Rat vom Waldgänger

Indem man versucht, sich schlechthin gefährlicher zu machen als der Gefürchtete, führt man die Lösung nicht herbei. Das ist das klassische Verhältnis zwischen Roten und Weißen, zwischen Roten und Roten und morgen vielleicht zwischen Weißen und Farbigen.

(Ernst Jünger)

Ernst Jünger (1895 – 1998) gehört definitiv zu den Stichwortgebern der Neuen Rechten. Würde er noch leben, ließe er aber vermutlich kein gutes Haar an Kubitschek und seinen Kameraden, die ihn als Mentor vereinnahmen wollen. Sie zelebrieren Jüngers soldatischen Einzelkämpferethos auf ganz oberflächlicher Ebene, ohne sich um Jüngers tiefere Einsichten zu scheren. Und diesen Satz von Jünger werden sie ganz bestimmt nicht teilen, denn ihr Geschäft ist ja eben genau das Herbeiführen der Konfrontation, dieses „klassischen Verhältnisses“. Im weiteren Text plädiert Jünger dann für Dialog als Mittel, um den Gordischen Knoten zu durchschlagen. Dialog ist ein Fremdwort für Faschisten.

Das Zitat stammt aus Jüngers Essay „Der Waldgang“ von 1951. Der passt durchaus ins Lynx-Universum, auch wenn es sehr viel Reibungsfläche gibt. Jünger spricht dort von Saumpfaden und so. Die hat Lynx längst im Blick.

Das Armleuchter-Modell

Eine einleuchtendere Alternative zum Hufeisen-Modell?

Mit dem allmählichen Erwachen aus dem Erkältungsdämmerschlaf rumpelt es wieder im Kopf herum. Dabei ist ein Begriff aufgestiegen aus dem Dunkel meiner Assoziationen, der sich inzwischen festgebissen hat. Etliche Politiker bemühen sich ja gerade, die politische Verfasstheit unserer Gesellschaft mit dem sog. Hufeisen-Modell zu illustrieren: die meisten Wähler und politischen Parteien sammeln sich in der Mitte, mit zwei Extremen links und rechts, ähnlich der Sitzordnung im Parlament. Sehr umstritten. Blickt man zweidimensional auf das Hufeisen sind die Extremisten oben: wieso gerade oben? Und unten hängt der Wohlstandsbauch herum? Schwachsinn.

Mein Gegenvorschlag: das Armleuchter-Modell. Um der Antisemitismus-Keule aus dem Weg zu gehen, ich würde die altehrwürdige siebenarmige Menora verunglimpfen, habe ich zur Illustration ein Modell des Designers Tom Dixon gewählt, das in jeder Hinsicht vom kultischen Leuchter der Juden abweicht, die uralte Tradition des vielarmigen Leuchters modern umsetzt und auch viel treffender ein wunderbares Bild für die politische Struktur einer pluralistischen Gesellschaft liefert. Das Bild des Armleuchters ist doch viel „einleuchtender“, auch etwas dynamischer und ausdruckstärker. Und natürlich doppeldeutig, wie es dem Politikbetrieb geziemt:

Bild 1, so wie die politische Rechte resp. die Faschisten ihn sehen: der Armleuchters ist so beschaffen, dass sich ein „linker Mainstream“ abbildet. Aus der Mitte heraus steigt er nach oben, nicht ohne Hindernisse. Kurze Absätze zwischen den Etagen mögen historische Abschnitte des Wegs abbilden, den die Mitte genommen hat. Und dann sind da diese weit nach rechts ausladenden Arme, tief unten ansetzend, mit ewig langem Anlauf, bis sie sich eine Kerze aufstecken können. Da werden die Rechten höhnisch anmerken: da seht ihr’s , ihr braucht uns, sonst würdet ihr das Gleichgewicht verlieren, umkippen, alles in Brand setzen, abbrennen.

Da kommt Bild 2 ins Spiel, der Armleuchter der pluralistischen Gesellschaft: die Arme des Leuchters sind beweglich. Die oberen Arme lassen sich weiter in die Mitte drehen. Die unteren Arme können nach links oder rechts weit ausladen. Das stellt auch wieder eine Balance her: die Extreme halten sich gewissermaßen in Schach. Man könnte sie aber auch einfach weglassen und der Leuchter bliebe immer noch stehen. Schöner Gedanke.

Derzeit wird der Armleuchter so bespielt, dass linke Idioten das Auto von AfD-Chrupalla abfackeln während rechte Idioten immer noch kein Verhältnis zum Hanau-Anschlag gefunden haben und darauf lauern, dass endlich neue Syrer ins Land kommen, auf denen man dann herumhacken kann.

Das Schöne am Armleuchter-Modell ist auch, dass man es schmücken und dekorieren kann, mit den schönsten Stilblüten der Protagonisten, den wirrsten Ideen und ärgsten Entgleisungen von politischen „Armleuchtern“ aller Art. Bleibt zu hoffen, dass es an den kurzen Armen im mittleren Bereich nicht so viel zu hängen gibt. Und die Last bei den Extremen so groß wird, dass sie sich biegen mögen oder brechen? More to come.


Bildnachweis: Opumo.com, Tom Dixon Spin Candelabra

Aufmunterung

„Denn wenn das Glück es so fügt: daß ein mächtiges und aufgeklärtes Volk sich zu einer Republik (die ihrer Natur nach zum ewigen Frieden geneigt sein muß) bilden kann, so gibt diese einen Mittelpunkt der föderativen Vereinigung für andere Staaten ab, um sich an sie anzuschließen und so den Freiheitszustand der Staaten gemäß der Idee des Völkerrecht zu sichern und sich durch mehrere Verbindungen dieser Art nach und nach immer weiter auszubreiten.“

(Immanuel Kant. Zum ewigen Frieden. 1795)

Ganz kann ich es doch nicht lassen, mit Rechten zu reden. Einen Blumentopf kann man da nicht gewinnen, aber hin und wieder gelingt es in diesen „Gesprächen“ doch freizulegen, wessen Geistes Kind sie sind. Oder genauer: wessen Geistes Kind sie nicht sind. Wer kommt bei ihnen nicht vor, um wen machen sie einen Bogen bei ihren meist wortreichen Begründungen für einen neuen Faschismus? Kant gehört jedenfalls definitiv nicht zu ihren Heroen. Verständlich: hat er doch dem Faschismus alle Argumente entzogen, bevor der überhaupt in die Welt kam.

Ich muss gestehen, von seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ hatte ich schon gehört, wahrscheinlich zuletzt im Schulunterricht? Dass aber das Leitmotiv für die EU aus seiner Feder stammt, war mir so nicht mehr bewusst. Was für eine schöne Aufmunterung für den heutigen Tag! Und glasklare Orientierung, um was es auch künftig gehen muss.

Chaos, abgesagt?

Herr Lindner, hinter welchem Mond haben Sie in letzter Zeit abgehangen? Sie haben sich „in der AfD getäuscht, die nur zum Schein einen Kandidaten aufgestellt“ habe. – Ist das nicht putzig? Willkommen in der Wirklichkeit! Hatten Sie angenommen, die AfD sei an einer konstruktiven Politik interessiert, wolle einen Beitrag leisten zur Stärkung unserer Demokratie, zur Stabilisierung oder Befriedung der Gesellschaft? Darf man vom Bundesvorsitzenden einer Partei mit derart hohen Ansprüchen nicht etwas mehr Vorbildung erwarten?

Lynx ist nicht halb so gebildet, aber liest immer neugierig. Gestern habe ich darauf hingewiesen, wie Hannah Arendt die Rolle des Mobs bei der Installierung totalitärer Systeme analysiert hat. Der Mob ist das willige Personal, das Chaos jedoch ist das Mittel, dessen man sich bedient, um eine herrschende Ordnung zu untergraben und ins Wanken zu bringen. Weiterlesen „Chaos, abgesagt?“

Der Mob

Ist noch jemand aufgefallen, wie sehr Höcke versucht, sich Hitlers Physiognomie anzueignen? Nicht nur die schmierige Schmalzlocke in der Stirn, auch der hündisch-unterwürfige Blick und die Oberkörperhaltung, als er Kemmerich die Hand reicht, hat konkrete Vorbilder. Ramelow hat schon recht, wenn er hier Parallelen zieht. Doch wir hatten die A-Seite von Hitler schon, wir brauchen definitiv keine B-Seite mehr.

Es fällt mir schwer, eigene Worte für die Bodenlosigkeit dessen, was in Erfurt passiert ist, zu finden. Einmal mehr Respekt für die Kanzlerin, die mit dem Wort „unverzeihlich“ direkt in die tiefe Wunde getroffen hat. Und damit möglicherweise, ob willentlich oder nicht, der FDP den Garaus macht. Sind das dort eigentlich nur noch Leichtmatrosen? Doch auch aus der CDU scheint jedes Mark gewichen zu sein.

In Ermangelung eigener Worte greife ich zurück auf Hannah Arendt bzw. die so kurze wie instruierende Einführung zu ihrem Werk von Annette Vowinckel (1). Arendt hat lucide und ihrer Zeit weit voraus gesehen, was uns noch zu schaffen machen wird. Und wie immer existieren die Muster in der Geschichte. In ihrem grundlegenden Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1955) spielt der Begriff des Mobs eine zentrale Rolle. Vowinckel fasst Arendts Terminologie wie folgt zusammen: Der europäische Mob des 19.und frühen 20.Jahrhunderts setzte sich aus den »Deklassierten aller Klassen« zusammen, aus Abenteurern, Kriminellen, gelangweilten Adligen et cetera. Von der unstrukturierten Masse unterschied er sich durch sein politisches Engagement (zum Beispiel in den Antisemitenparteien des 19.Jahrhunderts), das von rassistischen Ideen geprägt war, die Überlegenheit der Europäer gegenüber Schwarzen und Juden propagierte und sich vor allem im Zuge der imperialistischen Expansion entfaltete. (1)

Die „Deklassierten aller Klassen“, gelangweilte Adelige eingeschlossen. Da hat es bei mir geklingelt: wie zutreffend beschreibt dies die Zusammenrottung, die in der AfD passiert. Der Mob war, nach Arendt, die gesellschaftliche Basis für die Umwandlung einer strukturierten Klassengesellschaft in eine durchmanipulierte Massengesellschaft, in der Hitler und Stalin ihre totalitären Systeme installiert haben. Bis vor Kurzem kannten wir das nicht, waren das Botschaften aus einer zurückliegenden Zeit. Fast über Nacht ist das alles sehr aktuell geworden. Es hat in Übersee begonnen und suppt nun allmählich herein. Seien wir auf der Hut.


Literatur: (1) Vowinckel, Annette. 2015. Hannah Arendt. Reclam.
Bildrechte: Deutschlandfunk, verändert

anlage of movement

„The concrete highway was edged with a mat of tangled, broken, dry grass, and the grass heads were heavy with oat beards to catch on a dog’s coat, and foxtails to tangle in a horse’s fetlocks…“

Ich habe endlich angefangen, John Steinbecks „Früchte des Zorns“ zu lesen, eigentlich „The Grapes of Wrath“ (1939), ich versuche mich am englischen Original. Was für eine beglückende Leseerfahrung (auch wenn mein Englisch bei weitem nicht hinreicht, um die Feinheiten zu erfassen)! Seit vielen Jahren stand es auf meiner Leseliste, vielleicht war es gut, damit zu warten, denn jetzt ist es (wieder) das Buch der Stunde: Die Natur und ihr eigenmächtiges Wirken raubt den Menschen ihre Lebensgrundlage und macht sie zu loser Streu, auf der Suche nach neuer Bleibe, neuem Auskommen.

Kapitel 3 ist sehr kurz und erzählt nur von dem Versuch einer Schildkröte, eine Landstraße zu überqueren, in der Einsamkeit der dürren Steppe. Aber eigentlich ist dieses Kapitel ein sehr kurzes Kompendium in Ökologie, ein Kurzessay über den Willen des Lebens zu überleben und sich auszubreiten, auch unter widrigsten Bedingungen. Die Schildkröte kämpft ihren einsamen Kampf gegen die Schwierigkeiten des Terrains am Straßenrand, aber eigentlich ist sie nur ein Werkzeug für sich ausbreitendes Leben, Transportmittel für Gräsersamen und Insekten, um neues Gelände zu erschließen. Diese unscheinbare und vertrocknete Biozönose im Bankett der Landstraße ist eine Welt vielfältiger Abhängigkeiten. Menschen kommen auch vor, nur kurz und episodisch, rauschen vorbei, geschildert nur als Werkzeuge um Fahrzeuge zu steuern – und wie sie steuern hat einen Effekt darauf, wie konkret sich das Leben verbreitet, aber das ist nur wie ein Wimpernschlag in den Zyklen der Natur, die sich mit schildkrötenhafter Langsamkeit vollziehen.

„The turtle entered a dust road and jerked itself along, drawing a wavy shallow trench in the dust with its shell. The old humorous eyes looked ahead, and the horny beak opened a little. His yellow toe nails slipped a fraction in the dust.“

Steinbeck hatte viel Ahnung von Ökologie. Das hatte er wohl hauptsächlich seiner engen Freundschaft mit Ed Ricketts zu verdanken, einem Meeresbiologen. In „Cannery Row“ hat er ihn als Doc literarisch verewigt, aber auch in anderen Büchern, auch in „The Grapes of Wrath“ taucht er als Figur auf. Die beiden unternahmen 1940, nach dem Erscheinen dieses Romans, eine Schiffsreise in den Golf von Kalifornen, widmeten sich der Erforschung des Lebens, im Wasser dort und im ganz Allgemeinen. Nachreisen kann man im „Logbuch des Lebens“, das Steinbeck 1941 über diese Reise veröffentlicht hat (und das 2017 in einer Neuübersetzung und schönen Ausgabe des Mare-Verlags erschienen ist). Ob aus diesem Austausch mit Ricketts auch der Begriff „anlage of movement“ stammt, mit dem der erste Absatz von Kapitel 3 endet?

„…every seed armed with an appliance of dispersal, twisting darts and parachutes for the wind, little spears and balls of tiny thorns, and all waiting for animals and for the wind, for a man’s trouser cuff or the hem of a woman’s skirt, all passive but armed with appliances of activity, still, but each possessed of the anlage of movement.“

Tatsächlich ist „anlage“ hier ein deutsches Lehnwort von seltenster Verwendung im Englischen und beschreibt wohl, wenn ich es recht verstehe, dass die Bewegung, die Ausbreitung tief sitzend angelegt ist, im konkreten Fall in den sich versamenden Pflanzen, man kann das aber wohl getrost verallgemeinern. (Ich habe bislang keine deutsche Ausgabe, weiß also nicht, wie das konkret übersetzt wurde – wer weiß es?)

Eigentlich wäre es jetzt schon gut. Steinbeck konnte aus seinem Blickwinkel nicht erkennen, dass weiter hinten in der geschilderten Szenerie, zwischen den lehmbraunen Steinen, den sagebrush-Büscheln und dem dürren Gras, mit seinem fahlen Fell nahezu unsichtbar mit der Umgebung verwoben, ein kleiner Luchs auf Lauer lag, alles beobachtete und versuchte, sich seinen Reim darauf zu machen. Oder eine Gelegenheit abpasste, um seinerseits ins Geschehen einzugreifen (auch nur als Verbreiter von klebrigen oder hakigen Samen). Mit einem Auge sieht er der Schildkröte zu, mit dem anderen liest er, was Leute von sich geben, deren Steckenpferd es ist, Leute aufzuhetzen, weil sie das irgendwie aufgeilt und wohl ihre Strategie ist, um sich zu „verbreiten“. Aber es muss ja nicht jeder Erguss fruchtbar werden.

So lese ich heute den neuesten von Martin Sellner, den die Sezession einmal wieder verbreitet, „Verschissmus“ im wahren Sinne des Wortes. Aus Frust über die zunehmende Marginalisierung seines Treibens, will er jetzt einen Online-Pranger für FPÖ-Politiker einrichten, die aus seiner Sicht die Sache der Rechten und Identitären (IB) verraten. Je verräterischer die Äußerung, desto mehr Malus-Sterne soll es geben. Der Pranger darf natürlich nicht Pranger heißen, es wird ja nur öffentliches Material in konzentrierter und von Sellner redigierter Form dargeboten. Es sollen auch keine Shitstorms ausgelöst werden, deshalb verlinkt er „nur“ geschäftliche Kontaktdaten der von ihm Herzitierten. Und selbstverständlich geht es ihm um „echte Meinungsfreiheit“, dass „keiner mehr Angst haben muß zu sagen, was er sich denkt.“ – Oder geht es doch eher um „rhetorische und weltanschauliche Schulung“, „ein patriotisches Korrektiv. Ein negativer Reiz, der auf die Distanzierung erfolgt und langfristig einen Lerneffekt einstellt“: Jeder soll künftig sein Recht und als „Patriot“ womöglich gar die Pflicht haben, freimütig über historische „Vogelschisse“ und dergleichen zu dozieren, so muss man das wohl verstehen? „Echte“ Meinungsfreiheit, also kernig-männliche, schließt doch wohl mit ein, dass Nazipropaganda möglich sein muss oder gar geboten ist?

Doch so weit sind wir noch nicht. Sellner schreibt zu seiner Motivation: „Nur sichtbare Akte des Widerstands transformieren die isolierten Wähler der FPÖ in eine sichtbaren und aktiven Zivilgesellschaft. Die Aufgabe der IB ist nicht gegen eine Partei gerichtet. Sie ist FPÖ und IBÖ schließen sich daher ebensowenig aus wie die GRÜNEN und Greenpeace! Beide Ansätze ergänzen einander und sind notwendige Säulen einer umfassenden patriotischen Arbeit.“

Aber dank der schlampigen Redaktion bei der Sezession enthält dieser Absatz immerhin zwei Informationen:

1. Sellner ist ein Wirrkopf und präpotenter Stümper, dem es nicht schnell genug gehen kann bis zum Erguss. Und die bei der Sezession sind genauso betriebsblind und tumb-aktionistisch, wie die bei der SPD Mülheim und ihrem Trauerkranz.

2. Es wird ja immer so getan, als hätten FPÖ und IB nichts miteinander zu tun. Derzeit klagt die Einprozent-Bewegung, das Baby vom Kubitschle, gegen einen Facebook-Rausschmiss: sie hätten nichts mit der IB zu tun. Ich hoffe nur, das Gericht kennt sich ein wenig mit Internet aus. Da ist der Zusammenhang doch offensichtlich, das Netzwerk von Schnellroda, EinProzent, IB, FPÖ, AfD (ja, auch Gauland ist gerngesehener Gast in Schnellroda). Also: nicht lange fackeln.

Übrig bleiben Fragen:

  • Hat der Luchs nun mutwillig die Verbreitung von Sellnern befördert? Oder hat er daran mitgewirkt, ihre Camouflage abzutakeln?
  • Erkennen geneigte Leser*innen den Unterschied zwischen ökologischem Wimpernschlag und kulturgeschichtlichem Vogelschiss?
  • Wird die langsame Schildkröte Demokratie den Angriff des nächsten Trucks überleben und weiterhin in die Zukunft blicken mit old humorous eyes?

Schnellroda droht (und heult rum)

Welche Reaktion auf den Mordanschlag in Halle durfte man von der Klitsche in Schnellroda, die sich „Sezession“ nennt und die Meinungsführerschaft bei der Neuen Rechten beansprucht (und ein Spielbein in Halle hat), erwarten? Dass sich Kubitscheks „Denker“-Stammtisch äußern musste, war klar. Aber so – plump (doch wie auch anders)?

Kubitschek selbst hält sich wieder vornehm zurück (seine liebste Attitüde) und schickt seine Nummer zwei vor. Martin Lichtmesz wird von der Gemeinde als Vor“denker“ verehrt, welches Manna hält er für die nach Ausflucht und Rechtfertigung hungernden Seelen bereit? Eine Predigt (und eine Selbstoffenbarung) in 5 Stichpunkten und einer Rechtfertigung, mit der er sich (unbedacht?) mit dem Täter identifiziert:

1. Der Einzelkämpfer: wir sind so allein allein.
2. Das Opfer: keiner hat uns lieb.
3. Die Verschwörung: die anderen missbrauchen uns, weil sie uns ausgrenzen wollen.
4. Die Opfer: sind wir, weil wir ausgegrenzt werden (nicht die, die uns zum Opfer fallen.)
5. Die Drohung: wenn ihr uns nicht liebhabt, geben wir keine Ruhe.
Rechtfertigung: ihr seid schuld.

Der Reihe nach, ein wenig unter die Lupe genommen (ermüdend, weil die Argumentation der Rechten dem ewiggleichen Schema folgt):

1. Der Einzelkämpfer: L. ordnet den Attentäter einer Einzelkämpfer-Tradition der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung zu. Leute, die sich berauschen an der Inszenierung als Real-World-Ego-Shooter. Das sei eine Subkultur der „einsamen Wölfe“ mit eigenen Regeln und eigener Dynamik.

2. Das Opfer: Der Killer ist ein „frustradikalisierter Incel„, dem es letztlich wurscht ist, wer oder was ihm vor die Flinte läuft, der nur wild um sich ballert, denn: „Offenbar war B. auch ein Scheidungskind, das bei seiner Mutter lebte.“ Will heißen?

[Man kann das bis hierher von Lichtmesz Ausgebreitete nehmen als eine Aufzählung von Indizien und Überlegungen, wie sie auch an anderer Stelle in den Medien vorgenommen wird. Das ist fast schon Konsens. Und im speziellen Fall soll das natürlich entlastend wirken: da seht ihr’s, der wirre Einzeltäter aus desolaten Verhältnissen, von schlechten Ratgebern und Influencern umgeben, deshalb wirr im Kopf, nach Anerkennung und Auszeichnung gierend. Oder auch: die Personenbeschreibung für eine Idealbesetzung als Instrument und Frontkämpfer? Wir brauchen dich! Bei uns findest du Erwähnung und Würdigung! – Denn: Lichtmesz scheut sich nicht, O-Töne aus dem Video des Killers wiederzugeben und damit seine Plattform zu vergößern. Seht her: bei uns kriegt jeder Wirrkopf seine Werbefläche.
Diesen Move braucht Lichtmesz für seinen dritten Punkt, denn nun wird es frech, womöglich gefährlich:]

3. Die Verschwörung: Sein erster Gedanke zum Anschlag von Halle sei gewesen, dass es sich um eine „False-Flag“-Aktion des „Deep State“ gehandelt habe, denn die wäre eigentlich überfällig so kurz vor den Landtagswahlen in Thüringen. „Um den im Juli hemmungslos aufgebauschten „Mordfall Lübcke“ [sei es ] ziemlich still geworden. Es war wieder neues Heizmaterial nötig.“ – An dieser Stelle tritt die Arbeitsweise von Schnellroda glasklar zutage: Es wird schon eingeräumt, dass es ein wohl rechtsextremistisch motivierter Anschlag war, aber es sei halt nicht ausgeschlossen, dass es „Anstoßer“ gab (sic: vom „Deep State“ meint er, nicht aus Schnellroda). Der Hauptaspekt sei, dass der Alarmierungszustand der Gesellschaft, was die Gefahr von rechts angeht, aufrecht erhalten werde, damit sei der Attentäter ein „nützlicher Idiot“ der „herrschenden Klasse„.
Kurz gesagt: Der Anschlag ist eigentlich eine Propagandaaktion zur „Materialisierung“ des „Nazi-Gespensts„. So erklärt er das seiner Gemeinde. Und lässt damit das von ihm persönlich verbreitete Gerücht, das Ganze könne eben doch ein „Fake“ gewesen sein, ungerührt im Raum stehen. Alle Trigger sind wohlplatziert gesetzt. So geht Zündeln.

4. Die Opfer: Denn jetzt geht es um das Einschwören der Gemeinde auf das was ansteht. Das „etablierte Narrativ“ von der bösen Rechten, die „Gleichsetzungsdelirien“ von Killer, Kubitschek, Höcke, AfD würden wie üblich bemüht „wie das Amen im Gebet„. Dagegen sei kein Kraut gewachsen: wir armen unschuldigen Opfer.

5. Die Drohung: das Establishment sei es jetzt zufrieden, dass nun der klare Nachweis erbracht worden sei, dass der tödliche Antisemitismus von rechts komme. Man könne nun getrost weiter „vertuschen“ und „verharmlosen„, dass er „vorwiegend mit der ohne Zweifel wachsenden Präsenz gewisser importierter Bevölkerungsgruppen zu tun hat.“ Selbst die offiziellen Vertreter der jüdischen Gemeinde in Deutschland würden das so sehen wollen, sagt L. Muss er so sagen, denn es geht ja um Selbstverteidigung – und eine Drohung: es sei eine „Illusion“, dass mit der Identifizierung von tödlichem Antisemitismus im rechten Lager etwas „wieder ins Lot gekommen“ sei, das würde „nicht lange halten„. Denn die Radikalisierung und Spaltung der Gesellschaft sei erst am Anfang. Das möchten sie natürlich so sehen in Schnellroda, denn alles andere würde diese Klitsche ja erübrigen.

Die Rechtfertigung: Schuld an der Spaltung der Gesellschaft sind die Anderen, vornehmlich jedenfalls, sie wird „exakt von denselben Leuten am vehementesten vorangetrieben, die glauben, in Halle eine Keule gegen die Gesamtrechte gefunden zu haben„, sagt L. Wie sagte der Vater des Killers von Halle? „Er war weder mit sich noch mit der Welt im Reinen, gab immer allen anderen die Schuld“. Schaut Lichtmesz in den Spiegel? Formuliert er hier die Rechtfertigung für den nächsten Einzelkämpfer? Die Anderen sind schuld, so bequem und verächtlich zugleich macht es sich die Rechte. Nur nie nicht Verantwortung übernehmen müssen. Nur nicht selbstkritisch hinterfragen, welche Fundamente man durch solches Reden und Schreiben errichtet. Reinwaschung, Identifikation, Kommunion. Wie lange lassen wir sie damit noch durchkommen?

Gegen dieses Narrativ der Rechten und gegen diese Drohung der „Sezession“ hilft: Zusammenhalt, Solidarität, Inklusion, Gemeinsinn. Nicht auseinandertreiben lassen von hinterlistigen Demagogen. Aber auch festhalten an der Diktion: ein Faschist ist ein Faschist ist ein Faschist. Und Rechtsstaat, an dieser Stelle gerne etwas kleinlicher als bislang üblich.

[Faschisten fragen gerne listig nach, wie denn „Faschismus“ definiert sei? In der Tat, eine Definition im Fluss. Mit gewissen Grundkonstanten über die Zeit: Verachtung von Demokratie und Rechtsstaat zugunsten des Primats einer „völkischen Gemeinschaft“ und ihrem politischen Willen, der im Zweifelsfall über dem Rechtsstaatsprinzip steht: Gruppenideologie vor individuellem Grundrecht, Politik vor Recht, nicht Recht vor Politik.]

Doch wie kann man Faschisten und Nazis liebhaben? Dazu habe ich keine Idee. Mit denen kann man auch nicht mehr reden. Und: sie grenzen sich selber aus, wollen ausgegrenzt sein. Das ist ihr Lebenselixier. Halten wir uns den Zoo in Schnellroda, aber keinen Millimeter darüber hinaus!
Auf die kleinen Kinder achtgeben, nur das hilft wirklich. – Da fällt mir doch glatt noch die alte Hippie-Hymne ein, selten erschien sie mir so zutreffend:

Teach your children well,
Their father’s hell did slowly go by…

Deutscher Herbst?

Ich lausche der „Winterreise“ von Franz Schubert, die Vertonung der Gedichte von Wilhelm Müller aus Dessau, weil ich eine Herbstreise nach Sachsen-Anhalt vorbereite und der Sound, den ich mit Orten, Begebenheiten, Reisen verbinde, für mich essentiell ist. Im speziellen Fall ist das ein arg theoretisches Konzept, weil Müller nicht wusste, dass Schubert seine Gedichte vertonte und beide von dem dauerhaften Erfolg dieses Werks nicht profitieren konnten, weil er erst posthum eingetreten ist, für beide. Aber irgendwelche Schwingungen werden schon da sein?

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt in seinem Schatten
So manchen süßen Traum. […]

Die kalten Winde bliesen
Mir grad ins Angesicht,
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Die aktuellen Überlegungen werden massiv gestört von den heutigen Vorfällen in Halle, die man getrost als Terroranschlag bezeichnen darf, auch wenn die Hintergründe erst in Umrissen bekannt sind. Und das löst Gedanken in eine ganz andere Richtung aus, nicht mehr vorwärts, unternehmungslustig, sondern rückwärts, retrospektiv. Oktober in Deutschland, da war doch was. Nein, nicht vor dreißig Jahren, länger her, vor nun genau 42 Jahren. Kann sich noch jemand erinnern an den sog. „Deutschen Herbst“ 1977? Als die RAF meinte, sie könne diesen Staat vorführen, in die Knie zwingen, vergewaltigen, was auch immer?

Damals war ich sehr jung. Wer jung war hatte zumeist Sympathien für alles Antikapitalistische und verdächtigte die staatlichen Autoritäten eigentlich grundsätzlich des Missbrauchs derselben. Als die RAF dann das Land mit ihrem Terror überzog, packte der Staat sein Filetierbesteck aus und wurde unangenehm, auch im Alltagsleben. Überall Polizeikontrollen. Der sog. „Radikalenerlass“ war schon seit fünf Jahren in Kraft und irgendwie kannte jede/r eine/n der/die davon betroffen war. Es war ungemütlich. Auch wenn man kein wirklicher Sympathisant war, fühlte man dennoch mit, mit den Sympathisanten, die nun massiv unter Druck gerieten. Die meisten waren doch nur pure Idealisten, Träumer einer besseren Welt, auch: Verirrte im unübersichtlichen Gelände der Weltverbesserungsideologien. (Andere machten damals mit wachem Geist Frontarbeit: Schily, Ströbele…) Die ganz gewöhnlich idealistische Jugend beschlich damals das Gefühl, dieser Staat könne womöglich alle Aufbruchsregungen im Keim ersticken, in einer Überreaktion auf die Provokation durch die RAF.

Rückblickend scheint es mir, dass der Staat echte Stärke bewiesen hat. Vordergründig und bekanntermaßen in der ziemlich gnadenlosen Bereinigung des RAF-Problems. Hintergründig (und viel wichtiger) darin, dass er aus der Situation nicht insofern Kapital geschlagen hat, dass die jugendlichen Befürchtungen wahr wurden. Nein, als sich die Situation beruhigt hatte, hat sich der Staat auch wieder entspannt und die Dinge wieder laufen lassen, vielleicht sogar großzügiger als zuvor. Und genau das hat diesen Staat stark gemacht – in meinen Augen. Ich möchte es wenigstens so sehen.

Auf die aktuelle Situation gewendet: ich wünsche mir, dass der Staat gnadenlos durchgreift auf der rechten Seite. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, hat das heute abend in der ARD wieder angesprochen: auf Worte folgen Taten. Die Täter aus der rechten Szene sind zumeist arme Irre (anders als die RAF-Terroristen). Die wirklich gefährlichen Leute sind die, die bislang ungestraft, ihr exklusives Gedankengut verbreiten, in Schnellroda und sonstwo. Die sich die Hände nicht schmutzig machen und sich dieser depperten willigen Helfer bedienen. Eigentlich ein ganz einfaches Kalkül. Und dieser Staat hat hier bisher offenbar keine juristische Handhabe.

Vielleicht braucht es diese Provokation, dass sich unser aller Staat besinnt und, wieder einmal, gnadenlos die Schranken aufzieht. Radikalenerlass für die Rechten? Höchste Zeit (Kriegt Höcke eigentlich noch Beamtensalär?). Immerhin war man auffallend schnell mit der Einschätzung „staatsgefährdend“, Generalbundesanwalt übernimm!

Im Zuge der Reisevorbereitung habe ich von einem Ort gelesen, einem alten Schloss, das vor Jahren aus öffentlichem in privaten Besitz übergegangen ist. Die aktuellen Besitzer hatten offenbar darauf spekuliert, das Anwesen ließe sich, in einer durchaus touristischen Gegend, touristisch vermarkten. Pustekuchen, Flaute. Man vermietet die historischen Räumlichkeiten für private und öffentliche Veranstaltungen, auch an Parteien, auch an die AfD, weil das eine demokratisch legitimierte Partei sei. Ob man auch an den „Flügel“ vermieten werde, müsse man noch überlegen. Der Große Geist behüte: wenn erst einmal ökonomische Abhängigkeiten entstehen, dass man an die Nazis vermieten „muss“… Schnellroda ist dort gleich ums Eck. Und wer weiß: dem Kubitschle wäre ein gediegen Schloss am Ende wahrscheinlich noch lieber als sein popeliges „Rittergut“, das nur so heißt.

Bei aller bitterer Tragik war es vielleicht wichtig, dass das heute ausgerechnet in Halle passiert ist, wo diese bescheuerte „Ein-Prozent-Bewegung“ der Identitären residiert. Ausmisten, sofort. Keinen Stein auf dem anderen lassen, in einem weiteren deutschen Herbst.

Frühlingstraum

Ich träumte von bunten Blumen,
So wie sie wohl blühen im Mai,
Ich träumte von grünen Wiesen,
Von lustigem Vogelgeschrei.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Auge wach;
Da war es kalt und finster,
Es schrien die Raben vom Dach.

Doch an den Fensterscheiben
Wer malte die Blätter da?
Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah?

(Wilhelm Müller, Gedichtzyklus „Die Winterreise“)

Gelber Sack, Blauer Sack, Fontane im Abgang

Merkwürdige Nachrichten aus einem Wochentag.

Gelber Sack: im Wirtschaftsteil lese ich, dass über 95 % der PET-Flaschen der Henkel-Produkte (und anderer Marken) aus recycelten Einweg-Getränkeflaschen bestehen. So gut wie keine Verwendung findet Recyclat aus dem System des Gelben Sacks, für das hierzulande seit rund 30 Jahren fein säuberlich getrennt und gesammelt wird. Das läge nicht in der notwendigen Quantität und Qualität vor, sagt Henkel. Stattdessen wird das „reinere“ PCR-Plastik lieber aus dem europäischen Ausland importiert und das Plastik aus dem Gelben Sack zu mehr als der Hälfte verbrannt, sagt das Umweltbundesamt. Kurz gesagt: dieses System macht so offenbar keinerlei Sinn. Die Industrie holt sich ihre Rohstoffe, wo sie will, die Konsumenten erliegen einer Kreislauf-Illusion. Sollte man doch grundlegend ändern, oder nicht? (SZ Nr. 156/2019, S. 15)

Blauer Sack: Leider denke ich inzwischen bei fast jedem Thema: was sagt eigentlich die AfD dazu? Interessiert die sich für echten Müll, Recycling, Kreislaufwirtschaft?

Weiterlesen „Gelber Sack, Blauer Sack, Fontane im Abgang“

The Monty Python Sundowner

Monty Python galten einmal als Inbegriff absurden britischen Humors. Jetzt weiß man nicht mehr recht, ob sie sich dort nicht in den Fallstricken der eigenen absurden Geschichte(n) verheddert haben. Der alte John Cleese leistet sich jedenfalls „first class“-Realsatire und sorgt damit in England und bei den Rechten für Furore.

Schon vor ein paar Jahren stellte er fest, dass London offenbar keine „englische Stadt“ mehr sei. Nach der Europawahl erinnerte er auf seinem Twitter-Account an seinen Befund und führt als Beleg ins Feld, dass die Stadt ja auch mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt habe. Cleese ist Brexiteer einerseits, (angeblich) Liberaldemokrat andererseits. Geht eigentlich nicht zusammen. Jedenfalls ist ihm das seit einiger Zeit alles nicht mehr englisch genug daheim, weshalb er sich in die Karibik verfügt hat, auf ein beschauliches Eiland namens Nevis, wo die Welt noch übersichtlich ist (Einwohner: 11.500) und das Leben angenehm, „a relaxed and humorous life style, a deep love of cricket, and a complete lack of knife crime“, bei bestem Wetter versteht sich. Nevis war eine britische Kolonie und ist erst seit 1983 ein (leidlich) unabhängiger Zwergstaat.

Ein wenig arrogant, isn’t it? Der weiße Brite hat das natürliche Recht, es sich überall auf der Welt nett und bequem zu machen. Er hat ja die Kohle. Seine Ahnen haben die schönsten Weltregionen seinerzeit erobert, besetzt, ausgebeutet. Nein, „kultiviert“ nennt er das, der Brite. Drum darf er dort auch ein Herrenleben führen. Wem es nicht passt, ihm seinen Drink zu servieren, kann ja nach London auswandern.

Interessant ist dazu die Einschätzung des Kommentators von der rechten Sezession: Nevis sei ein Ort, „der vermutlich der Anywhere-lichkeit gänzlich unverdächtig ist.“ – Hä? – Hier tropft er heraus zwischen den Zeilen, der weiße Suprematismus, ganz unbedacht offenbar. Für einen britischen oder deutschen Nationalisten ist Somewhere Anywhere, denn ihm gehört ja die Welt. Was für eine Verwirrung. A Sundowner for Mr. Cleese, please!

Ferne Gestade sind Ruhestatt für unsere Träume, und ferne Länder existieren nicht für sich, sondern für uns,“ notiert Teju Cole (1). Cole ist mein Arzt, wenn es darum geht, am Puls der Zeit zu fühlen. Cleese? Puls: unruhig. Drink: noch einen.

(1) Cole, Teju. Brasilianische Erde, in: Vertraute Dinge, fremde Dinge. Essays, 2016.

Ins Blaue getroffen

Schockstarre in den rechten Blogs. Eine Schutzmacht ist implodiert. Das „Strachnin“-Gift wirkt. Dabei hatte man doch ganz andere Drehbücher im Kopf, gerade vor der Europa-Wahl, und keine Sekunde daran gedacht, dass die Protagonisten der gerne gehegten Verschwörungs-Plots die eigenen Leute sein könnten.

Ist es nicht kurios? Genau gestern erschien bei Vera Lengsfeld die Besprechung eines Thrillers: „Das Attentat“: Die Privatmaschine eines russischen Oligarchen und seiner Frau, einer Politikerin, sowie einer halben Milliarde Euro in bar stürzt in den Schweizer Bergen ab (leider nicht auf Ibiza). Bei den Ermittlungen stößt man auf eine Verbindung zwischen Moskau, Brüssel und dem Ausbruch einer rätselhaften hochansteckenden Infektion in der Ukraine, der viele Menschen zum Opfer fallen. Aber niemand in den Machtzentralen ist an einer Aufklärung interessiert…

Die Autorin ist eine Kollegin von Lengsfeld in der rechten Szene und veröffentlicht unter dem Pseudonym Frank Jordan seit einer Weile Geschichten, in denen es wohl um die ganz großen Verschwörungen geht. Den Inhalt ihres neuen Buchs umreißt sie, während der Entstehungsphase, so: „Stichworte: EU, Schweiz, Ukraine, Russland, Geld, Bargeld, inszenierte Krisen und immer wieder Menschen – ihre Leidenschaften, Wünsche, Seilschaften, Ränkespiele und Sehnsüchte. Selbstschutz, der Wille zur Macht und zum Machterhalt.“ Den Fall Strache hat sie durchaus treffend antizipiert. Die Reihenfolge der Attribute ist wohl nicht zufällig gewählt, denn ganz schlimm: die EU. Die Schweizer Autorin muss es ja wissen.

Lengsfeld schreibt dazu: „Hinter der wohlanständigen Fassade von Politik und Finanzwesen tun sich Abgründe auf, die derart realistisch geschildert werden, dass man sich unwillkürlich die Frage stellt, ob vielleicht etwas dran sein könnte, ob hinter dem, was der durchschnittliche Zeitungsleser als Politik präsentiert bekommt, vielleicht ganz andere Interessen im Spiel sind, von denen er nicht einmal ahnt.“
Und sie zitiert einen Kollegen, Robert Nef: „Dieser Thriller ist anders. Er spielt sich im Netzwerk von zentralen Regierungen ab, deren Interesse an der Machterhaltung gegenüber der allgemeinen Gefahrenprävention Vorrang hat. Politik fordert von den Reichen und von den Armen Geld mit dem Vorwand, beide voreinander zu schützen. Aber Tatsache ist: Letztlich schützen Politiker nur ihre eigenen Interessen.“

Heute mittag stellt sich Strache in Wien vor die Presse und sagt, es habe ein „gezieltes politisches Attentat“ auf ihn stattgefunden, faselt von „dirty campaigning“, „Schmutzkübelkampagne“, „Wahlkampfbeeinflussung durch ausländische Geheimdienste“ usw.

Entschuldigen S‘ bittschön: wer saß in der Villa auf Ibiza und hat sich bewirten lassen? Wer war so geldgeil, machtlüstern, dass er das eigene, gelegentliche Unwohlsein vergaß, und sich hinreißen ließ, das eigene Volk zu verraten? Die Presse verscherbeln, Staatsaufträge verticken, die Wasserversorgung gewinnträchtig privatisieren? Die Süddeutsche sagt das ganz richtig: er hätte jederzeit aufstehen können und gehen. Ein Mann von Charakter hätte das getan, schon nach einem kleinen Weilchen. Strache blieb sitzen. Und will jetzt auch noch austeilen?

Selten jedenfalls hat die rechte Szene mit ihren Verschwörungstheorien so ins Schwarze getroffen. Eigentlich ins Blaue, denn sie hatten keine Ahnung, dass die Verschwörer aus den eigenen Reihen kommen, im eigenen Haus sitzen. Porca miseria! In Wien liegt heute abend jedenfalls Revolution in der Luft. Aber von ganz anderer Art, als die rechten Einheizer das gerne hätten. Weggehuscht sind sie, mäuschenstill, gelähmt?

Die Autorin Frank Jordan zitiert zu ihrem Roman Alexander Solschenizyn: „Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien, sondern quer durch jedes Menschenherz.“ Ein ORF-Kommentator meinte heute zur Causa Strache: „Was in einem Menschen nicht drin ist, das kann auch nicht raus.“

Ein Landjunker reist

Gibt es das noch, dass einer aus der Provinz in die Hauptstadt fährt und Bauklötze staunt? Gibt es das noch (oder wieder), dass einer herabschaut auf das Städtische in einer Haltung, die eine merkwürdige Mischung ist aus Snobismus und (unverschuldeter?) Dämlichkeit? Lynx wundert sich und liest, dass Landjunker Kubitschle sein sächsisches Gütlein verlassen hat und, nebst Gattin, nach Berlin gereist ist. Konnte er sich nicht entgehen lassen, diese krude Konferenz der sog. „freien Medien“, die die AfD im Lüders-Haus des Bundestages veranstaltet hat – oder doch auch nicht. Denn die AfD wusste bis zum Schluss nicht, ob sie das jetzt wollen soll oder nicht. Darum gab es auch einen inoffiziellen Teil, wo es richtig schmuddlig wurde. Aber da war Kubitschle schon wieder auf dem Heimweg, dieser Nachschlag war unter seiner Würde, immerhin. Die Rückfahrt in der Bahn nutzte er zur Reflektion, oder sagen wir besser: Einordnung. Der Text ist tatsächlich aufschlussreich. Es geht da eigentlich weniger um die kuriose Veranstaltung, mit der er letztlich nicht warm wurde, sondern mehr um: Architektur. Und was er sich dazu so denkt.

Er informiert uns, dass das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus Sicherheitsschleusen hat und riesige kreisrunde Fenster mit Blick auf das Regierungsviertel: dazu fällt ihm „Blase“ ein. Diese gebaute „Blase“ hat außerdem viele Meter hohe Räume aus „dickem Glas“ und „nacktem Beton“ – und dies alles sei „gar nicht volksnah oder demokratisch.“ – Warum denn nicht? Weil es aus Beton ist und nicht zierlich gemauert? Weil es keine zugigen Butzenscheiben hat? Ist Beton ein neuer, unbekannter Werkstoff für ihn? Und was ist verkehrt an „nacktem Beton“ – verwechselt er groben Bunkerbeton mit 1a-Sichtbeton? Hat er eine leise Ahnung davon, welche Kunst es ist, Sichtbeton in vorzüglicher Qualität herzustellen, sichtbar bleibende Oberflächen zu schaffen, die nicht unter egalisierendem Putz versteckt werden müssten? Ingenieurskunst – kennste? Oder leben wir noch in den Zeiten des Maurerhandwerks vor 1850? (Doch selbst das Pantheon ist ja schon betoniert…) Eine Antwort bleibt K. uns schuldig. Es fehlt ihm die „Demut“ und es sieht zu wenig selbst gebaut aus: sprich, es fehlt ihm die Heimwerkeranmutung (wie sie ja in Schnellroda authentisch anzutreffen ist). Ein wahres Parlamentsgebäude sieht nach Praktiker aus (gibt’s nicht mehr…) – denkt er sich das? War es nicht schon immer so, dass eine Gesellschaft in ihrer Architektur gezeigt hat, dass sie aktuelle Technologien beherrscht, somit auf der Höhe der Zeit ist? Auf welcher Zeit-Höhe bewegt sich Kubitschek? Sollen wir uns rückwärts entwickeln, nur weil er keine Ahnung von Bautechnologie hat? Ängstigen ihn große Fenster, weil sie einen weiten Horizont eröffnen? Sollen wir lieber Fenster mit Scheuklappen bauen?

K. schreibt dann noch einiges Inhaltliche zur Veranstaltung, aber irgendwie zog das eher nebulös an ihm vorbei und hat ihn (und die „Bewegung“) nicht viel weiter gebracht, weil er dauernd durch die kreisrunden Fenster schauen musste. Schießscharten hätten seiner Konzentration besser geholfen? Am Ende kommt er zu dem Schluss, dass Schnellroda „samt Schrebergärten“ locker reinpassen würde ins Lüders-Haus. Dazu denkt Lynx sich:
a) Grobe Täuschung: mit Google-Maps überschlägig abgemessen hat das Lüders-Haus eine Grundfläche von ca. 250 x 100 m, Schnellroda mindestens von 600 x 600 m. Also selbst mit stapeln wird es da schwierig. Klingt halt so volksnah.
b) Hybris: wie kommt so ein selbsternannter Landjunker auf die Idee, dass er und noch ein paar Hanseln auf mehr Fläche residieren sollten als ein Parlamentsgebäude eines 80-Millionen-Volkes braucht, wo deutlich mehr Leute arbeiten als in Schnellroda je wohnen werden?

Könnte es sein, dass da einer „unheimlich“ volkstümlich tut und dabei so was von abgehoben ist, dass er schon das Gefühl für Maßstäbe verliert? Dass er nur vorgaukelt, sich mit der volkstümlichen Kleinmaßstäblichkeit von Katen abzugeben und mit ehrlichem gemauerten Handwerk (von dem er offensichtlich nichts versteht). Könnte es sein, dass das nur Attitüde ist, Bauernfängerei? (Komisch oder nicht: in Schnellroda gibt es eine Pension, die heißt „Zum Schäfchen“?)

Antiurbane Ressentiments sind in Deutschland seit langer Zeit, fast schon immer, ein Selbstläufer. Lange Zeit haben CDU/CSU dieses Feld beackert, bis sie erkennen mussten, dass sie auf diesem Weg allmählich in die Minderheit geraten. Also fischen an diesem ruralen Rand jetzt andere. Und träumen von gemauerten und adrett verputzten Palästen aus dem Baumarkt, die ihnen imaginierte Untertanen von reinstem germanischen Blut zusammenschustern würden (diese Maurer gibt’s auch nicht mehr). K.s Fahrt in die ewig sächsische Nacht.

Good Move

Facebook kann gute Schlagzeilen vertragen. Meint man, weil es doch so in Verruf geraten ist. Der Aktienkurs zeigt aber, dass der „Turnaround“ längst erfolgt ist. Technologisch haben sie dort nun (fast) alles beieinander, um in die nächste Runde zu gehen (an der eigenen Kryptowährung basteln sie wohl noch), also räumen sie alten Ballast ab. Das bringt, zusätzlich zum ohnehin brummenden Geschäft – gute Schlagzeilen.

Dennoch: der gestern ausgesprochene umfassende Bann gegen einige „namhafte“ rechtsextreme Pöbler, Einheizer und Volksverhetzer ist erfreulich. Und überfällig. Hoffen wir, dass FB auch hierzulande noch fündig wird, das sollte nicht allzu schwer sein.

Die Betroffenen heulen jetzt erwartungsgemäß ihre alte Leier, dass das Zensur sei und gegen „free speech“, das Recht auf freie Meinungsäußerung, gerichtet. Und genauso notorisch lässt sich darauf antworten: nein, ist es nicht. Schon in der Vergangenheit konnte kein Verlag gezwungen werden, Dinge zu veröffentlichen, die ihm nicht gefielen. Und auch heute noch ist es jedem/r unbenommen, die eigene Plattform zu gründen, Fans zu finden und vor allem: Geldgeber. Das macht Mühe. Deshalb kam man in der rechten Szene vor einiger Zeit auf die Idee, zu russischen Social-Media-Plattformen zu wechseln. Super Idee. Ist was daraus geworden? Natürlich nicht, sitzen ja nur die immer gleichen Leute am Stammtisch.

Selbst harmlose Hobbyblogger (willkürlich herausgegriffenes Beispiel) berichten in naiver Offenheit, dass Facebook vor allem anziehend ist wegen seiner Reichweite. Reichweite ist das Stichwort, nichts anderes. Reichweite auch noch für die absurdesten Gedanken, die schlimmsten Verleumdungen. Reichweite für umsonst (vermeintlich). Das war aber nur der Köder. Inzwischen kostet echte Reichweite, auch bei WordPress. Ein legitimes Mittel, den Strom einzudämmen. Und ein Schritt in die weitere Professionalisierung der Datenerhebung und -verwertung.

FB braucht die Agitatoren nicht mehr, die es als Brandbeschleuniger nutzten und damit zugleich massenhaft Leute auf die Plattform holten. Die freiwillig nützlichen Idoten haben ausgedient, der „Narrensaum“ wird abgeschnitten (mit dem Begriff des Narrensaums hat die FPÖ ausnahmsweise einmal ins Schwarze getroffen). Die, die meinen, Relevantes zu sagen zu haben, zahlen dafür. Die, die nicht zahlen wollen, werden zurückgeschickt in private Chats und geschlossene Gruppen, wo sie unter sich bleiben – und FB will dort sogar künftig verschlüsseln und schützen usw. Denn umfassenden Zugang zu den Nutzerdaten und Überblick über das Nutzerverhalten hat FB inzwischen ohnehin. Was da geredet wird, interessiert nur noch nachrangig. Wichtig ist die Auswertung der Interaktionen an sich, daraus lassen sich viel weiter reichende und vermarktbare Schlüsse ziehen. Alles, was dieses Geschäft stört, muss weg. Im aktuellen Fall ist dies wirklich kein Verlust, eher ein Dienst an der Gesellschaft, das will ich FB unumwunden zugestehen. Beim Rest muss jeder selber wissen, wie er es damit hält. Wie sagte gestern ein Ökonomieprofessor: „In dem Augenblick, in dem Geld dafür fließt, dass man die großen Onlinedienste nutzt und somit mit Daten füttert, werden meine Studenten den ganzen Tag nichts anderes mehr tun als Onlinedienste zu nutzen und Daten zu erzeugen.“ Doch solche gekauften Daten seien wertlos, deshalb werden wir weiterhin umsonst liefern müssen. Und hoffen, dass der Gegenwert, also der Nutzen der Dienste und Netzwerke, stimmt. So betrachtet ist FB gestern für mich ein gutes Stück wertvoller geworden (auch wenn ich es nicht nutze…)

Bei FB wird Gold geschürft, echtes Gold. Die Narzissten, die sich allein berauschen am Katzengold aus Likes und Followern und Shitstorms, stören dieses Geschäft. Werden sie es je kapieren?

Dschungeldampf und Gipfellinie

Wen sehen wir hier? Peter Handke, verkleidet, beim Pilzesuchen? Götz Kubitschek beim Training im Vorharz? Che Guevara als  Dschungelkämpfer? (Lynx, der in eine Fotofalle geraten ist?) Das Bild ist über 50 Jahre alt, damals hat Handke noch überwiegend geschrieben und GK noch nicht mal in die Windeln gemacht. Aber der Che ist mir eingefallen, als ich dieser Tage auf GKs Sezession gelesen habe, wir er sich mit Martin Sellner darüber unterhält, dass sie ihren Partisanenkampf neu ausrichten müssen. Lohnt sich zu lesen. Wie man überhaupt mit Rechten gar nicht reden soll – es reicht, sie zu lesen, mehr will man gar nicht wissen. Beim Lesen besagten Beitrags sind allerdings merkwürdige Erinnerungen und Assoziationen in mir aufgestiegen: da war doch was. Und ich war überrascht, was ich dazu beim alten Guerillero Che Guevara gefunden habe. Dazu später mehr.

GKs Gedankenaustausch mit Sellner nennt sich „Briefwechsel“ und liefert interessante Einblicke in das, was die beiden Autoren „Denken“ nennen. Es soll um eine Positionsbestimmung der „Identitären Bewegung“ (IB) gehen, zu deren Köpfen sich die beiden zählen (wenn sie sie nicht gar erfunden haben?) und ob die Zeiten nun besser oder schlechter werden. Man versichert sich gegenseitig, wie friedliebend und voll und ganz verfassungstreu man sei und auf immer und ewig bleiben werde, an etwas anderes sei gar nie nicht jemals gedacht. Dies alles wird vorgetragen in einem zuweilen kämpferisch-militaristischen Ton, der irgendwie gar nicht zu dieser eigentlich guten Botschaft passen will. Freischärler-Jargon. Insbesondere Sellner tut sich da sehr hervor, Kubitschek wählt subtilere Formulierungen. Aber immer geht es darum, so zu tun, als lebe man in einer Ausnahmesituation, unter einer existenziellen Bedrohung durch ein übermächtiges System. Man fühlt sich vom „System“ zu unrecht verfolgt und nutzt fröhlich und ungestraft alle Kanäle der freien Meinungsäußerung dieses Systems. Alles ernst oder nur infantiles „Indianerspielen“? Aktuelle Spielsituation:

Derzeit befinde man sich „auf allen Ebenen im Verteidigungsmodus“, weil ein „Vernichtungsschlag“ stattgefunden habe (Sellner): „Der metapolitische Weg auf der Gipfellinie und das Managen einer Partei im Spannungsfeld zwischen Realismus und Fundamentalismus ist ein täglicher, zäher Stellungskampf, den man niemals final gewinnen kann. Viele glauben, wenn ein Akteur verschwände, verschwände auch der Kampf. Ich glaube das ist falsch…

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der metapolitische Weg auf der Gipfellinie – solchen Stuss verzapft dieser Sellner. Will Nietzsche imitieren und klingt dann doch nur nach Ernst Jünger. Dampfplauderei, die Eindruck machen soll aber doch nur gequirlte Wortscheiße ist. Vielleicht sollte Peter Handke sich das mal vornehmen, der ist auch Österreicher und kann sich vielleicht besser hineinversetzen, was in so einem Kopf vorgeht. Aber der geht eben inzwischen lieber Pilze sammeln, das ist gescheit. Mehr hat Handke damit auch gar nicht zu schaffen, er ist nur wegen dieser blöden Österreicher-Assoziation hier herein geraten – tut mir leid Herr Handke und viel Erfolg beim Sammeln (wenn dann wieder Saison ist). Zurück zum „Stellungskampf“ von Sellner (woran muss ich da noch denken?)

Sellner: Nun sollen wir also die neuen Nazis sein? Wenn ja, dann bitte: Noch nie zuvor klaffte die „Nazidiffamierung“ durch das System und die Realität einer Bewegung so sehr auseinander.“ – Oliver Welke würde sagen: Äh, nein. Hier klafft nichts auseinander, hört euch einfach nur mal selber zu.

Sellner: „Xenophobie, Hetze, NS-Nostalgie und Gewalt sucht man in beiden Gruppierungen [AfD und IB] vergeblich.“ – Nochmal: äh, nein, nicht vergeblich! Muss ich die vielen Vogelschiss-Beispiele aufführen?

Sellner: „Die Existenzvernichtung ist Erfolgsbedingung unserer Gegner, somit wird das (meta)politische Überleben bereits Jahr für Jahr zu einem kleinen Sieg.

So viel Schmonz scheint selbst Kubitschek überzogen, aber er kennt die Qualitäten der mitteldeutschen Gaue am Harz: „Es kommt in den kommenden Monaten alles darauf an, dem äußeren Gegner geschlossen und selbstbewußt entgegenzutreten und seine Waffe, den Verfassungsschutz, als das aussehen zu lassen, was er ist, wenn er auf Granit trifft: ein stumpfes Schwert.“ 

Andererseits wittert Kubitschek Verrat an der IB durch die AfD, die sich, um sich selbst reinzuwaschen, von der IB distanzieren könnte: die IB als Opfer, damit die AfD ins Establishment aufrücken kann. Was für ein süffisanter Gedanke! Die Zersetzung wirkt (und ohne Opfer-Attitüde geht es bei den Rechten nicht).  Um das zu verhindern, rät GK dazu, sich wieder mehr von der AfD zu distanzieren und sich auf die eigenen Kräfte als „Teil der rechten metapolitischen Landschaft begreifen“, die sich um den Verfassungsschutz „als einer Waffe des Gegners nicht schert – für mich klingt das nach Partisanentaktik, nach rechter Guerilla. Ob sie jetzt Poggenburgs sog. „Patrioten“ unterwandern wollen?

Wegen dieses ganzen Partisanengetues muss ich bei den Verlautbarungen der faschistischen „Vordenker“ immer wieder an Che Guevara denken, diesen revolutionären Posterboy der 68-er Zeit (und ernstzunehmenden Arzt und Revolutionär in Kuba). Wie das? In seinem „Bolivianischen Tagebuch“ schildert er minutiös, wie er mit ein paar kubanischen Freiwilligen und einheimischen Kleinbauern im bolivianischen Hinterland einen Guerillakrieg aufziehen wollte. Die Unternehmung ist letztlich kläglich gescheitert und hat ihn und seine Mitstreiter das Leben gekostet. Wenn man in jugendlichen Sturm- und-Drang-Jahren eine Anleitung dafür haben möchte, wie man sein Leben erfolgreich verpfuschen kann, dann ist das „Tagebuch“ eine sehr taugliche Handreichung.

Es mag vollkommen an den Haaren herbeigezogen sein, irgendwelche ernsthaften Parallelen ziehen zu wollen zwischen den Schilderungen eines „Befreiungskriegers“ aus Südamerika und dem Freischärler-Habitus der IB und der Leute der Sezession um Kubitschek in Schnellroda, aber ich kriege diese Assoziationen, die letztlich eher ironischer Natur sind (vor ernstem Hintergrund), nicht aus dem Kopf und will ihnen ein wenig nachgehen. Der eine ist in einen echten Krieg gezogen ist, die anderen wollen eigentlich nur von Politik reden, erachten diese aber offenbar ebenfalls eine Art Krieg oder zumindest als Kriegsspiel. In beiden Fällen führt das in meinen Augen zu einer gestörten Wahrnehmung der Realität, weil sie nur durch die zu Sehschlitzen verengten Augen des Kämpers wahrgenommen wird, der teils bewusst, teils unbewusst der Fokussierung wegen die sonstigen „Regungen“ um sich herum ausblendet und so nicht mehr das gesamte Bild zu erkennen vermag. Obwohl ich Guevaras Buch gelesen habe, als ich noch recht lebensunerfahren war, erinnere ich mich, wie ich oft den Kopf geschüttelt habe über so viel Verblendung aus missionarischem Eifer.

Guevara hat seine meist täglichen Einträge am Monatsende um eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Ereignisse ergänzt, so kann der Ablauf des „Kampfes“ im Zeitraffer nachverfolgt werden. Die Unternehmung beginnt am 7. November 1966: „Heute beginnt eine neue Etappe. In der Nacht kamen wir auf dem Gut an. Die Reise verlief einigermaßen glatt. Nachdem wir, gebührend verkleidet, über Cochabamba eingereist waren, stellten Pachungo und ich die Kontakte her…“ – Ähnlich liest sich das wohl im Tagebuch von Kubitschek, nach dem er sein „Rittergut“ in Schnellroda bezogen hatte. Die November-Zusammenfassung lautet dann auch: „Alles ist ziemlich gut verlaufen: meine Ankunft ohne Schwierigkeiten […] Die entscheidenden Mitarbeiter von Ricardo schließen sich der Erhebung allen Widerständen zum Trotz an. Die Aussichten sind gut in dieser abgelegenen Region, wo alles darauf hindeutet, dass wir praktisch so lange bleiben können, wie wir es für richtig halten…“ – Zwischen Naumburg und Kyffhäuser, nahe der Saale, mittelalterliches deutsches Grenzland: ein wunderbar stiller und so geschichtsträchtiger Unterschlupf für eine 1%-Bewegung.

Die Vorbereitungen für den Kampf gedeihen, so heißt es Ende Dezember: Die Gruppe der Kubaner hat sich erfolgreich vervollständigt, die Moral der Leute ist gut, es gibt nur kleine Probleme. Mit den Bolivianern geht es gut, wenn es auch nur wenige sind….“ – Zum Mitraten: wodurch muss man Kubaner und Bolivianer ersetzen, um die Parallele zu entschlüsseln? Hier ein Vorschlag.

Ende Januar 1967 tun sich dann erste Differenzen und Schwierigkeiten auf: „Wie ich erwartete, war Monjes [ein kommunistischer Parteifunktionär] Haltung im ersten Moment ausweichend und dann verräterisch. Schon schmiedet die Partei Waffen gegen uns. Ich weiß nicht, wohin das führen wird, doch das wird uns nicht bremsen, und vielleicht wird es sich langfristig sogar günstig auswirken (fast bin ich dessen sicher). Die ernsthaftesten und kampfbereitesten Leute werden auf unserer Seite stehen, auch wenn sie mehr oder minder schwere Gewissenskrisen durchmachen müssen. […] Von allem Geplanten ging die Einreihung der bolivianischen Kämpfer am langsamsten vonstatten.“ – Ich weiß nicht, ist das jetzt Guevara oder schrieb das Kubitschek in seinem „Briefwechsel“ ? Erfasst mich da nicht ein leichter Schwindel?

Wir werden Zeugen werden eines Herumirrens im tiefsten Dschungel. Keine Gipfellinie auch nur zu erahnen im Nebel.

Warten wir auf die Februar-Zusammenfassung, wann immer es so weit sein wird. Doch so viel kann man getrost spoilern: am Ende ging die Sache schief, weil die Bolivianer nicht recht wussten, wozu diese importierte Revolution letztlich gut sein sollte und keinen Bock drauf hatten, sich deswegen blutige Nasen oder mehr zu holen.


Literatur: Guevara, Ernesto Che. Bolivianisches Tagebuch, München: Trikont-Verlag, 1980. Auch das Bild wurde diesem Band entnommen und geringfügig editiert.

Blaue Nase

Haben die blauen Kobolde von der AfD ernsthaft geglaubt, sie besäßen das Monopol auf Boshaftigkeit? Andererseits: wer hätte den grauen Männern vom Verfassungsschutz bauernschlaue Boshaftigkeit zugetraut? Nach offenbar reiflicher Überlegung hatte man den „Prüffall“ AfD im Januar öffentlich gemacht. Jetzt haben sie bei der AfD wieder Schaum vor dem Mund und Klage eingereicht, weil sie die „Ausübung der parteilichen“ Tätigkeit“ in „erheblichem Maße“ erschwert sehen. Dabei hatte es der Verfassungsschutz doch nur gut gemeint: der öffentliche Hinweis, dass es für eine Beobachtung der AfD noch nicht hinreichend „verdichtete“ Anhaltspunkte gäbe, sei gegeben worden, weil dies doch „eher zu einer Entlastung der Partei“ führe.

Kommt euch bei der AfD eine solche Öffentlichkeitspolitik denn nicht bekannt vor? Erst einmal einen Pflock einrammen, ihn bei anschwellender Kritik wieder herausziehen, freundlich damit winken und nur wenig seitwärts wieder einrammen. Oder zurückrudern ohne zurückzurudern. Ihr hattet immer gemeint, so bauernschlau sei nur die AfD? Weit gefehlt. Das pluralistische System ist vielleicht etwas träge manchmal, aber dennoch lernfähig. Und kann sehr genüsslich zurückschlagen. Lynx denkt sich, das war ein echter Schenkelklopfer, als diese Idee beim BfV geboren wurde (nachdem das U-Boot Maaßen gegangen und die Laune wieder gestiegen war). Die Prognose sei gewagt: mit der Klage werden sich die blauen Kobolde auch noch eine tiefblaue Nase abholen.