Movement and Location

Mit diesem Song eröffneten die Punch Brothers die Konzerte ihrer letztjährigen Tour durch die Staaten: Movement and Location. Steckt da nicht alles drin, was unsere Zeit aktuell bewegt? Die einen wollen gerne bleiben, müssen aber gehen. Die anderen wollen sich bewegen und ernten dafür Hass, Ablehnung, Widerstand, Verachtung… Die anderen wollen verharren, stillstehen und reden dabei von „Aufbruch“ oder „Aufstehen“. Die einen wollen demnächst einen neuen Elysée-Vertrag unterzeichnen und die Kontur einer erweiterten Heimat ein wenig stärker zeichnen. Die anderen irren in diesem Raum herum und wissen nicht, wo sie hier eine Heimat finden können. Wieder andere sagen, Schnellroda ist Heimat genug, weil wir sind ja schon hier und das reicht. Um das zu verdeutlichen gründen wir jetzt eine neue Partei, „Asyl für Patrioten – Mitteldeutschland“. Oder so ähnlich. Verwirrend.

Muss ich etwas zu den Punch Brothers sagen? Falls nicht bekannt: Jenseits von Coldplay, Radiohead und Bluegrass gibt es etwas, wo die Sounds von gestern und heute eingeschmolzen werden und in ungehörter Klarheit wieder aus dieser Schmelze gezogen werden von fünf Musikern und ihren rein akkustischen Instrumenten. Best of America. Ja, es kommen noch immer wunderbare Dinge aus den USA. Lynx ist bekanntlich so ein merkwürdiger Americana-Liebhaber und wenn er Seelennahrung braucht, konsultiert er die Punch Brothers. Oder, wenn es traditioneller sein darf, schaut er bei Arhoolie Records vorbei, dem legendären Label, das echte Graswurzelarbeit geleistet hat. Zum 50. Geburtstag 2013 gab es ein großes Konzert und das Album dazu (They all played for us) bringt das Roots-Amerika zu Gehör, das wir (und mehr als 50 % der Amerikaner) sich wünschen, in allen Sprachen und Rhythmen, die dieses Land in sich vereint, immer noch und noch lange.

Die südwestlichen Regionen der USA sind seit Anbeginn der europäischen Kolonisation umstritten und die Mexikaner mussten da im Lauf der Zeit große Gebietsansprüche an die USA abtreten. Das nagt noch immer an den Gemütern und die Fröhlichkeit der TexMex-Musik, verbindendes Element der Kulturen, täuscht etwas darüber hinweg. „The Free Mexican Airforce“ ist ein Klassiker dieses Genres und angesichts des tumben Auftritts von Trump an der texanischen Grenze in diesen Tagen, wünscht man sich, dass sie aufsteigt: Not even the President knows the full truth of what’s going on. Zapatas Geist lebt in einem Raumschiff fort und die kleinen grünen Männchen, sie kommen…

Movement and Location. Das ewige Hin und Her. Heute hier, morgen dort. Tradition ist statisch – Heimat ist dynamisch, habe ich heute gelesen. Sagte ein Landschaftsplaner 1950. Waren einerseits ganz andere Umstände, andererseits…

Die Punch Brothers beschlossen ihr Konzert übrigens mit „Familiarity“: Again you nod your head and take my hand/Though i’m not sure where we’ll go (amen)…

2018.365

Wer ist der Reiter mit dem Westernhut? Wer ist der Esel? Wohin geht der Ritt? Ist der Reiter nicht sehr jung? Und der Esel alt? Oder gibt der Reiter nur vor, jung zu sein? Kindischen Krempel hat er dabei – muss das sein? Wohin geht die Reise?

„Wirklichkeit gab’s nicht, weil Vergangenes ebenso wirklich war wie Gegenwärtiges und immer wieder ein Stück Zukunft aufgelöst und eingeschmolzen wurde von dem, was jetzt geschah. Und nur, was du im Gedächtnis hast, kann dir keiner nehmen.“ (Hermann Lenz)

Der Moment allerdings, wo das Stückchen Zukunft schmilzt: wie wird er sich anfühlen? Und wird das, was im Gedächtnis bleibt davon, ein Gepäckstück sein, das es lohnt, aufzupacken, mitzunehmen? Oder nur Ballast? Oder womöglich Schmerz, nur verdammter Schmerz? – Möge die Zeit und die Welt weiter offen sein und weite Ausblicke erlauben. Mit Dank und den besten Wünschen an alle für das neue Jahr.

Prosper Haniel

Am Freitag ist es also soweit, die letzte Steinkohlenzeche in Deutschland schließt, Prosper Haniel in Bottrop. Das Abbausoll wurde allerdings bereits im September erreicht, seitdem wird allmählich dicht gemacht. Einem Schreiberling aus Süddeutschland steht es in keiner Weise an, sich hierzu würdevoll zu äußern, ist mir schon bewusst. Vor drei Jahren waren wir vor Ort bzw. in der Nachbarschaft, auf der Halde Beckstraße mit der Landmarke ‚Tetraeder‘.

Aber eigentlich waren wir zu Besuch im Museum Quadrat, bei der wunderbaren Walker-Evans-Ausstellung. Hätte es dafür einen besseren Ort geben können? Jedenfalls sind ein paar Bilder ins Gelände dabei abgefallen, die ich jetzt wieder herausgekramt habe. Und irgendwie haben die doch auch etwas mit Süddeutschland im weiteren Sinne, wenn man es bis in die Alpen ausdehnt, zu tun. Diese Skihalle und das Detail ganz links außen: alpenländlerischer Hüttencharme – o.m.g! Ein paar Jahre zuvor hatte uns das Schicksal für einen Abend in die Skihalle in Neuss verschlagen. Sprachlos, „Atemlos“, betrachteten wir das Geschehen rundumadum, die Dirndl- und Janker-Träger*innen, die sich zum Abendmahl einfanden – w.t.f.?

Hoffen wir mal, dass das nicht die einzige Zukunftsidee ist. Nein sicher nicht! Das Ruhrgebiet ist so schön grün bei zugleich so viel Urbanität, der etwas spezielleren Sorte vielleicht, aber: das wird der nächste heiße Scheiß, da bin ich mir sicher. Und dann werden uns hier im Süden noch die Augen rausfallen!

Orto comune

Ein sizilianisches Landstädtchen im Hinterland, im Westen der Insel. Touristisch nahezu unerschlossen, im Windschatten bekannter Routen, ganz eingebettet in die frühlingsgrüne bergige Landschaft. Wir streifen durch die malerischen Gassen der Altstadt, vor ein paar Jahren aufwändig saniert, viel EU-Geld ist geflossen. Bleiben hier stehen, fotografieren dort, lesen, auffallend neugierige Reisende, einzelne Infotafeln zur Stadtgeschichte, aufgehängt für die Touristen, die es nicht gibt in einem Städtchen, das keiner kennt.

Aber von wegen weltabgeschieden: auch hier gibt es jetzt „urban gardening“, eine kleine Installation aus alten Europaletten, zu einem Kräuterhochbeet zusammengezimmert und hübsch lasiert, zeugt davon. Küchenkräuter zum Mitnehmen. Es steht an einer kleinen Aufweitung der Gasse, dahinter dehnt sich die Landschaft in endlosen Hügelwellen.

Die Gasse zieht sich den Hügel hinunter, macht unten eine Biegung, an der Ecke steht das Rathaus. Heraus tritt ein Polizist in vollem Ornat: langer Mantel, Schulterklappen, Kragenspiegel, diese hochaufragende, bedeutsam wirkende Dienstmütze. Geht schnurstracks auf uns zu, spricht uns freundlich an, in unserer Muttersprache, fließend. Ein leicht älterer Herr mit sonor wohlklingender Stimme, erkundigt sich nach Woher, Wohin, Wozu. Wir halten dagegen, fragen zurück, woher die guten Deutschkenntnisse kommen? Lange Jahre in der Gastronomie, in Deutschland, zuletzt lange in der Schweiz. Chefportier in einem Luxushotel im Berner Oberland. Wir loben die gelungene Altstadtsanierung, das freut ihn und er erzählt noch einiges dazu, seine eigene wichtige Rolle dabei gewissenhaft unterstreichend. Dann lässt er uns ziehen.

Wir brauchen ein paar Schritte Abstand, um uns zu fragen, wie es kommt, dass ein ehemaliger Portier jetzt Polizeichef in seiner Heimatgemeinde ist, auf seine alten Tage?

Die Geschichte ist mir wieder eingefallen, als ich heute früh gelesen habe, dass sich angeblich die Schlinge zuzieht (wieder einmal) um Matteo Messina Denaro, „l’Invisibile“, den Superboss aus Castelvetrano, seit 25 Jahren von der Bildfläche verschwunden. Er soll der Pate sein, der die gesamte Wirtschaft der Provinz Trapani kontrolliert (nur hier?), in nahezu allen relevanten Wirtschaftszweigen. Wichtig ist ihm inzwischen Windkraft, er ist ein moderner Mensch. Und vielleicht der reichste Italiener. Es gibt Vermutungen, dass er gar nicht weit ist, sich in seiner Heimat versteckt hält. Irgendwo dort im teils rauhen, teils lieblichen Bergland im Westen der Insel.