Architektenpoesie (2): Wohn(t)raum in Virginia

Bauherrin ist eine junge, vierköpfige Familie aus Virginia, die sich hier ihren 530 Quadratmeter großen Wohntraum erfüllte. Entstanden ist ein Ensemble aus drei Volumen, die jeweils eine Hauptfunktion aufnehmen und die umliegende Natur einrahmen. Küche und Wohnbereich beispielsweise sind nach Westen, Richtung Sonnenuntergang und Shenandoah-Gebirge ausgerichtet, während die Drehung des Schlaftraktes für grüne Berghänge vor dem Fenster sorgt. […] Platziert ist der Neubau auf einer Hügelkuppe am Waldrand mit Blick auf die Berge, im Osten eines 18 Hektar großen Grundstücks.

Baunetz, 13.05.2020

Der Gini-Koeffizient zur Beschreibung der Ungleichheit der Einkommensverteilung in einer Gesellschaft liegt in Deutschland lt. Bundesregierung bei 0,29 (Stand 2016, nach Abzug von Steuern und Abgaben). In den USA im Bundesdurchschnitt bei 0,39, im Bundesstaat Virginia, einem alten Südstaat, bei 0,48 – exakt der Wert, den Anthropologen als Durschnittswert für historische, vormoderne Agrargesellschaften ermittelt haben. (Der Wert 0 gilt für eine egalitäre Gesellschaft mit gleichmäßiger Einkommensverteilung, beim Wert 1 würde ein Mensch alles verdienen, die maximale Ungleichverteilung.) Das bescheidene 530 m²-Häuschen für vier Personen in Virginia ist eine prima Illustration dieses Messwertes und wie er sich räumlich auswirkt. (Und immer finden sich willige Architekten, die hier ihre feuchten Träume ausleben.)

Ein paar Meilen östlich residierte einst Präsident Jefferson im mondänen Monticello, noch etwas tiefer im Süden, aber noch in Virginia, lag sein „Hideaway“ Poplar Forest, wo er seiner Sklavenhaltertätigkeit nachging. Alle diese (Architektur-)Bezüge leben hier munter fort: „diese Villa strotzt vor historischen Bezügen, zumal sie laut Architekten obendrein von den traditionellen Kolonialhäusern der amerikanischen Südstaaten inspiriert ist.“ So hinterlässt der Trumpismus bereits neue gebaute Spuren der Verwüstung. Das Haus heißt übrigens Three Chimney House, was man auch als Bankrotterklärung auffassen könnte – oder als gebautes Ausrufezeichen der Klimawandelleugner: das fossile Zeitalter ist noch lange nicht zu Ende…


Bildrechte: Baunetz/Joe Fletcher, verändert

2020.099 | † John Prine

Wird das hier ein Sterberegister? Heute früh hat mich die NYT unterrichtet, dass John Prine in Nashville Covid-19 erlegen ist. Wenn man so will der typische Fall eines gesundheitlich angeschlagenen alten weißen Mannes, leichte Beute für das Virus…
Seine Musik habe ich (leider) erst spät für mich entdeckt, umso intensiver hat er mich die letzten Monate begleitet. Einfache Melodien, perfektes und transparentes Arrangement, eine kratzige Stimme, vollendete kleine Geschichten aus der Mitte der USA: davor haben auch die ganz Großen nach und nach über die Jahre den Hut gezogen. Erst im vergangenen Dezember hat er den Grammy für sein Lebenswerk erhalten.

Möglich, dass sich einmal für einen Moment unsere Wege gekreuzt haben, unerkannt. Am 15. Februar sollte noch ein Konzert von ihm in Berlin stattfinden, es wurde jedoch wegen seiner gesundheitlichen Probleme (erneut) abgesagt. Im Vorfeld war im SZ-Magazin ein Gespräch mit John Prine erschienen, wo es auch um seine Militärzeit in Deutschland in den 1960er Jahren ging. Ich stelle mir vor, dass er einer von den GIs war, die im Garten meines Onkels zu Gitarre und Mandoline gegriffen haben. Denn er erzählt, dass er auf den Nebenstraßen der Region unterwegs war: „Wenn ich mal ein oder zwei Tage frei hatte, habe ich versucht, mir kleine Orte auf dem Land anzuschauen, wo nicht so viele GIs hinkamen. Besonders in der Gegend zwischen Stuttgart und München.“ Dort verbrachten wir viele Wochenenden in einem paradiesischen Garten, der sich in den Hang schmiegte zwischen einem sehr berühmten Berg im Albvorland und einem idyllischen Wiesental, das von der Abendsonne golden ausgemalt wurde. Schon mittags loderte das Feuer im großen Gartenkamin, das Barbecue zog sich über den langen Nachmittag, zwischendurch wurden die Instrumente herausgeholt. Musizierend, lachend, speisend plätscherte der Sommertag dahin.

Im Song My Darlin‘ Hometown (aus dem Album Fair and Square von 2005) scheint mir die Erinnerung an den Garten meines Onkels festgehalten, far away over the sea… – möge er dorthin friedlich zurückgekehrt sein.

Far away over the sea
There’s a river that’s calling to me
That river she runs all around
The place that I call my hometown

There’s a valley on the side of the hill
And flowers on an old windowsill
A familiar old picture it seems
And I’ll go there tonight in my dreams

Where it’s green in the summer
And gold in the fall
Her eyes are as blue
As the sky I recall

Far away over the sea
There’s a place at the table for me
Where laughter and music abound
Just waiting there in my hometown

The river she freezes
When there’s snow on the ground
And the children can slide
To the far side of town

Far away far away me
Hung up on a sweet memory
I’m lost and I wish I were found
In the arms of my darlin‘ hometown

With the evening sun sittin‘
On the top of the hill
And the mockingbird answering
The old chapel bell

Far away over the sea
My heart is longing to be
And I wish I could lay myself down
In the arms of my darlin‘ hometown

(John Prine & Roger Cook)

Trackline #5 | How ‘bout you?

Nie war er so wertvoll wie heute: der bekannte Werbespruch für sehr hochprozentigen Schnaps, der gerne für Medizin gehalten wird, ist mir eingefallen. Le Corbusier, der Großarchitekt der Moderne, soll sich, als die Spanische Grippe 1919 in Paris grassierte, mit Cognac und Zigaretten in seine Wohnung eingesperrt haben, bis das Desaster vorbeigezogen war. Schnaps ist zumindest eine Exit-Strategie.

Derzeit erweist sich aber so wertvoll wie nie der Crosstrainer, der seit einigen Jahren im Keller steht und mal mehr, mal weniger Interesse findet. Klar kann man immer noch rausgehen zum Laufen. Dennoch halte ich es jetzt umso mehr für ein Geschenk, zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jedem Wetter die Lungen ein wenig durchlüften und mir ein paar Endorphine abholen zu können. Und dabei zu verreisen. Meist in die amerikanische Provinz, auf die Nebenstraßen aktueller und vergangener populärer Musik. So auch heute wieder, den Mississippi rauf und runter, wie üblich mit (gewagten) Exkursen – Leben im Shuffle-Mode. Schließlich kehre ich in einem Straßencafé in Colorado ein. „How ‘bout you“ – Wie steht’s bei euch? Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Gilian Welch: Look at Miss OhioShe’s a-running around with her rag-top down / She says, I want to do right but not right now
Professor Longhair: JambalayaSaid, Jambalaya, crawfish pie, fillet gumbo / ‚Cause tonight I’m gonna see ma chère amie-o… – Jambalaya ist Soulfood, erst recht in Krisenzeiten, der Rest: vertagt
The Savoy Family Band: ‘Tits Yeux NoirA ce matin je m’ai trouvé assis dessus mon lit, après pleurer avec un coeur aussi cassé… – inzwischen gibt es wieder Hoffnung
Atrium Ensemble: Im Sommer (Hugo Wolf) – Wo blieb die Erde weit und breit / Mit aller ihrer Herrlichkeit? – vertagt
Count Basie: Honeysuckle Rose – Instrumentalversion für die Ewigkeit, angemessen
Peter Tosh: Mama AfricaIn you there’s so much beauty / In you there’s so much life – die Süddeutsche schreibt, dass über 70 % der jungen Afrikaner hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Und 70 % der Afrikaner sind unter 30.
Punch Brothers: Three Dots and a Dash – Instrumental, Flashback
Van Morrison: The Ballad of Jesse JamesBut that dirty little coward / That shot Mr. Howard…
Yonder String Mountain Band: How ‘Bout YouI wonder where you’re going to / Flyin‘ by and out of view / I’ll keep looking, how ‚bout you?

Slowly but surely

Allen Ernstes dachte ich immer, die Formulierung „slowly but surely“ sei so richtig schlechtes Denglisch. Wenn man das mit schwäbischem Akzent ausspricht, dann kann man echt nicht glauben, dass diese allzu direkte Übersetzung von „langsam aber sicher“ als ordentliches Englisch durchgeht. Taylor Swift hat mich eines besseren belehrt: ob es heutzutage noch guter Stil ist, YouTube-Videos zu teilen, sei einmal dahingestellt. Aber ihr Auftritt beim NPR-Tiny-Desk ist aller Ehren wert.

Das aktuelle All-American-Girl naked: nur mit Gitarre und Klavier und ihren Liedern. Ob ihre Popmusik große Kunst ist, mögen andere entscheiden. Hier gibt es einen kleinen Einblick in die Werkstatt und der ist allemal spannender als die große Bühnenshow. Und der Tiny-Desk hat wieder einmal eine Sternstunde erlebt. This is one of my favourite corners of the internet. Sagt sie auch noch, aber diesen Satz hat sie definitiv von mir geklaut, das ist mein Mantra seit Jahren. Was für ein schönes Gegenprogramm zum heutigen Donald in Davos. (Und dass sie angeblich wegen ihrer astreinen Arierhaftigkeit von den Rechten hofiert wird, geht ihr einfach am Arsch vorbei). Not „All too Well“ but slowly but surely…

Listlessness

In kleinen Häppchen arbeite ich mich durch die Grapes of Wrath von John Steinbeck, immer mehr begeistert vom Originaltext, der melodiös und rhythmisch ist wie die Musik dieser Landschaft, wie ein guter Song der Punch Brothers. In Kapitel 8 wird Noah Joad eingeführt, der erstgeborene Sohn (sic!), „tall and strange, walking always with a wondering look on his face, calm and puzzled. He had never been angry in his life. He looked in wonder at angry people, wonder and uneasiness, as normal people look at the insane.“ Noah ist „anders“, ruhig, abwesend, abseitig – mit einem Wort: strange. Oder, wieder so ein Begriff, an dem ich hängen bleibe: listlessness zeichnet ihn aus, wohl am besten übersetzt mit Antriebslosigkeit, vielleicht auch mit Gleichmut im Umgang mit Menschen und Dingen, mit denen er es zu tun bekam. „He was a stranger to all the world, but he was not lonely.“ – Noah wird wohl noch eine besondere Rolle spielen im weiteren Verlauf, ich bin gespannt.

Listlessness: Antriebslosigkeit, Willenlosigkeit womöglich, Trägheit, Laschheit, Unlust, Schwunglosigkeit, Schlappheit – lauter Übersetzungsvorschläge, die ich finde. Bei der Wortfügung list-less übersetze ich für mich selber intuitiv: planlos, ohne Agenda, ohne Liste. Nicht der angeratene vorweihnachtliche Gemütszustand im Hinblick auf bevorstehende Familienfeierlichkeiten. Doch seit ich gelesen habe, dass die materielle Ausprägung des Weihnachtsfestes, wie wir es heute und mutmaßlich spätestens seit dem Ende des letzten Krieges, feiern, im wesentlichen auf Charles Dickens zurückgeht, hat meine Griesgrämigkeit diesem Fest gegenüber nicht abgenommen. Charles Dickens! A Christmas Carol! Ja, ich weiß, Dickens hat seine Meriten bei der Sozialen Frage, aber seine altenglische Art ist nicht mein Ding. Und dann hat er uns auch noch diesen ganzen Weihnachtshorror eingebrockt, diese Rennerei, Drückerei, Schieberei. Bei Manchen: Glühwein bis zur listlessness (auch diese Bedeutung gibt es).

In der Wochenend-SZ lese ich, dass aktuell Body Positivity ganz oben auf der Liste steht. Jeder Mensch ist schön, er/sie muss seinen/ihren schön-hässlichen Körper nur posten, möglichst unverhüllt und aufgebrezelt, dann ist auch die celebrity unausweichlich, denn darauf kommt es doch an? Die unwillkürliche Assoziation, die sich hierzu einstellt, ist die Erinnerung an einige entspannte Sommerferien in französischen Naturistencamps. Da gab es beispielsweise das Waschhaus mitten in der Wiese, ein zur Landschaft offener Raum, Blick auf die waldigen Bergen, ein paar Duschen nebeneinander. Und die beinamputierte ältere Dame, die ihre Prothese abschnallte, in die Ecke stellte und dann mit uns unter der Dusche stand. Das ist Body Positivity. Allerdings aus dem letzten Jahrtausend. Seit der Pornographisierung unserer Welt in den letzten rund 25 Jahren gibt es solche Unschuld kaum noch. Damals trug man auch noch relativ weite Klamotten. Heute sind die sehr positiv geformten Körper häufig in sehr enge Wurstpellen gehüllt, so dass man von Allem nichts sieht. Oder umgekehrt?

Listlessness. Irgendwie kein schlechter Vorsatz zur Beruhigung des Gemüts. Doch bevor ich zu salbungsvoll werde, lasse ich den Preacher Jim Casey sprechen, in dessen Begleitung Tom Joad seine vertriebenen Eltern wiedergefunden hat. Schöner, musikalischer und weihnachtlicher lässt sich die „Frohe Botschaft“ nicht ausdrücken:
I got thinkin’ how we was holy when we was one thing, an’ mankin’ was holy when it was one thing. An’ it on’y got unholy when one mis’able little fella got the bit in his teeth an’ run off his own way, kickin’ an’ draggin’ an ’fightin’. Fella like that bust the holiness. But when they’re all workin’ together, not one fella for another fella, but one fella kind of harnessed to the whole shebang—that’s right, that’s holy. An’ then I got thinkin’ I don’t even know what I mean by holy. […] I’m glad of the holiness of breakfast. I’m glad there’s love here. That’s all.


Steinbeck, John. 1982. The Grapes of Wrath. Penguin Books.

Bavarian Malted Waffles

Die USA begehen heute Thanksgiving, allerdings nur die Einwanderer und ihre Nachkommen, die fest daran glauben, sich im Gelobten Land wiederzufinden. Wie begeht eigentlich die Schwarze Community diesen Tag? Keine Ahnung. Für die indigenen Amerikaner ist dies ein „nationaler Tag der Trauer“, lerne ich aus der heutigen SZ. (Dankenswerterweise gibt Charles M. Blow in der heutigen NYT einen Blick hinter die Kulissen des ersten Thanksgiving-Festes 1621 und seine anschließend blutige Tradition: The Horrible History of Thanksgiving) In der SZ lese ich auch, dass offenbar viele Amerikaner der Meinung sind, die Türkei sei nach dem Truthahn benannt: der turkey ist das Festtags-Nationalgericht, welche Ehre für den Kleinstaat Türkei, so bezeichnet zu werden. Wo liegt die überhaupt, diese Türkei?

Das erinnert an Begebenheiten auf einer USA-Reise vor einigen Jahren. Im wunderbar gelegenen und stilvollen Nationalparkresort in den Appalachen bediente uns beim Frühstück ein agiler junger Kellner mit wohl ostasiatischen Wurzeln. Wir hatten auf der Frühstückskarte entdeckt, dass „Bavarian Malted Waffles“ angeboten wurden: was könnte damit nur gemeint sein? Wir wollten es herausfinden und bestellten, mit dem Hinweis, dass wir aus Bavaria kämen und uns deshalb diese Variante neugierig mache. „What’s Bavaria?“ fragte der Kellner freundlich aber leicht irritiert nach. Unsere kurze Antwort, das sei eine Region in Germany passierte seine brains mutmaßlich in Sekundenschnelle. (Es waren dann einfach Waffeln mit Ahornsirup – warum Bavarian?)

Etwas später besuchten wir Poplar Forest, das nach dem prächtigen Monticello weniger bekannte Landgut von Thomas Jefferson im Süden Virginias, wohin er sich gerne zurück zog, recht ungeniert als Sklavenhalter lebte und sich ein wirklich hübsches Haus mit vielerlei Anklängen an Palladio und die italienische Renaissance erbaute. Die Widersprüche in der Genese der amerikanischen Gesellschaft treten hier offen zutage und werden transparent gemacht. Der Kassenshop wird von engagierten Freiwilligen betrieben, ältere Damen, gepflegt und redselig, stolz, uns ihr Kulturerbe zeigen zu dürfen. Der dezente Hinweis, dass das Architekturkonzept uns recht vertraut wäre aus Europa, Jefferson sich dort ja viele Anregungen auf seinen Reisen geholt habe und diese ganz wunderbar nach Amerika transferiert und umgesetzt hätte, sorgt für irritierte und etwas indignierte Blicke, denn eigentlich ist Poplar Forest doch absolutely unique – oder nicht?

Whatever: Viele Grüße in die USA und feiert schön! Immerhin ist Thanksgiving ein ur-amerikanisches Fest. Wenn man die Kulturgeschichte Nordamerikas im 17. Jahrhundert beginnen lässt. Als Aperitif wird gerne Bier getrunken, Craft-Beer und europäische Biertradition sind seit einer Weile das große Ding. Wie wäre es mit einem „Helles Belles“ aus Oregon? Ein wirklich nettes bavarian inspired Wortspiel, das erst richtig funktioniert, wenn man den Namen ausspricht, in Englisch versteht sich. So geht Marketing, das können sie. By the way – what’s Bavaria?

anlage of movement

„The concrete highway was edged with a mat of tangled, broken, dry grass, and the grass heads were heavy with oat beards to catch on a dog’s coat, and foxtails to tangle in a horse’s fetlocks…“

Ich habe endlich angefangen, John Steinbecks „Früchte des Zorns“ zu lesen, eigentlich „The Grapes of Wrath“ (1939), ich versuche mich am englischen Original. Was für eine beglückende Leseerfahrung (auch wenn mein Englisch bei weitem nicht hinreicht, um die Feinheiten zu erfassen)! Seit vielen Jahren stand es auf meiner Leseliste, vielleicht war es gut, damit zu warten, denn jetzt ist es (wieder) das Buch der Stunde: Die Natur und ihr eigenmächtiges Wirken raubt den Menschen ihre Lebensgrundlage und macht sie zu loser Streu, auf der Suche nach neuer Bleibe, neuem Auskommen.

Kapitel 3 ist sehr kurz und erzählt nur von dem Versuch einer Schildkröte, eine Landstraße zu überqueren, in der Einsamkeit der dürren Steppe. Aber eigentlich ist dieses Kapitel ein sehr kurzes Kompendium in Ökologie, ein Kurzessay über den Willen des Lebens zu überleben und sich auszubreiten, auch unter widrigsten Bedingungen. Die Schildkröte kämpft ihren einsamen Kampf gegen die Schwierigkeiten des Terrains am Straßenrand, aber eigentlich ist sie nur ein Werkzeug für sich ausbreitendes Leben, Transportmittel für Gräsersamen und Insekten, um neues Gelände zu erschließen. Diese unscheinbare und vertrocknete Biozönose im Bankett der Landstraße ist eine Welt vielfältiger Abhängigkeiten. Menschen kommen auch vor, nur kurz und episodisch, rauschen vorbei, geschildert nur als Werkzeuge um Fahrzeuge zu steuern – und wie sie steuern hat einen Effekt darauf, wie konkret sich das Leben verbreitet, aber das ist nur wie ein Wimpernschlag in den Zyklen der Natur, die sich mit schildkrötenhafter Langsamkeit vollziehen.

„The turtle entered a dust road and jerked itself along, drawing a wavy shallow trench in the dust with its shell. The old humorous eyes looked ahead, and the horny beak opened a little. His yellow toe nails slipped a fraction in the dust.“

Steinbeck hatte viel Ahnung von Ökologie. Das hatte er wohl hauptsächlich seiner engen Freundschaft mit Ed Ricketts zu verdanken, einem Meeresbiologen. In „Cannery Row“ hat er ihn als Doc literarisch verewigt, aber auch in anderen Büchern, auch in „The Grapes of Wrath“ taucht er als Figur auf. Die beiden unternahmen 1940, nach dem Erscheinen dieses Romans, eine Schiffsreise in den Golf von Kalifornen, widmeten sich der Erforschung des Lebens, im Wasser dort und im ganz Allgemeinen. Nachreisen kann man im „Logbuch des Lebens“, das Steinbeck 1941 über diese Reise veröffentlicht hat (und das 2017 in einer Neuübersetzung und schönen Ausgabe des Mare-Verlags erschienen ist). Ob aus diesem Austausch mit Ricketts auch der Begriff „anlage of movement“ stammt, mit dem der erste Absatz von Kapitel 3 endet?

„…every seed armed with an appliance of dispersal, twisting darts and parachutes for the wind, little spears and balls of tiny thorns, and all waiting for animals and for the wind, for a man’s trouser cuff or the hem of a woman’s skirt, all passive but armed with appliances of activity, still, but each possessed of the anlage of movement.“

Tatsächlich ist „anlage“ hier ein deutsches Lehnwort von seltenster Verwendung im Englischen und beschreibt wohl, wenn ich es recht verstehe, dass die Bewegung, die Ausbreitung tief sitzend angelegt ist, im konkreten Fall in den sich versamenden Pflanzen, man kann das aber wohl getrost verallgemeinern. (Ich habe bislang keine deutsche Ausgabe, weiß also nicht, wie das konkret übersetzt wurde – wer weiß es?)

Eigentlich wäre es jetzt schon gut. Steinbeck konnte aus seinem Blickwinkel nicht erkennen, dass weiter hinten in der geschilderten Szenerie, zwischen den lehmbraunen Steinen, den sagebrush-Büscheln und dem dürren Gras, mit seinem fahlen Fell nahezu unsichtbar mit der Umgebung verwoben, ein kleiner Luchs auf Lauer lag, alles beobachtete und versuchte, sich seinen Reim darauf zu machen. Oder eine Gelegenheit abpasste, um seinerseits ins Geschehen einzugreifen (auch nur als Verbreiter von klebrigen oder hakigen Samen). Mit einem Auge sieht er der Schildkröte zu, mit dem anderen liest er, was Leute von sich geben, deren Steckenpferd es ist, Leute aufzuhetzen, weil sie das irgendwie aufgeilt und wohl ihre Strategie ist, um sich zu „verbreiten“. Aber es muss ja nicht jeder Erguss fruchtbar werden.

So lese ich heute den neuesten von Martin Sellner, den die Sezession einmal wieder verbreitet, „Verschissmus“ im wahren Sinne des Wortes. Aus Frust über die zunehmende Marginalisierung seines Treibens, will er jetzt einen Online-Pranger für FPÖ-Politiker einrichten, die aus seiner Sicht die Sache der Rechten und Identitären (IB) verraten. Je verräterischer die Äußerung, desto mehr Malus-Sterne soll es geben. Der Pranger darf natürlich nicht Pranger heißen, es wird ja nur öffentliches Material in konzentrierter und von Sellner redigierter Form dargeboten. Es sollen auch keine Shitstorms ausgelöst werden, deshalb verlinkt er „nur“ geschäftliche Kontaktdaten der von ihm Herzitierten. Und selbstverständlich geht es ihm um „echte Meinungsfreiheit“, dass „keiner mehr Angst haben muß zu sagen, was er sich denkt.“ – Oder geht es doch eher um „rhetorische und weltanschauliche Schulung“, „ein patriotisches Korrektiv. Ein negativer Reiz, der auf die Distanzierung erfolgt und langfristig einen Lerneffekt einstellt“: Jeder soll künftig sein Recht und als „Patriot“ womöglich gar die Pflicht haben, freimütig über historische „Vogelschisse“ und dergleichen zu dozieren, so muss man das wohl verstehen? „Echte“ Meinungsfreiheit, also kernig-männliche, schließt doch wohl mit ein, dass Nazipropaganda möglich sein muss oder gar geboten ist?

Doch so weit sind wir noch nicht. Sellner schreibt zu seiner Motivation: „Nur sichtbare Akte des Widerstands transformieren die isolierten Wähler der FPÖ in eine sichtbaren und aktiven Zivilgesellschaft. Die Aufgabe der IB ist nicht gegen eine Partei gerichtet. Sie ist FPÖ und IBÖ schließen sich daher ebensowenig aus wie die GRÜNEN und Greenpeace! Beide Ansätze ergänzen einander und sind notwendige Säulen einer umfassenden patriotischen Arbeit.“

Aber dank der schlampigen Redaktion bei der Sezession enthält dieser Absatz immerhin zwei Informationen:

1. Sellner ist ein Wirrkopf und präpotenter Stümper, dem es nicht schnell genug gehen kann bis zum Erguss. Und die bei der Sezession sind genauso betriebsblind und tumb-aktionistisch, wie die bei der SPD Mülheim und ihrem Trauerkranz.

2. Es wird ja immer so getan, als hätten FPÖ und IB nichts miteinander zu tun. Derzeit klagt die Einprozent-Bewegung, das Baby vom Kubitschle, gegen einen Facebook-Rausschmiss: sie hätten nichts mit der IB zu tun. Ich hoffe nur, das Gericht kennt sich ein wenig mit Internet aus. Da ist der Zusammenhang doch offensichtlich, das Netzwerk von Schnellroda, EinProzent, IB, FPÖ, AfD (ja, auch Gauland ist gerngesehener Gast in Schnellroda). Also: nicht lange fackeln.

Übrig bleiben Fragen:

  • Hat der Luchs nun mutwillig die Verbreitung von Sellnern befördert? Oder hat er daran mitgewirkt, ihre Camouflage abzutakeln?
  • Erkennen geneigte Leser*innen den Unterschied zwischen ökologischem Wimpernschlag und kulturgeschichtlichem Vogelschiss?
  • Wird die langsame Schildkröte Demokratie den Angriff des nächsten Trucks überleben und weiterhin in die Zukunft blicken mit old humorous eyes?

Wald. Lichtung. Hain. Quelle

Die Welt ist ein Wald: nachdem ich an der Süddeutschen in letzter Zeit hin und wieder herumgekrittelt habe, widmet sie heute dem Motto dieses Blogs einen Artikel. Nette Geste. Christoph Quarch beleuchtet das Verhältnis von Wald und Lichtung im Fortschreiten der Gesellschaften. Angefangen, natürlich, bei wilden Waldmenschen, Giganten, über die Gründung Roms als Rodungsinsel, über die Aufklärung als große Lichtung, die Waldverehrung der Romantiker und den heutigen Dschungel. (Blitz aus dem Virtuellen, SZ Nr. 81/2019, S. 10)

Überraschenderweise erklärt er nicht das Netz, die digitale Welt zum undurchdringlichen Wald, in dem man leicht verloren gehen kann, sondern zur Lichtung, die sich „schleichend in den alten Raum der Stadt gebrannt [hat], eine Lichtung, deren Licht so grell ist, dass sich niemand ihr entziehen kann.“ Was folgt daraus? „Der urbane Raum der analogen Stadt wird bald den Wald beerben“. Quarch beschwört den Großstadtdschungel als Sehnsuchtsort für neue „wilde“ Männer und Frauen und sieht die große Verwilderung des Stadtraums heraufziehen, weil Gestaltung, Zuwendung, Sichkümmern nur noch den digitalen Formaten gelten könnte. – Bedenklich. Aber er dreht noch weiter, weil er meint, diese neue digitale Lichtung sei so groß und grell beleuchtet, dass es keinen Schatten mehr gäbe, also eher eine Wüste als eine Lichtung, diese neue Welt, wo „zu viel Licht tödlich“ ist. (So betrachtet könnte es also sein, dass es manchen Leuten in den unendlichen Weiten und unter der grellen Sonne des Web schon die Großhirnrinde weggebrannt hat, bei dem Stuss, den sie oft absetzen.)

Letztlich ist der Wald der Ursprung von allem. Nur weil es Wald gibt, kann es Lichtung geben. Der Wald ist der Wurzelraum, die Quelle, die „Brutstätte„, das sich ständig erneuernde Füllhorn, das die Natur ausschüttet, wenn man sie lässt. So ist der Wald in den Mythen der Menschheit häufig der „Ort der Transformation, Initiation und Verwandlung“ der Helden. Der ackerbauende und viehzüchtende Mensch drängte ihn immer weiter zurück, schaffte sich erschöpfenden Produktionsraum, den er dann künstlich düngen muss. Bis nur noch eine große Agrarsteppe zurückblieb, auch eine Art von Wüste, wie Leute wissen, die etwas von Biodiversität verstehen.

In der großen Agrarsteppe der USA, zwischen den Appalachen und den Rocky Mountains, in großen Teilen natürliches Grasland, das unter den Pflug genommen wurde, erkennt man die Farmen schon von weit her. Auch an den Getreidesilos, aber vor allem an den Bäumen. Kleine Waldinseln. Inverse Lichtungen sozusagen. Sie dienen hier oft zunächst dem Windschutz, weil die Great Plains von unaufhörlichen Winden geplagt sind, auch wenn kein Tornado droht. Und für deren Schutz vor Wind und Sonne in der Ackerwüste der einsame Wanderer sehr dankbar ist, wie Wolfgang Büscher in „Hartland“ berichtet – wenn die Hofhunde ihn ruhen lassen. Dort, wo Menschen sich verorten, bedürfen sie offenbar des Waldes, seinem kühlenden Schatten, seinen Geheimnissen der Quellnymphen, dem Gesang seiner Vögel. Wobei diese Art von Wald eher ein Hain und der Hain der Topos schlechthin ist für den „locus amoenus“ einer arkadischen Weltsicht. Der Hain steht zwischen Wald und Lichtung, ist geprägt von beiden Sphären, ist nicht zu groß, ein wenig licht, überschaubar. Man könnte auch sagen: nett. Bieder. Die goldene Mitte. Gegenstand unzähliger Bilder der frühen Neuzeit, als der Mensch begann, das Licht der Welt für sich zu entdecken und das „himmlische Licht“ in den altgewordenen gotischen Kathedralen zurückließ. Der Hain gewinnt aktuell wieder an Bedeutung: Agroforst, Waldackerbau sozusagen ist das neueste Ding in der (ökologischen) Landwirtschaft. Ackern unter Bäumen, Landwirtschaft in Etagen, nicht zu viel Sonne und die Feuchte beieinander halten. Die Umstände verlangen danach.

Lynx streift herum, mal hier, mal dort. Sein Lieblingsort wird nicht verraten. Einmal war er allein unterwegs am Westabhang der Appalachen, in den Wäldern von Kentucky, bei Wildcat Mountain. Er hatte Witterung aufgenommen und folgte der Fährte von Daniel Boone, dem „Trailblazer“, der Ende des 18. Jh., also zu Zeiten der Aufklärung, den Siedlern den Weg durch das östliche Küstengebirge in die unendlich fruchtbaren, paradiesisch beschaffenen Weiten des Mittleren Westens gewiesen hatte. Dieser Weg, die Wilderness Road durch die Cumberland Gap führte durch das Stammesgebiet der Shawnee. Deren bedeutendster Anführer war Tecumseh, ein weitsichtiger Politiker, dem es gelungen war, zeitweise eine große Koalition der Stämme in „Appalachia“ zu schmieden, um sich der Siedlerflut zu erwehren. Das Ergebnis ist bekannt, Tecumseh aber in Erinnerung geblieben und zur mythischen Figur geworden. Lynx folgte einem schmalen Waldpfad in eine Senke hinunter, ein kleines hölzernes Schild hatte zu einer „Indian Spring“ gewiesen, einer Quelle, die offenbar die Shawnee gekannt hatten. Es war sehr still, kein Mensch weit und breit. Aus einem Felsen rann ein sehr dünnes Wässerchen, kleine Pfützen am Grund. Er streckte die Hand aus, um vom Wasser zu kosten, benetzte seine Lippen. Da erhob sich ein Rauschen in den Wipfeln der Bäume. Seitdem…

Genesis radikal

Manchmal kommt es vor, dass ich an ganz alte Fragen gerate, die doch längst beantwortet sind – oder scheinen. Diesmal war das eine ganz grundsätzliche. Völlig vermessen, sich als kleiner Luchs an so etwas Großes anzupirschen, aber die Neugier siegt: Wie ist das eigentlich mit dem Gründungsmythos unserer abendländischen Kultur, der Mensch sei das Ebenbild Gottes und solle sich die Erde untertan machen (Genesis 1,28) – was ist da dran? Warum kann man unter diesem Motto so viel Unsinn anstellen? Steht das da so?

Also habe ich mir meine Lutherbibel geholt und versucht, ganz unverstellt, ganz frisch und fromm, die einschlägigen Stellen der Genesis erneut zu lesen. Hebräisch kann ich nicht, also bleibt es ein ganz oberflächliches Unterfangen. Aber die Herangehensweise ähnelt der von Martin Luther (ohne mich mit ihm im geringsten messen zu wollen) und letztlich basiert darauf die gesamte protestantische Kirche in all ihren Verästelungen. Gerade fundamentalistische Strömungen wie die Evangelikalen legen allergrößten Wert darauf, die Bibel gleichsam naiv zu lesen und so auch wörtlich zu nehmen. (Das unterscheidet sie nicht von salafistischen Strömungen im Islam oder orthodoxen Juden.) Die Schrift ist so zu lesen, wie sie da steht. Keine Ausdeutungen, keine Interpretationen, heißt es. Theologen braucht es da eigentlich nicht. Nur ich und der Text, ganz fundamentalistisch. Also: Genesis 1-3, Kurzfassung der für die Fragestellung wesentlichen Passagen:

Gott hat die Erde geschaffen und alles was darauf wimmelt. Er ist begeistert von seinem Tun, so sehr, dass er sich noch ein Alter Ego schafft, das für ihn diese Erde, dieses Paradies verwalten soll (dass er mehr Zeit für sich hat?). Dieses Alter Ego nennt er Mensch und er konstruiert es fortpflanzungsfähig, weil er wohl meint, es bräuchte viele davon, um seinen Verwalter-Auftrag ordnungsgemäß auszuführen: sich die Erde untertan zu machen. Über alle Fische im Meer, alle Vögel im Himmel, alles Vieh und sonstige Getier sollen die Menschen bestimmen. (Leider erfährt man nicht, ob Gott die Menschen vorher in irgendeiner Form gecoacht hat. Macht eher den Eindruck als hätte er ihnen den Job mit sehr großem Vertrauensvorschuss einfach übergeben.)

Er klärt diese Menschen dann noch auf, dass er ihnen alle Pflanzen, Samen und Früchte zur Speise gibt, davon sollen sie sich ernähren. Da steht nix von Tiere essen, Alter! Der Mensch ist als Vegetarier gedacht, steht da! – Die Tiere allerdings auch, genauer als Gras- und Krautfresser. Keine Carnivoren, kein Luchs & Co, nirgends. Wo ist da etwas schiefgelaufen?

Gott fand dieses Layout jedenfalls perfekt: „siehe, es war sehr gut“, hat er sich gesagt. Dann legte er den Sabbat ein und seine Schöpfung tummelte sich auf dieser wohlweislich eingerichteten Erde, alles was lebte, mümmelte friedlich vor sich hin: wie im Paradies. Ja, das war das Paradies.

Dann kam die dumme Geschichte mit dem Baum der Erkenntnis (geschlechterspezifische Verwicklungen vertiefe ich jetzt nicht, die sind nicht entscheidend). Die Herren-Menschen, die doch alles managen sollten, ließen sich von einer einzigen frechen Schlange hinters Licht führen – oder ins Licht? Jedenfalls war Gott stinksauer, dass die Menschlein nicht einmal sein einziges Verbot, nicht die Früchte dieses einen Baumes zu essen, einhalten konnten. Und schmiss sie raus aus dem Paradies. Nicht ohne ihnen noch einmal richtig den Kopf zu waschen: die Feldfrüchte werden ihnen künftig nicht mehr einfach in den Mund wachsen, sie müssen ein Leben lang den Buckel krumm machen, sich jedes Krümelchen Essen hart erarbeiten und ihre Kinder unter Schmerzen gebären. Und die Alter-Ego-Würde nimmt er ihnen auch wieder weg, die Quasi-Göttlichkeit: „Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ Wie das sonstige Getier und Gewürm. Gott war echt enttäuscht und schickte sein Ebenbild von dannen.

Also ich verstehe das als Kündigung. Im Job versagt, zum Feldgehilfen degradiert. Wie kann der Mensch jetzt noch glauben, er sei Chef über den Rest der Schöpfung? Was ist das für ein eingebildeter, aufgeblasener Macker? Gott hat ihm doch ganz klar seinen Platz angewiesen, in der Ackerfurche, zwischen „Dornen und Disteln“, wo er „das Kraut auf dem Felde“ essen soll. Da steht immer noch nichts von Schnitzel und Steak. Krone der Schöpfung war vielleicht mal so angedacht, ist aber schief gegangen, hat sich nicht bewährt. Schöpfung untertan machen: das galt nur im Paradies, so lese ich das.

Was die Farmer (und sonstigen Geschäftemacher) in den Bible Belts dieser Welt, zwischen Kansas und Niederbayern wohl zu solch einer radikal fundamentalistischen Bibellektüre sagen? Der Status in der Ackerfurche ist ihnen ja an sich bekannt, tagtäglich mühen sie sich darin ab. Aber den Teil der Botschaft, den Lizenzentzug, hören sie und wir alle nicht so gerne. Der Anfang der Geschichte gefällt besser, Herren-Menschen und Untertan-Machen, gerne auch mit Roundup. Religiöses Rosinenpicken könnte man das nennen. Erst am Grabesrand wird auf „Erde zu Erde“ zurückgegriffen. Reine Willkür und Autosuggestion. Mit ernsthafter Religiosität nicht zu entschuldigen.

Noch ein kleiner Exkurs ins Neue Testament: Viele Jahre später kam dann Jesus und starb den Kreuzestod, als geschundener Mensch unter geschundenen, gekrümmten Menschen. Vor seiner Verhaftung war er nicht Burger essen, sondern nahm etwas Brot und Landwein zu sich, unter Freunden. Vielleicht war auch ein Schälchen Olivenöl dabei, wer weiß? Danach wurde er gefoltert und verstarb qualvoll (oder auch nicht?) Die Bibel sagt jedenfalls, dass er im Sterben durch ein Nadelöhr ging, durch das wir fettleibigen Grillgutfresser alle es niemals schaffen werden. Weshalb das Paradies uns auch weiterhin versperrt bleibt, im Diesseits sowieso und womöglich auch im Jenseits.

Ich muss gestehen: ich habe lange nicht mehr in der Bibel gelesen. Aber dieser fundamentalistische, unverstellte Zugang erfrischt meinen Geist. Endlich bin ich diese Rednecks und selbstzufriedenen Scheinheiligen los, sie haben fertig, argumentativ. Gut, dass Luther mir das übersetzt hat.

Porridge zum Frühstück ist jedenfalls weiterhin gesetzt. Ansonsten denke ich mir: Leute, lest die Bibel, wenigstens die ersten Seiten! Fügt euch endlich ein in den Rest der Schöpfung, nah am Boden, wie der Herr es euch angewiesen hat! Und esst Müsli (ohne Zucker). Und Äpfel. Vielleicht stimmt das den Herren gnädig. Vielleicht.


Bild: Paolo Veronese – Adamo ed Eva dopo la cacciata dal paradiso (Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies), ca. 1580, Wikipedia

Ast und Baum

Draußen zeigen sich die ersten Pflaumenblüten. Tatsächlich ein Frühlingsmorgen, noch hinter Glas. Ich sitze bei der Zeitung und auf einmal muss ich an eine kleine einsame Kiefer in Oregon denken, Hitze und Dürre trotzend. In meinem Kopf passieren manchmal merkwürdige Dinge.

Neulich gab es eine aktuelle Stunde im Bundestag, wahrscheinlich wieder mal losgetreten von der AfD, ich weiß nicht mehr, um was es konkret gehen sollte, aber natürlich ging es nur um Migration, wie immer, wenn die AfD meint, etwas zu sagen zu haben, egal zu was, wovon sie nichts versteht. Bewusst mitbekommen habe ich nur den kurzen Auftritt von Karamba Diaby (SPD), der seinen Kollegen zu erklären versuchte, wie sich das anfühlt, wenn man ertrinkt. Wenn sich die Lungen mit Wasser füllen… – Da mussten vielleicht sogar die blauen Kobolde schlucken, ganz kurz nur vermutlich? Es war auf einmal auffallend still im Plenum.

Die Süddeutsche widmet MdB Diaby heute ein Kurzportrait in einem Feature über schwarze Deutsche (Heimatkunde, SZ Nr. 76/2019, S. 11). Da kann man erfahren, dass Diaby in den 1980er Jahren als Student aus Senegal in die DDR kam und über die Schwermetall- und Nährstoffgehalte in den Böden von Kleingartenanlagen promoviert hat. Und seitdem ein begeisterter Kleingärtner geblieben ist, zumindest mental. Ein urwüchsiger Spießer sozusagen, wenn man geläufige Zuschreibungen bemüht. Seit auf einem rechten Blog ein Foto von ihm herumgereicht wurde, das ihn im Grand Boubou zeigt, trägt er den nur noch zuhause, als „Vorsichtsmaßnahme“.

Boubou, Brexit, Christchurch, Sellner, Ungarn, was mir so durch den Kopf ging die letzten Tage, fließt auf einmal zu einem Bild zusammen: die Nationalisten und anderen Rechten, sie sägen munter am Ast, auf dem sie sitzen. Sägen ihn auch mal ab. Fallen dann runter. Zetern, suchen Schuldige. Steigen zurück auf den Baum, wollen sich wieder ein Plätzchen suchen, was unweigerlich zu Konflikten führt, weil alle Äste schon besetzt sind. Müssen also Andere runterschmeißen, wenn sie oben sitzen wollen (und das wollen sie natürlich, am besten ganz ganz oben!). So geht das rechte Weltbild. Sie können nur in Ästen denken und wissen nichts vom Baum, der die Äste trägt. Und der nur in seiner Gesamtheit funktioniert.

Jetzt werden die Rechten entgegnen: falsch, wir verstehen sehr wohl, wie der Baum funktioniert. Das Wichtigste am Baum ist, dass jeder auf seinem Ast bleibt, dass die Balance stimmt, dass er nirgends zu schwer wird, dass er keine Schlagseite kriegt, die Äste wegen Überlastung abbrechen. So geht das Weltbild der Identitären. – Was zeigt, dass sie eben doch nur in Ästen denken, und keine Vorstellung vom Baum haben, seiner Funktionsweise, seinem Aufbau. Dem Stamm, den gemeinsamen Wurzeln, den Leitungsbahnen, aus denen alle Äste ihre Versorgung beziehen.

In den wüstenartigen Lavafeldern von Oregon gibt es Kiefern, deren Spezialität ein spiralförmiger Wuchs des Stammes ist: in einer extrem lebensfeindlichen Umgebung, wo es vielleicht nur an einer einzigen, winzigen Stelle eine kleine Wasserader gibt, versucht der Baum Fuß zu fassen. Er kann fast nur in diese eine Richtung wurzeln, versucht aber dennoch, aufrecht zu wachsen und die oberirdischen Pflanzenteile statisch im Gleichgewicht zu halten. Dafür braucht er Äste ringsum, die er bei regelmäßigem Wachstum mit nur einseitiger Bewurzelung nicht gleichmäßig versorgen könnte. Also wächst sein Stamm spiralförmig nach oben, damit die Leitungsbahnen an jedem Ast mal vorbeikommen. So funktioniert Baum. So funktioniert Ökologie. Und Solidarität. Jetzt bin ich draußen. Ein schönes Wochenende.

Der (ewige) Gärtner

Heute nacht hat der Wind ein wenig ums Häuschen gepfiffen, jetzt flockt es draußen wieder herum, schmuddelwintermäßig. Aber eigentlich nimmt das Frühjahr schon spürbar Anlauf und ich muss mir allmählich Gedanken machen, was ich dieses Jahr mit meinem Minigemüsebeet anstelle. Aber erst muss ich den Apfelbaum noch schneiden, dazu hätte ich es gerne ein bisschen sonnig bitteschön. Also zurück zur Zeitung.

Dort lese ich, dass ein verdienter Mittelalterhistoriker, Johannes Fried, sich auf seine alten Tagen ein paar Überlegungen und Spekulationen erlaubt, wie das „wirklich“ gewesen sein könnte, damals auf Golgatha, medizinisch betrachtet. Kann es nicht sein, dass der Lanzenstich des römischen Soldaten (Johannes 19, 33-34), der zum Abfluss von angestautem Blut und Wasser führte, gewirkt hat wie eine Pleurapunktion, wie man sie heutzutage ausführt? Und dass Jesus lediglich tief ohnmächtig, quasi narkotisiert war, als man ihn ins Grab legte, infolge der Verabreichung von Essig (ebd. 29-30)? Und dass er, nach dem Erwachen aus der Narkose, von weißgewandeten Männern (den Engeln) fortgebracht wurde? Als er wieder hergestellt war, könnte er den Rest seines Lebens gut versteckt verbracht haben, „wahrscheinlich als Gärtner“, so die Mutmaßung. Warum gerade als Gärtner? Dazu müsste ich das Buch wohl lesen. Mal sehen. (1)

Vielleicht liebte Jesus Rosen? Und zog sie für seine angeblich große Liebe Maria Magdalena? Vielleicht lebten sie noch lange fort in stiller Eintracht, Philemon und Baucis von Jerusalem?

There are all kinds of roses
But none are as handsome
As the ones that your own hands have grown
They bring as much hope
Leave as much satisfaction
As anything I’ve ever known

Vergangene Nacht wurden in den USA die Grammys verliehen und, hi folks: die Punch Brothers holten sich die verdiente Auszeichnung in der Kategorie „Best Folk Album“ mit ihrem letztjährigen Album „All ashore“, das man nicht genug preisen kann. Tags zuvor unkten sie noch, sie flögen lediglich hin, um zu bezeugen, dass Joan Baez den Titel davon tragen würde. Doch die Jury war erfreulich zukunftsorientiert, die Zeiten sind danach. Die obigen Zeilen sind dem (schwächeren) Song „The Gardener“ des prämierten Albums entnommen, der letzte Vers allerdings lautet:

May green grow the grass underneath our children’s feet

Ein wiederkehrendes Motiv in der aktuellen Musik der PB, fast schon ein Beschwören der amerikanischen Ideale vom Gemeinsinn und Zusammenhalt, gepaart mit lakonischer Zeitdiagnose: „Just look at this Mess“ heißt ein anderer Song. Jedenfalls: herzlichen Glückwunsch von einem „Big Time Friend“!

Womit wir bei der Kategorie „erwachsener Mensch des Tages“ wären: Timothy Springer ist ein US-Biochemiker aus Boston, der wissenschaftlich Wesentliches geleistet hat, aber auch einen gesunden Sinn für’s Investieren besitzt und es damit zu erklecklichem Wohlstand gebracht hat. Auf die Frage, ob er sich von seinem vielen Geld vielleicht nicht eine schicke Villa am Meer oder in den kalifornischen Hügeln leisten möchte, antwortet er nur: „Kein Bedarf“. Denn: „Wenn wir den Sommer über weggehen, wer kümmert sich dann um die Gemüseernte?“ (2)

Dem ist nichts hinzuzufügen.

(1) Rudolf Neumaier: Atmen kann man auch mit einem Lungenflügel. SZ Nr. 35/2019, S. 9; Johannes Fried: Kein Tod auf Golgatha. C.H.Beck, München 2019
(2) Claus Hulverscheidt: Der Millionen-Professor. SZ Nr. 35/2019, S. 17

Regungen, Aufregungen

Vor einer Weile hat Lynx seinen Streifraum ausgeweitet und ist ein wenig durch Seattle gepirscht. Dieser (meist) regnerische Winkel des pazifischen Nordwestens ist ein HotSpot der Digitalisierung, von Beginn an, und inzwischen hat sich das in das Stadtbild eingeschrieben. Mit Bill Gates und Jeff Bezos leben und arbeiten in der Region zwei der reichsten Männer, gelegentlich wechseln sie sich auf den beiden ersten Plätzen ab. Auf einem kleinen Stadtspaziergang zwischen dem Seattle Center, wo die Gates-Stiftung ihren Altruismus zelebriert, und dem Amazon-Headquarter an der Ecke 6th Ave./Westlake Ave. kann man erkunden, was das physisch in der Stadt für Spuren hinterlässt und wie sie sich auch verändert hat, über diverse ökonomische Schübe hinweg, die sie in ihrer eigentlichen kurzen Geschichte schon erlebt hat.

Um 1850 herum überließ der Suquamish-Häuptling Chief Seattle den weißen Siedlern das Gelände, mit der Auflage, dass die Stadt seinen Namen trage und er und seine Familie dauerhaft versorgt werden. Es gibt Fotos von seiner zeitlebens ledigen Tochter Princess Angeline, die bis zu ihrem Tod 1896 noch in einem Häuschen am zentralen Pike Place Market lebte, während ringsherum die Stadt in die Höhe schoß. Kein Vergleich jedoch zu dem, was Amazon ein paar Straßen weiter derzeit durchzieht: in Windeseile richten sich die neuen Bürotürme auf, einer neben dem anderen, schlanke moderne Architektur, smart buildings bis in jede Zelle. Hier kann man der globalisierten Wirtschaft den Puls fühlen. Verstörend und beeindruckend gleichermaßen. Beeindruckend, weil es daran erinnert, was im 15. Jh. in Florenz passiert ist, mit welcher Macht die Medici einst die Stadt in die Neuzeit katapultierten. Verstörend, weil man das Gefühl hat, dass hier ein irgendwie autistisches Gebilde innerhalb der Stadt entsteht, das gar nicht wirklich mit dem Rest der Stadt kommuniziert – aber vielleicht täuscht das auch. Seit langem in Seattle ansässige Menschen, die ich darauf angesprochen hatte, haben allerdings diesen Eindruck bestätigt. Und es war zu hören, der eine Milliardär hätte „gut“ geheiratet, der andere habe keine so gute Wahl getroffen. Mit der (warum auch immer) angeblich nicht so guten Wahl war Bezos gemeint – und das war eine ganze Weile, bevor bekannt wurde, dass seine Frau sich scheiden lässt.

Diese bevorstehende Scheidung hat zunächst vor allem die Amazon-Mitarbeiter und -Aktionäre beschäftigt, weil man große Unwägbarkeiten auf die Firma zukommen sieht. Seit aber bekannt wurde, dass Jeff Bezos eine Affäre hatte, verlagert sich die Aufmerksamkeit auf das, was die Leute wirklich interessiert: Wäschezipfel, semierigierte Penisse und sonstiges Zeugs „down south“. Irgendwer hat etwas ausgeplaudert, was er versprochen hatte, für sich zu behalten. Der „National Enquirer“ (NE), ein kostenloses  Käseblatt der Supermarktkassen, das gerne Leute vorführt, hat das ausgeschlachtet. Der Herausgeber des NE ist ein Kumpel von Trump, weshalb Bezos, der wiederum Trumps Erzfeind ist, der Meinung war, die Veröffentlichung der Affäre sei politisch motiviert. Das wollte das Käseblatt nicht auf sich sitzen lassen und hat Bezos damit gedroht, intime Fotos zur Affäre zu veröffentlichen – da dachten sie beim NE, jetzt hätten sie ihn am Wickel.

Weit gefehlt und Bezos völlig unterschätzt, wie das wohl schon einige getan haben. Er kennt keine falsche Scham und geht lieber in die Offensive, Überraschungsangriff: Er hat sich hingesetzt und einen Beitrag auf seinem privaten Blog verfasst. Darin legt er ausführlich die Erpressung offen, einschließlich der Original-Mails mit den verbalisierten Details der  Fotos, die man angedroht hatte, abzudrucken. Think big sagt sich wieder mal Bezos und die Kontrahenten sehen nun nach – na ja, sehr kleinen und auch noch verklemmten „Würmchen“ aus.

Warum erzähle ich eine solche Boulevardgeschichte aus der Parallelwelt der Reichen und leidlich Schönen, aus der Herzkammer des Turbokapitalismus, wo immer zu viel Testosteron unterwegs ist? Was geht es unsereins an? Ich muss gestehen, ich habe Bezos’ Beitrag mit Genuss gelesen, weil ich mir dachte: es gibt tatsächlich noch erwachsene Menschen. Dieser ganze mediale Kindergarten kann sich noch so hysterisch aufführen, aufblasen, das ist mir doch wurscht – lassen wir die Luft raus. (Und tun nebenbei noch was für’s Geschäft, in dem wir zugleich noch einen draufsetzen.) Ein Auftritt wie im klassischen Western. Rauchende Colts.

Ganz nebenbei hat Bezos dabei für Entzücken in den Redaktionsstuben der elaborierten Presse, die ihm ja teilweise auch noch gehört (Washington Post), gesorgt, weil er mit seinem Blogpost angeblich den US-amerikanischen Wortschatz um ein neues Wort bereichert hat: complexifier. So sei der Umstand, dass er Eigentümer eines Pressehauses sei, ein complexifier für ihn gewesen im Umgang mit der Thematik. Auf deutsch würde man schön lautmalerisch sagen: eine Verkomplizierung – so ein Wort knödelt sich in unserer Sprache en passant, weshalb wir von Haus aus so kompliziert denken? Jedenfalls noch ein schöner Seitenhieb von Bezos in Richtung Trump: es ist entschieden smarter, die Kompexität zu sehen, sich ihr zu stellen und sie einzubeziehen in seine Überlegungen. Denn der complexifier bietet dem, der um die Ecke denkt, einige Vorteile. Mit Trump dürfte die Sache bald richtig losgehen. Außerdem hatten sie beim NE vergessen, dass sie wegen eines kürzlich ergangenen Urteils in den nächsten Jahren sich keine solchen Sachen wie mit Bezos mehr erlauben dürfen. Jetzt hat er sie am A…. Voller Punktsieg für Bezos. Den Rest erledigen seine vielen Anwälte und das dürfte teuer werden. Eine Blaupause, wie man der Rattenplage beikommen kann.

Bildrechte: Frank La Roche/The Seattle Times: Princess Angelines Haus am Pike Place Market

Lynx dans son nique

Es tut Lynx nicht gut, sich mit den Faschisten zu beschäftigen. Das treibt nur seinen Puls hoch. Nachdem er die Sache mit Sichert festgehalten hatte, ist er noch ins Hamsterrad gegangen. Hatte er eh vor, aber jetzt hoffte er zusätzlich darauf, wieder runterzukommen von seinem Ast. Bluegrass, Cajun und TexMex sollten ihm dabei helfen, er hat diese unsägliche Neigung zu Musik aus rückständigen Regionen, wo die Rednecks, Hillbillies und Trump-Wähler hausen (doch dazu ein ander Mal mehr)…

Oh je. Die Trainingszeit war schon fast rum, da pendelte sich sein Puls zu einer warmherzigen Arhoolie-Allstar-Version des Lagerfeuer-Klassiker „Good Night, Irene“ mit Taj Mahal in tragender Rolle allmählich auf ein gesundes Niveau herunter – aber das Trainingsziel war noch weit. Also hat er sich noch eine Strafrunde auferlegt, durch die ihn das aus sentimentalen Gründen unvermeidliche „Take it easy“ der Eagles zuverlässig begleitet hat: Don’t let the sound of them old wheels drive you crazy. So ging sich das einigermaßen aus und er konnte vollends nach Hause laufen mit dem Cajun-Song „Lapin Dans Son Nique“ in den Ohren. Nochmal gut gegangen.

Bildrechte: The Week

Movement and Location

Mit diesem Song eröffneten die Punch Brothers die Konzerte ihrer letztjährigen Tour durch die Staaten: Movement and Location. Steckt da nicht alles drin, was unsere Zeit aktuell bewegt? Die einen wollen gerne bleiben, müssen aber gehen. Die anderen wollen sich bewegen und ernten dafür Hass, Ablehnung, Widerstand, Verachtung… Die anderen wollen verharren, stillstehen und reden dabei von „Aufbruch“ oder „Aufstehen“. Die einen wollen demnächst einen neuen Elysée-Vertrag unterzeichnen und die Kontur einer erweiterten Heimat ein wenig stärker zeichnen. Die anderen irren in diesem Raum herum und wissen nicht, wo sie hier eine Heimat finden können. Wieder andere sagen, Schnellroda ist Heimat genug, weil wir sind ja schon hier und das reicht. Um das zu verdeutlichen gründen wir jetzt eine neue Partei, „Asyl für Patrioten – Mitteldeutschland“. Oder so ähnlich. Verwirrend.

Muss ich etwas zu den Punch Brothers sagen? Falls nicht bekannt: Jenseits von Coldplay, Radiohead und Bluegrass gibt es etwas, wo die Sounds von gestern und heute eingeschmolzen werden und in ungehörter Klarheit wieder aus dieser Schmelze gezogen werden von fünf Musikern und ihren rein akkustischen Instrumenten. Best of America. Ja, es kommen noch immer wunderbare Dinge aus den USA. Lynx ist bekanntlich so ein merkwürdiger Americana-Liebhaber und wenn er Seelennahrung braucht, konsultiert er die Punch Brothers. Oder, wenn es traditioneller sein darf, schaut er bei Arhoolie Records vorbei, dem legendären Label, das echte Graswurzelarbeit geleistet hat. Zum 50. Geburtstag 2013 gab es ein großes Konzert und das Album dazu (They all played for us) bringt das Roots-Amerika zu Gehör, das wir (und mehr als 50 % der Amerikaner) sich wünschen, in allen Sprachen und Rhythmen, die dieses Land in sich vereint, immer noch und noch lange.

Die südwestlichen Regionen der USA sind seit Anbeginn der europäischen Kolonisation umstritten und die Mexikaner mussten da im Lauf der Zeit große Gebietsansprüche an die USA abtreten. Das nagt noch immer an den Gemütern und die Fröhlichkeit der TexMex-Musik, verbindendes Element der Kulturen, täuscht etwas darüber hinweg. „The Free Mexican Airforce“ ist ein Klassiker dieses Genres und angesichts des tumben Auftritts von Trump an der texanischen Grenze in diesen Tagen, wünscht man sich, dass sie aufsteigt: Not even the President knows the full truth of what’s going on. Zapatas Geist lebt in einem Raumschiff fort und die kleinen grünen Männchen, sie kommen…

Movement and Location. Das ewige Hin und Her. Heute hier, morgen dort. Tradition ist statisch – Heimat ist dynamisch, habe ich heute gelesen. Sagte ein Landschaftsplaner 1950. Waren einerseits ganz andere Umstände, andererseits…

Die Punch Brothers beschlossen ihr Konzert übrigens mit „Familiarity“: Again you nod your head and take my hand/Though i’m not sure where we’ll go (amen)…