60 Kilometer

Matera ist europäische Kulturhauptstadt 2019. Lynx verdankt der Tagesschau den Hinweis, dass sie 60 km vom nächsten Flughafen entfernt ist. Und dennoch seit Jahren steigende Touristenzahlen verbucht. Das sei erstaunlich. Was mögen das wohl für Leute sein, die sich so etwas antun? Oder gibt es da schon Flugtaxis, mag man sich in der Tagesschau-Redaktion wohl fragen. So hörte sich das an.

Lynx freut sich schon auf die Flugtaxis. Das überlässt ihm einen 60-km-Korridor, zur freien Bewegung. Oder mehr. Wege und Straßen im Hinterland. Streifraum, Backcountry Roads, Byways. Früher gab es in den USA dazu spezielle Karten, später Websites. Alles im Verschwinden begriffen, trotz Trump. Es zählen, auch für Seinesgleichen, nur noch Hauptstädte. Und was man mit dem Flugtaxi erreichen kann. Das ergibt eine Menge Grauzonen, von hellgrau bis dunkelgrau. Sehr viele Grauschattierungen. Und schmale Pfade zwischen Disteln und Wegwarten.

Anfang der 1950er Jahre ließ die italienische Regierung die historischen Höhlenwohnungen von Matera räumen, aus sanitären Gründen. Die Leute lebten dort teilweise noch wie im Frühmittelalter. Und waren viel zu Fuß unterwegs. Als sie weg waren, dauerte es noch ein paar Jahre, dann wurde das Kulturerbe wiederentdeckt, saniert, geschützt, gelabelt, musealisiert. Bald mit dem Flugtaxi erreichbar. Wie auch das Kanzleramt in Berlin, das einen todchicen und abgehobenen Hubschrauberlandeplatz erhalten soll. Was es auf den Fußwegen zwischen Airport und Taxistand wohl alles zu sehen, hören, riechen gibt?

Advertisements

Prosper Haniel

Am Freitag ist es also soweit, die letzte Steinkohlenzeche in Deutschland schließt, Prosper Haniel in Bottrop. Das Abbausoll wurde allerdings bereits im September erreicht, seitdem wird allmählich dicht gemacht. Einem Schreiberling aus Süddeutschland steht es in keiner Weise an, sich hierzu würdevoll zu äußern, ist mir schon bewusst. Vor drei Jahren waren wir vor Ort bzw. in der Nachbarschaft, auf der Halde Beckstraße mit der Landmarke ‚Tetraeder‘.

Aber eigentlich waren wir zu Besuch im Museum Quadrat, bei der wunderbaren Walker-Evans-Ausstellung. Hätte es dafür einen besseren Ort geben können? Jedenfalls sind ein paar Bilder ins Gelände dabei abgefallen, die ich jetzt wieder herausgekramt habe. Und irgendwie haben die doch auch etwas mit Süddeutschland im weiteren Sinne, wenn man es bis in die Alpen ausdehnt, zu tun. Diese Skihalle und das Detail ganz links außen: alpenländlerischer Hüttencharme – o.m.g! Ein paar Jahre zuvor hatte uns das Schicksal für einen Abend in die Skihalle in Neuss verschlagen. Sprachlos, „Atemlos“, betrachteten wir das Geschehen rundumadum, die Dirndl- und Janker-Träger*innen, die sich zum Abendmahl einfanden – w.t.f.?

Hoffen wir mal, dass das nicht die einzige Zukunftsidee ist. Nein sicher nicht! Das Ruhrgebiet ist so schön grün bei zugleich so viel Urbanität, der etwas spezielleren Sorte vielleicht, aber: das wird der nächste heiße Scheiß, da bin ich mir sicher. Und dann werden uns hier im Süden noch die Augen rausfallen!

Orto comune

Ein sizilianisches Landstädtchen im Hinterland, im Westen der Insel. Touristisch nahezu unerschlossen, im Windschatten bekannter Routen, ganz eingebettet in die frühlingsgrüne bergige Landschaft. Wir streifen durch die malerischen Gassen der Altstadt, vor ein paar Jahren aufwändig saniert, viel EU-Geld ist geflossen. Bleiben hier stehen, fotografieren dort, lesen, auffallend neugierige Reisende, einzelne Infotafeln zur Stadtgeschichte, aufgehängt für die Touristen, die es nicht gibt in einem Städtchen, das keiner kennt.

Aber von wegen weltabgeschieden: auch hier gibt es jetzt „urban gardening“, eine kleine Installation aus alten Europaletten, zu einem Kräuterhochbeet zusammengezimmert und hübsch lasiert, zeugt davon. Küchenkräuter zum Mitnehmen. Es steht an einer kleinen Aufweitung der Gasse, dahinter dehnt sich die Landschaft in endlosen Hügelwellen.

Die Gasse zieht sich den Hügel hinunter, macht unten eine Biegung, an der Ecke steht das Rathaus. Heraus tritt ein Polizist in vollem Ornat: langer Mantel, Schulterklappen, Kragenspiegel, diese hochaufragende, bedeutsam wirkende Dienstmütze. Geht schnurstracks auf uns zu, spricht uns freundlich an, in unserer Muttersprache, fließend. Ein leicht älterer Herr mit sonor wohlklingender Stimme, erkundigt sich nach Woher, Wohin, Wozu. Wir halten dagegen, fragen zurück, woher die guten Deutschkenntnisse kommen? Lange Jahre in der Gastronomie, in Deutschland, zuletzt lange in der Schweiz. Chefportier in einem Luxushotel im Berner Oberland. Wir loben die gelungene Altstadtsanierung, das freut ihn und er erzählt noch einiges dazu, seine eigene wichtige Rolle dabei gewissenhaft unterstreichend. Dann lässt er uns ziehen.

Wir brauchen ein paar Schritte Abstand, um uns zu fragen, wie es kommt, dass ein ehemaliger Portier jetzt Polizeichef in seiner Heimatgemeinde ist, auf seine alten Tage?

Die Geschichte ist mir wieder eingefallen, als ich heute früh gelesen habe, dass sich angeblich die Schlinge zuzieht (wieder einmal) um Matteo Messina Denaro, „l’Invisibile“, den Superboss aus Castelvetrano, seit 25 Jahren von der Bildfläche verschwunden. Er soll der Pate sein, der die gesamte Wirtschaft der Provinz Trapani kontrolliert (nur hier?), in nahezu allen relevanten Wirtschaftszweigen. Wichtig ist ihm inzwischen Windkraft, er ist ein moderner Mensch. Und vielleicht der reichste Italiener. Es gibt Vermutungen, dass er gar nicht weit ist, sich in seiner Heimat versteckt hält. Irgendwo dort im teils rauhen, teils lieblichen Bergland im Westen der Insel.

Mantra #5

Das größte Glück ist das Vergessen jener Dinge, die unwiederbringlich sind.
(Rerum irrecuperabilium summa felicitas est oblivio)

Den Satz verdanke ich einer Fernsehdokumentation über die Gärten der Schlösser der Habsburger in und um Wien. Er gilt als Wahlspruch von Kaiser Friedrich III. (1415-1493). Im zweiten Innenhof des Alten Schlosses in Laxenburg ist er Teil einer Inschrift an der Fassade, die erst 1982 wieder freigelegt wurde. 1492 wurde Amerika entdeckt, damit begann endgültig die Neuzeit. Kaiser Friedrich war in persona einer der letzten Vertreter des Mittelalters – und der Herrscher des Hl. Römischen Reiches, der am längsten regierte, 53 Jahre lang als König und Kaiser. Es war eine Zeit beginnender epochaler Umbrüche, vielen galt Friedrich jedoch als „des Heiligen Römischen Reiches Erzschlafmütze“.

Die Inschrift soll auf das Jahr 1453 zurückgehen, da hatte Friedrich den erhofften direkten Zugriff auf Böhmen und Ungarn verloren. Der Satz taucht in dieser Zeit wohl an verschiedenen Stellen als Sinnspruch auf. Eine antike Originalquelle sei nicht bekannt. Dafür gibt es aus dem Umfeld der Habsburger später interessante Interpretationen:

So soll Kaiser Franz II. / I. den Satz zitiert haben, nachdem er 1811 einen Staatsbankrott verkünden musste. Als Franz II. war er der letzte Kaiser des Hl. Römischen Reiches und dankte 1806 ab. Als Franz I. gründete er sich aber vorsorglich 1804 das „Kaisertum Österreich“, um seine habsburgische Hausmacht zu sichern in der Auseinandersetzung mit Napoleon. Laxenburg war eines seiner liebsten Schlösser, so kannte er wohl daher die Inschrift seines Ahnen. Er hat sie in einer Weise zitiert, die dem Gottesgnadentum seiner Kaiserwürde, von dem er zutiefst überzeugt war, gut gerecht wurde.

Im ersten Akt von Johann Strauß’ Wiener Operette „Die Fledermaus“ (1874), die der Stern als „’Dom Pérignon’ unter den Operetten“ bezeichnet, gibt es ein Trinklied, wo es heißt:
Flieht auch manche Illusion,
Die dir einst dein Herz erfreut,
Gibt der Wein dir Tröstung schon
Durch Vergessenheit.
Glücklich ist, wer vergißt,
Was doch nicht zu ändern ist!
Sing, sing, sing, trink mit mir,
Sing mit mir – Lalalala!

Hier dient der (sinngemäß abgewandelte) Satz als Motto des ganzen Stücks – doch ob es lebensklug ist, schicksalhafte Entwicklungen sich mit großzügigem Alkoholkonsum aus der Erinnerung wegzusaufen? Zumindest ist es gut, Illusionen als solche zu erkennen.

Aktuell scheint Angela Merkel sich an Friedrichs Wahlspruch erinnert zu haben. Auf dem CDU-Landesparteitag in Thüringen am vergangen Wochenende sagte sie u.a.:
Wenn wir uns für den Rest des Jahrzehnts damit beschäftigen wollen, was 2015 vielleicht so oder so gelaufen ist und damit die ganze Zeit verplempern, dann werden wir den Rang als Volkspartei verlieren […] Deshalb fordere ich, dass wir uns jetzt um die Zukunft kümmern […] Mit Griesgram gewinnt man die Menschen nicht.

Zukunftsoffenheit, Optimismus, Mut, Innovationspolitik nannte sie als Gegenmittel – die sind aber bereits von einer anderen Partei derzeit okkupiert. Ob für die CDU/CSU da noch etwas abfällt?

Jedenfalls zeigt sich, gerade in der aktuellen Entwicklung bei den Grünen (und der AfD), dass Zukunftsoffenheit befreiend und beflügelnd wirken, das ewige Hadern aber zu immer noch mehr Frustration und schweren Gedanken führt: irgendwann wird das selbst vielen AfD-Wählern zu viel der Depression und hoffentlich setzt sich auch dort die Erkenntnis durch: die Vergangenheit ist vergangen und Unwiederbringliches ist nicht zurückzuholen, auch wenn man noch so fest daran glaubt. Der alte Kaiser wusste das. Eine Dame, die Manche inzwischen auch zur Erzschlafmütze ausgerufen haben, scheint hellwach zu sein. Und man könnte ja mal in die „Fledermaus“ gehen.

Bildquelle: Elisabeth Firsching (verändert)

Isarlust (exklusiv), Tzatziki (inklusiv)

Der Kapitalismus treibt schon merkwürdige Blüten, besonders bizarre, wenn sich seine Geschäfte mit dem links-hedonistischen Milieu kreuzen. Im Münchner Sommer gibt es seit ein paar Jahren den „Kulturstrand„, entstanden aus der Initiative von „Kreativen“, Vereinen und Stadtpolitik, mit der Mission, am Isarufer urbanes Leben auszubreiten – oder was Manche halt dafür halten.

Inzwischen hat man sich fest in der Grünanlage am „Vater-Rhein-Brunnen“ etabliert, gegenüber vom Deutschen Museum an der Ludwigsbrücke, auf einer Insel zwischen Großer und Kleiner Isar. Eine ehemals ruhige kleine Anlage unter dicht stehenden, schattenspendenden Linden, um einen größeren Brunnen herum, ein paar Stufen, Mäuerchen, Bänke. Formal, ohne streng zu sein, einfach aber nicht schlicht und eben: ruhig. Eine von vielen Passanten übersehene Oase am Wegesrand, gleich neben dem dichtesten Treiben zwischen Isartor und Gasteig.

Aber ruhig, mittendrin abseits, schlicht: das geht heute gar nicht mehr. Und was erst recht nicht geht ist: unentgeltlich! Also musste da Leben hin, was konkret heißt: Buden, Liegestühle, Strandkörbe, Sandhaufen, Getränkeverkauf, Fastfood-Stand, Lautsprecher, Illumination. Wie man das halt so kennt von irgendwelchen Strandbars zwischen Mallorca, Ibiza und Sylt. Angewitterte Bretterbuden umstellen nun die Brunnenanlage und sorgen für unsinnig urbanes Flair. „Strandinszenierung“ nennen sie das, die Stadtbewohner zu „urbanen Begegnungsformen“ verführen solle. Was jetzt? Strand oder Stadt?

Einer der wichtigsten Akteure hier ist Isarlust e.V, da finden sich viele Leute im Vorstand, die sich um die Stadtplanung verdient gemacht haben. Der Verein bezeichnet sich selbst als „Gemeinnütziger Verein zur Wiederentdeckung und Wiederbelebung des innerstädtischen Isarraums als öffentlicher Raum für alle“.

Für alle? Für diesen Ort kann man sagen: das war einmal. Derzeit sieht es eher nach einem typischen Gentrifizierungsprojekt aus. Konnte bislang tatsächlich jede(r) den Sommer in aller Ruhe auf einer schattigen Bank dort verdösen, ist das nun leider so nicht mehr möglich. Dösen geht gar nicht mehr, zu laut. Und ganz oben auf der To-do-list steht: Verzehr! Geld abdrücken, dann darf man sich niederlassen. Ja keine eigenen Getränke mitbringen, ist verboten: das ist während des Kulturstrands nun keine öffentliche Grünanlage mehr sondern ein bewirtschafteter Außenraum, der von der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt und auf dem privat abkassiert wird. Öffentlicher Raum für alle – die es sich leisten können. Da werden Prenzlauer-Berg-Gefühle wach. Eingebildete Inklusion der Exklusiven.

Lynx hat sich das en passant angeschaut, auch weil er sich dachte: kannst du im Schatten an der Isar gemütlich was schmausen. Die Speisenauswahl ist ziemlich übersichtlich. Gyros gab’s, natürlich mit Tzatziki. Tzatziki ohne Knoblauch. Mit Knoblauch wäre wahrscheinlich nicht inklusiv, könnte sich jemand dran stören. Die Pommes dazu vorgeblich handgeschnitzt (und haben auch so geschmeckt).

Kein Fortschritt ohne Rückschritte und Verluste also. Oder, anders herum betrachtet: die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist nur die Wehmut nach einem bestimmten Augenblick (1). Das, immerhin, konntest du dort heute lesen, für dich, auf der Bank abseits, hinter den Buden, mit Blick ins Kastanienlaub über der grünen Isar. Genau dort wollen die Aktivisten von Isarlust demnächst ein Fluss-Schwimmbad einrichten, erste Voruntersuchungen dazu wurden dieser Tage veröffentlicht. Die Eventisierung des Stadtraums schreitet munter voran. Nein, es geht nicht um die Qualifizierung des öffentlichen Raums, sondern um: Geschäftsmodelle.

(1) Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 1, Auf dem Weg zu Swann. Reclam, Stuttgart 2014, S. 585.