Gelber Sack, Blauer Sack, Fontane im Abgang

Merkwürdige Nachrichten aus einem Wochentag.

Gelber Sack: im Wirtschaftsteil lese ich, dass über 95 % der PET-Flaschen der Henkel-Produkte (und anderer Marken) aus recycelten Einweg-Getränkeflaschen bestehen. So gut wie keine Verwendung findet Recyclat aus dem System des Gelben Sacks, für das hierzulande seit rund 30 Jahren fein säuberlich getrennt und gesammelt wird. Das läge nicht in der notwendigen Quantität und Qualität vor, sagt Henkel. Stattdessen wird das „reinere“ PCR-Plastik lieber aus dem europäischen Ausland importiert und das Plastik aus dem Gelben Sack zu mehr als der Hälfte verbrannt, sagt das Umweltbundesamt. Kurz gesagt: dieses System macht so offenbar keinerlei Sinn. Die Industrie holt sich ihre Rohstoffe, wo sie will, die Konsumenten erliegen einer Kreislauf-Illusion. Sollte man doch grundlegend ändern, oder nicht? (SZ Nr. 156/2019, S. 15)

Blauer Sack: Leider denke ich inzwischen bei fast jedem Thema: was sagt eigentlich die AfD dazu? Interessiert die sich für echten Müll, Recycling, Kreislaufwirtschaft?

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The Monty Python Sundowner

Monty Python galten einmal als Inbegriff absurden britischen Humors. Jetzt weiß man nicht mehr recht, ob sie sich dort nicht in den Fallstricken der eigenen absurden Geschichte(n) verheddert haben. Der alte John Cleese leistet sich jedenfalls „first class“-Realsatire und sorgt damit in England und bei den Rechten für Furore.

Schon vor ein paar Jahren stellte er fest, dass London offenbar keine „englische Stadt“ mehr sei. Nach der Europawahl erinnerte er auf seinem Twitter-Account an seinen Befund und führt als Beleg ins Feld, dass die Stadt ja auch mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt habe. Cleese ist Brexiteer einerseits, (angeblich) Liberaldemokrat andererseits. Geht eigentlich nicht zusammen. Jedenfalls ist ihm das seit einiger Zeit alles nicht mehr englisch genug daheim, weshalb er sich in die Karibik verfügt hat, auf ein beschauliches Eiland namens Nevis, wo die Welt noch übersichtlich ist (Einwohner: 11.500) und das Leben angenehm, „a relaxed and humorous life style, a deep love of cricket, and a complete lack of knife crime“, bei bestem Wetter versteht sich. Nevis war eine britische Kolonie und ist erst seit 1983 ein (leidlich) unabhängiger Zwergstaat.

Ein wenig arrogant, isn’t it? Der weiße Brite hat das natürliche Recht, es sich überall auf der Welt nett und bequem zu machen. Er hat ja die Kohle. Seine Ahnen haben die schönsten Weltregionen seinerzeit erobert, besetzt, ausgebeutet. Nein, „kultiviert“ nennt er das, der Brite. Drum darf er dort auch ein Herrenleben führen. Wem es nicht passt, ihm seinen Drink zu servieren, kann ja nach London auswandern.

Interessant ist dazu die Einschätzung des Kommentators von der rechten Sezession: Nevis sei ein Ort, „der vermutlich der Anywhere-lichkeit gänzlich unverdächtig ist.“ – Hä? – Hier tropft er heraus zwischen den Zeilen, der weiße Suprematismus, ganz unbedacht offenbar. Für einen britischen oder deutschen Nationalisten ist Somewhere Anywhere, denn ihm gehört ja die Welt. Was für eine Verwirrung. A Sundowner for Mr. Cleese, please!

Ferne Gestade sind Ruhestatt für unsere Träume, und ferne Länder existieren nicht für sich, sondern für uns,“ notiert Teju Cole (1). Cole ist mein Arzt, wenn es darum geht, am Puls der Zeit zu fühlen. Cleese? Puls: unruhig. Drink: noch einen.

(1) Cole, Teju. Brasilianische Erde, in: Vertraute Dinge, fremde Dinge. Essays, 2016.

Ins Blaue getroffen

Schockstarre in den rechten Blogs. Eine Schutzmacht ist implodiert. Das „Strachnin“-Gift wirkt. Dabei hatte man doch ganz andere Drehbücher im Kopf, gerade vor der Europa-Wahl, und keine Sekunde daran gedacht, dass die Protagonisten der gerne gehegten Verschwörungs-Plots die eigenen Leute sein könnten.

Ist es nicht kurios? Genau gestern erschien bei Vera Lengsfeld die Besprechung eines Thrillers: „Das Attentat“: Die Privatmaschine eines russischen Oligarchen und seiner Frau, einer Politikerin, sowie einer halben Milliarde Euro in bar stürzt in den Schweizer Bergen ab (leider nicht auf Ibiza). Bei den Ermittlungen stößt man auf eine Verbindung zwischen Moskau, Brüssel und dem Ausbruch einer rätselhaften hochansteckenden Infektion in der Ukraine, der viele Menschen zum Opfer fallen. Aber niemand in den Machtzentralen ist an einer Aufklärung interessiert…

Die Autorin ist eine Kollegin von Lengsfeld in der rechten Szene und veröffentlicht unter dem Pseudonym Frank Jordan seit einer Weile Geschichten, in denen es wohl um die ganz großen Verschwörungen geht. Den Inhalt ihres neuen Buchs umreißt sie, während der Entstehungsphase, so: „Stichworte: EU, Schweiz, Ukraine, Russland, Geld, Bargeld, inszenierte Krisen und immer wieder Menschen – ihre Leidenschaften, Wünsche, Seilschaften, Ränkespiele und Sehnsüchte. Selbstschutz, der Wille zur Macht und zum Machterhalt.“ Den Fall Strache hat sie durchaus treffend antizipiert. Die Reihenfolge der Attribute ist wohl nicht zufällig gewählt, denn ganz schlimm: die EU. Die Schweizer Autorin muss es ja wissen.

Lengsfeld schreibt dazu: „Hinter der wohlanständigen Fassade von Politik und Finanzwesen tun sich Abgründe auf, die derart realistisch geschildert werden, dass man sich unwillkürlich die Frage stellt, ob vielleicht etwas dran sein könnte, ob hinter dem, was der durchschnittliche Zeitungsleser als Politik präsentiert bekommt, vielleicht ganz andere Interessen im Spiel sind, von denen er nicht einmal ahnt.“
Und sie zitiert einen Kollegen, Robert Nef: „Dieser Thriller ist anders. Er spielt sich im Netzwerk von zentralen Regierungen ab, deren Interesse an der Machterhaltung gegenüber der allgemeinen Gefahrenprävention Vorrang hat. Politik fordert von den Reichen und von den Armen Geld mit dem Vorwand, beide voreinander zu schützen. Aber Tatsache ist: Letztlich schützen Politiker nur ihre eigenen Interessen.“

Heute mittag stellt sich Strache in Wien vor die Presse und sagt, es habe ein „gezieltes politisches Attentat“ auf ihn stattgefunden, faselt von „dirty campaigning“, „Schmutzkübelkampagne“, „Wahlkampfbeeinflussung durch ausländische Geheimdienste“ usw.

Entschuldigen S‘ bittschön: wer saß in der Villa auf Ibiza und hat sich bewirten lassen? Wer war so geldgeil, machtlüstern, dass er das eigene, gelegentliche Unwohlsein vergaß, und sich hinreißen ließ, das eigene Volk zu verraten? Die Presse verscherbeln, Staatsaufträge verticken, die Wasserversorgung gewinnträchtig privatisieren? Die Süddeutsche sagt das ganz richtig: er hätte jederzeit aufstehen können und gehen. Ein Mann von Charakter hätte das getan, schon nach einem kleinen Weilchen. Strache blieb sitzen. Und will jetzt auch noch austeilen?

Selten jedenfalls hat die rechte Szene mit ihren Verschwörungstheorien so ins Schwarze getroffen. Eigentlich ins Blaue, denn sie hatten keine Ahnung, dass die Verschwörer aus den eigenen Reihen kommen, im eigenen Haus sitzen. Porca miseria! In Wien liegt heute abend jedenfalls Revolution in der Luft. Aber von ganz anderer Art, als die rechten Einheizer das gerne hätten. Weggehuscht sind sie, mäuschenstill, gelähmt?

Die Autorin Frank Jordan zitiert zu ihrem Roman Alexander Solschenizyn: „Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien, sondern quer durch jedes Menschenherz.“ Ein ORF-Kommentator meinte heute zur Causa Strache: „Was in einem Menschen nicht drin ist, das kann auch nicht raus.“

Ein Landjunker reist

Gibt es das noch, dass einer aus der Provinz in die Hauptstadt fährt und Bauklötze staunt? Gibt es das noch (oder wieder), dass einer herabschaut auf das Städtische in einer Haltung, die eine merkwürdige Mischung ist aus Snobismus und (unverschuldeter?) Dämlichkeit? Lynx wundert sich und liest, dass Landjunker Kubitschle sein sächsisches Gütlein verlassen hat und, nebst Gattin, nach Berlin gereist ist. Konnte er sich nicht entgehen lassen, diese krude Konferenz der sog. „freien Medien“, die die AfD im Lüders-Haus des Bundestages veranstaltet hat – oder doch auch nicht. Denn die AfD wusste bis zum Schluss nicht, ob sie das jetzt wollen soll oder nicht. Darum gab es auch einen inoffiziellen Teil, wo es richtig schmuddlig wurde. Aber da war Kubitschle schon wieder auf dem Heimweg, dieser Nachschlag war unter seiner Würde, immerhin. Die Rückfahrt in der Bahn nutzte er zur Reflektion, oder sagen wir besser: Einordnung. Der Text ist tatsächlich aufschlussreich. Es geht da eigentlich weniger um die kuriose Veranstaltung, mit der er letztlich nicht warm wurde, sondern mehr um: Architektur. Und was er sich dazu so denkt.

Er informiert uns, dass das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus Sicherheitsschleusen hat und riesige kreisrunde Fenster mit Blick auf das Regierungsviertel: dazu fällt ihm „Blase“ ein. Diese gebaute „Blase“ hat außerdem viele Meter hohe Räume aus „dickem Glas“ und „nacktem Beton“ – und dies alles sei „gar nicht volksnah oder demokratisch.“ – Warum denn nicht? Weil es aus Beton ist und nicht zierlich gemauert? Weil es keine zugigen Butzenscheiben hat? Ist Beton ein neuer, unbekannter Werkstoff für ihn? Und was ist verkehrt an „nacktem Beton“ – verwechselt er groben Bunkerbeton mit 1a-Sichtbeton? Hat er eine leise Ahnung davon, welche Kunst es ist, Sichtbeton in vorzüglicher Qualität herzustellen, sichtbar bleibende Oberflächen zu schaffen, die nicht unter egalisierendem Putz versteckt werden müssten? Ingenieurskunst – kennste? Oder leben wir noch in den Zeiten des Maurerhandwerks vor 1850? (Doch selbst das Pantheon ist ja schon betoniert…) Eine Antwort bleibt K. uns schuldig. Es fehlt ihm die „Demut“ und es sieht zu wenig selbst gebaut aus: sprich, es fehlt ihm die Heimwerkeranmutung (wie sie ja in Schnellroda authentisch anzutreffen ist). Ein wahres Parlamentsgebäude sieht nach Praktiker aus (gibt’s nicht mehr…) – denkt er sich das? War es nicht schon immer so, dass eine Gesellschaft in ihrer Architektur gezeigt hat, dass sie aktuelle Technologien beherrscht, somit auf der Höhe der Zeit ist? Auf welcher Zeit-Höhe bewegt sich Kubitschek? Sollen wir uns rückwärts entwickeln, nur weil er keine Ahnung von Bautechnologie hat? Ängstigen ihn große Fenster, weil sie einen weiten Horizont eröffnen? Sollen wir lieber Fenster mit Scheuklappen bauen?

K. schreibt dann noch einiges Inhaltliche zur Veranstaltung, aber irgendwie zog das eher nebulös an ihm vorbei und hat ihn (und die „Bewegung“) nicht viel weiter gebracht, weil er dauernd durch die kreisrunden Fenster schauen musste. Schießscharten hätten seiner Konzentration besser geholfen? Am Ende kommt er zu dem Schluss, dass Schnellroda „samt Schrebergärten“ locker reinpassen würde ins Lüders-Haus. Dazu denkt Lynx sich:
a) Grobe Täuschung: mit Google-Maps überschlägig abgemessen hat das Lüders-Haus eine Grundfläche von ca. 250 x 100 m, Schnellroda mindestens von 600 x 600 m. Also selbst mit stapeln wird es da schwierig. Klingt halt so volksnah.
b) Hybris: wie kommt so ein selbsternannter Landjunker auf die Idee, dass er und noch ein paar Hanseln auf mehr Fläche residieren sollten als ein Parlamentsgebäude eines 80-Millionen-Volkes braucht, wo deutlich mehr Leute arbeiten als in Schnellroda je wohnen werden?

Könnte es sein, dass da einer „unheimlich“ volkstümlich tut und dabei so was von abgehoben ist, dass er schon das Gefühl für Maßstäbe verliert? Dass er nur vorgaukelt, sich mit der volkstümlichen Kleinmaßstäblichkeit von Katen abzugeben und mit ehrlichem gemauerten Handwerk (von dem er offensichtlich nichts versteht). Könnte es sein, dass das nur Attitüde ist, Bauernfängerei? (Komisch oder nicht: in Schnellroda gibt es eine Pension, die heißt „Zum Schäfchen“?)

Antiurbane Ressentiments sind in Deutschland seit langer Zeit, fast schon immer, ein Selbstläufer. Lange Zeit haben CDU/CSU dieses Feld beackert, bis sie erkennen mussten, dass sie auf diesem Weg allmählich in die Minderheit geraten. Also fischen an diesem ruralen Rand jetzt andere. Und träumen von gemauerten und adrett verputzten Palästen aus dem Baumarkt, die ihnen imaginierte Untertanen von reinstem germanischen Blut zusammenschustern würden (diese Maurer gibt’s auch nicht mehr). K.s Fahrt in die ewig sächsische Nacht.

Good Move

Facebook kann gute Schlagzeilen vertragen. Meint man, weil es doch so in Verruf geraten ist. Der Aktienkurs zeigt aber, dass der „Turnaround“ längst erfolgt ist. Technologisch haben sie dort nun (fast) alles beieinander, um in die nächste Runde zu gehen (an der eigenen Kryptowährung basteln sie wohl noch), also räumen sie alten Ballast ab. Das bringt, zusätzlich zum ohnehin brummenden Geschäft – gute Schlagzeilen.

Dennoch: der gestern ausgesprochene umfassende Bann gegen einige „namhafte“ rechtsextreme Pöbler, Einheizer und Volksverhetzer ist erfreulich. Und überfällig. Hoffen wir, dass FB auch hierzulande noch fündig wird, das sollte nicht allzu schwer sein.

Die Betroffenen heulen jetzt erwartungsgemäß ihre alte Leier, dass das Zensur sei und gegen „free speech“, das Recht auf freie Meinungsäußerung, gerichtet. Und genauso notorisch lässt sich darauf antworten: nein, ist es nicht. Schon in der Vergangenheit konnte kein Verlag gezwungen werden, Dinge zu veröffentlichen, die ihm nicht gefielen. Und auch heute noch ist es jedem/r unbenommen, die eigene Plattform zu gründen, Fans zu finden und vor allem: Geldgeber. Das macht Mühe. Deshalb kam man in der rechten Szene vor einiger Zeit auf die Idee, zu russischen Social-Media-Plattformen zu wechseln. Super Idee. Ist was daraus geworden? Natürlich nicht, sitzen ja nur die immer gleichen Leute am Stammtisch.

Selbst harmlose Hobbyblogger (willkürlich herausgegriffenes Beispiel) berichten in naiver Offenheit, dass Facebook vor allem anziehend ist wegen seiner Reichweite. Reichweite ist das Stichwort, nichts anderes. Reichweite auch noch für die absurdesten Gedanken, die schlimmsten Verleumdungen. Reichweite für umsonst (vermeintlich). Das war aber nur der Köder. Inzwischen kostet echte Reichweite, auch bei WordPress. Ein legitimes Mittel, den Strom einzudämmen. Und ein Schritt in die weitere Professionalisierung der Datenerhebung und -verwertung.

FB braucht die Agitatoren nicht mehr, die es als Brandbeschleuniger nutzten und damit zugleich massenhaft Leute auf die Plattform holten. Die freiwillig nützlichen Idoten haben ausgedient, der „Narrensaum“ wird abgeschnitten (mit dem Begriff des Narrensaums hat die FPÖ ausnahmsweise einmal ins Schwarze getroffen). Die, die meinen, Relevantes zu sagen zu haben, zahlen dafür. Die, die nicht zahlen wollen, werden zurückgeschickt in private Chats und geschlossene Gruppen, wo sie unter sich bleiben – und FB will dort sogar künftig verschlüsseln und schützen usw. Denn umfassenden Zugang zu den Nutzerdaten und Überblick über das Nutzerverhalten hat FB inzwischen ohnehin. Was da geredet wird, interessiert nur noch nachrangig. Wichtig ist die Auswertung der Interaktionen an sich, daraus lassen sich viel weiter reichende und vermarktbare Schlüsse ziehen. Alles, was dieses Geschäft stört, muss weg. Im aktuellen Fall ist dies wirklich kein Verlust, eher ein Dienst an der Gesellschaft, das will ich FB unumwunden zugestehen. Beim Rest muss jeder selber wissen, wie er es damit hält. Wie sagte gestern ein Ökonomieprofessor: „In dem Augenblick, in dem Geld dafür fließt, dass man die großen Onlinedienste nutzt und somit mit Daten füttert, werden meine Studenten den ganzen Tag nichts anderes mehr tun als Onlinedienste zu nutzen und Daten zu erzeugen.“ Doch solche gekauften Daten seien wertlos, deshalb werden wir weiterhin umsonst liefern müssen. Und hoffen, dass der Gegenwert, also der Nutzen der Dienste und Netzwerke, stimmt. So betrachtet ist FB gestern für mich ein gutes Stück wertvoller geworden (auch wenn ich es nicht nutze…)

Bei FB wird Gold geschürft, echtes Gold. Die Narzissten, die sich allein berauschen am Katzengold aus Likes und Followern und Shitstorms, stören dieses Geschäft. Werden sie es je kapieren?

Dschungeldampf und Gipfellinie

Wen sehen wir hier? Peter Handke, verkleidet, beim Pilzesuchen? Götz Kubitschek beim Training im Vorharz? Che Guevara als  Dschungelkämpfer? (Lynx, der in eine Fotofalle geraten ist?) Das Bild ist über 50 Jahre alt, damals hat Handke noch überwiegend geschrieben und GK noch nicht mal in die Windeln gemacht. Aber der Che ist mir eingefallen, als ich dieser Tage auf GKs Sezession gelesen habe, wir er sich mit Martin Sellner darüber unterhält, dass sie ihren Partisanenkampf neu ausrichten müssen. Lohnt sich zu lesen. Wie man überhaupt mit Rechten gar nicht reden soll – es reicht, sie zu lesen, mehr will man gar nicht wissen. Beim Lesen besagten Beitrags sind allerdings merkwürdige Erinnerungen und Assoziationen in mir aufgestiegen: da war doch was. Und ich war überrascht, was ich dazu beim alten Guerillero Che Guevara gefunden habe. Dazu später mehr.

GKs Gedankenaustausch mit Sellner nennt sich „Briefwechsel“ und liefert interessante Einblicke in das, was die beiden Autoren „Denken“ nennen. Es soll um eine Positionsbestimmung der „Identitären Bewegung“ (IB) gehen, zu deren Köpfen sich die beiden zählen (wenn sie sie nicht gar erfunden haben?) und ob die Zeiten nun besser oder schlechter werden. Man versichert sich gegenseitig, wie friedliebend und voll und ganz verfassungstreu man sei und auf immer und ewig bleiben werde, an etwas anderes sei gar nie nicht jemals gedacht. Dies alles wird vorgetragen in einem zuweilen kämpferisch-militaristischen Ton, der irgendwie gar nicht zu dieser eigentlich guten Botschaft passen will. Freischärler-Jargon. Insbesondere Sellner tut sich da sehr hervor, Kubitschek wählt subtilere Formulierungen. Aber immer geht es darum, so zu tun, als lebe man in einer Ausnahmesituation, unter einer existenziellen Bedrohung durch ein übermächtiges System. Man fühlt sich vom „System“ zu unrecht verfolgt und nutzt fröhlich und ungestraft alle Kanäle der freien Meinungsäußerung dieses Systems. Alles ernst oder nur infantiles „Indianerspielen“? Aktuelle Spielsituation:

Derzeit befinde man sich „auf allen Ebenen im Verteidigungsmodus“, weil ein „Vernichtungsschlag“ stattgefunden habe (Sellner): „Der metapolitische Weg auf der Gipfellinie und das Managen einer Partei im Spannungsfeld zwischen Realismus und Fundamentalismus ist ein täglicher, zäher Stellungskampf, den man niemals final gewinnen kann. Viele glauben, wenn ein Akteur verschwände, verschwände auch der Kampf. Ich glaube das ist falsch…

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der metapolitische Weg auf der Gipfellinie – solchen Stuss verzapft dieser Sellner. Will Nietzsche imitieren und klingt dann doch nur nach Ernst Jünger. Dampfplauderei, die Eindruck machen soll aber doch nur gequirlte Wortscheiße ist. Vielleicht sollte Peter Handke sich das mal vornehmen, der ist auch Österreicher und kann sich vielleicht besser hineinversetzen, was in so einem Kopf vorgeht. Aber der geht eben inzwischen lieber Pilze sammeln, das ist gescheit. Mehr hat Handke damit auch gar nicht zu schaffen, er ist nur wegen dieser blöden Österreicher-Assoziation hier herein geraten – tut mir leid Herr Handke und viel Erfolg beim Sammeln (wenn dann wieder Saison ist). Zurück zum „Stellungskampf“ von Sellner (woran muss ich da noch denken?)

Sellner: Nun sollen wir also die neuen Nazis sein? Wenn ja, dann bitte: Noch nie zuvor klaffte die „Nazidiffamierung“ durch das System und die Realität einer Bewegung so sehr auseinander.“ – Oliver Welke würde sagen: Äh, nein. Hier klafft nichts auseinander, hört euch einfach nur mal selber zu.

Sellner: „Xenophobie, Hetze, NS-Nostalgie und Gewalt sucht man in beiden Gruppierungen [AfD und IB] vergeblich.“ – Nochmal: äh, nein, nicht vergeblich! Muss ich die vielen Vogelschiss-Beispiele aufführen?

Sellner: „Die Existenzvernichtung ist Erfolgsbedingung unserer Gegner, somit wird das (meta)politische Überleben bereits Jahr für Jahr zu einem kleinen Sieg.

So viel Schmonz scheint selbst Kubitschek überzogen, aber er kennt die Qualitäten der mitteldeutschen Gaue am Harz: „Es kommt in den kommenden Monaten alles darauf an, dem äußeren Gegner geschlossen und selbstbewußt entgegenzutreten und seine Waffe, den Verfassungsschutz, als das aussehen zu lassen, was er ist, wenn er auf Granit trifft: ein stumpfes Schwert.“ 

Andererseits wittert Kubitschek Verrat an der IB durch die AfD, die sich, um sich selbst reinzuwaschen, von der IB distanzieren könnte: die IB als Opfer, damit die AfD ins Establishment aufrücken kann. Was für ein süffisanter Gedanke! Die Zersetzung wirkt (und ohne Opfer-Attitüde geht es bei den Rechten nicht).  Um das zu verhindern, rät GK dazu, sich wieder mehr von der AfD zu distanzieren und sich auf die eigenen Kräfte als „Teil der rechten metapolitischen Landschaft begreifen“, die sich um den Verfassungsschutz „als einer Waffe des Gegners nicht schert – für mich klingt das nach Partisanentaktik, nach rechter Guerilla. Ob sie jetzt Poggenburgs sog. „Patrioten“ unterwandern wollen?

Wegen dieses ganzen Partisanengetues muss ich bei den Verlautbarungen der faschistischen „Vordenker“ immer wieder an Che Guevara denken, diesen revolutionären Posterboy der 68-er Zeit (und ernstzunehmenden Arzt und Revolutionär in Kuba). Wie das? In seinem „Bolivianischen Tagebuch“ schildert er minutiös, wie er mit ein paar kubanischen Freiwilligen und einheimischen Kleinbauern im bolivianischen Hinterland einen Guerillakrieg aufziehen wollte. Die Unternehmung ist letztlich kläglich gescheitert und hat ihn und seine Mitstreiter das Leben gekostet. Wenn man in jugendlichen Sturm- und-Drang-Jahren eine Anleitung dafür haben möchte, wie man sein Leben erfolgreich verpfuschen kann, dann ist das „Tagebuch“ eine sehr taugliche Handreichung.

Es mag vollkommen an den Haaren herbeigezogen sein, irgendwelche ernsthaften Parallelen ziehen zu wollen zwischen den Schilderungen eines „Befreiungskriegers“ aus Südamerika und dem Freischärler-Habitus der IB und der Leute der Sezession um Kubitschek in Schnellroda, aber ich kriege diese Assoziationen, die letztlich eher ironischer Natur sind (vor ernstem Hintergrund), nicht aus dem Kopf und will ihnen ein wenig nachgehen. Der eine ist in einen echten Krieg gezogen ist, die anderen wollen eigentlich nur von Politik reden, erachten diese aber offenbar ebenfalls eine Art Krieg oder zumindest als Kriegsspiel. In beiden Fällen führt das in meinen Augen zu einer gestörten Wahrnehmung der Realität, weil sie nur durch die zu Sehschlitzen verengten Augen des Kämpers wahrgenommen wird, der teils bewusst, teils unbewusst der Fokussierung wegen die sonstigen „Regungen“ um sich herum ausblendet und so nicht mehr das gesamte Bild zu erkennen vermag. Obwohl ich Guevaras Buch gelesen habe, als ich noch recht lebensunerfahren war, erinnere ich mich, wie ich oft den Kopf geschüttelt habe über so viel Verblendung aus missionarischem Eifer.

Guevara hat seine meist täglichen Einträge am Monatsende um eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Ereignisse ergänzt, so kann der Ablauf des „Kampfes“ im Zeitraffer nachverfolgt werden. Die Unternehmung beginnt am 7. November 1966: „Heute beginnt eine neue Etappe. In der Nacht kamen wir auf dem Gut an. Die Reise verlief einigermaßen glatt. Nachdem wir, gebührend verkleidet, über Cochabamba eingereist waren, stellten Pachungo und ich die Kontakte her…“ – Ähnlich liest sich das wohl im Tagebuch von Kubitschek, nach dem er sein „Rittergut“ in Schnellroda bezogen hatte. Die November-Zusammenfassung lautet dann auch: „Alles ist ziemlich gut verlaufen: meine Ankunft ohne Schwierigkeiten […] Die entscheidenden Mitarbeiter von Ricardo schließen sich der Erhebung allen Widerständen zum Trotz an. Die Aussichten sind gut in dieser abgelegenen Region, wo alles darauf hindeutet, dass wir praktisch so lange bleiben können, wie wir es für richtig halten…“ – Zwischen Naumburg und Kyffhäuser, nahe der Saale, mittelalterliches deutsches Grenzland: ein wunderbar stiller und so geschichtsträchtiger Unterschlupf für eine 1%-Bewegung.

Die Vorbereitungen für den Kampf gedeihen, so heißt es Ende Dezember: Die Gruppe der Kubaner hat sich erfolgreich vervollständigt, die Moral der Leute ist gut, es gibt nur kleine Probleme. Mit den Bolivianern geht es gut, wenn es auch nur wenige sind….“ – Zum Mitraten: wodurch muss man Kubaner und Bolivianer ersetzen, um die Parallele zu entschlüsseln? Hier ein Vorschlag.

Ende Januar 1967 tun sich dann erste Differenzen und Schwierigkeiten auf: „Wie ich erwartete, war Monjes [ein kommunistischer Parteifunktionär] Haltung im ersten Moment ausweichend und dann verräterisch. Schon schmiedet die Partei Waffen gegen uns. Ich weiß nicht, wohin das führen wird, doch das wird uns nicht bremsen, und vielleicht wird es sich langfristig sogar günstig auswirken (fast bin ich dessen sicher). Die ernsthaftesten und kampfbereitesten Leute werden auf unserer Seite stehen, auch wenn sie mehr oder minder schwere Gewissenskrisen durchmachen müssen. […] Von allem Geplanten ging die Einreihung der bolivianischen Kämpfer am langsamsten vonstatten.“ – Ich weiß nicht, ist das jetzt Guevara oder schrieb das Kubitschek in seinem „Briefwechsel“ ? Erfasst mich da nicht ein leichter Schwindel?

Wir werden Zeugen werden eines Herumirrens im tiefsten Dschungel. Keine Gipfellinie auch nur zu erahnen im Nebel.

Warten wir auf die Februar-Zusammenfassung, wann immer es so weit sein wird. Doch so viel kann man getrost spoilern: am Ende ging die Sache schief, weil die Bolivianer nicht recht wussten, wozu diese importierte Revolution letztlich gut sein sollte und keinen Bock drauf hatten, sich deswegen blutige Nasen oder mehr zu holen.


Literatur: Guevara, Ernesto Che. Bolivianisches Tagebuch, München: Trikont-Verlag, 1980. Auch das Bild wurde diesem Band entnommen und geringfügig editiert.

Blaue Nase

Haben die blauen Kobolde von der AfD ernsthaft geglaubt, sie besäßen das Monopol auf Boshaftigkeit? Andererseits: wer hätte den grauen Männern vom Verfassungsschutz bauernschlaue Boshaftigkeit zugetraut? Nach offenbar reiflicher Überlegung hatte man den „Prüffall“ AfD im Januar öffentlich gemacht. Jetzt haben sie bei der AfD wieder Schaum vor dem Mund und Klage eingereicht, weil sie die „Ausübung der parteilichen“ Tätigkeit“ in „erheblichem Maße“ erschwert sehen. Dabei hatte es der Verfassungsschutz doch nur gut gemeint: der öffentliche Hinweis, dass es für eine Beobachtung der AfD noch nicht hinreichend „verdichtete“ Anhaltspunkte gäbe, sei gegeben worden, weil dies doch „eher zu einer Entlastung der Partei“ führe.

Kommt euch bei der AfD eine solche Öffentlichkeitspolitik denn nicht bekannt vor? Erst einmal einen Pflock einrammen, ihn bei anschwellender Kritik wieder herausziehen, freundlich damit winken und nur wenig seitwärts wieder einrammen. Oder zurückrudern ohne zurückzurudern. Ihr hattet immer gemeint, so bauernschlau sei nur die AfD? Weit gefehlt. Das pluralistische System ist vielleicht etwas träge manchmal, aber dennoch lernfähig. Und kann sehr genüsslich zurückschlagen. Lynx denkt sich, das war ein echter Schenkelklopfer, als diese Idee beim BfV geboren wurde (nachdem das U-Boot Maaßen gegangen und die Laune wieder gestiegen war). Die Prognose sei gewagt: mit der Klage werden sich die blauen Kobolde auch noch eine tiefblaue Nase abholen.

Seelenverkäufer

Der Hundekrawattenmann war von der Sezession nach Schnellroda eingeladen und hat einen Vortrag über Populismus gehalten, es gibt bei YouTube ein Video davon. Eine dreiviertel Stunde lang, mit vorhersehbarem Ergebnis: Wir werden von einer Globalisten-Elite geführt, die den Untergang des Abendlands herbeiführen will! Der Himmel wird über uns einstürzen! (Sorry, das war eine andere Geschichte, dazu später noch eine Anmerkung)

Schnellroda heißt, Gauland war zu Gast auf dem „Rittergut“ von Götz Kubitschek (der von sich sagt, er sei gottfroh, den Westen auch geistig hinter sich gelassen zu haben). Im Hintergrund sieht man das düstere Mittelalter in Form von kieseligen Ecksteinen einer Wand, die merkwürdig glänzen, wie plastifiziert: Schutzlacküberzug, aus dem Baumarkt? Dass nichts bröckelt? Dazu noch Efeuranken, sehen auch nach Erdölprodukt aus. Eine Szenerie wie aus einem billigen B-Movie.

Mir kommt dabei in den Sinn, dass im frühen Mittelalter die Franken ihre Hauptkonkurrenten um die Macht in Deutschland, die Alemannen, erfolgreich unter anderem damit ausschalteten, dass sie ein strategisches Netz von Burgen und Herrensitzen (auch Rittergütern?) im alemannischen Herrschaftsbereich etablierten und allmählich die Kontrolle übernahmen. Es gab zwar 746 auch noch das „Blutgericht zu Cannstatt“, wo Franken den alemannischen Adel zuletzt mit Gewalt ausmerzten, alles Wesentliche der Landnahme war aber schon vorher passiert.

Jetzt gibt es da diese Politiker und Influencer aus Westdeutschland, die allesamt dort nichts werden konnten oder, nach ihrer Selbstwahrnehmung nicht genug, und sie ziehen jetzt in den Osten. Kubitscheks „Rittergut“ ist die steingewordene Idee, wie diese altdeutsche „Elite“ sich ihr Land „zurückholt“. Gauland, der alte Hesse, spielt willig mit. Auch der biedere hessische Geschichtslehrer Höcke hat nach Thüringen rüber gemacht, er residiert jetzt in Sichtweite zur imposanten Burg Hanstein, die an strategischer Stelle und weithin sichtbar auf der Landesgrenze über der Werra thront. (Am liebsten würde er natürlich auf Hanstein einziehen, aber da müsste ihm erst jemand die Renovierung der Ruine finanzieren.) Alice Weidel vom Bodensee organisiert die Finanziers aus der Schweiz und Beatrix von Storch gibt die Volkstribunin aus altem preußischem Adel, was ein Widerspruch in sich ist, das musste schon mancher volksnahe Adelige erfahren.

Und dann schwadroniert Gauland von „nationaler Arbeiterschaft“ und „ nationalem Bürgertum“: das seien diejenigen, denen „Heimat etwas bedeutet, weil sie dort ihr Haus haben…“, weil „dort ihre Familie lebt“, weil „dort die Kirche steht, in der sie getauft wurden“ usw. – Warum nur sind dann so viele AfD-Funktionäre und andere neu-rechte Demagogen von daheim weggegangen? Hätten sie doch etwas mehr Heimatverbundenheit an den Tag gelegt! Ach so – sie sind ja Missionare, Ausgesandte – oder Seelenverkäufer?

Wer fällt auf einen solchen faulen Zauber herein?

Hat Ostdeutschland so wenig Saft und Kraft, dass es sich dieser Seelenverkäufer nicht entledigen kann? Oder hält man es dort für eine gute und zukunftsweisende Idee, sich hinter plastifiziertes Pseudo-Natursteinmauerwerk zurückzuziehen und Mittelalter zu spielen? Ist doch klar, wer hier die Bauern sein sollen und wer die „Edelmänner“.

Ist den Ostdeutschen diese „Elite“ lieber, als die, die sie haben (denn irgendeine gibt es immer)?

Wollen sie lieber eine, die ihnen nach dem Mund redet und ihnen den Stuhl unter’m Hintern wegzieht (wie aktuell in Italien zu beobachten) – oder eine, die versucht, genug Stühle zu beschaffen und dabei manchmal das Reden und Überzeugen vergisst, leider (Oder sollten sie endlich eine eigene formen, aus ihren eigenen Reihen, damit Denken und Handeln homogener werden?)

Immerhin bekennt Gauland freimütig, dass er ein Populist ist (den er lediglich als Opponenten zum „Establishment“ definiert) und räumt gleichzeitig ein, dass die AfD „nicht das Volk repräsentiert“. Das kann man jetzt sophistisch ausdeuten oder einfach so sehen wie es ist: hier wird versucht, ein anderes Establishment zu schaffen. Man wolle, als Populisten, „nicht über die Köpfe des Volkes hinweg entscheiden“, man „habe auch keine Angst vor dem Volk“: das kann man getrost abwarten. Wie lange wird in Italien diese eingebildete Verbrüderung mit dem Volk, die immer nur darin besteht, ‘nen Euro zu geben und die Arbeit liegen zu lassen, noch überleben?

Gauland stopft sein Pfeifchen, läuft gegen Ende des länglichen Vortrags zur Hochform auf: „Der Populismus ist die letzte Verteidigungslinie unserer Art zu leben“ und der „Migrant ist das revolutionäre Subjekt der Globalisten“. Undsoweiterundsofort…

Es mag ein Angriff auf die geliebte Folklore aus Kindertagen sein: aber ist Gauland nicht ein Majestix (oder Obelix wegen der Hundekrawatte?), der, assistiert vom umtriebigen Asterix Kubitschek einfallsreich das „Römische Reich“ bekämpft? Das „Rittergut“ in Schnellroda als das letzte freie gallische resp. sächsische Dorf, die Stellung gehalten von einem Ober-Schwaben? Funktioniert als Folklore immer noch, schöne Anekdoten. Hat aber mit Politik und historischen Entwicklungen und Wahrheiten nichts zu tun, man weiß ja, wie die Geschichte ausgegangen ist. Meinetwegen dürfen sie im Hof vom Rittergut auch noch lange Wildschweine grillen, davon gibt es wahrlich genug. Komisch aber, dass es die Franzosen immer noch gibt. Obwohl sie sich ihr Land nie „zurückgeholt“ haben. Man sollte doch lieber darüber nachdenken, wie das funktioniert hat. Hmmm.

Bildrechte: Martín Steinhagen für ZEIT ONLINE , verändert

AfD in Bayern zieht blank

Im Bayerischen Landtag fand heute eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus statt, bei der, neben anderen Holocaust-Überlebenden und Naziopfern, auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern eine Rede hielt. In der griff sie die AfD direkt und scharf an:

„Heute und hier ist eine Partei vertreten, die diese Werte [der freiheitlichen Demokratie, Anm. Lynx] verächtlich macht, die die Verbrechen der Nationalsozialisten verharmlost und enge Verbindungen ins rechtsextreme Milieu unterhält […] Diese sogenannte Alternative für Deutschland gründet ihre Politik auf Hass und Ausgrenzung und steht – nicht nur für mich – nicht auf dem Boden unserer demokratischen Verfassung.“

Darauf verließen die meisten AfD-Abgeordneten das Plenum, nur vier blieben zurück und muteten sich zu, was  Knobloch, selbst eine Überlebende des Naziterrors, ihnen zu sagen hatte. Respekt vor diesen vieren – doch der Rest? Die Vogelschiss-Partei hat, einmal mehr, die Maske fallen lassen. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen – oder doch?

Etliche der rechten Agitatoren und erklärten AfD-Sympathisanten, die vornehmlich von ihrem Islam-Hass getrieben sind, machen ja immer einen auf Verbrüderung mit Israel und den Juden, geben sich gar als Juden-Beschützer aus. Der Blogger und Aktivist David Berger tut sich da immer besonders hervor und ist entsprechend aufgeschreckt. In einer prompten Reaktion wirft der ewige Ministrant Berger, der Zeitzeugin Knobloch „schamlosen Missbrauch“ der Gedenkveranstaltung vor und wiederholt die auf seinem Blog verbreitete Unterstellung, Knobloch würde „immer wieder durch beleidigende, Nationalsozialismus und Holocaust bagatellisierende Aussagen“ auffallen.

Welche Veranlassung sollte sie haben, ihr persönliches Leid, das ihrer Familie und ihres Volkes zu bagatellisieren?

Wie kommt so ein windiger Prediger wie Berger dazu, so etwas zu unterstellen?

Er tut ja gerade so, als würde Knobloch justitiabel agieren – möchten Berger und seine Gesinnungsgenossen jetzt offizielle Vertreter der jüdischen Gemeinde vor Gericht zerren, um den Juden ihre Sicht auf ihre eigene Geschichte zu verbieten? Oder will er einfach nur behaupten, die Faschisten wüssten besser, wie man Holocaust zu interpretieren hat? Nämlich als Vogelschiss in der langen deutschen Geschichte? Oder kann mir einer erklären, wie sonst ein Schuh draus wird?

Quelle: Süddeutsche Zeitung 23.01.19 – Dort auch ein Video der einschlägigen Passage.

Kornblumenlese

Vor einem Jahr hat Lynx beanstandet, dass Poggenburg bei den blauen Kobolden der AfD nicht recht greifbar ist und ihn als Schleimer bezeichnet. Das hat der damals nicht auf sich sitzen lassen, zwei Monate später gab er dann den eingebildeten Türkenbezwinger, damit war es vorbei mit der Parteikarriere. Seitdem hat er offenbar gebrütet, wie er seiner Heldenbestimmung neuen Rückenwind verleihen könnte. Und war ausgerechnet beim Kornblumenpflücken. So einfach scheint das noch zu sein: nimm die Rezepte, die schon vor 120 Jahren falsch waren (und letztlich in zwei Kriegskatastrophen geführt haben), versammle ältere Männer um dich und ab mit der Marie? Das „intransigente Justamentnicht“ soll beim „Asyl deutscher Patrioten“ (AdP) jetzt zur Parteidoktrin erhoben werden. Die Kornblume ist das Emblem, „soziale, nationale, solidarische Heimatpartei“ die Selbstzuschreibung. Deutlicher kann man sich mit der NPD nicht gemein machen, beim Verfassungsschutz wird er sich damit keine Freunde machen. Auch zum wölfischen Wesen als Markenkern hat er sich bei seinem Auftritt im „Heidekrug“ bekannt: er und seine Kameraden werden sich den Erfolg, der ihnen zusteht, holen, sagte er da. Ganz das Raubtier. Und seit wann steht einem Erfolg einfach so zu – ist Erfolg eine Art bedingungsloses Grundeinkommen bei Faschisten?

Da muss sich Höcke bald entscheiden: „heute lautet die Frage Schaf oder Wolf. Und ich, liebe Freunde, meine hier, wir entscheiden uns in dieser Frage: Wolf.“, sagte er beim Kyffhäusertreffen 2018 in schlechtester Goebbels-Manier. Wie lange der Wolf es in der AfD noch aushält, wo man doch jetzt eher dazu neigt, zu den Schafen zu gehören, weil das verlässlicheres Futter sprich Diäten und sonstige staatliche Zuwendungen, z.B. für Parteistiftungen, abwirft? Aber Schafsein und Faschistsein, das schließt sich doch einfach aus, oder nicht? Erfreulich aber, dass Höcke jetzt zwischen allen Stühlen sitzt, weil Poggenburg schneller war…

Eine große Genugtuung für Lynx aber ist, dass Faschisten alle keine Ahnung von Ökologie haben. Die Kornblume als Ackerunkraut ist ja ganz hübsch. Und dem Laien, der in der freien Feldflur lustwandelt, kann sie anzeigen, wo Biolandwirte wirtschaften, wo auf Herbizideinsatz verzichtet wird. Wunderbar farbige Einsprengsel, erst recht zusammen mit rotem Klatschmohn – hach. Doch was wäre, wenn wir eine Kornblumen-Monokultur hätten? Ich fürchte, dann würden wir alle verhungern, denn von deren Samen wird man einfach nicht satt. Also betrachten wir Korn-und Mohnblumen weiterhin als Merkmale von funktionierender Biodiversität. Auch Männer jenseits der 50 brauchen ihr Biotop, genauso wie Instagram-Influencer*innen von zarten 17 Jahren. Je differenzierter ein Ökosystem ist, je größer seine Biodiversität, desto besser ist es gegen Schicksalsschläge oder sonstige Unbilden gewappnet. Monokulturen, egal welcher Couleur, sind auf Dauer sehr anfällig. Ach ja, und Wölfe verhungern, wenn es keine Schafe mehr gibt. Auch das so eine Sache: es muss immer mehr Schafe als Wölfe geben, damit die Ökologie der Wölfe funktioniert. Einfach mal drüber nachdenken die Herren!

(Oder impliziert das, dass es in der Demokratie nie eine Wolfsherrschaft geben kann? Und weil es, aus Faschistensicht die Wolfsherrschaft doch unbedingt braucht, muss folglich… – q.e.d.)

Zündler

Neulich meinte ich ja, die Rechten würden ihr Denken und ihre Absichten verschleiern, bewusst unklar reden, damit man ihrer nicht habhaft werden kann. Stimmt so nicht ganz. Manchmal muss man sich mühsam durch den Schwulst ihrer Schreibe arbeiten, bis man dann an die Stellen vordringt, wo es aus ihnen herausbricht. Beispielhaft, weil höchst aktuell: Götz Kubitscheks Rückblick auf 2018, ein Blogbeitrag in der Sezession vom 01.01.2019 (Hervorhebungen Lynx):

[…]viele Gespräche mit AfD-Politkern, mit den Protagonisten von örtlichen und überregionalen Protestbewegungen, mit bewährten und möglichen Autoren, mit Wissenschaftlern, die sich um die neue AfD-Stiftung zu sammeln beginnen, mit Verleger-Kollegen, mit Blog-Betreibern, mit Intellektuellen aus den anderen Lagern[…] Unsere Leitfragen sind in solchen Gesprächen stets dieselben: Ist der Ernstfall (also der Verteidigungsfall der eigenen Kultur) in Deutschland ausgeschlossen? Wenn nicht: Wann, wenn nicht jetzt, wäre eine resolute und konsequente Reaktion angemessen? Und zuletzt: Wie kann es gelingen, die für einen „Aufstand für das Eigene“ notwendige Energie zu wecken und zu bündeln? […]
Darf ich die Gespräche zusammenfassen? Wir suchten nach einer Antwort, fanden aber keine. Die Begriffsfindungspräzision, die Erklärungsschärfe, das Auffindungsnetz – unser Milieu (im weitesten Sinne) hat alles, kann alles, weiß alles, um Kampagnen gegen die Schwätzer, Lügner, Lückner und Deppen der Gegenseite zu fahren; aber hat es einen Entwurf von effektivem, entschlossenem, aufräumendem Regierungshandeln, eine Vorstellung vom Härtegrad des Durchgriffs?

Nahezu zeitgleich mit der Freischaltung von Kubitscheks Beitrag hat in Bottrop und Essen ein Mercedesfahrer versucht, Ausländer totzufahren. Nach dem, was bisher von der Polizei zu hören ist, seine Interpretation einer resoluten und konsequenten Reaktion. Ob die Polizei im Zuge der Ermittlungen seine Browser-Chronik durchforstet? Die Beiträge der Sezession sind regelmäßig durchsetzt mit solchen Aufforderungen zur Selbstermächtigung. Dort sitzen die Zündler (unter anderem). Auch in Amberg ist das jetzt zu beobachten, nachdem dort vor  Silvester junge männliche und sehr besoffene Asylbewerber unkontrolliert um sich geschlagen haben, was zu einigen Verletzten geführt hat. Angeblich patrouillieren dort jetzt „Bürgerwehren“. Es ist wohl nicht allzu weit hergeholt, wenn man behauptet, ihre Rechtfertigung sei der Verteidigungsfall der eigenen Kultur.

Nicht nur, dass Kubitschek hier klar und deutlich redet, nein, er belegt auch die These, dass es ihm und Seinesgleichen darum geht, das Primat des Rechts durch das Primat der Politik zu ersetzen – mithin: gegen die Verfassung zu agieren, die verfassungsmäßig geschützten Freiheitsrechte jedes einzelnen Bürgers auszuhebeln und durch ein aufräumendes Regierungshandeln zu ersetzen. Oder in einem Aufstand das Gewaltmonopol des Staates zu attackieren. Freilich werden sie jetzt einwenden, es ginge nur um einen „Aufstand“ an der Wahlurne, dort werde man sich die rechtliche Legitimation abholen. Ändert aber nichts: so lange die AfD und die Neue Rechte die Schutzrechte der Verfassung nicht akzeptieren und sie durch das Recht des Stärkeren oder der politischen Mehrheit zu ersetzen suchen, mithin das Primat der Politik über das Recht durchsetzen wollen, so lange wenden sie sich gegen das Grundgesetz. Hier darf man, als unbescholtener Bürger und Verfassungspatriot, eine resolute Reaktion des Staates erwarten.

Einstreu im Unterholz #2: Wölfe

Unser Staat wird dieses Jahr 70 Jahre alt – erreicht also das Alter, in dem wir künftig vermutlich in Rente gehen werden. Soll er nun auch in Rente gehen? Kommt er ins Alter zunehmender Gebrechlichkeit, wird müde, verletzlich, wehrlos? Es gibt ja Anzeichen dafür, dass es nicht wenige Leute gibt, die sich warmlaufen, um ihn auseinanderzunehmen. Die bevorstehenden Europawahlen und mehr noch die Landtagswahlen in Ostdeutschland werden uns einen Pegelstand melden, wie weit ihm das Wasser schon bis zum Hals steht. Biologistische Analogien sind nicht unproblematisch, aber da sich die Rechten ja selber als „Wölfe“ sehen (bis in die „Wolfsschanze“ hinein), erscheint es legitim, sie hier als die Beutegreifer zu benennen, die sich auf kränkelndes oder altersschwaches Wild spezialisiert haben und es so lange hetzen, bis es erschöpft zusammenbricht. Dann müssen sie nur noch zubeißen.

Die USA als Demokratie sind so gesehen ein Greis, über 200 Jahre alt. Was ein echter Ami ist, der gibt nicht so schnell auf. Aber jetzt hat David Brooks in der New York Times das Jahr der Wölfe ausgerufen, das „Jahr, in dem wilde und bislang unvorstellbare Dinge geschehen könnten“. (2019: The year of the wolves) Es geht um die Frage, wie Trump sich in seinem Untergang verhalten wird, hauptsächlich aber: wie werden sich die Politiker, die politische Klasse verhalten: werden sie sich mehr dem Staat verpflichtet fühlen (und ihre Karrieren und Wiederwahlen auf’s Spiel setzen) oder werden sie vorrangig ihrer Partei, sprich ihrem Rudel, dienen? Loyalität zur Verfassung oder Partei/Politik über dem Wohl der Nation? Recht vor Politik oder Politik vor Recht?

Der gleichen Frage widmet sich der Soziologe Armin Nassehi in einem Beitrag der Südd. Zeitung (Langsamkeit, SZ Nr. 300/2018, S. 5), eben anlässlich des 70. Geburtstags des Grundgesetzes. Weil Deutschland (in der Weimarer Republik) die Erfahrung gemacht hat, dass die Demokratie mittels demokratischer Prozesse (Wahlen) ausgehebelt werden kann, wurde dem Grundgesetz ein klarer Kompass eingebaut: Recht geht vor Politik. Die gewünschte differenzierte und pluralistische Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn sie von einem rechtlichen Rahmen, der für alle gleichermaßen gilt, vor dem Zugriff, ja Übergriff der Politik geschützt wird. Bislang hat das funktioniert, auch in den USA, wo die Gerichte in der Vergangenheit ein sehr großes Ansehen genossen haben und der Politik bekanntermaßen häufig in die Arme gefallen sind.

Faschisten und Populisten gefällt das nicht, weshalb sie, sind sie an der Macht, als erstes die (obersten) Gerichte zu schwächen versuchen: das Primat des Rechts soll zugunsten dessen der Politik gebrochen werden. Nassehi führt als Kronzeugen den bei den Rechten „Vordenkern“ sehr beliebten Carl Schmitt an, einen Verächter des Parlamentarismus: Die Schwäche der Demokratie sei es, die eigenen Feinde an die Macht zu bringen, weil der Rechtsstaat auch seine Feinde schütze, meinte der vorausschauend schon 1926. Wie das funktioniert, kann man aktuell in Brasilien in Echtzeit mitverfolgen. Und folgerichtig trachten erfolgreiche Extremisten umgehend danach, das Primat des Politischen vor dem Recht zu verankern, denn nur so können sie ihre Macht sichern. Aber Brooks weist ja daraufhin: auch der stinknormale demokratische Politiker ist nicht davor gefeit, aus Eigennutz die staatliche Integrität zu gefährden. Darauf sollten wir vermehr achten.

Die Wölfe sind in Deutschland seit einigen Jahren wieder heimisch geworden, pflanzen sich erfolgreich fort, immer neue Rudel entstehen. Schwerpunkt ihres Lebensraums ist Ostdeutschland. Das gilt für die Tierart Wolf wie für die metaphorischen Wölfe der rechten Szene. Lynx ist bekanntermaßen ein großer Skeptiker in Bezug auf Wölfe und alles Wölfische in der Gesellschaft. Von Naturschützern und Ökologen werden sie geschätzt, weil sie in der Lage sind, durch ihr Beuteverhalten in relativ kurzer Zeit ganze Ökosysteme in einen naturnahen Zustand zurückzuversetzen (sic!), gerade in den USA ist das über lange Zeit beobachtet worden. Ob das auch bei uns auf Dauer gut geht? Was die Tierart angeht, kann man es auf einen Versuch ankommen lassen, meinetwegen. Was die politischen „Wölfe“ angeht: mit Sicherheit nicht.

Ein besonders erfolgreiches politisches Wolfsrudel hat sich in Schnellroda in Sachsen-Anhalt angesiedelt, rund um das Führerpaar Kubitschek/Kositza (Lynx nennt sie bei sich die Kubitschles). Dieses Rudel bereitet sich derzeit vor auf einen besonders großen Beutezug in diesem Jahr, die Landtagswahlen. Da werden gerade die Kräfte gebündelt und die Aufgaben verteilt. Man wird da genau hinsehen müssen. Denn die Kubitschles sind darauf spezialisiert, den Leuten Sand in die Augen zu streuen, sich zu verkleiden, unklar zu reden, so dass man sie nicht dingfest machen kann. Sie kaschieren ihr Wolfsein nahezu perfekt (warum muss ich da an Rotkäppchen denken?) und packen alles immer unter einen wahnsinnig philosophisch tönenden Überbau. Besonders beliebt ist bei ihnen Heidegger. Offenbar vermittelt sein Denken ihnen, wie sie ihr einfaches Sein als Dasein in ein bedeutsames Sosein überführen. Dieses Sosein heißt bei ihnen gerne Deutschtum. Das Deutschtum ist sozusagen das Sosein des Deutschseins, was ein bloßes Sein wäre. Und weil sie als Wölfe denken, die für das Rudel ein Revier beanspruchen, sind sie der Meinung, dass das Deutschtum der „ethnokulturelle“ Rahmen für unsere Nation sei (Martin Sellner, Sezession 20.12.2018) – Da ist sie, die Tarnkappe des Beutegreifers: ethnokulturell. Sie suggerieren, das sage alles und nichts, aber ganz bestimmt nicht irgendetwas mit Rasse oder so. Sie reden auch viel von Pluralismus und Meinungsfreiheit, meinen aber damit immer die Rechte der sog. Mehrheit, von der sie meinen, sie bildeten sie mit einer 1%-Bewegung ab: „Es ist an der Zeit, dass die Stimme des Volkes wieder Gehör findet.“. Unfreiwillig geben sie damit klar zu erkennen, dass ihnen Minderheitenrechte (von denen sie selber sehr profitieren und als 1%-Truppe kokettieren) wenig oder nichts gelten – Carl Schmitt lässt grüßen.

Dies ist das Denken des Primats der Politik vor dem Recht: das Sosein des Deutschtums beansprucht die gültige Definition des Deutschseins in dieser Gesellschaft. Und reflektiert gar nicht darüber, dass man, im Rahmen des Grundgesetzes, sein Deutschsein auch ganz anders definieren kann – womöglich ganz ohne historisch gewachsenen ethnokulturellen Hintergrund? Sie stellen sich also auf die Stufe von religiösen Eiferern, Ayatollahs und geben klar zu erkennen, dass sie Differenz nicht aushalten können oder wollen. Wölfe sind Wölfe und bleiben Wölfe, egal wie und was sie säuseln.

Differenz, Diversität ist es, was dieses Gesellschaft groß und stark gemacht hat. Noch ist sie es. Das ist die politische Arbeit für 2019: Recht vor Politik, auf allen Ebenen. Stärken wir dem Grundgesetz den Rücken, mit unseren bescheidenen Mitteln.

Bildnachweis: Lübecker Nachrichten, verändert

Mantra #6

Der Nationalismus ist ein Sprudel, in dem jeder andere Gedanke versintert. (Karl Kraus)

Neulich wurde mir geraten, Karl Kraus zu lesen. Ich hatte mich in einem kleinen Schlagabtausch mit Kameraden auf rechts für solide und bezahlte Pressearbeit ausgesprochen, also pro „Lügenpresse“. Da kamen sie mir mit Karl Kraus, weil der so schön gegen Journalisten gewettert und kaum ein gutes Haar an ihnen gelassen hat. In Einzelfällen ja durchaus zurecht. Aber in der Summe? In der Summe war Kraus ein Mensch mit übergroßem Ego und ausufernder Misanthropie, seinem späteren österreichischen Kollegen Thomas Bernhard nicht unähnlich. Überaus produktiv, vor allem im Hervorbringen von teils brillanten Aphorismen. Aber hauptsächlich sprach- und selbstverliebt. Und etwas besessen von „Reinheit“, im Denken, im Sprechen, von fast jakobinischer Radikalität mit einem gehörigen Schuss Antiliberalismus zuweilen. Also eine Menge Gründe, warum Lynx einen Bogen um ihn macht, so etwas mag er nicht, und sei es noch so – großartig? Die Rechten halten ihn wahrscheinlich wegen seiner griffigen Verbalattacken für einen Vorkämpfer der „Meinungsfreiheit“, wie sie sie verstehen, und gegen „verordnete Sprache“ (pc).

Jedenfalls erforderte die Aufforderung zur Kraus-Lektüre eine knappe Replik. Und wie das mit Aphoristikern so ist: etwas Treffendes findet sich immer. Allerdings finde ich das Bild vom Nationalismus als „Sprudel“ wirklich wundervoll – ließe sich dieses zum Überschäumen neigende Phänomen, das gerade wieder erheblichen Druck entwickelt, treffender beschreiben? Und dann, ganz nebenbei, wird auf das Phänomen natürlich kohlensäurehaltigen Wassers verwiesen, das gelösten Kalk mitführt, der sich, bei Kontakt mit der Umgebungsluft, ablagert, Sinterbildungen hervorbringt (die sogar recht malerisch sein können, wie das Bild zeigt). Quasi ein zwangsläufiger, ganz natürlicher Zusammenhang. Und begegnet uns diese geistige Erstarrung nicht ständig bei (versuchten) Diskussionen mit Nationalisten und anderen Neuen Rechten? Dieses ewige „sprudelnd“ um sich selber Kreisen, das zu immer neuen verhärtenden Ablagerungen führt.

Kraus’ Aphorismus zum Nationalismus wurde wegen seiner feinen Spitze vom Duden geadelt und in den Zitatenschatz zu diesem Stichwort aufgenommen. Dort findet sich auch ein Satz von Theodor Heuss, der uns in die Gründungszeit unserer Republik zurückführt und uns darauf hinweist, warum unsere Verfassung so formuliert wurde, wie sie geschrieben steht:

Jedes Volk hat die naive Auffassung, Gottes bester Einfall zu sein.

Buschfunk 0.0

Wir wissen, weil wir nicht wissen. So in etwa hat sich Frauke Petry geäußert in einer Gesprächsrunde, zu der die Süddeutsche Zeitung in Dresden eingeladen hatte. Geladen waren prominente und engagierte Alt- und Neudresdner verschiedener politischer Couleur und es sollte darum gehen, warum die „Brüche der Gesellschaft“ gerade in Dresden so offen zutage treten.

Lynx liest so was beim Frühstück, seit Jahrzehnten. Neulich wurde ihm von einem Kontrahenten aus dem Dunstkreis von Kubitschles Sezession vorgeworfen, er argumentiere „frei von der Leber weg“. Nun, die Leber gilt als Hauptwohnsitz der Gesundheit von Körper und Geist, seit Urzeiten. Nicht umsonst hat Zeus dem Frevler Prometheus zur Strafe den Adler geschickt, der ihm tagtäglich die Leber heraushackte. In der Leber sitzt der wahrhaft gesunde Menschenverstand, das ist den Göttern, den echten und selbsternannten ein Dorn im Auge, also raus damit. Ist die Leber perdu, wird es mit dem Rest auch nix mehr. Also auf Lebergesundheit achten, was solchermaßen aus dem Bauch kommt, kann nicht ganz verkehrt sein. Doch was hat das mit Dresden zu tun?

Wie gesagt, Lynx liest und verdaut das Gelesene, kaut es mal gut durch, schluckt anderes schnell hinunter und hofft, es gehe ohne Bauchgrimmen ab und würde die Leber nicht vergiften. Im Dresden-Gespräch nun tauchte ein Bissen auf, der von irgendwie ledriger Beschaffenheit war und auf dem etwas herumzukauen ist. Frau Petry hat ihn serviert und er geht so:

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Wurmschwanz

Das Kubitschle war vergangenen Samstag in Chemnitz dabei, beim „Trauermarsch“ der Profiteure versteht sich. Und hat eine ganz schlaue Erkenntnis mitgebracht. Es ist nicht gut für die „Bewegung“, wenn die AfD-Funktionäre Gesicht zeigen oder die „Partei“ gar als Organisator von Großkundgebungen auftritt. Er rät zur Schleimertaktik: sich möglichst gesichtslos unters Volk mischen, die propagandistische Drecksarbeit anderen überlassen und dann die Stimmung als Stimmen einfangen. Ja keine schlechten Bilder! Nachzulesen bei Jürgen Fritz, dem Gewährsmann für die Verbreitung faschistischer Umtriebe aus erster Hand.

Lynx denkt: solch schleimig-schneckiges Gebaren. Wurmschwanz. Also nicht selber Verantwortung übernehmen und Gesicht zeigen. Sondern quasi „privat“, unterm Tarnumhang bei den Faschisten mitmarschieren. So viel zur „bürgerlichen Gesinnung“ in der AfD und ihrem Umfeld. Halten die die Leute wirklich für so blöd? Der Bürger zeichnet sich eigentlich dadurch aus, dass er Gesicht zeigt. Die AfD hat in diesem Sinne „fertig“, endgültig. Meuthen versucht sich zwar immer noch in Rechtfertigungen, mit den üblichen beigepackten Verschwörungstheorien, aber dem hört eh keiner mehr zu.

Nachtrag 04.09.18: Im aktuellen Blogbeitrag wendet JF das Prinzip „Tarnumhang“ sofort an. Das Headerbild zeigt den „Führer“ Björn „das Schandmal“ Höcke und seine Gefolgschaft letzten Samstag in Chemnitz. Hinter dem rechtsgescheitelten Höcke (an wen erinnert das nur?), der seltsam leer in Richtung Kamera blickt, reckt ein halb verdeckter Mann die Kamera hoch. Wüsste man nicht, dass es Lutz „Pegida“ Bachmann ist, würde man ihn nicht unbedingt erkennen. Bilderretusche also, ohne sich des unmittelbaren Retuschierens schuldig zu machen. Immer schön in der Grauzone bleiben und ja keine schlechten Bilder! Aber zu spät: wir haben euch längst entdeckt.