Kammer 4 frei Haus oder ErSchrecken ohne Ende

Anfang Januar verbrachten wir einen halben Tag in den Kammerspielen, von mittags um eins bis abends halb elf. „Dionysos Stadt„, das Antiken-Projekt in vier Teilen als Theater-Überwältigung. Von Prometheus über den Trojanischen Krieg zur Orestie, im Nachgang die Erinnerung an das Endspiel der Fußball-WM 2006 und an Zidanes verzweifelten Kopfstoß gegen Materazzi. Prometheus hat den Menschen das Wissen und die Technologie geschenkt, damit sie ihr Schicksal selber in die Hand nehmen können – vermeintlich. Selbst wenn sie zu Meistern ihres Fachs werden, technische Perfektion erreichen, können sie dennoch dem Schicksal nicht entrinnen – und nicht mit den wahren Göttern gleichziehen. Das verbindet uns, über alle Zeiten hinweg, über alle Orte, so wie auch die Sonne, die jeden Tag aufgeht und über uns leuchtet. Das Schlussbild. Dazwischen viel Bühnenspaß, ein paar harte Brocken aus der Ilias, heiter-spontane (Agamemnons Rückkehr) und eindringliche Momente (Kassandras Traum). Großes Theater alles in allem. Selten in den letzten Jahren hat das Schauspielhaus so gebrummt und gelacht, noch bis hinaus in die nächtliche Maximilianstraße.

In einem launigen Prolog bereitete Nils Kahnwald uns auf die Entbehrungen und Qualen eines solch langen Theatertages vor. Irgendwann wisse man nicht mehr, wie man sitzen solle. Man verrenke sich, rempele die Nachbarn an und schon sei man im Gespräch, nach geschätzt sechs Stunden. So kam es dann auch. Wir fühlten uns ziemlich gefordert, doch bevor wir erschöpfen, werden wir zum Ouzo-Gelage auf die Bühne gebeten. Ein Wechselbad der Gefühle. Enjoy your eternal suffering: damals habe ich den Flyer mit einem Schmunzeln eingesteckt, diese leicht zynische, dionysisch-grinsende Ironie. Dass dieser Satz als Menetekel in unserer Hand aufflammen würde, als ganz konkrete Prophetie für das, was uns womöglich schon bald bevorsteht, war nicht vorstellbar. Und dieses Menetekel ist zweigesichtig, janusköpfig: es fällt auf das Theater zurück.

Wie alle Theater haben auch die geliebten Kammerspiele geschlossen, wer weiß für wie lange? Nun senden sie frei Haus, Theater on Demand, jeden Tag eine andere Aufführung aus der virtuellen „Kammer 4“. Da kann man womöglich Dionysos Stadt auf dem Sofa genießen, daheim eingesperrt und ganz ohne Qualen. Ein Albtraum. Seit heute nacht haben wir nun die erwartbare Ausgangssperre. Und die Kammerspiele legen sofort nach, künftig gibt es dort auch Live-Aufführungen. Am 24.03 geht es los mit „Yung Faust“ von Leonie Böhm. „Die Schauspieler*innen Annette Paulmann, Benjamin Radjaipour und Julia Riedler sowie der Musiker Johannes Rieder spielen das Stück gemeinsam, aber räumlich getrennt, aus ihrem jeweiligen Zuhause und versuchen so mit der Unmöglichkeit, sich zu begegnen, umzugehen.

Moshe, Amin und Leila/Kim

Als wir hinaustreten in die dunkle, kalte Nacht der Straße und hoffen, dass bald die Tram kommen möge, fragen wir uns: wo war der Erkenntnisgewinn? (und erfahren bei der Nachlese, dass auch andere sich diese Frage schon stellten.) Zwei Stunden eingezwängt im Theater, Entkommen gilt nicht. Auf dem Herweg erscholl vor der Residenz der Ruf des Muezzins, den die Angstmacher auf rechts seit geraumer Zeit aufführen, während die reichen Araber vom Golf gerade ihre Shoppingtour beendeten und in ihre geliehenen Ferraris einstiegen. Jetzt, in der Tram sitzt neben uns ein wohlhabendes israelisches Paar und unterhält sich lautstark (warum sind Israelis häufig laut und dominant im Auftreten?). Wir zuckeln weiter in die Nacht.

„Die Attentäterin“ ist die Dramatisierung eines Romans von Yasmina Khadra alias Mohammed Moulessehoul, die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen besorgte Amir Reza Koohestani. Die Geschichte spielt zunächst in Tel Aviv und endet in Bethlehem, es geht um einen katastrophalen Selbstmordanschlag in einem Einkaufszentrum, bei dem viele Kinder umkommen. Ausgeführt wurde er von einer Frau, die als säkular-moderne Israelin bekannt war, und die mit ihrem Mann, einem erfolgreichen Chirurgen, beide Palästinenser, dabei war, sich wohnlich einzurichten in Israel, auf dem Weg nach oben. Der ahnungslose Mann, Amin, notoperiert die Opfer und wird erst dann mit der Wahrheit über seine Frau, Sihem, konfrontiert, die ein Doppelleben als (künftige) Märtyrerin führte. Amin will verstehen und reist zurück in ihrer beiden Heimat Bethlehem, wo er seit zwanzig Jahren nicht mehr war – entgegen aller Warnungen, da gäbe es nichts zu verstehen und er gefährde nur sich und seine Familie.

Diese Geschichte erlebt man mit als Abfolge von Gesprächen an einem langen Tisch. Gespräche als Aneinanderreihung von Stereotypen über den Nahostkonflikt, über Israelis und Araber, vorgetragen im Duktus von alltäglichen Gesprächen unter Freunden und in der Familie. Dazu gesellt sich die Verhörsituation zwischen Moshe und Amin, auch sie so banal und dramaturgisch vorhersehbar wie bei einem Polizeiruf der ganz alten Sorte. Die Selbstbefragung der Akteure, warum dies alles sein müsse, bewegt sich im arrondierten Bezirk der eigenen Lebenswelt, des nur eigenen Erfahrungshorizonts. Alle sind gleichermaßen umgeben von perfekter Überwachungstechnik, die auf der Bühne als automatisierte Kameras agiert, und dennoch passieren die Anschläge und Einschläge, offenbar bis in alle Ewigkeit. Wie soll uns das weiterbringen, wo ist Licht?

Betont beiläufig, mal als Scherz des Penisvergleichs, mal als Lebenserinnerungen alter Männer, wird darauf verwiesen, dass der ganze Konflikt letztlich nichts anderes ist als ein Bruderkrieg, zwischen Brüdern aus inzwischen seit langem verfeindeten Familien, wo jeder den anderen nach Strich und Faden quält und zur Begründung die jeweils selbst erlittene Qual anführt. Maja Beckmann spielt zunächst Amins jüdische Kollegin Kim, später seine Schwester Leila. Am Tuscheln der Zuschauer um einen herum merkt man, dass der Regietrick funktioniert: man braucht eine Weile, bis man merkt, dass Leila nicht mehr Kim ist, so deckungsgleich sind Artikulation und Charakterzeichnung als handfest-pragmatische, gleichwohl empathische Frau, die dennoch nur die Opfer der eigenen Seite wahrnehmen und beweinen kann. Und so endet das ganze vorhersehbar in gewaltsamem Tod, Nacht, Kälte, Verwesung. Um sich unaufhörlich zu wiederholen.

Ja, die Inszenierung treibt einen an den Rand der Verzweiflung. Warum muss man sich zwei Stunden lang anschauen, was man eh schon weiß, oft genug schon imaginiert bekommen oder selbst zu ergründen versucht hat? Ohne dass ein Weg aufgezeigt wird, ein Hoffnungsschimmer? Oder dass klassische Katharsis passiert? Nichts davon, gar nichts. Was für ein subkutan-subversiver Akt!

Ein Gedanke schleicht sich dann doch ein, auf der dringlichen Suche nach Erklärung. Diese Familienclans: Mafia, Blutrache, tribale Strukturen überall. Sind nicht beide Religionen, Judentum und Islam, Stammesreligionen, hervorgegangen aus den Nomadenzelten der Wüste? (Und, in diesem Kontext nur ein gedanklicher Nebenast: ist nicht das Christentum unter den Weltreligionen semitischen Ursprungs die einzig urbane?) Ist es nicht dieser Tribalismus im Kern dieser Religionen, der überwunden werden muss? War es nicht eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung freiheitlich-demokratischer Gesellschaften, dass Menschen es gewagt haben, sich aus den Zwängen, Fesseln der Familien zu lösen? Nicht zurückgekehrt sind an Mutters Tisch und zu Vaters Welterklärung? Das ewige Festhalten an familiären Traditionen, nichts anderes als ein Clan-Kodex: liegt nicht dort der Kern des Übels? Haben wir nicht inzwischen seit langem einen Kodex namens Verfassung, der in der Lage ist, eine Gesellschaft zu befrieden – wenn man ablässt vom Gesetz der Familie, der Abstammung?
Und wie halten wir es mit einwandernden oder wiederkehrenden Riten des Tribalismus? Muss diesem Unwesen eine Republik nach 1789, 1918 und 1945 nicht unmissverständlich und durchsetzungsstark einen Riegel vorschieben?

Geschickt gesät vom Autor/Regisseur. Nicht-erfüllendes Theater mit nagender Nachwirkung. Dass es ein feministischer Akt von Frauen sein soll, als Selbstmordattentäterin zu agieren, das wurde allerdings nicht recht plausibel. Eher setzte sich der Gedanke fest, dass Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft offenbar selbst dann noch affirmativ agieren, wenn sie es eigentlich besser wüssten. Auch da hat die griechisch-urbane Antike die besseren Mythen.


Bildrechte: Münchner Kammerspiele, verändert

Unterforderung

Da kommt ein junger Philologe aus Berlin nach München, geht in die Kammerspiele und ist begeistert. Warum? Es sei alles so neu für ihn, sagt er. Ist das glaubhaft? Dann ist er in Berlin also nie ins Theater gegangen und hat in München endlich den Weg dorthin gefunden? Unwahrscheinlich. Ist es nicht eher so, dass all das „Neue“ das Altbekannte ist? Dass sich Heimatgefühle bei ihm einstellen in der südländischen Fremde, wo die Leute sich „von Lilienthals Theater unterfordert“, er sich aber „ständig überfordert“ fühlt? Ja, die Überforderung, das ist wohl so ein Berliner Lebensgefühl. Jedenfalls hat der Neumünchner Steinau am Mittwoch eine kleine Demo auf dem Marienplatz veranstaltet, um für Lilienthal zu trommeln. Der ließ es sich natürlich nicht nehmen, sich auch zu zeigen.

Am Donnerstag sitzt Lynx im Theater und schaut sich wieder einmal ein Mitbringsel von Lilienthal aus Berlin an. Seine Lieblingstruppe SheShePop zelebriert „Oratorium“, ein Lehrstück um Privateigentum und Entmietung. Puuh, was soll man sagen. Unterforderung ist noch milde ausgedrückt. Anfangs ist das Publikum ja noch geneigt, den Chor zu spielen und projizierte Texte abzulesen. Da gibt es zunächst spaßige Wendungen und durchaus sitzende Pointen. Recht bald übernimmt dann die Abteilung „Ideologische Indoktrination“ und die Leute verlieren sehr schnell die Lust. Richtige Mitmachstimmung will nicht aufkommen, populistische Agitation zündet nicht. Und wer lässt sich schon gerne nötigen? Manchmal findet sich nur noch ein zartes Stimmchen, das erkennbar widerwillig die vorgegebene Textzeile abliest, damit das Stück wenigstens weitergeht. Weiter geht es dann meist, in dem der auf der Bühne als „Protagonist“ agierende Chor Phrasen absetzt und dazu auf den Boden stampft wie ein trotziges dreijähriges Kind. Das überfordert vielleicht einen Zweijährigen, aber sonst niemanden. Und komisch. Lynx hat verbotene Gedanken: ob es bei Pegida ähnlich zugeht? Was für ein trauriger Abend, einmal mehr.

Aber ein Ende ist ja absehbar. Lilienthal wird dann mutmaßlich heimkehren und viele Leute damit unterhalten, wie unterbelichtet die Münchner sind, schon immer waren und immer sein werden.
Und München: wird hoffentlich sein Theater zurückbekommen. Und zwar eines, das nicht in Trotzphasen, nicht in den 70er/80er Jahren festhängt, sondern wirklich gegenwärtig ist. Davon ist Lilienthal meistens meilenweit entfernt.

​Nummernrevue des Ausdruckstanzes

Der Tanzkünstler Trajal Harrell aus New York wird gerade gehypt, deshalb muss er auch in den Münchner Kammerspielen inszenieren. „Juliet & Romeo“ heißt das Stück, das im Wesentlichen vom Tod der Protagonisten und vom Totengesang von Julias Amme handelt. Gutmeinende Kritiker sehen in der Darbietung einen intensiven und anrührenden Totentanz. Das Publikum um uns herum scheint, trotz offensichtlich gutem Willen, nach rund 30 Minuten unergriffen wegzudösen. Hier und da hört man ein leises Schnauben des Überdrusses.

Einzig die Soundbasteleien, manchmal schmerzhaft schrill, manchmal meditativ minimalistisch, manchmal fadotraurig, halten noch wach. Bildaffine Menschen, die in den Kammerspielen meist auf ihre Kosten kamen, gehen weitgehend leer aus.

Was wird geboten? Meist stereotyp getanzte Installationen, von denen sich jede über Minuten hinzieht, in den immer gleichen Wiederholungen. Das könnte einen Sog entwickeln – tut es aber nicht, weil man eigentlich schon bald weiß, was kommt: in stetem Wechsel die vom „Voguing“ inspirierten Laufstegnummern oder eurythmischer Solotanz. Und ein bisschen was mit Kleidern und Tüchern. Einfach so aneinander gereiht, ohne fühlbare Struktur oder Rhythmus. Oder jedenfalls nicht mehr als im Programmschema eines Popsenders. Gute Ideen bleiben im Ansatz stecken, es passiert nie etwas Überraschendes.

Man wird auch das Gefühl nicht los, dass es nicht um das Stück, die Geschichte an sich geht. Harrell kapert das universelle tragische Schicksal, um es, so kommt es mir vor, auf seine eigene, möglicherweise tragische, Erfahrung zu reduzieren. Ich werde nicht berührt, weil ich spüre, dass nicht wir alle gemeint sind mit dieser Erfahrung von Trauer, Schmerz, Verlust. Sondern dass Harrell nur um sich selber und die Verarbeitung seiner inneren Wunden kreist. Er hat das dringende Bedürfnis, gesehen zu werden. Bis dahin, dass er sich an der Tür quasi von jedem Besucher persönlich verabschiedet.

Tut mir leid: der Abend war schmerzhaft öde, eine ungute Mischung aus abgestandener Performance und (Zu-)Dringlichkeit. Kein verheißungsvoller Einstieg in die dritte Saison mit Lilienthal.