Movement and Location

Mit diesem Song eröffneten die Punch Brothers die Konzerte ihrer letztjährigen Tour durch die Staaten: Movement and Location. Steckt da nicht alles drin, was unsere Zeit aktuell bewegt? Die einen wollen gerne bleiben, müssen aber gehen. Die anderen wollen sich bewegen und ernten dafür Hass, Ablehnung, Widerstand, Verachtung… Die anderen wollen verharren, stillstehen und reden dabei von „Aufbruch“ oder „Aufstehen“. Die einen wollen demnächst einen neuen Elysée-Vertrag unterzeichnen und die Kontur einer erweiterten Heimat ein wenig stärker zeichnen. Die anderen irren in diesem Raum herum und wissen nicht, wo sie hier eine Heimat finden können. Wieder andere sagen, Schnellroda ist Heimat genug, weil wir sind ja schon hier und das reicht. Um das zu verdeutlichen gründen wir jetzt eine neue Partei, „Asyl für Patrioten – Mitteldeutschland“. Oder so ähnlich. Verwirrend.

Muss ich etwas zu den Punch Brothers sagen? Falls nicht bekannt: Jenseits von Coldplay, Radiohead und Bluegrass gibt es etwas, wo die Sounds von gestern und heute eingeschmolzen werden und in ungehörter Klarheit wieder aus dieser Schmelze gezogen werden von fünf Musikern und ihren rein akkustischen Instrumenten. Best of America. Ja, es kommen noch immer wunderbare Dinge aus den USA. Lynx ist bekanntlich so ein merkwürdiger Americana-Liebhaber und wenn er Seelennahrung braucht, konsultiert er die Punch Brothers. Oder, wenn es traditioneller sein darf, schaut er bei Arhoolie Records vorbei, dem legendären Label, das echte Graswurzelarbeit geleistet hat. Zum 50. Geburtstag 2013 gab es ein großes Konzert und das Album dazu (They all played for us) bringt das Roots-Amerika zu Gehör, das wir (und mehr als 50 % der Amerikaner) sich wünschen, in allen Sprachen und Rhythmen, die dieses Land in sich vereint, immer noch und noch lange.

Die südwestlichen Regionen der USA sind seit Anbeginn der europäischen Kolonisation umstritten und die Mexikaner mussten da im Lauf der Zeit große Gebietsansprüche an die USA abtreten. Das nagt noch immer an den Gemütern und die Fröhlichkeit der TexMex-Musik, verbindendes Element der Kulturen, täuscht etwas darüber hinweg. „The Free Mexican Airforce“ ist ein Klassiker dieses Genres und angesichts des tumben Auftritts von Trump an der texanischen Grenze in diesen Tagen, wünscht man sich, dass sie aufsteigt: Not even the President knows the full truth of what’s going on. Zapatas Geist lebt in einem Raumschiff fort und die kleinen grünen Männchen, sie kommen…

Movement and Location. Das ewige Hin und Her. Heute hier, morgen dort. Tradition ist statisch – Heimat ist dynamisch, habe ich heute gelesen. Sagte ein Landschaftsplaner 1950. Waren einerseits ganz andere Umstände, andererseits…

Die Punch Brothers beschlossen ihr Konzert übrigens mit „Familiarity“: Again you nod your head and take my hand/Though i’m not sure where we’ll go (amen)…

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Trackline #4: Ebbing and Beyond

CJ3s KI-Fähigkeiten übertreffen meine Erwartungen. Dass er die gestrige Tonspur irgendwie fortführen würde, war klar. Aber wie kann er auf mein Hirn zugreifen? Ich hatte ihm nicht erzählt, dass ich gestern abend im Kino war, dennoch entschied er, konsequent, den Lauf in den Südstaaten und im Mittleren Westen rund um den Mississippi fortzusetzen. Rund um Ebbing, Missouri, das rein filmtechnisch ja in den Blue Ridge Mountains liegt, in den südlichen Appalachen zwischen Tennessee und South Carolina. Deshalb verwundert es auch nicht, dass die Filmbilder über weite Strecken ein Déja-Vu-Erlebnis waren, Jonesborough/TN revisited.

Zum Film ganz kurz: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, der richtige Film zur richtigen Zeit, für meinen Geschmack. Kleine Leute, hinter den sieben Bergen (sic!), weit ab und doch in ihrer kleinen Welt mit Herausforderungen epischen Ausmaßes konfrontiert. Sie gehen ihre Probleme direkt und mit provinziell erscheinender Schlichtheit an. Das führt zu allerlei Gewalt und Verletzungen. Und zu zahlreichen Momenten der Brechung, wo die sicher geglaubten Überzeugungen ins Wanken geraten und manches sich ins Gegenteil verkehrt. Und das Ende ist uramerikanisch, wie aus einem sehr guten klassischen Western. Ohne tiefe Narben kommt man aus der Sache nicht raus, aber man sattelt das Pferd, packt ein paar Habseligkeiten zusammen und macht sich wieder auf, geläutert… Und gönnt man sich den O-Ton, dann ist es eine mitreisende Reise ins nordamerikanische Heartland.

CJ3 malt mir die Bilder mit seiner Trackline noch einmal aus, einen Lauf lang:

J.J.Cale: Cocaine (Troubadour, 1976) – …If you want to get down,/Get down on the ground, cocaine… Ein für die Gegend und das Milieu ein inzwischen typischer Aspekt, der im Film gefehlt hat: Drogen. Alkohol wurde reichlich konsumiert, doch das ist inzwischen wohl nicht mehr das Hauptproblem. Und es gibt Counties, die immer noch Prohibition verordnen.

Eric Clapton: Five Long Years (From the Cradle, 1994) – Claptons Version eines Blues-Klassikers von Eddie Boyd von 1952. Seine etwas fistelige Stimme passt nicht recht, aber der peinigende Gitarrensound: Have you ever been mistreated? You know just what I’m talking about./I worked five long years for one woman, she had the nerve to put me out. – Im Blues (und nicht nur dort) gibt es ein „HeToo-Genre“. Wo es um Sex geht, geht es meist auch um Ökonomie, in beiden Richtungen. Eine unpassende Feststellung, wo doch der Film von einem grauenhaften Sexualmord an einer jungen Frau handelt? Und dieser eklige Typ seine Phantasien sabbert?

Van Morrison: Choppin‘ Wood (Down the Road, 2002) – Martin McDonagh, der Regisseur des Film ist irischer Abstammung, so wie Van Morrison. Der erzählt hier die Geschichte, von einem der sein Glück in Detroit versucht hat und gescheitert heimkehrt nach Nordirland. Das Glück hat sich verflüchtigt, aber irgendwie macht man weiter, …you still kept on choppin‘ wood… Jason Dixon ist im Film dieser Loser, ein rassistischer Unsympath dazu, der unerwartet zum fast mythischen Krieger avanciert. Morrisons R&B-Song singt dahin wie die Baumsäge, in mäßigem Tempo, hin und her, versetzt das Gerät in rhythmische Schwingung.

Herbert Pixner Projekt: Black Orpheus (bauerntschäss, 2010) – Wechselt CJ3 doch das Thema und die Richtung? Nein, es stellt sich heraus, er nimmt einen kleinen Umweg über den richtigen Süden, Lateinamerika und Südtirol. Pixners Band interpretiert ein Bossa-Nova-Stück von Luiz Bonfa, rhythmischer Harfenklang. Von Brasilien geht es durch die Karibik nach New Orleans. Wichtig für den Läufer: das Metrum bleibt konstant, das Gerät schwingt noch immer.

Steve Riley & The Mamou Playboys: Lyons Point (Grand Isle, 2011) – Eine der besten Cajun-Bands, die immer wieder beweist, wie weit Minimalismus führen kann. 2011 traten sie zuletzt in Originalbesetzung auf, auch mit einem wunderbaren Tiny-Desk-Concert, das von diesem treibenden Song eröffnet wird.

Keb‘ Mo‘: Standin‘ At the Station (Just Like You, 1996) – Zeitgenössischer Deltablues mit den bekannten alten Themen: warum der andere und nicht ich? You wanna marry him/Make a family/That’s why I’m standin‘ at the station/Teardrops in my eyes…

Keb‘ Mo‘: Momma, Where’s My Daddy? (Just Like You, 1996) – Jetzt hat sich CJ3 für einen Moment festgefressen, das beweist, wie eigenständig, prägnant dieser Deltablues-Gitarrensound ist. Hier gräbt Keb‘ Mo‘ dicht an den Wurzeln, nahe bei der musikalischen Hütte von Son House am Mississippi.

Van Morrison: High Summer (Back On Top, 1999) – High summer’s got him lonesome/Even when he makes the rounds… Der versponnene Text erschließt sich mir nicht, dafür ist mein Englisch wohl viel zu schlecht. Aber der Song treibt den Läufer noch einmal kräftig voran und führt unweigerlich zu einer Dosis Endorphin. Well done.

Van Morrison: Keep Mediocrity At Bay (Magic Time, 2005) – You gotta fight every day to keep mediocrity at bay… Die Moral wird gleich noch nachgeliefert, aber das ist doch kein schlechter Vorsatz für die nächste Woche. Jason Dixon konnte das ja schließlich auch beherzigen, dort draußen in Ebbing, Missouri.

Trackline #3: Dahoam, Not Dahoam

Freund CJ3 und Lynx trafen sich mal wieder im Hamsterrad. Was hatte er diesmal mitgebracht? Kurzes Ping-Pong zwischen Norah Jones und Sven Regener (was für ein Match!), bevor wir uns auf den Byways von Nordamerika und in aktuellen Fragen der Zeit verliefen. Wie immer der Reihe nach:

The Little Willies: Fist City (For the good times, 2012) – If you don’t wanna go to Fist City,/You’d better detour ‚round my town/Cause I’ll grab you by the hair of the head/And I’ll lift you off the ground. Die Schlusstakte des Songs ertönen, übrig noch vom letzten Lauf. Norah Jones macht ihren Standpunkt klar, während Donald Trump nach Davos ausgewichen ist.

Element of Crime: Schwert, Schild und Fahrrad (Lieblingsfarben und Tiere, 2014) – Robert Habeck ist jetzt Grünen-Vorsitzender und die von Regener besungenen Attribute scheinen wie für ihn ausgewählt. Doch das ist eine andere Geschichte. Eigentlich ist es eines der vielen melancholischen Lieder, die um die Schwierigkeiten oder Unmöglichkeiten des Zusammenlebens in einer wirren Welt handeln. Wenn Trump einfliegt, nichts wie weg: Hinauf, Hinauf zu dem Punkt, von dem aus man sieht/Wie der Horizont sich verbiegt, nur damit auf dich/Noch mehr Licht fällt, als ohnehin schon/Und der Wind singt dazu monoton/Ein Lied von Glück und Gefahr/Wie an dem Tag/An dem ich dich das erste mal sah… Lynx kennt diese Orte über Davos durchaus, hat sie in den Beinen, aus Zeiten ohne Hubschrauberlärm.

The Little Willies: I gotta get drunk (The Little Willies, 2006) – Ein Willie Nelson Song von 1970 in einer munter zupackenden Version, eine Einladung an Regener, an die Bar zu kommen. Eine Verzweiflungstat, um sich diesen ganzen Irrsinn wegzusaufen? Well I gotta get drunk and I sure do dread it/cause I know just what I’m gonna do… Der Text endet mit der Einladung zur nächsten Runde, denn es gäbe schließlich mehr alte Trinker als alte Ärzte.

Element of Crime: Bitte bleib bei mir (Immer da wo du bist, bin ich nie, 2009) – Regener singt aber lieber davon, das alles hinter sich lassen, sich abzufinden, dass Jugend vergänglich, die Leber empfindlich und nicht unendlich belastbar ist, und dass es doch auch anders gehen kann. Auf die Beine, raus aus der Bar: Komm mit mir woanders hin, ich/weiß noch einen Weg/den kann man nicht alleine gehn und/ich hab mir überlegt…

Keb‘ Mo‘: More than one way home (Just like you, 1996) – Keb‘ Mo‘ mischt sich ein, der alte Fahrensmann des späten Blues, herumgekommen, ziemlich harmoniesüchtig, voller warmer Klänge. Er stammt aus Compton im berüchtigten Süden von L.A., lebt jetzt im Heartland der amerikanischen Rootsmusic, in Nashville/TN, dort wo die Zikaden kreischen und am Spätnachmittag alles etwas sepiafarben wird. Im Song erinnert er sich an seine Kindheit in den Straßen von Compton, von denen er sich weit entfernt hat: Well, there’s more/Than one way home/And there ain’t/No right way, no wrong – Ach, wem müsste man das alles eintrichtern, um die Ohren hauen. Was einmal eine Binsenweisheit war, hat aktuell schon wieder den Status einer fast revolutionären Erkenntnis.

Bob Marley & The Wailers: Buffalo Soldier (Confrontation, 1983) – Weggehen, heimkommen, woanders ankommen. Rem Kolhaas zerpflückt heute in der SZ das deutsche Heimatgefühl, diese Sehnsucht nach Statik und Unveränderlichkeit (Dazu noch einmal Sven Regener: …wo die Erde niemals bebt, baut man gerne mal ein Haus aus Stein…). Die Niederlande würden alle 10 Jahre neu entstehen, einen Heimat-Begriff gäbe es dort nicht. Ob es wahr ist? Viele Holländer verreisen ja nicht ohne ihren Wohnwagen, hängen die Heimat an die Anhängerkupplung. Mobile Heimat, wieder eine andere Geschichte… Viele Leute sind unterwegs. Und krass ist, dass die heutigen Sklaven zwar ebenfalls nicht freiwillig, aber aus eigener Kraft unterwegs sind. There was a Buffalo Soldier in the heart of America/Stolen from Africa, brought to America/Fighting on arrival, fighting for survival… Viele wollen von diesen modernen Sklaven nichts wissen. Andere nehmen das Angebot gerne an und machen ihr Geschäft. Wir allermeisten wissen nicht recht damit umzugehen. Wir wollen sie nicht als Sklaven sehen, finden aber keine rechte Verwendung. Würden sie sich doch einfach in Luft auflösen, dürfte ein verbreiteter heimlicher Wunsch sein.

Ashley Monroe: Like a Rose (NPR Tiny Desk Concert, 2013) – Ashley Monroe stammt aus Tennessee, aus dem Bible Belt. Auch phänotypisch verkörpert sie ideal Trump-Country: blond, schlank, weiß. Und sie hat diese in der Countrymusik häufige helle Stimme, die etwas gequetscht klingt, sehr weiß eben. Irgendwie passt diese Interpretin gar nicht in diese Tracklist – oder doch? Folk und Country Songs sind voll von Geschichten vom Weglaufen, Auf-der-Straße-sein, Heimat suchen, heimwärts Reisen, Verlorensein, Einsamkeit. Im Song Like A Rose erzählt sie vom Weglaufen aus North Dakota, aus einer zerbrochenen Familie, immer nach Süden, in die Wärme: Sitting in this diner with a coffee in my hand/Waiting on a bus to some promised land/I got a one way ticket as far as it goes/And I came out like a rose… Diese Geschichten stecken im Kern amerikanischer Identität. Wenn man die richtige Hautfarbe hat und zur Majorität gehört, werden die Geschichten zu gut verkäuflichen Heimatliedern…

N.B.: Eine veritable Heimat für Neugierige in Sachen Musik ist das National Public Radio (NPR) mit seinen Tiny Desk Concerts. Hier treten sie alle auf und geben sich die Klinke in die Hand, die großen Stars und die jungen musikalischen Startups. Der Platz in den Büroräumen des Senders ist beengt, häufig wird unplugged gespielt, meist auf technischen Schnickschnack verzichtet. Die Auftritte sind kurz, zwei, drei Nummern, die haben es in sich. Der Auftritt von Adele gehört zu den beliebtesten und wenn man sie dort sieht und hört, gönnt man ihr neidlos jeden Ruhm. Ganz aktuell dort übrigens Barbara Hannigan mit Liedern von Wiener Komponisten der letzten Jahrhundertwende, der Zeit, als sich in der klassischen Musik die gewohnte Harmonik aufzulösen begann, all in german. Darunter auch die Goethe-Vertonung von Hugo Wolf: Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide…

Des Moments

Ende 1987 war „Ella elle l’a“ von France Gall sogar in Deutschland ein Hit, diese Ode an Ella Fitzgerald im Gewand manieristischen französischen Pops. Aber der Song hat geknallt. Im Frühjahr 1988 war Lynx Gast bei einer Hochzeit. Im Garten des Landsitzes in der französischen Provinz war ein großes Partyzelt aufgebaut und viele stark schwitzende junge Menschen tanzten in die Nacht. Französischer Pop ist ja eine ganz eigene Welt, dass ein Titel hierzulande erfolgreich ist, hat doch allergrößten Seltenheitswert. Umso einfacher gelang die Völkerverständigung mit France Galls Hilfe: Merci, merci, merci! – Das Album Babacar von 1987 war wohl der Höhepunkt und zugleich Schlusspunkt ihrer musikalischen Karriere, wenige Jahre später erkrankte sie schwer und ist nun verstorben. Glaubt man Wikipedia, dann erinnert noch etwas nachhaltig an sie: Frank Sinatras My Way basiert offenbar auf der Verarbeitung von Trennungsschmerz ihres französischen Kollegen Claude Francois.

Die französische Provinz: unter dem Titel „Das lebendige Zucken der Landschaft“ bespricht Helmut Böttiger heute einen nun (nach 6 Jahren) in deutscher Übersetzung erschienen Essayband von Jean-Christophe Bailly: Le Dépaysement – Fremd gewordenes Land. Streifzüge durch Frankreich (SZ Nr. 5, 08.01.2018).
Lynx‘ erste selbst unternommene Auslandsreise führte mit dem Fahrrad tief hinein ins ländliche Frankreich und seitdem hat es ihn nie mehr losgelassen. Weil der Zeitungsartikel bebildert ist mit der Quelle der Loue im Jura, erinnert sich Lynx an eine der letzten Reisen, eine spätherbstliche Tour durch die Täler und zu den Quellen im Jura. Intensive Laubfärbung, in der Sonne glitzernder frischer Schnee. Entlegene Dörfer, triste Siedlungen, lebendige Kleinstädte, traurige Kleinstädte. Ein (häufig anarchistischer) Mikrokosmos von Versprechen und Verfehlungen. Selbst dort, wo es nur noch ärmliche Cafés gibt, gibt es immer noch tolle Supermärkte. Ein Durcheinander, das vielleicht gerade dabei ist, in eine neue Umlaufbahn zu starten? Mal sehen. Erstmal Bailly lesen…

Trackline #2: (Don’t) Leave Home

Freund CJ3 klingt verwirrt. Die heutige Trackline beginnt er mit einer Ouvertüre, von der ich bis zum Schluss nicht recht weiß, wo das hinführen soll. Johnny „Guitar“ Watsons Miss Frisco (1978) treibt den Läufer im Hamsterrad mit knalligem Funk gleich mal gut an. Count Basies Dickie’s Dream (1938), nimmt Schwung heraus, trotz der wie immer gefühlvoll rhythmischen Klavierhand des Count. Es geht also wieder durch die Staaten?  Griaß Euch Gott ihr lieben Leut antworten Dellnhau’n (2006) bodenständig. Was soll das werden? Die totale Fusion? Überall und nirgends? – Erst mit dem nächsten Song beginnen die Gedanken zu reisen, von hier nach dort, zwischen den Zeiten und Klängen.

Tom Petty: My Back Pages (The 30th Anniversary Concert Celebration, 1993) – Ah, but I was so much older then, I’m younger than that now. Die Illusion schlechthin, dass man noch einmal jünger werden könne. Doch hin und wieder gelingt es ja, mental, so kommt es dir wenigstens vor. Wenn du’s geschafft hat, Ballast abzuwerfen. Lasten hinter dir zu lassen. Dafür läuft man. Beschwernisse aus der Jugend laufen sich heraus, gegen die Beschwernisse des Alters läuft man an, möglichst lange dazwischen bleiben und unterwegs, on the road.

Tom Petty hat die Straße dieses Jahr verlassen müssen. Vor 25 Jahren feierte er den immer jungen Bob Dylan mit diesem Dylan-Song, assistiert von Neil Young, Eric Clapton, George Harrison und dem Meister höchstselbst.

Herbert Pixner Projekt: Gernstl Unterwegs (Na Und?!, 2011) – Der fast noch junge Südtiroler Multiinstrumentalist Herbert Pixner begleitet mich seit einigen Jahren. Die „Steirische Ziach“  ist sein Hauptinstrument, mit dem er wie verwachsen ist. Daneben spielt er wundervoll Flügelhorn und Klarinette und wird treu begleitet von seinen Musikerkollegen aus allen Teilen Tirols. Er schöpft tief aus der Volksmusik der Alpen und erweitert sie in vielerlei Richtungen, insbesondere hin zum Jazz. „Gernstl Unterwegs“ ist die Titelmusik für die gleichnamige Reihe des BR-Fernsehens. F.X. Gernstl, gelernter Sozialarbeiter, ist unterwegs und trifft Menschen. Offen, neugierig, charmant. So einfach, so wunderbar. Auf geht’s, hinaus in die Welt!

Dido: Don’t Leave Home (Life for Rent, 2003) – Dido tritt auf die Bremse? Verführt vom weichen Wohlfühlsound überhört man leicht, dass es sich um ein Lied über Drogenabhängigkeit handelt. Die Droge spricht zu dir: And if you’re cold, I’ll keep you warm/If you’re low, just hold on/’cause I will be your safety/Oh don’t leave home…
Ertönt ein Song aus Didos Life for Rent-Album, kriege ich regelmäßig feuchte Augen. Das Album erinnert mich an ein zwar banales, aber anrührendes Erlebnis. So lange ich ich bin, wird es in meinem Hirn damit verschaltet sein. Aber alles gut: she left home. Die Reise kann weitergehen.

Herbert Pixner Projekt: Rien Ne Va Plus (Quattro, 2014) – Nichts geht mehr? Ein Musette-Walzer in moll, mit Fado-Anklängen. Schon Endstation? Phasenweise kam es dir so vor, zuzeiten. Der nächste Song erinnert dich daran, an Ende und Aufbruch:

Van Morrison: In the Garden (No Guru, No Method, No Teacher, 1986) – Ein Schlüsselsong für Morrisons Musik der 1980er Jahre, etwas mystisch-meditativ, erlösungshungrig. Auf der Suche nach Freiheit und Einheit gleichermaßen: Listen no guru, no method, no teacher/Just you and I and nature/And the Father and the/Son and the Holy Ghost/In the garden, wet with rain… Paradiessehnsucht. Ja, da waren in diesem Jahr die leuchtend grünen Weingärten in der Lava des Ätna, die regennasse Schlucht der Basaltsäulen. Danach noch viele regennasse Tage. Und ein immergrüner Song.

Van Morrison: Perfect Fit (Days Like This, 1995) – Bin ich erst einmal in Van Morrisons Klangwelt angelangt, dreht Freund CJ3 gerne eine Ehrenrunde, lässt mich nicht so schnell aus. Peter Handke, auch schon 75, nannte Van Morrison einmal den (für ihn) wichtigsten Musiker. Ein Streuner-Kollege. Days Like This reihte sich nahtlos ein in eine Reihe sehr routinierter Alben der 1990er Jahre, die mich gut unterhalten haben. This could be the perfect fit, dachte ich lange. Die Leidenschaft dafür hat, mit Ausnahmen (s.o.), etwas nachgelassen. Zu viel Routine.

Keimzeit: Breit (Bunte Scherben, 1993) – Keimzeit vertonte mir die Wendezeit und die ersten Jahre danach. Eine Band aus der DDR, die mit ihrem lakonischen Berliner Ton und phantasievollen Texten und Arrangements ganz gut Fuß fassen konnte im „neuen Deutschland“. Für viele andere hat es offenbar nie richtig gepasst in dieser neuen Heimat, bis heute. Die Trauben hingen immer zu hoch. Die Quittung bekommen wir allmählich. Manche Beobachtungen von damals sind vielleicht aktueller denn je:

Breit am Montag
und breit am Dienstag
und dann am Mittwoch abgestürzt.
Erst wieder Sonntag gibt es neuen Treibstoff.
Du hast die Flugzeit dir selbst verkürzt.

Komm steh auf, los beweg dich!
Der nächste Flug hat seinen Preis.
Jeder für sich ist längst verloren.
Deine blasse Haut ist der Beweis.


Bildrechte: Shutterstock via Go-Etna, Bearbeitung: Lynx

Brooklyn Yard

Neulich habe ich ein wenig an Aoife O’Donovans Weg ins Mainstream-Musikgewerbe herumgekrittelt – wie vermessen! Steht mir gar nicht zu! Die Retourkutsche kam prompt und sie lotste mich zu diesem drei Jahre alten Clip, den sie in wohl in ihrem Hinterhof in Brooklyn aufgenommen hat. Ich bin ganz still und lausche. New Yorker Sommer samt zwitschernden Vögeln (anstatt der Zikaden, die eigentlich dazu gehören) heitert den vorweihnachtlichen Dauerdämmerzustand auf…

Ihr Begleiter Noam Pikelny ist begnadeter Banjo-Spieler und ein Punch Brother. Sein aktuelles Soloalbum Universal Favorite ist als Best Bluegrass Album für den Grammy nominiert. Ausgiebigen Vorgeschmack findet man auf seiner Website.

Und Aoife O’Donovan? Tourt demnächst wieder mit den Kolleginnen Sarah Jarosz und Sara Watkins als Mädelsband I’m with her, im Januar soll das erste Album erscheinen. Progressive Bluegrass lebt! So kriegt man auch den härtesten Winter rum. Am 7. Mai ist das einzige Deutschland-Konzert in Berlin.

Trackline #1

Eine Runde im Hamsterrad. Laufen auf der Stelle. Die Gedanken gehen dabei wunderbar auf Wanderschaft. Zuverlässig begleitet vom alten Freund Cowon J3, wir sehen uns fast nur noch bei dieser Gelegenheit. Ein MP3-Player aus der Zeit, als diese Geräte absolut perfekt waren und denen dann vom Smartphone schlagartig der Garaus gemacht wurde. Was für ein Glück, dass er noch spielt. Denn er ist, wie gesagt, ein guter Freund: er schnüffelt nicht. Er fühlt sich ein und unterstützt. Ein R2D2 für Musik. – Wie? Einfühlen? Was?

Schon vor der Zeit von Spotify et al. hat man dem J3 einen Shufflemode mitgegeben, der KI-Funktionalität besitzen muss. Oder jedenfalls hervorragende analytische Fähigkeiten. Seine Erkenntnisse daraus teilt er allerdings nur mit mir und mit sonst niemandem. Ganz offensichtlich analysiert er allerlei Kriterien von Musikdateien: Metrum, Harmonik, Melodik, Instrumentierung, was weiß ich alles. Und generiert Sequenzen, die, unterstützt vom eigenen Laufen, zu regelmäßigem Flow führen. Von Hand ausgesucht würde kaum ein abgestimmteres und intelligenteres Programm entstehen, mit harmonischen Übergängen und thematisch stimmigen Verknüpfungen. Nur hin und wieder wechselt er abrupt das Thema, um dann konsequent ein neues Spektrum zu eröffnen.

Es ist also keine Tracklist, die zusammengestellt wurde, sondern eine Trackline, die sich ergibt und der man neugierig folgt, so wie heute, wenigstens für eine halbe Stunde. Los geht’s, quasi daheim, vor der Haustür:

Georg Ringsgwandl: Brucknwirt (Gache Wurzn, 2001): Ob Ringsgwandl das Lied heute noch ins Programm nimmt, nach dem Auftauchen von Pegida und AfD? Eine Ode auf den „gesunden Volksverstand“, der keine ordnenden Eingriffe braucht und schon selber weiß, wo’s lang geht. Störenfriede werden notfalls gewaltsam entsorgt. Irgendwie hat sich ein solches Lied vor 15 Jahren unbeschwerter angehört. Zeit auf Reisen zu gehen.

Beach Boys: Got To Know The Woman (Sunflower, 1970): Die Westküste also, ganz weit weg, in Zeit und Raum. Sunflower ist ein wenig bekanntes und wenig erfolgreiches Album der Beach Boys, wurde aber vom Rolling Stone in die Liste der „500 besten Alben aller Zeiten“ gewählt. Keine großen Hits, aber schöne Soundbasteleien aus einer, aus heutiger Sicht, unbeschwerteren Zeit. Love the way you’re looking/You look like you like it, too…

Kris Kristofferson: I’ll Be Your Baby Tonight (The 30th Anniversary Concert Celebration, 1993): Vor 25 Jahren hatte Bob Dylan sein 30-jähriges Bühnenjubiläum. Das Allstar-Tribute-Konzert vom Oktober 1992 im Madison Square Garden NYC ist als Live-Album erschienen, Kris Kristofferson trug eine astreine Countryversion von Dylans Song von 1967 bei, eingeführt und begleitet von Willie Nelson: Close your eyes, close the door/You don’t have to worry anymore…
Wäre K.K. noch jünger, würde er heute vielleicht einen Convoy zur Vertreibung von Trump anführen, zumindest als Filmheld.

Francis Cabrel: Je te vois venir (tu pars) (Les Beaux Dégats, 2004): Vergangene Woche ist Johnny Hallyday, der Elvis Presley Frankreichs, von uns gegangen, ein großer Publikumsliebling dort. Der Bob Dylan Frankreichs ist bei uns noch weniger bekannt: Francis Cabrel, ein Chansonnier oder besser Singer-Songwriter, der das französische Chanson um Blues- und Rockelemente erweitert hat. Wiederholt hat er Dylan-Titel ins Französische übertragen und ihm mit Vise le ciel (2012) ein ganzes Album gewidmet. Allmählich wird es ruhiger um ihn, aber seine Lieder tragen noch weit: Pour ma petite boutique de souvenirs/Allez, tu pars, je te vois venir!

Razorlight: America (Razorlight, 2006) – All my life/Watching America/All my life/There’s panic in America. Alle setzen wir uns auseinander mit den USA, kein Entrinnen. 2007 war ich dort, machte eine Reise von Manhattan ins Hinterland, in die Hillbilly-Staaten der Appalachen und des Bible-Belt, Süd-Virginia, Tennessee, Kentucky. Trump-Country würde man heute sagen. Und tatsächlich war dort damals schon Manches verwunderlich bis verstörend in der Provinz. Razorlights „America“ war zu der Zeit noch ein Hit und wenn es ertönt, sehe ich mich immer wieder in Newark landen.

Oscar Peterson Trio: Let there be love (Live at the Blue Note, 1990): Manhattan ist anders und das Blue Note hat Jazzgeschichte geschrieben. Im März 1990 hatte das legendäre Trio von Oscar Peterson dort nochmals einen Auftritt und war ein Quartett aus O.P. (p), Herb Ellis (g), Ray Brown (b) und Kenny Durham (dr). Abgehangen. So viel Entspannung und Sound der Bel Etage ist doch nicht so geeignet für die Tretmühle – skip.

Francis Cabrel: La dame de Haute-Savoie (Double Tour, 2000) – Oder doch Bel Etage? Quand je serai fatigué/De sourire à ces gens qui m’écrasent…
Eine zupackende Rhythm ’n Blues Live-Version eines seiner beliebtesten Songs von 1980: wenn er die Schnauze voll hat, dann haut er halt ab ins gemütliche winterliche Hochsavoyen mit seinen hölzernen Chalets: Y’a les étoiles qui courent/Dans la neige autour/De son chalet de bois/Y’a les guirlandes qui pendent du toit/Et la nuit descend/Sur les sapins blancs/Juste quand elle frappe les doigts… 

Crooked Still: Wind and Rain (Shaken By a Low Sound, 2006) – Draußen schneit es inzwischen ebenfalls, Wind und Regen sollen folgen. Crooked Still ist eine der wunderbarsten Bands, die sich dem Erbe der Bluegrassmusik angenommen und sie in neues Gewand gepackt und auf neue Höhen des Progressive Bluegrass geführt haben. Leider ist es seit einer Weile still geworden, das Bandprojekt ist wohl, zugunsten einzelner Solokarrieren, in den Standbymodus versetzt. Insbesondere Sängerin Aoife O’Donovan hat sich (leider) dem Mainstream zugewandt, seit ihres sehr erfolgreichen Beitrags zu Alison Krauss‘ Album Paper Airplane. Denn mehr Drive in akkustischer moderner Folkmusic ist nirgends (außer bei den Punch Brothers). Wind and Rain ist eine Ballade über Schwesternmord aus Eifersucht, der aus dem Schottland des 17. Jh. stammt, eines der besttradierten Lieder im keltisch geprägten Folk. The only tune that the fiddle would play/Was oh the dreadful wind and rain.

Die Laufzeit ist abgelaufen, doch der Sound stimmt, also noch eine Zugabe:

Conor Oberst: Eagle on a Pole (Outer South, 2009 ): Ein weiterer Musiker, der tief schürft in den abgelegenen oder verlassenen Goldminen amerikanischer Musik zwischen Folk und Rock, weiter im Westen jedoch. Mit seiner Begleitband Mystic Valley Band ließ er es 2009 recht rockig angehen, man meint nun die Hitze an der mexikanischen Grenze flirren zu sehen, dort, wo Amerika nicht lustig ist: El Cielo es azul, Just don’t go telling everyone…

Cool Down, gute zwei Minuten zum Auslaufen und Runterkommen:

John Lee Hooker: Bottle up and go (Boom Boom, 1992) – Immer tiefer lotst mich Freund J3 nun in die Sümpfe amerikanischer Rootsmusic. 1992 erschien ein spätes Album von John Lee Hooker, in dem er alte, teils sehr alte Titel mit neuer Studiotechnik wieder aufnahm, in Sausalito, da sind wir jetzt fast wieder am Anfang der Reise in Kalifornien. Ein Alterswerk, von der Presse nicht so goutiert. Aber was soll’s: so schlammig-träge-treibend, das ist großer Blues: Well, mama killed a chicken/Thought it was a duck/Put him on the table with his legs stickin‘ up…baap, baap, baap, baap.

Bildrechte: Timline.com

Misstonhalle

Gestern hat die Tedeschi Trucks Band in der Münchner Tonhalle ihre diesjährige Europa-Tournee eröffnet. Vorschusslorbeeren für die Band, die als eine der aktuell besten Livebands gilt, gab es genug. TTB bewahren und kultivieren den Schatz der Musik, die entlang des Mississippi und seines Einzugsbereichs entstanden ist: Gospel, Blues, Jazz, Soul, Funk, bis hin zu Folk- und Country-Anleihen, alles mischt sich hier zu einem süffigen Gebräu, häufig druckvoll-treibend vorgetragen, dann wieder in die Sümpfe Floridas verebbend bis zur nächsten mächtigen Soundwelle. So schön könnte es sein.

In der Tonhalle bleibt davon nur schriller Ton. Tedeschis warmrauhe Stimme scheppert blechern. Die Drummer wummern. Die Bläser ein einziger Brei. Allenfalls Derek Trucks Gitarre und das Keyboard von Kofi Burbridge sind als Instrumente wahrnehmbar. Die Tontechnik ist offenbar komplett überfordert von so viel Power auf der Bühne, ist nicht in der Lage, das auszusteuern und als Wohlklang zu transportieren. Auf vereinzelte Kritik in der Pause reagiert man mit ein bisschen Soundcheck, danach sind die Bläser deutlich zurückgenommen, was aber nichts hilft, weil Susan Tedeschi dann leider noch blecherner tönt, da kann sie selber noch so sehr dagegen ankämpfen. Schade. Traurig. Erkenntniswert? Auch für nur mittelmäßig audiophile Menschen ist die Tonhalle No-Go-Area.