Pappeln, fast ausgekämmt

Die Stadt wiedersehen, wo das Siegestor im Nebel näherrückte, das Siegestor, dessen Erzmedaillons die Marmorflanken schwärzten, weil über sie der Regen hundert Jahre lang herabgeflossen war. Dahinter regten sich die gelben Pappeln, schon fast ausgekämmt.

So beginnt der Roman Neue Zeit von Hermann Lenz, in dem er schildert, wie sein alter ego Eugen Rapp Nationalsozialismus und Weltkrieg erlebt, als Student in München, daheim in Stuttgart, als Frontsoldat in Frankreich und Russland, schließlich an der Mosel und als US-Kriegsgefangener im pazifischen Westen der USA. Wer sich interessiert dafür, wie man im größten Schlamassel ganz unheroisch „bei sich“ bleiben und es unter Wahrung der Menschenwürde durchstehen kann, der ist hier gut aufgehoben. Doch dies nur nebenbei. Denn eigentlich geht es aktuell um die Pappeln in der Leopoldstraße in München. Weiterlesen „Pappeln, fast ausgekämmt“

Frohlocken

„Sie werden Ihr Manna schon bekommen“ wird dem durstigen Münchner Dienstmann Alois Hingerl beschieden, als er nach einem plötzlichen Schlagtod in den Himmel eingezogen ist. Um sich die Wartezeit auf’s ersehnte Bier zu vertreiben, übt er sich im erbetenen Frohlocken, was ihm, aus seinem durstigen Frust heraus, zu einer Litanei Münchner Flüche gerät.

Beim gestern bekannt gewordenen Ergebnis der GroKo-Verhandlungen weiß man nicht so recht, wie man es damit halten soll: Mehrheitsengel werden und frohlocken oder lieber weiter granteln?

Frohlocken können viele – aus meiner Sicht in dieser Reihenfolge:

Frohlocken kann die CSU, weil sie wieder einmal unverschämt überproportional in der Bundesregierung vertreten ist und die Hofschranzen vor Ort schon vom Milliardensegen aus Bundesmitteln träumen, die nun nach Bayern umgeleitet werden können. Alles für die anstehende Landtagswahl und den Einkauf der absoluten Mehrheit. Und ein Altenteil für Seehofer ist auch noch gefunden…

Frohlocken kann die SPD, weil sie, die eigentliche Wahlverliererin (und weiter im Abwärtssog) die eigentliche Gewinnerin des Geschacheres ist. Und diese Gewinnerin hat auch noch einen Namen: Nahles. Oder Mutti 2, Mutti reloaded. Sogar Schulz kann (noch) frohlocken, hat er sich noch schnell auf einen Posten gerettet, auf dem man ihn eigentlich nicht sehen will und den Gabriel doch von Tag zu Tag besser ausgefüllt hat.

Frohlocken können durchaus wir Wähler, weil irgendwie werden wir alle gestreift werden von dem Geldsegen, der nun auf dieses Land niederprasseln wird. Der ist nicht ganz verkehrt, denn in den letzten Jahren wurde doch an vielen Stellen zu sehr gespart, was zu einigem Ächzen im Getriebe geführt hat. Ob es schon etwas spät ist dafür? Man wird sehen, wie viele an die Extremisten verlorene Schafe man damit zurückkaufen kann. Ob man damit die AfD einhegen kann auf ihren Kern aus Altnationalisten und Neofaschisten?

Frohlocken kann auch die Wirtschaft, wenn auch die Lobbyvertreter einen Teufel tun werden, dies zu tun. Letztlich kehren jedoch sehr viele der vom Staat nun spendierten Euros in ihre Taschen zurück, als Ergebnis stabilen oder ausgeweiteten Konsums oder, noch besser, als Aufträge und Folgeaufträge.

Frohlocken können vielleicht einigermaßen empfindsame Konsumenten, weil offensichtlich ein Laiendarsteller von der Bühne genommen wird, der bislang ein stets klägliches Bild abgab, als er versuchte, den Landwirtschaftsminister zu geben. Ob ihm eine leutselige Weinkönigin nachfolgen wird? Und ob das etwas besser macht?

Frohlocken können schließlich alle Jungpolitiker, die noch was werden wollen. Wann hat man zuletzt so viel geballte (altersunabhängige) Greisheit in einem Kabinett gesehen? (Man komme mir jetzt nicht mit Schäuble, der wird wahrscheinlich nie ein Greis). Gibt es bessere Bedingungen sich warmzulaufen für die Übernahme, sich zu verabreden für den anstehenden Coup als diesen lauen Poolabend, der uns nun bevorsteht? Ganz entspannt ein Gläschen in der Hand im Halbdunkel des weitläufigen Gartens trifft man sich und heckt die nächste Runde aus. Mit dieser Option sollte sich insbesondere ein gewisser Kevin anfreunden.

Und Alois Hingerl? Seine Flüche waren im Himmel nicht opportun, so schickte man ihn zurück auf die Erde, mit offizieller Mission betraut. Er sollte die bayerische Regierung beraten, genauer: ihr die göttlichen Ratschläge übermitteln. Über den vielen Bieren bei seinem anschließenden ersten Besuch im Hofbräuhaus hat er dann den Auftrag vergessen und sitzt dort heute noch. Zum Wohl oder Schaden der Bayerischen Staatsregierung, die seit dem unbeaufsichtigt und unberaten herumwursteln darf. Es gibt nicht Wenige, die Hingerl verehren und sich mit ihm solidarisieren. Das Frohlocken satt haben und lieber bis in die Unendlichkeit sachgrundlos granteln, wohlig beim Biere. Der Autor der Geschichte, Ludwig Thoma, war übrigens ein guter Geschichtenerzähler, aber politisch ein schlimmer Reaktionär.

Gibt es nur diese zwei Zustände? Frohlocken oder Granteln? Wo bleibt die Mitte? Geht arbeiten und lässt es über sich ergehen, Manna hin, Manna her.

Bildrechte: Flaggen-Pehl, Kissen „Aloisius“, 12,95 €

Fiss, Davos, Anderswo

In dem Winter, als Lynx das Skifahren lernen sollte, war er mit den Eltern im Urlaub in Tirol. Die Eintönigkeit der Tage, an denen er einen flachen weißen Hang am Dorfrand hinaufgestiegen und in Pflugbögen wieder hinuntergekurvt ist, wurde einmal jäh und sensationell unterbrochen: der Bundeskanzler kam zu Besuch! Lynx erinnert sich nicht mehr an viel, nur dass der kleine Platz im Ort übervoll war mit nicht-tiroler Landsleuten. Was bislang als skurrile Begebenheit erinnerlich war, dem wurde jetzt von Gabor Steingart ein höherer Sinn verliehen. Er beklagt, dass die SPD den Zweitwohnsitz aus dem Blick verloren habe. In unserem Normaloleben am Erstwohnsitz erfüllen wir unser Tagessoll und „schaffen das“.

„Entscheidend für das Wahlverhalten und die Zukunft des Landes aber ist der Zweitwohnsitz. Dies ist ein Sehnsuchtsort, gebaut aus Hoffnung und Ambition. Hier wird von besserer Ausbildung und sozialem Aufstieg geträumt, von mehr Geld und mehr Glück, und sei es dem Glück der Kinder. Hier nimmt der wirtschaftliche Aufstieg ganzer Länder seinen Anfang.“

So war das auch in den Wirtschaftswunderzeiten. Man fuhr zwar Lift noch mit sparsamer Punktekarte, aber man war dabei in Tirol. Und deshalb war dort auch der Bundeskanzler zu Besuch: „Der Zweitwohnsitz ist für den vitalen Politiker der richtige Ort, seine Wähler zu treffen. Wirtschaftswunderminister Ludwig Erhard und Reformkanzler Willy Brandt schauten hier regelmäßig vorbei […] Sie alle wussten, wie man Sehnsüchte in Politik verwandelt.“

Die heutige SPD beschäftige sich aber nur noch mit dem Hier und Jetzt und dies weitgehend mit narkotisierenden Rezepten. (Dazu muss man aber vielleicht ergänzen, dass sie es zuweilen zu weit getrieben und den Zweitwohnsitz mit dem Erstwohnsitz verwechselt hat, als sich ein im Pool auf Mallorca plantschender Vorsitzender ablichten ließ…) „Der Zweitwohnsitz der Deutschen aber ist seit geraumer Zeit in Ungewissheit gehüllt. Die Winde der Globalisierung fegen übers Dach.“

Naika Foroutan, Sozialwissenschaftlerin, hakt hier ein. Auf die Frage, welche Verantwortung Politik trage für die derzeitig verunsicherten Verhältnisse im Land, meint sie: „Sie müsste sich wieder mehr zutrauen; sie sollte die Gesellschaft mehr gestalten. Mehr aus der Zukunft heraus denken, statt Entwicklungen und Stimmungen hinterherzulaufen.“ Eine „emotionale, affektive Unruhe“ habe viele Menschen erfasst, eine „diffuse Nervosität“, die sich äußere in Zanksucht, kriselnder Gereiztheit und namenloser Ungeduld (wie die ellenlangen Kommentarlisten im Web belegen). Jemand habe das neulich mit der Atmosphäre in Thomas Manns „Zauberberg“ verglichen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Unruhen, Krisen und Konflikte werde die gegenwärtigen Verhältnisse von vielen Menschen linear in die Zukunft projiziert: da kann nichts Gutes nachkommen, sei dann die quasi-kausale Schlussfolgerung. Und es ist keiner da, der diese unselige und dumme Projektion kappt und sie durch eine wirklich zukunftsweisende Idee, die wieder hinaus ins Offene führt, ersetzt.

Der reale Zweitwohnsitz ist nun aus struktureller und raumplanerischer Sicht nicht unbedingt die beste Idee. Man kann da dieser Tage nach Davos schauen, wo Mann den Zauberberg verortet hat: eine 40 bis 50 Wochen im Jahr halbtot dahinsiechende kleine Alpenstadt, die nur um den Jahreswechsel herum und zum Wirtschaftsforum zum Leben erwacht. Hunderte Appartments stehen das Jahr über leer und die Niedriglöhner in der Gastronomie finden keine menschenwürdige Bleibe am Ort. Während die, aufgerieben von der Suche nach einem bezahlbaren Erstwohnsitz, an einen zweiten gar nicht denken können, stellen die anderen weltvergessen und gedankenlos die schönen Orte der Welt mit ihren Zweitwohnsitzen zu. Kann sich Optimismus, Lebenszuversicht, Erfolg immer nur in solchen materiellen Setzungen äußern? Gibt es keine Konzepte für einen immateriellen Zweitwohnsitz, die in der Lage sind, Menschen und Gesellschaften zu beflügeln? Man komme mir jetzt aber nicht mit Religion.


Quellen:
Gabor Steingart: SPD ohne Zweitwohnsitz, Handelsblatt Morning Briefing 22.01.2018.
„Es geht um eine Sehnsucht nach Eindeutigkeiten“ – Gespräch mit Naika Foroutan, Süddeutsche Zeitung vom 24.01.2018
Bildrechte: Musikkapelle Ladis

Jusos = 2 x AfD

Nur um die Dinge einmal in die richtige Relation zu setzen: alleine die Jusos haben zweimal mehr Mitglieder als die AfD – geradezu reziprok zur Altersstruktur unserer Gesellschaft. — Gut, Mitgliederzahlen stehen nicht in linearem Verhältnis zu Wählerstimmen, eh klar. Aber vielleicht in linearem Verhältnis zu Strukturen und ihrer Persistenz? Da hat die AfD aber viel Arbeit vor sich. Und bis dahin hat Kühnert übernommen…

2017.340

Nachtrag 07.12.17: Gabor Steingart vom Handelsblatt hat heute (unwissentlich) eine passende Bildunterschrift nachgeliefert: „Deutschlands traditionsreichster Partei wäre zu wünschen, dass unter der Betonplatte neues Leben wächst. An den Notwendigkeiten einer progressiven Politik – von abgasfreier Mobilität über eine Start-up-Kultur bis zur Neubegründung Europas – herrscht kein Mangel. Deutsche Politik braucht nicht das Ressentiment, sondern das, was Alexander Kluge die „Herzlichkeit der Vernunft“ nennt.“ (Morning-Briefing 07.12.17)

Er rät den Genossen anlässlich des heute beginnenden SPD-Parteitags zum Aufstand. Ob die allerdings den Ernst der Lage erkannt haben, ist mehr als zweifelhaft .

SPD neu denken? Eine spontane Vorortstudie.

Hat die SPD die Ohrfeige der Bundestagswahl verstanden? Hat sie realisiert, dass ihre angestammte Gefolgschaft massenhaft zu den Rechten übergelaufen ist? Welche Konsequenzen zieht sie daraus? Lynx wollte sich einen Eindruck von der Stimmung an der Basis verschaffen und hat eine Veranstaltung der Ortvereine besucht, wo es darum gehen sollte, die SPD „neu zu denken“.

Er hatte natürlich erwartet, dass es beim „Neuen Denken“ um inhaltliche Fragen gehen würde. Und der gescheiterte Bundestagskandidat hat bei seinem Eingangsstatement auch eingeräumt, dass die SPD mit einer Spaltung in der Gesellschaft konfrontiert sei, die problematisch und eine große Herausforderung sei. Aber, so fuhr er fort, er halte es jetzt nicht für sinnvoll, an dieser Stelle über Inhalte zu reden, weil da einfach viel zu viele unterschiedliche Meinungen aufeinander prallen würden und irgendwie jede(r) meine, er/sie wisse, woran es gelegen habe. Das würde jetzt nicht weiterhelfen. Er wolle viel lieber über die Strukturen reden: wie man sich künftig besser aufstellen und einen effizienteren Zugang zu den Wählern finden könne…

Der Fairness halber muss eingeräumt werden, dass es die SPD-interne Initiative SPD++ gibt, die aktuell zur innerparteilichen Debatte ansteht und von der Lynx bislang nichts gehört hatte. Dazu gab es wohl Gesprächsbedarf. Dennoch: wenn man öffentlich zu einer solchen Veranstaltung einlädt, sollte man doch erwarten, dass die Partei einem etwas mitteilen möchte. Und sei es nur eine öffentlich aufgeführte Selbstkasteiung, die mittels Katharsis-Effekt neuen Mut einflößt?

Nein, das ist offenbar nicht so das Ding der SPD. Eine Ortsvereinvorsitzende gab den dringenden Ratschlag, die Partei möge sich professionelle Expertise einholen, „die auch etwas kosten dürfe“, um das desaströse Wahlergebnis zu analysieren. Warum sollte man sich laienhaft selber damit beschäftigen?

Viel wichtiger war es dann zu diskutieren, dass künftig die Plakate und der ganze öffentliche Auftritt professioneller werden müssten: Corporate Identity als roter Faden (sic!) des Parteiauftritts auf allen Ebenen. Wiedererkennungswert! Den Typen kenne ich doch – dem kann ich vertrauen: so war die Schlussfolgerung. Dazu wolle man auch einen Antrag beim Parteibezirk einreichen.

Immer wieder gab es aus der Runde der rund dreißig Anwesenden kurze thematische Stichpunkte, die zu einer inhaltlichen Diskussion hätten anregen können. Immer wieder fiel das Stichwort „Rassismus“. Einmal ging dann die Diskussion tatsächlich wenige Minuten: als es um die Frauenquote ging und die Tatsache, dass die Jungs sich jetzt wieder fast alle Führungspositionen in der Partei gekrallt hatten. Dann ist das wieder erstorben und man hat sich der Fragestellung der Gründung von digitalen Ortsvereinen und sonstigen möglichen Onlineaktivitäten zur Mobilisierung zugewandt. Ja, man hat eingeräumt und auch etwas selbstkritisch angemerkt, solche Diskussionen seien wohl Parteialltag und der sei verbesserungsfähig. Insbesondere müssten die Hemmschwellen für Interessierte und Neulinge abgesenkt werden, solche Veranstaltungen zu besuchen – ???

Eine andere Ortsvereinvorsitzende erzählte hin und wieder von ihren Besuchen von Veranstaltungen der Grünen und dass das dort ganz anders abliefe, viel offener, konfrontativer, lebendiger – das würde sie sich für die SPD auch wünschen…

Es war traurig. Lynx muss sich vorwerfen lassen, dass er sich seinerseits nicht zu Wort gemeldet hat. Aber er war garantiert der einzige Nicht-Genosse und irgendwie hat man ihm das wohl auch angesehen. Und gewohnt, sich in die Nesseln oder zwischen alle Stühle zu setzen, hat er das diesmal sein lassen. Vielleicht war es falsch.

Der Trost für die SPD: vier (männliche) Neu- und Jungmitglieder waren da, zwei davon haben ihr strahlend rotes Parteibuch überreicht bekommen. Einer kokettierte dann gleich verbal mit der Möglichkeit eines Austritts und wurde flugs belehrt, dass ein wahrer Genosse nur mit den Füßen voran die Partei verlässt. Fehlte dann nur noch das Gruppenfoto mit Grinsegesichtern und Victoryfingern für die Facebookseite: Lynx hat sich weggedrückt. Ach ja, sein Nebenmann auch. Mit dem hätte er mal reden sollen. Aber wahrscheinlich ist es so, dass Lynx einfach keine Ahnung hat vom Parteiengeschäft. Vielleicht sollte er es dabei belassen. 

​Mehr Solidarität wagen (2)

Lynx und sein Bauchgefühl sind also nicht ganz allein, wie schön. Von seinem Küchentisch aus Ausschau haltend, sind drei Wanderer vorbeigekommen und haben sich unterhalten. Nachzulesen heute in der Süddeutschen Zeitung. Alex Rühle spricht mit David Begrich aus Magdeburg und dem Soziologen Thomas Wagner. Hier der für Lynx zentrale Ausschnitt:

Rühle: Welche gesellschaftlichen Erzählungen dominieren derzeit?

Begrich: Es gibt momentan überhaupt nur zwei Deutungsvorlagen, die liberal-neoliberale von der Selbstoptimierungsideologie und die neoliberal-rechtsautoritäre vom gemeinsamen Volk unter schützender Führung. Was fehlt, ist die dritte Erzählung: die sozialdemokratische, die eine Antwort gäbe, wie man die Gesellschaft zusammenhält über Begriffe wie Solidarität.

Wagner: In dem Punkt gebe ich Ihnen rundum recht. Große Teile der SPD haben sich dem neoliberalen Dogma verschrieben, Teile der Linken schielen nach Regierungsverantwortung. Beide Parteien haben ihr Stammpublikum aus den Augen verloren. Man muss dringend diese linke, soziale Erzählung wieder stark machen.

Rühle: Woher die Dringlichkeit?

Wagner: Kubitschek und seine Leute strotzen so vor Selbstbewussten, weil sie hoffen, diese sozialdemokratische Erzählung mitübernehmen zu können…

Im Anschluss darauf verweist Wagner auf den rechten Sozialwissenschaftler Benedikt Kaiser, der in Kubitscheks Verlag veröffentlicht. Der sagt, dass die Linke ihre Erzählung [von der Solidarität] ohnehin aufgäbe und es bestehe die  „historische Chance, sie zu übernehmen“.

So weit wollen wir es doch nicht kommen lassen, oder?
Also liebe Genossen, raus aus Federn und ran den Speck. Lynx wird es euch so lange nachrufen, bis ihr es in eurer Schwerhörigkeit endlich hört. (Oder bis er in die Reichweite eurer tauben Ohren vorgedrungen ist).

Quelle: Waffen des Lichts, SZ Nr. 249, 28./29.10.2017, S. 17

Mehr dazu: Mehr Solidarität wagen! – Kleine Anregung zur Reformierung der SPD

Mehr Solidarität wagen! – Kleine Anregung zur Reformierung der SPD

Martin Schulz hat die grundlegende Erneuerung der SPD ausgerufen. Wird ja auch Zeit. Er sollte dabei kürzlich getroffene personelle Weichenstellungen ebenfalls nochmals kritisch prüfen. Viel wesentlicher ist aber, dass die Partei ihre Wählerschaft drastisch verjüngen muss. Jörg Schönenborn (ARD) hat am Wahlabend in Niedersachsen sehr eindrücklich vorgeführt, wo das derzeitige Wählerpotential liegt: bei den Alten, die sich über Wahlplakate im Stil der 50er Jahre freuen. Wie soll das in die Zukunft führen?

Die SPD hat hier ein Problem: sie wird zunehmend als die Partei wahrgenommen, die den heute Alten die Renten sichert. Dass das die Spielräume für die aktuell Erwerbstätigen und noch viel mehr für die Nachwachsenden stark mindert, wird billigend in Kauf genommen, weil die Wählergruppe der Alten immer noch so stattlich groß ist. Steht das einer Konzeptpartei gut an?

Sollte die SPD nicht hergehen und eines ihrer Grundthemen neu beleben: Solidarität? Gemeinsinn?

Sollte die SPD sich nicht dranmachen, den Alten zu verdeutlichen, dass es für alle besser ist, die Jungen mehr zu fördern und dafür auf die eine oder andere Rentenerhöhung zu verzichten, die eine oder andere Kreuzfahrt? Denn unter’m Strich haben alle mehr davon, wenn unser Land weniger auf Kreuzfahrten unterwegs ist und stattdessen mehr gescheite, gut ausgebildete Leute heranwachsen. Dann bleibt auch immer für die Alten genug übrig. Ansonsten wird es irgendwann dünn. Oder will die SPD sich mit den jetzigen Alten in den nächsten Jahren verabschieden?

„Sich ehrlich machen“ ist ein dämlicher Begriff, aber für die SPD beschreibt das die Situation ganz gut: sie muss es schaffen, die Alten davon zu überzeugen, dass Solidarität auch dann wichtig ist, wenn man selber auf einmal zu denen gehört, die etwas abgeben müssen. Nur so kann sie die Jungen für sich gewinnen. Und nicht nur die. Auch die, die sie nach rechts verloren hat, und das sind viele und werden immer mehr.

Der Agenda 2010 müsste das Projekt 2030 folgen: Mehr Solidarität wagen!

Schulz ohne Wähler

In diesem Blog wurde schon sehr früh die Hoffnung geäußert, Martin Schulz könne helfen, die AfD einzuhegen und frustrierte Wähler aus dem Arbeitermilieu wieder für die SPD zurückgewinnen. Peifendeckel. Nach einem Zwischenhoch hat sich die Erosion bei der SPD verstärkt. Die Situation wurde falsch eingeschätzt.

Das traditionelle Wählermilieu der SPD existiert nicht mehr. Es hat sich in den Ruhestand und danach verabschiedet oder es ist aus seinem wohlgeordneten Leben mit Festanstellung gefallen. Einzig für die Rentner hat die SPD noch genug anzubieten, sonst für niemanden – so ist die Wahrnehmung. Das ist nicht zukunftsfähig. Weiterlesen „Schulz ohne Wähler“