„Diese Illusion habe ich irgendwann verloren.“ —

Gespräch der sehr engagierten Schülerzeitung Sidekick des Adam-Kraft-Gymnasiums in Schwabach mit Markus Plenk, Landtagsabgeordneter ehemals der AfD, jetzt parteilos. Lesenswert.

In einem Flur nahe des Plenarsaales des Bayerischen Landtages haben wir Markus Plenk getroffen. Der heute parteilose ehemalige Fraktionsvorsitzende der AfD sprach mit uns über seine Tätigkeit als Landwirt, seinen Entschluss in die AfD einzutreten, seine Gründe für den Austritt, den Umwelt- und Artenschutz und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Dieses ganze Interview erscheint hier jetzt […]

„Diese Illusion habe ich irgendwann verloren.“ —

Das Armleuchter-Modell

Eine einleuchtendere Alternative zum Hufeisen-Modell?

Mit dem allmählichen Erwachen aus dem Erkältungsdämmerschlaf rumpelt es wieder im Kopf herum. Dabei ist ein Begriff aufgestiegen aus dem Dunkel meiner Assoziationen, der sich inzwischen festgebissen hat. Etliche Politiker bemühen sich ja gerade, die politische Verfasstheit unserer Gesellschaft mit dem sog. Hufeisen-Modell zu illustrieren: die meisten Wähler und politischen Parteien sammeln sich in der Mitte, mit zwei Extremen links und rechts, ähnlich der Sitzordnung im Parlament. Sehr umstritten. Blickt man zweidimensional auf das Hufeisen sind die Extremisten oben: wieso gerade oben? Und unten hängt der Wohlstandsbauch herum? Schwachsinn.

Mein Gegenvorschlag: das Armleuchter-Modell. Um der Antisemitismus-Keule aus dem Weg zu gehen, ich würde die altehrwürdige siebenarmige Menora verunglimpfen, habe ich zur Illustration ein Modell des Designers Tom Dixon gewählt, das in jeder Hinsicht vom kultischen Leuchter der Juden abweicht, die uralte Tradition des vielarmigen Leuchters modern umsetzt und auch viel treffender ein wunderbares Bild für die politische Struktur einer pluralistischen Gesellschaft liefert. Das Bild des Armleuchters ist doch viel „einleuchtender“, auch etwas dynamischer und ausdruckstärker. Und natürlich doppeldeutig, wie es dem Politikbetrieb geziemt:

Bild 1, so wie die politische Rechte resp. die Faschisten ihn sehen: der Armleuchters ist so beschaffen, dass sich ein „linker Mainstream“ abbildet. Aus der Mitte heraus steigt er nach oben, nicht ohne Hindernisse. Kurze Absätze zwischen den Etagen mögen historische Abschnitte des Wegs abbilden, den die Mitte genommen hat. Und dann sind da diese weit nach rechts ausladenden Arme, tief unten ansetzend, mit ewig langem Anlauf, bis sie sich eine Kerze aufstecken können. Da werden die Rechten höhnisch anmerken: da seht ihr’s , ihr braucht uns, sonst würdet ihr das Gleichgewicht verlieren, umkippen, alles in Brand setzen, abbrennen.

Da kommt Bild 2 ins Spiel, der Armleuchter der pluralistischen Gesellschaft: die Arme des Leuchters sind beweglich. Die oberen Arme lassen sich weiter in die Mitte drehen. Die unteren Arme können nach links oder rechts weit ausladen. Das stellt auch wieder eine Balance her: die Extreme halten sich gewissermaßen in Schach. Man könnte sie aber auch einfach weglassen und der Leuchter bliebe immer noch stehen. Schöner Gedanke.

Derzeit wird der Armleuchter so bespielt, dass linke Idioten das Auto von AfD-Chrupalla abfackeln während rechte Idioten immer noch kein Verhältnis zum Hanau-Anschlag gefunden haben und darauf lauern, dass endlich neue Syrer ins Land kommen, auf denen man dann herumhacken kann.

Das Schöne am Armleuchter-Modell ist auch, dass man es schmücken und dekorieren kann, mit den schönsten Stilblüten der Protagonisten, den wirrsten Ideen und ärgsten Entgleisungen von politischen „Armleuchtern“ aller Art. Bleibt zu hoffen, dass es an den kurzen Armen im mittleren Bereich nicht so viel zu hängen gibt. Und die Last bei den Extremen so groß wird, dass sie sich biegen mögen oder brechen? More to come.


Bildnachweis: Opumo.com, Tom Dixon Spin Candelabra

Trennungsschmerz

nach Personalentscheidungen ist nichts, was man der CDU nachsagen könnte. Umso ausgeprägter ist der Trennungsschmerz, wenn es um ein überkommenes Weltbild der Nachkriegszeit geht. So groß, dass weite Teile der Partei sich weigern, in der Gegenwart anzukommen. Fast mutet es nun an, als habe das Intermezzo AKK nie stattgefunden und mein Beitrag von vor über einem Jahr zum Thema Friedrich Merz ist sozusagen immer noch taufrisch. Weiterlesen „Trennungsschmerz“

Chaos, abgesagt?

Herr Lindner, hinter welchem Mond haben Sie in letzter Zeit abgehangen? Sie haben sich „in der AfD getäuscht, die nur zum Schein einen Kandidaten aufgestellt“ habe. – Ist das nicht putzig? Willkommen in der Wirklichkeit! Hatten Sie angenommen, die AfD sei an einer konstruktiven Politik interessiert, wolle einen Beitrag leisten zur Stärkung unserer Demokratie, zur Stabilisierung oder Befriedung der Gesellschaft? Darf man vom Bundesvorsitzenden einer Partei mit derart hohen Ansprüchen nicht etwas mehr Vorbildung erwarten?

Lynx ist nicht halb so gebildet, aber liest immer neugierig. Gestern habe ich darauf hingewiesen, wie Hannah Arendt die Rolle des Mobs bei der Installierung totalitärer Systeme analysiert hat. Der Mob ist das willige Personal, das Chaos jedoch ist das Mittel, dessen man sich bedient, um eine herrschende Ordnung zu untergraben und ins Wanken zu bringen. Weiterlesen „Chaos, abgesagt?“

Der Mob

Ist noch jemand aufgefallen, wie sehr Höcke versucht, sich Hitlers Physiognomie anzueignen? Nicht nur die schmierige Schmalzlocke in der Stirn, auch der hündisch-unterwürfige Blick und die Oberkörperhaltung, als er Kemmerich die Hand reicht, hat konkrete Vorbilder. Ramelow hat schon recht, wenn er hier Parallelen zieht. Doch wir hatten die A-Seite von Hitler schon, wir brauchen definitiv keine B-Seite mehr.

Es fällt mir schwer, eigene Worte für die Bodenlosigkeit dessen, was in Erfurt passiert ist, zu finden. Einmal mehr Respekt für die Kanzlerin, die mit dem Wort „unverzeihlich“ direkt in die tiefe Wunde getroffen hat. Und damit möglicherweise, ob willentlich oder nicht, der FDP den Garaus macht. Sind das dort eigentlich nur noch Leichtmatrosen? Doch auch aus der CDU scheint jedes Mark gewichen zu sein.

In Ermangelung eigener Worte greife ich zurück auf Hannah Arendt bzw. die so kurze wie instruierende Einführung zu ihrem Werk von Annette Vowinckel (1). Arendt hat lucide und ihrer Zeit weit voraus gesehen, was uns noch zu schaffen machen wird. Und wie immer existieren die Muster in der Geschichte. In ihrem grundlegenden Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1955) spielt der Begriff des Mobs eine zentrale Rolle. Vowinckel fasst Arendts Terminologie wie folgt zusammen: Der europäische Mob des 19.und frühen 20.Jahrhunderts setzte sich aus den »Deklassierten aller Klassen« zusammen, aus Abenteurern, Kriminellen, gelangweilten Adligen et cetera. Von der unstrukturierten Masse unterschied er sich durch sein politisches Engagement (zum Beispiel in den Antisemitenparteien des 19.Jahrhunderts), das von rassistischen Ideen geprägt war, die Überlegenheit der Europäer gegenüber Schwarzen und Juden propagierte und sich vor allem im Zuge der imperialistischen Expansion entfaltete. (1)

Die „Deklassierten aller Klassen“, gelangweilte Adelige eingeschlossen. Da hat es bei mir geklingelt: wie zutreffend beschreibt dies die Zusammenrottung, die in der AfD passiert. Der Mob war, nach Arendt, die gesellschaftliche Basis für die Umwandlung einer strukturierten Klassengesellschaft in eine durchmanipulierte Massengesellschaft, in der Hitler und Stalin ihre totalitären Systeme installiert haben. Bis vor Kurzem kannten wir das nicht, waren das Botschaften aus einer zurückliegenden Zeit. Fast über Nacht ist das alles sehr aktuell geworden. Es hat in Übersee begonnen und suppt nun allmählich herein. Seien wir auf der Hut.


Literatur: (1) Vowinckel, Annette. 2015. Hannah Arendt. Reclam.
Bildrechte: Deutschlandfunk, verändert

Ins Blaue getroffen

Schockstarre in den rechten Blogs. Eine Schutzmacht ist implodiert. Das „Strachnin“-Gift wirkt. Dabei hatte man doch ganz andere Drehbücher im Kopf, gerade vor der Europa-Wahl, und keine Sekunde daran gedacht, dass die Protagonisten der gerne gehegten Verschwörungs-Plots die eigenen Leute sein könnten.

Ist es nicht kurios? Genau gestern erschien bei Vera Lengsfeld die Besprechung eines Thrillers: „Das Attentat“: Die Privatmaschine eines russischen Oligarchen und seiner Frau, einer Politikerin, sowie einer halben Milliarde Euro in bar stürzt in den Schweizer Bergen ab (leider nicht auf Ibiza). Bei den Ermittlungen stößt man auf eine Verbindung zwischen Moskau, Brüssel und dem Ausbruch einer rätselhaften hochansteckenden Infektion in der Ukraine, der viele Menschen zum Opfer fallen. Aber niemand in den Machtzentralen ist an einer Aufklärung interessiert…

Die Autorin ist eine Kollegin von Lengsfeld in der rechten Szene und veröffentlicht unter dem Pseudonym Frank Jordan seit einer Weile Geschichten, in denen es wohl um die ganz großen Verschwörungen geht. Den Inhalt ihres neuen Buchs umreißt sie, während der Entstehungsphase, so: „Stichworte: EU, Schweiz, Ukraine, Russland, Geld, Bargeld, inszenierte Krisen und immer wieder Menschen – ihre Leidenschaften, Wünsche, Seilschaften, Ränkespiele und Sehnsüchte. Selbstschutz, der Wille zur Macht und zum Machterhalt.“ Den Fall Strache hat sie durchaus treffend antizipiert. Die Reihenfolge der Attribute ist wohl nicht zufällig gewählt, denn ganz schlimm: die EU. Die Schweizer Autorin muss es ja wissen.

Lengsfeld schreibt dazu: „Hinter der wohlanständigen Fassade von Politik und Finanzwesen tun sich Abgründe auf, die derart realistisch geschildert werden, dass man sich unwillkürlich die Frage stellt, ob vielleicht etwas dran sein könnte, ob hinter dem, was der durchschnittliche Zeitungsleser als Politik präsentiert bekommt, vielleicht ganz andere Interessen im Spiel sind, von denen er nicht einmal ahnt.“
Und sie zitiert einen Kollegen, Robert Nef: „Dieser Thriller ist anders. Er spielt sich im Netzwerk von zentralen Regierungen ab, deren Interesse an der Machterhaltung gegenüber der allgemeinen Gefahrenprävention Vorrang hat. Politik fordert von den Reichen und von den Armen Geld mit dem Vorwand, beide voreinander zu schützen. Aber Tatsache ist: Letztlich schützen Politiker nur ihre eigenen Interessen.“

Heute mittag stellt sich Strache in Wien vor die Presse und sagt, es habe ein „gezieltes politisches Attentat“ auf ihn stattgefunden, faselt von „dirty campaigning“, „Schmutzkübelkampagne“, „Wahlkampfbeeinflussung durch ausländische Geheimdienste“ usw.

Entschuldigen S‘ bittschön: wer saß in der Villa auf Ibiza und hat sich bewirten lassen? Wer war so geldgeil, machtlüstern, dass er das eigene, gelegentliche Unwohlsein vergaß, und sich hinreißen ließ, das eigene Volk zu verraten? Die Presse verscherbeln, Staatsaufträge verticken, die Wasserversorgung gewinnträchtig privatisieren? Die Süddeutsche sagt das ganz richtig: er hätte jederzeit aufstehen können und gehen. Ein Mann von Charakter hätte das getan, schon nach einem kleinen Weilchen. Strache blieb sitzen. Und will jetzt auch noch austeilen?

Selten jedenfalls hat die rechte Szene mit ihren Verschwörungstheorien so ins Schwarze getroffen. Eigentlich ins Blaue, denn sie hatten keine Ahnung, dass die Verschwörer aus den eigenen Reihen kommen, im eigenen Haus sitzen. Porca miseria! In Wien liegt heute abend jedenfalls Revolution in der Luft. Aber von ganz anderer Art, als die rechten Einheizer das gerne hätten. Weggehuscht sind sie, mäuschenstill, gelähmt?

Die Autorin Frank Jordan zitiert zu ihrem Roman Alexander Solschenizyn: „Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien, sondern quer durch jedes Menschenherz.“ Ein ORF-Kommentator meinte heute zur Causa Strache: „Was in einem Menschen nicht drin ist, das kann auch nicht raus.“

Bierdeckel-Kompass

Seit man keinen Kompass mehr braucht, um sein Ziel auch in unübersichtlichem Gelände zu erreichen, scheint manchen Menschen das Orientierungsvermögen abhanden zu kommen. Den Kompass konnte man nur sinnvoll nutzen, wenn man seine Anzeige mit der realen Welt um einen herum in Beziehung setzte, ja, manchmal musste man peilen. Braucht es nicht mehr: man starrt auf das Smartphone-Display, lässt sich vom GPS leiten und stolpert blind und ahnungslos vor sich hin. Das Drumherum nimmt man nur noch schemenhaft wahr. Und wenn man seine Apps und Dienste „richtig“ eingestellt hat, dann kriegt man eh nur noch das angezeigt, was einen „interessiert“, Anderes spielt eigentlich keine Rolle mehr, wahr ist, was auf dem Display steht. Doch die Welt bleibt ein unübersichtlicher Wald und ein guter Kompass hilft immer noch.

Auf einem Bücherflohmarkt ist mir beim Herumstreunen ein kleiner Schatz in die Hände gefallen, eine Sammlung von Aufsätzen als Nachbereitung eines Kongresses, der im Dezember 1986 in Berlin stattfand. Eingeladen hatte das Internationale Design Zentrum Berlin (IDZ) und es ging um „Design der Zukunft“. Intellektuelle aus verschiedensten Tätigkeitsfeldern und Denkrichtungen trugen den Stand ihres Wissens zusammen und tauschten sich aus, unter Leitung des kundigen Fährtensucher Lucius Burckhardt (den wir immer noch schmerzlich vermissen). Natürlich ging es um die Doppelsinnigkeit des Themas, mit einer gewissen Unwucht aber vorrangig um die Fragestellung, wer unsere Zukunft macht, welche Spieler auf dem Spielfeld sind und welchen Impulsen oder Zielvorstellungen sie folgen.

Michael Thompson, ein britischer Mathematiker, Anthropologe und Querdenker, der sich mit Kommunikationsprozessen von Entscheidungsträgern beschäftigt, hat den Spielball aufgegriffen und einen instruktiven Kompass entworfen, der tatsächlich auf einen Bierdeckel passt, und einem hilft, sich gesellschaftlich zu verorten und die eigenen Interessen besser kennenzulernen und zu verfolgen. Ganz nebenbei ist es ein großer Spaß, allerlei andere Dinge, die um einen herum passieren, einzuordnen oder sie zumindest mittels dieses Kompasses einer kleinen Überprüfung zu unterziehen.

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2018.287 | Bayernwahl

Ergebnis der Bayernwahl: Das „Weiter-So“ hat das rettende Ufer noch einmal erreicht, die Provinzialität hat noch einmal die Nase vorn. Es war am Ende doch nicht genug Lust auf Zukunft. Aber der Lust auf Vergangenheit wurden auch ihre Grenzen aufgezeigt. Wenn die CSU daraus nicht die richtigen Lehren zieht, wird sie die nächsten fünf Jahre ihr Gnadenbrot verzehren. Denn dort, wo Bayerns Wohlstand erwirtschaftet wird, hat sie keine Mehrheit mehr.

Was also heute, an diesem Spätsommer-Sonntag , einfach nur ein Aushang im Biergarten war und CSU-Parteigängern als inbrünstige Anrufung erscheinen mag, könnte sich am Ende als nur temporärer Engpass erweisen.

Halbstarke

Hat es das jemals schon gegeben, dass eine Provinzpartei einen ganzen Kontinent nötigen will (Europa, sic!), nur weil sie ihren internen Machtkampf um die Nachfolge in der Führung nicht lösen kann oder will?

Eine symbolisch aufgeladene, aber inhaltlich relativ bedeutungslose Detailfrage aus der Migrationsthematik wird zum Popanz aufgebaut, als Ablenkungsmanöver, damit die parteiinterne Messerstecherei als staatstragender Akt kaschiert wird.

Jedenfalls hat die CSU so das Patentrezept gefunden, wie man der AfD die Wähler scharenweise zutreibt, zumindest die nichterwachsenen: die neue Gang in der Hood erscheint da viel cooler. Erwachsene Wähler werden sich für die Freien Wähler entscheiden (auf dem Land) oder die Grünen und die FDP (in der Stadt), je nach Vorliebe. Die SPD? Warum sollte man die noch wählen?

Klar ist: die CSU führt den messerscharfen Beweis, dass sich ihre Zeit als Regierungspartei überlebt hat, zumindest als alleinregierende. Und eine Koalition, welche auch immer, unter Söder kann man sich nicht vorstellen. Tja, liebe CSU: alles wird neu. Erkenne es endlich! Die meisten deiner Wähler sind längst weiter. Und: werde endlich erwachsen.

Haderlumpen, schiache Perchten

Anderes fällt mir nicht mehr ein. Hatten wir das nicht schon einmal, dass der Dumpfsinn der Provinz die Weltläufigkeit bei uns vertreibt? Nicht nur einmal hatten wir das. Zuletzt war es 1982. Ich kann mich noch erinnern, wie Frau Hamm-Brücher, den Tränen nahe, von einem damals unerträglichen Heiner Geißler regelrecht weggebissen wurde (immerhin hat es ihm später leid getan). Immer wenn wir dabei sind, den Kopf aus dem Sand zu recken, kommen die Dumpfbacken daher und drücken uns wieder runter. Und keiner hält sie auf oder bietet wenigstens die Stirn. Die SPD sowieso nicht mehr, die hat sich den Tarnumhang umgehängt, will nicht mehr gesehen werden. Die Linke? Ach Gottchen. Die Grünen? Sind offenbar zu blöd, Kapital aus der Malaise zu schlagen. Wo wir in Bayern doch so dringend darauf hoffen, dass endlich jemand diesen Augiasstall gründlich ausmistet. Host mi?

Frohlocken

„Sie werden Ihr Manna schon bekommen“ wird dem durstigen Münchner Dienstmann Alois Hingerl beschieden, als er nach einem plötzlichen Schlagtod in den Himmel eingezogen ist. Um sich die Wartezeit auf’s ersehnte Bier zu vertreiben, übt er sich im erbetenen Frohlocken, was ihm, aus seinem durstigen Frust heraus, zu einer Litanei Münchner Flüche gerät.

Beim gestern bekannt gewordenen Ergebnis der GroKo-Verhandlungen weiß man nicht so recht, wie man es damit halten soll: Mehrheitsengel werden und frohlocken oder lieber weiter granteln?

Frohlocken können viele – aus meiner Sicht in dieser Reihenfolge:

Frohlocken kann die CSU, weil sie wieder einmal unverschämt überproportional in der Bundesregierung vertreten ist und die Hofschranzen vor Ort schon vom Milliardensegen aus Bundesmitteln träumen, die nun nach Bayern umgeleitet werden können. Alles für die anstehende Landtagswahl und den Einkauf der absoluten Mehrheit. Und ein Altenteil für Seehofer ist auch noch gefunden…

Frohlocken kann die SPD, weil sie, die eigentliche Wahlverliererin (und weiter im Abwärtssog) die eigentliche Gewinnerin des Geschacheres ist. Und diese Gewinnerin hat auch noch einen Namen: Nahles. Oder Mutti 2, Mutti reloaded. Sogar Schulz kann (noch) frohlocken, hat er sich noch schnell auf einen Posten gerettet, auf dem man ihn eigentlich nicht sehen will und den Gabriel doch von Tag zu Tag besser ausgefüllt hat.

Frohlocken können durchaus wir Wähler, weil irgendwie werden wir alle gestreift werden von dem Geldsegen, der nun auf dieses Land niederprasseln wird. Der ist nicht ganz verkehrt, denn in den letzten Jahren wurde doch an vielen Stellen zu sehr gespart, was zu einigem Ächzen im Getriebe geführt hat. Ob es schon etwas spät ist dafür? Man wird sehen, wie viele an die Extremisten verlorene Schafe man damit zurückkaufen kann. Ob man damit die AfD einhegen kann auf ihren Kern aus Altnationalisten und Neofaschisten?

Frohlocken kann auch die Wirtschaft, wenn auch die Lobbyvertreter einen Teufel tun werden, dies zu tun. Letztlich kehren jedoch sehr viele der vom Staat nun spendierten Euros in ihre Taschen zurück, als Ergebnis stabilen oder ausgeweiteten Konsums oder, noch besser, als Aufträge und Folgeaufträge.

Frohlocken können vielleicht einigermaßen empfindsame Konsumenten, weil offensichtlich ein Laiendarsteller von der Bühne genommen wird, der bislang ein stets klägliches Bild abgab, als er versuchte, den Landwirtschaftsminister zu geben. Ob ihm eine leutselige Weinkönigin nachfolgen wird? Und ob das etwas besser macht?

Frohlocken können schließlich alle Jungpolitiker, die noch was werden wollen. Wann hat man zuletzt so viel geballte (altersunabhängige) Greisheit in einem Kabinett gesehen? (Man komme mir jetzt nicht mit Schäuble, der wird wahrscheinlich nie ein Greis). Gibt es bessere Bedingungen sich warmzulaufen für die Übernahme, sich zu verabreden für den anstehenden Coup als diesen lauen Poolabend, der uns nun bevorsteht? Ganz entspannt ein Gläschen in der Hand im Halbdunkel des weitläufigen Gartens trifft man sich und heckt die nächste Runde aus. Mit dieser Option sollte sich insbesondere ein gewisser Kevin anfreunden.

Und Alois Hingerl? Seine Flüche waren im Himmel nicht opportun, so schickte man ihn zurück auf die Erde, mit offizieller Mission betraut. Er sollte die bayerische Regierung beraten, genauer: ihr die göttlichen Ratschläge übermitteln. Über den vielen Bieren bei seinem anschließenden ersten Besuch im Hofbräuhaus hat er dann den Auftrag vergessen und sitzt dort heute noch. Zum Wohl oder Schaden der Bayerischen Staatsregierung, die seit dem unbeaufsichtigt und unberaten herumwursteln darf. Es gibt nicht Wenige, die Hingerl verehren und sich mit ihm solidarisieren. Das Frohlocken satt haben und lieber bis in die Unendlichkeit sachgrundlos granteln, wohlig beim Biere. Der Autor der Geschichte, Ludwig Thoma, war übrigens ein guter Geschichtenerzähler, aber politisch ein schlimmer Reaktionär.

Gibt es nur diese zwei Zustände? Frohlocken oder Granteln? Wo bleibt die Mitte? Geht arbeiten und lässt es über sich ergehen, Manna hin, Manna her.

Bildrechte: Flaggen-Pehl, Kissen „Aloisius“, 12,95 €

Hemd und Hose

Christian Lindner und seiner FDP ist das Slim-fit-Hemd näher als die langstreckentaugliche, unschicke Wanderhose. Oder wie soll man den Ausstieg der FDP aus den Jamaika-Sondierungen verstehen? Wieder einmal FDP pur: Aufmerksamkeit, Randale, quietschbunte Knallbonbons. Diesen Prinzipien bleibt die FDP seit Möllemann stets treu. Staatstragend war gestern.

Auch weiß man nicht so recht, ob die FDP nun den Büttel der AfD macht? Oder ob sie sich für den Piranha hält, der die AfD demnächst abfieselt? Ober ob es nicht eher umgekehrt kommen wird? Jedenfalls wird der Krawall Rechtsaußen zunehmen. Vielleicht hat das aber auch sein Gutes, weil sie sich so gegenseitig in Schach halten.

Eine Minderheitsregierung wird jetzt wieder ins Spiel gebracht. Charmanter Gedanke, häufig bewährt – in Ländern, die keine Rolle spielen, global betrachtet. Ist das eine ernstzunehmende Option für Deutschland, das als globaler Akteur mehr und mehr in die Pflicht genommen wird bzw. gezwungen ist, als solcher aufzutreten? Gerade bei dieser Thematik zeigt sich die Kurzsichtigkeit, Kurzatmigkeit der FDP. Speeddating. Und das war’s? Was für eine Freude für all die Autokraten, die uns ans Leder wollen und denen ein marginalisiertes, mit sich und seinen kleinen Parteieneitelkeiten beschäftigtes Deutschland und Europa, gerade recht kommt.

Intransigentes Justamentnicht im Zeichen der Kornblume

Die Kornblume als politisches Symbol ist zurück. Die Kornblume, die sich FPÖ-Politiker gerne ans Revers heften, ist keineswegs die blaue Blume der Romantik, Symbol der Revolution von 1848 (H.C. Strache) oder die „Europablume“ (N. Hofer), sondern sie ist ein Abzeichen reaktionärer und rassistisch orientierter deutschnationaler Bewegungen des 19. Jh., wie der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 einräumen musste.

Die „Alldeutsche Vereinigung“ des Georg von Schönerer trug sie im Parteilogo, sie kann als eine Vorläuferorganisation der Identitären Bewegung gesehen werden. „Die Kornblume war ganz klar ein Symbol für die antisemitische Schönerer-Bewegung und diente in den Dreißiger Jahren den [in Österreich vor dem „Anschluss“] illegalen Nazis als Erkennungszeichen.“ (Oliver Rathkolb, Universität Wien, Kurier, 12.06.2016) Hitler wurde durch Schönerer wesentlich geprägt, wie er in „Mein Kampf“ ausführlich darlegt. Schönerer legte den Grundstein für Hitlers Denken, er war sein „geistiger Vater“, schrieb Hannah Arendt 1955 in ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. (a.a.O)
Bis in die jüngste Zeit wurde v.a. in Österreich mit der Kornblume symbolisch politische Gesinnung vertreten und genau heute vor einem Jahr gab es in Wien einen Aufschrei und handfeste Proteste gegen den „Kornblumenball“ des FPÖ-nahen „Kulturring Favoriten“, der zum wiederholten Male stattfand.

Jetzt allerdings will die FPÖ in die Regierung und hat erst einmal Kreide gefressen. Zur Eröffnungssitzung des neu gewählten Parlaments hefteten sich die FPÖ-Abgeordneten ein neutrales kreideweißes Edelweiß ans Revers. (Süddeutsche Zeitung, 17.11.2017, S. 8) Ob diese Camouflage etwas nützt?

Die Geschichte der Kornblume als politisches Symbol ist umfangreich und spannend, sie soll ein andermal vertieft werden. An dieser Stelle aber noch eine wertvolle Trouvaille aus der kleinen Recherche, die ein schönes Schlaglicht darauf wirft, dass wir zur Zeit sehr alte Debatten wieder durchfechten müssen. Geschichte ist eben nicht linear, sondern entwickelt sich in Kreisen, vielleicht in Spiralen:

Noch kein Staat konnte auf die Dauer bestehen, in dem die Radikalen zur führenden Rolle gelangten. Um auf die politische Führung eines ganzen Volkes Anspruch zu machen, dazu gehört doch noch mehr als starke Lungen, gewandte Zungen und jener physische Mut, den auch der nächstbeste Bauernbursche auf einer Kirchtagrauferei bekundet; dazu gehört praktische Erprobung, ernste, jahrelange erfolgreiche Arbeit, dazu gehört besonnene Überlegung, die den jeweiligen Verhältnissen die angewendeten Mittel anpaßt und durch vernünftige Beschränkung auf das Erreichbare ihr Ziel auch wirklich erreicht.

Was sehen wir dagegen bei den Radikalen? Das Häuflein von fünf Männern will auch den anderen hundertfünfzig Vertretern der großen deutschen Parteien die politische Haltung vorschreiben, ein Verhalten, das im Wesen auf Randalieren, Skandalmachen, auf ein intransigentes [kompromissloses] „Justamentnicht“ hinausläuft, und wenn die Hundertfünfzig vor den Fünf nicht ducken, dann wird geschimpft und geschmäht, dann werden die besten Männer des deutschen Volkes vor die radikale Feme gestellt und als Verräter in die Pfanne gehauen.

So lange die ausschließlich privilegierten Patentdeutschen sich nur mit den Antisemiten herumschimpften, konnten wir Anderen, wenn auch angewidert von dem wüsten Lärm, am Kampfplatz weilen, auf dem sich die Anhänger der weißen Nelke und der blauen Kornblume mit keineswegs wohlriechenden Geschoßen bewarfen. Doch seit Kurzem gehen die Ritter von der Kornblume gegen nur Alle los, verhängen sie den nationalen Bann gegen Alle, die über die richtige Methode der wirksamsten Vertretung der nationalen Interessen sich eine eigene Meinung zu hegen erlauben.

Wiedergabe einer Rede des bedeutenden konservativen tiroler Politikers Karl Grabmayr (1848 – 1923) bei einer „Versammlung der politischen Vereine“ in Meran (Südtirol) im April 1898, in der er sich gegen die Ziele und die Taktik der radikalnationalen Fraktion wandte. Grabmayr war damals Abgeordneter für die Großgrundbesitzer im österreichischen Abgeordnetenhaus. (Mährisches Tagblatt, 19.04.1898, Seite 2)

SPD neu denken? Eine spontane Vorortstudie.

Hat die SPD die Ohrfeige der Bundestagswahl verstanden? Hat sie realisiert, dass ihre angestammte Gefolgschaft massenhaft zu den Rechten übergelaufen ist? Welche Konsequenzen zieht sie daraus? Lynx wollte sich einen Eindruck von der Stimmung an der Basis verschaffen und hat eine Veranstaltung der Ortvereine besucht, wo es darum gehen sollte, die SPD „neu zu denken“.

Er hatte natürlich erwartet, dass es beim „Neuen Denken“ um inhaltliche Fragen gehen würde. Und der gescheiterte Bundestagskandidat hat bei seinem Eingangsstatement auch eingeräumt, dass die SPD mit einer Spaltung in der Gesellschaft konfrontiert sei, die problematisch und eine große Herausforderung sei. Aber, so fuhr er fort, er halte es jetzt nicht für sinnvoll, an dieser Stelle über Inhalte zu reden, weil da einfach viel zu viele unterschiedliche Meinungen aufeinander prallen würden und irgendwie jede(r) meine, er/sie wisse, woran es gelegen habe. Das würde jetzt nicht weiterhelfen. Er wolle viel lieber über die Strukturen reden: wie man sich künftig besser aufstellen und einen effizienteren Zugang zu den Wählern finden könne…

Der Fairness halber muss eingeräumt werden, dass es die SPD-interne Initiative SPD++ gibt, die aktuell zur innerparteilichen Debatte ansteht und von der Lynx bislang nichts gehört hatte. Dazu gab es wohl Gesprächsbedarf. Dennoch: wenn man öffentlich zu einer solchen Veranstaltung einlädt, sollte man doch erwarten, dass die Partei einem etwas mitteilen möchte. Und sei es nur eine öffentlich aufgeführte Selbstkasteiung, die mittels Katharsis-Effekt neuen Mut einflößt?

Nein, das ist offenbar nicht so das Ding der SPD. Eine Ortsvereinvorsitzende gab den dringenden Ratschlag, die Partei möge sich professionelle Expertise einholen, „die auch etwas kosten dürfe“, um das desaströse Wahlergebnis zu analysieren. Warum sollte man sich laienhaft selber damit beschäftigen?

Viel wichtiger war es dann zu diskutieren, dass künftig die Plakate und der ganze öffentliche Auftritt professioneller werden müssten: Corporate Identity als roter Faden (sic!) des Parteiauftritts auf allen Ebenen. Wiedererkennungswert! Den Typen kenne ich doch – dem kann ich vertrauen: so war die Schlussfolgerung. Dazu wolle man auch einen Antrag beim Parteibezirk einreichen.

Immer wieder gab es aus der Runde der rund dreißig Anwesenden kurze thematische Stichpunkte, die zu einer inhaltlichen Diskussion hätten anregen können. Immer wieder fiel das Stichwort „Rassismus“. Einmal ging dann die Diskussion tatsächlich wenige Minuten: als es um die Frauenquote ging und die Tatsache, dass die Jungs sich jetzt wieder fast alle Führungspositionen in der Partei gekrallt hatten. Dann ist das wieder erstorben und man hat sich der Fragestellung der Gründung von digitalen Ortsvereinen und sonstigen möglichen Onlineaktivitäten zur Mobilisierung zugewandt. Ja, man hat eingeräumt und auch etwas selbstkritisch angemerkt, solche Diskussionen seien wohl Parteialltag und der sei verbesserungsfähig. Insbesondere müssten die Hemmschwellen für Interessierte und Neulinge abgesenkt werden, solche Veranstaltungen zu besuchen – ???

Eine andere Ortsvereinvorsitzende erzählte hin und wieder von ihren Besuchen von Veranstaltungen der Grünen und dass das dort ganz anders abliefe, viel offener, konfrontativer, lebendiger – das würde sie sich für die SPD auch wünschen…

Es war traurig. Lynx muss sich vorwerfen lassen, dass er sich seinerseits nicht zu Wort gemeldet hat. Aber er war garantiert der einzige Nicht-Genosse und irgendwie hat man ihm das wohl auch angesehen. Und gewohnt, sich in die Nesseln oder zwischen alle Stühle zu setzen, hat er das diesmal sein lassen. Vielleicht war es falsch.

Der Trost für die SPD: vier (männliche) Neu- und Jungmitglieder waren da, zwei davon haben ihr strahlend rotes Parteibuch überreicht bekommen. Einer kokettierte dann gleich verbal mit der Möglichkeit eines Austritts und wurde flugs belehrt, dass ein wahrer Genosse nur mit den Füßen voran die Partei verlässt. Fehlte dann nur noch das Gruppenfoto mit Grinsegesichtern und Victoryfingern für die Facebookseite: Lynx hat sich weggedrückt. Ach ja, sein Nebenmann auch. Mit dem hätte er mal reden sollen. Aber wahrscheinlich ist es so, dass Lynx einfach keine Ahnung hat vom Parteiengeschäft. Vielleicht sollte er es dabei belassen.