnis.

Bob Marley & The Wailers: Buffalo Soldier (Confrontation, 1983) – Weggehen, heimkommen, woanders ankommen. Rem Kolhaas zerpflückt heute in der SZ das deutsche Heimatgefühl, diese Sehnsucht nach Statik und Unveränderlichkeit (Dazu noch einmal Sven Regener: …wo die Erde niemals bebt, baut man gerne mal ein Haus aus Stein…). Die Niederlande würden alle 10 Jahre neu entstehen, einen Heimat-Begriff gäbe es dort nicht. Ob es wahr ist? Viele Holländer verreisen ja nicht ohne ihren Wohnwagen, hängen die Heimat an die Anhängerkupplung. Mobile Heimat, wieder eine andere Geschichte… Viele Leute sind unterwegs. Und krass ist, dass die heutigen Sklaven zwar ebenfalls nicht freiwillig, aber aus eigener Kraft unterwegs sind. There was a Buffalo Soldier in the heart of America/Stolen from Africa, brought to America/Fighting on arrival, fighting for survival… Viele wollen von diesen modernen Sklaven nichts wissen. Andere nehmen das Angebot gerne an und machen ihr Geschäft. Wir allermeisten wissen nicht recht damit umzugehen. Wir wollen sie nicht als Sklaven sehen, finden aber keine rechte Verwendung. Würden sie sich doch einfach in Luft auflösen, dürfte ein verbreiteter heimlicher Wunsch sein.

Ashley Monroe: Like a Rose (NPR Tiny Desk Concert, 2013) – Ashley Monroe stammt aus Tennessee, aus dem Bible Belt. Auch phänotypisch verkörpert sie ideal Trump-Country: blond, schlank, weiß. Und sie hat diese in der Countrymusik häufige helle Stimme, die etwas gequetscht klingt, sehr weiß eben. Irgendwie passt diese Interpretin gar nicht in diese Tracklist – oder doch? Folk und Country Songs sind voll von Geschichten vom Weglaufen, Auf-der-Straße-sein, Heimat suchen, heimwärts Reisen, Verlorensein, Einsamkeit. Im Song Like A Rose erzählt sie vom Weglaufen aus North Dakota, aus einer zerbrochenen Familie, immer nach Süden, in die Wärme: Sitting in this diner with a coffee in my hand/Waiting on a bus to some promised land/I got a one way ticket as far as it goes/And I came out like a rose… Diese Geschichten stecken im Kern amerikanischer Identität. Wenn man die richtige Hautfarbe hat und zur Majorität gehört, werden die Geschichten zu gut verkäuflichen Heimatliedern…

N.B.: Eine veritable Heimat für Neugierige in Sachen Musik ist das National Public Radio (NPR) mit seinen Tiny Desk Concerts. Hier treten sie alle auf und geben sich die Klinke in die Hand, die großen Stars und die jungen musikalischen Startups. Der Platz in den Büroräumen des Senders ist beengt, häufig wird unplugged gespielt, meist auf technischen Schnickschnack verzichtet. Die Auftritte sind kurz, zwei, drei Nummern, die haben es in sich. Der Auftritt von Adele gehört zu den beliebtesten und wenn man sie dort sieht und hört, gönnt man ihr neidlos jeden Ruhm. Ganz aktuell dort übrigens Barbara Hannigan mit Liedern von Wiener Komponisten der letzten Jahrhundertwende, der Zeit, als sich in der klassischen Musik die gewohnte Harmonik aufzulösen begann, all in german. Darunter auch die Goethe-Vertonung von Hugo Wolf: Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide…