Die Deutschenversteher

Die Nähe wird zum Kosmos und Ballast, gleichermaßen. Ein paar zig Meter die Straße hinunter werkelt seit Monaten eine Truppe von Albanern an einem Haus, verwandelt ein schlicht aufgeräumtes Wohnbehältnis aus der späten Moderne in eine Wundertüte der Baumarkt-Ästhetik. Sie tun dies mit zähem Fleiß und bemerkenswertem Durchhaltewillen. Was das Angebot des Baustoffgewerbes günstig hergibt, wird detailverliebt und perfekt verbaut, zumindest oberflächlich betrachtet. Ganz wichtig dabei: intensiver Einsatz von Kleinmaschinen aller Art, oft aus deutscher Qualitätsproduktion. Das gefällt den Bauherren, so und so. Offenbar hat es sich in der Nachbarschaft herumgesprochen, dass diese albanische Unternehmung für allerlei Kurzweil in Heim und Hof sorgt, denn jetzt wandert die Baustelle die Straße herauf. Gelangweilte Rentner, die Gefahr laufen, dem Dauergeldsegen zu erliegen, lassen sich ihre Vorgärten und Terrassen erneuern und nebenbei auch noch alles drumherum gründlich reinigen – kärchern, wie der Fachfranzose sagt. Ist der eine Vorgarten fertig, wandern sie gleich in den Nachbargarten weiter. Das kann dauern…

Bewundern kann man die Albaner dafür, wie sie intuitiv verstanden haben, womit sie die Leute hier beglücken können. Offenbar gibt es für viele keinen größeren Genuss an einem sonnigen Nachmittag als das Dauerkreischen der Steinsäge oder pumpend-röchelnde Zischen des Hochdruckreinigers. Soll man einfach froh darum sein, dass noch so nachdrücklich, unverdrossen gearbeitet wird? Für die ins Home Office Verbannten in den Nachbarhäusern ergibt sich womöglich eine etwas andere Bewertung.

Die SZ vermeldet heute den Tod des als „Unkraut-Apostel“ titulierten österreichischen Künstlers Lois Weinberger und zitiert ihn so:

Mit dem Machen an sich habe ich immer ein Problem gehabt. Es steht ja ohnehin schon so viel Gemachtes herum. Für mich ist es viel interessanter, etwas Gesehenes zu reflektieren, zu beobachten, wie es sich weiterentwickelt.“

Lois Weinberger (SZ Nr. 23/2020, S. 12)

Mit dem einem Unkraut-Apostel braucht man den Nachbarn nicht zu kommen, aber diese Albaner…

Stockduster

Hin und wieder versuche ich, bei der Betrachtung von Dingen einen Schritt zur Seite zu treten. Die Perspektive zu verändern. Oder auch, mir den Spiegel vorzuhalten (Erschrecken!).

Aktuell beispielsweise in der Debatte um Herrn Tönnies und sein Afrikabild. Nichts von seinen Äußerungen muss wiederholt werden. Ich frage mich allerdings, warum sich kein cooler Afrikaner findet, der kontert, dass es im weißen Europa offenbar nie mehr richtig dunkel wird, denn sonst hätte dieses weiße Europa doch kein Demographieproblem? – Vielleicht würde dann der Einstieg in die Debatte gelingen, um was es eigentlich geht?

Senhor Bolsonaro aus Brasilien hält sich für cool und ist gerne behilflich bei einem solchen „Move“: Er gibt der (gelegentlich naiven) Frau Schulze Bescheid, Deutschland solle die nun zurückbehaltenen Fördergelder für brasilianische Regenwaldprojekte doch besser für die Wiederaufforstung Deutschlands verwenden, das sei sinnvoller. Dummerweise hat er recht, ein Stück weit. – Mich beschleicht stets ein komisches Gefühl, wenn wir den Regenwaldnationen vorschreiben wollen, dass sie gefälligst ihr Territorium weitgehend im Naturzustand belassen sollen – damit es bei uns weiterhin gemütlich bleibt. Pech für euch im Süden, dass wir schneller waren mit der Abholzung, jetzt ist das Budget leider aufgebraucht! Auch eine Form von Rassismus.

Das Dumme ist nur: während in gemäßigten Breiten die Abholzung auf einfache Weise stabile und produktive Ersatzökosysteme ermöglicht, sieht es in den Tropen ganz anders aus. Wenn man nicht aufpasst, geht der Regenwald ganz schnell in eine zwar stabile aber unproduktive Wüste über. Nachteil Brasilien. Dennoch gibt es in der voreuropäischen Geschichte Amerikas Anschauungsmaterial, wie einerseits Rücksichtslosigkeit gegenüber den natürlichen Grundlagen ins Verderben führte und ganze Kulturen auslöschte. Andererseits gab es schon einmal Technologien, den Regenwald produktiv nutzbar zu machen. Das verlangt aber technologische Intelligenz und Geduld. Warum investiert Brasilien nicht in seine Zukunft und macht uns vor, wie man sein Potential produktiv entwickelt, so dass es nicht binnen einer oder zwei Generationen ins Meer gespült wird? Dann könnte Bolsonaro ganz zu recht mit dem Finger auf uns und unsere heraufziehenden Nitratwüsten zeigen. Derzeit benimmt er sich aber doch eher wie all die anderen Idioten, die eifrig daran herumwerkeln, dass es in absehbarer Zeit für uns alle eher düsterer wird.

Weil wir gerade bei anderen Idioten und Nachrichten aus dieser Woche sind: das erratische Agieren von Mr. Trump sorgt jetzt offenbar dafür, dass die Weltwirtschaft sich tatsächlich merklich abkühlt, insbesondere China und Deutschland leiden, war zu lesen. Was heißt das? – Schritt beiseite: ist Trump verkappter Ökologe? Kann es nicht sein, dass gerade er (während Fräulein Thunberg über den Atlantik schaukelt) dem Weltklima eine längst nötige Erholungspause gönnt? In seiner Diktion würde das heißen, dass er den größten Beitrag zur Reduzierung von CO2-Emissionen leistet, den die Welt je gesehen hat! – Schritt zurück: nein, so weit wird er es nicht kommen lassen. Denn er ist dabei, die Pensionen seiner Stammwähler zu pulverisieren. Das werden sie ihm nicht durchgehen lassen. Er will wiedergewählt werden, also muss er den Ofen ganz schnell wieder einheizen. Ob das dann besser ist? Verwirrende Zeiten. Vielleicht wird es doch wieder dunkel, womöglich stockduster. Und dann?

Boubou

Wie steht es um den Handel zwischen dem Erzgebirge und dem Senegal? Brauchen die in Westafrika jetzt auch schon Christbaumschmuck und Räuchermännchen? Und will man in Sachsen allen Ernstes afrikanische Erdnüsse knabbern? Die Süddeutsche wartet mit einer überraschenden Geschichte auf.

In letzter Zeit war ich zuweilen nicht mehr recht zufrieden mit meiner alten SZ. Etwas zeitgeistig, etwas aufgeregt manchmal, auch oberflächlich. Habe mich dann auf eine andere alte Liebe besonnen und mir tatsächlich ein Online-Abo der New York Times geholt, was sehr erschwinglich ist. Und den Horizont enorm erweitert. Da kann man dann lesen, dass eine Redakteurin auf die verwegene Idee kommt, von New York nach Los Angeles mit dem Zug zu fahren, anstatt schnell mal den Flieger zu nehmen, was nur ein Zehntel der Zugreise kosten würde. Drei Tage ist sie unterwegs, mit toller Schlafkabine und betörenden Ausblicken in Amerikas Hinterhöfe. Sie beginnt ganz langsam zu verstehen, dass da sehr viel Land liegt, bewohnt sogar, zwischen Ost- und Westküste. Die Heimat der „Somewheres“ könnte man sagen. I like that stuff.

Auch das Erzgebirge ist noch bewohnt und es beherbergt sogar ökonomische „Hidden Champions“. Nicht nur für Weihnachtsdeko oder auch Uhren. Es ist viel spektakulärer: westafrikanische Muslime, die etwas auf sich halten, kleiden sich in Damast aus Aue. Ein hochwertiger Grand Boubou, wie sich das traditionelle Gewand nennt, muss aus farbigem und glänzendem Stoff der Curt Bauer GmbH aus Aue genäht sein. Die Chinesen liefern nur die Billigstoffe für Alltagskleider. Wenn man in die Moschee geht muss es ein Boubou aus sächsischem Stoff sein – ist das nicht schön? Seit Jahrzehnten bestehen die Geschäftsbeziehungen nach Westafrika, das Handelsvolumen ist mit jährlich 4 bis 5 Mio € überschaubar, doch immerhin beschäftigt Bauer 130 Leute in einer Region, wo es wirklich auf jeden Arbeitsplatz ankommt – und das Geschäft mit Afrika wächst. Die AfD führt in Aue und Umgebung inzwischen politisch das Wort und hat offenbar noch nicht mitbekommen, welche wichtige Kundschaft die Region unter den afrikanischen Muslimen hat. Einen ernsthaften Konkurrenten auf dem afrikanischen Markt für hochwertigen Damast hat die Fa. Bauer – und der kommt aus Österreich. Noch so eine schöne Pointe.

Die Wirklichkeit erweist sich wieder einmal als deutlich komplexer, als man in manch ostdeutschem Gau oder manch treudeutschem Gemüt so leichthin vermutet. Man kann den Leuten bei Curt Bauer nur weiterhin viel Erfolg, gute Geschäfte und Kontakte nach Afrika wünschen. Und der SZ danken für diese schöne Geschichte. (Der Text von Rike Uhlenkamp beruht auf einer Reportage von ihr aus dem Jahr 2017, erschienen bei Zeitenspiegel, dort als Download verfügbar.)