Movement and Location

Mit diesem Song eröffneten die Punch Brothers die Konzerte ihrer letztjährigen Tour durch die Staaten: Movement and Location. Steckt da nicht alles drin, was unsere Zeit aktuell bewegt? Die einen wollen gerne bleiben, müssen aber gehen. Die anderen wollen sich bewegen und ernten dafür Hass, Ablehnung, Widerstand, Verachtung… Die anderen wollen verharren, stillstehen und reden dabei von „Aufbruch“ oder „Aufstehen“. Die einen wollen demnächst einen neuen Elysée-Vertrag unterzeichnen und die Kontur einer erweiterten Heimat ein wenig stärker zeichnen. Die anderen irren in diesem Raum herum und wissen nicht, wo sie hier eine Heimat finden können. Wieder andere sagen, Schnellroda ist Heimat genug, weil wir sind ja schon hier und das reicht. Um das zu verdeutlichen gründen wir jetzt eine neue Partei, „Asyl für Patrioten – Mitteldeutschland“. Oder so ähnlich. Verwirrend.

Muss ich etwas zu den Punch Brothers sagen? Falls nicht bekannt: Jenseits von Coldplay, Radiohead und Bluegrass gibt es etwas, wo die Sounds von gestern und heute eingeschmolzen werden und in ungehörter Klarheit wieder aus dieser Schmelze gezogen werden von fünf Musikern und ihren rein akkustischen Instrumenten. Best of America. Ja, es kommen noch immer wunderbare Dinge aus den USA. Lynx ist bekanntlich so ein merkwürdiger Americana-Liebhaber und wenn er Seelennahrung braucht, konsultiert er die Punch Brothers. Oder, wenn es traditioneller sein darf, schaut er bei Arhoolie Records vorbei, dem legendären Label, das echte Graswurzelarbeit geleistet hat. Zum 50. Geburtstag 2013 gab es ein großes Konzert und das Album dazu (They all played for us) bringt das Roots-Amerika zu Gehör, das wir (und mehr als 50 % der Amerikaner) sich wünschen, in allen Sprachen und Rhythmen, die dieses Land in sich vereint, immer noch und noch lange.

Die südwestlichen Regionen der USA sind seit Anbeginn der europäischen Kolonisation umstritten und die Mexikaner mussten da im Lauf der Zeit große Gebietsansprüche an die USA abtreten. Das nagt noch immer an den Gemütern und die Fröhlichkeit der TexMex-Musik, verbindendes Element der Kulturen, täuscht etwas darüber hinweg. „The Free Mexican Airforce“ ist ein Klassiker dieses Genres und angesichts des tumben Auftritts von Trump an der texanischen Grenze in diesen Tagen, wünscht man sich, dass sie aufsteigt: Not even the President knows the full truth of what’s going on. Zapatas Geist lebt in einem Raumschiff fort und die kleinen grünen Männchen, sie kommen…

Movement and Location. Das ewige Hin und Her. Heute hier, morgen dort. Tradition ist statisch – Heimat ist dynamisch, habe ich heute gelesen. Sagte ein Landschaftsplaner 1950. Waren einerseits ganz andere Umstände, andererseits…

Die Punch Brothers beschlossen ihr Konzert übrigens mit „Familiarity“: Again you nod your head and take my hand/Though i’m not sure where we’ll go (amen)…

Vorwärts nimmer, rückwärts immer

Was für ein trüber Tag. Der GRÖPAZ chasst seinen Außenminister, während der durch Afrika reist, wahrscheinlich hieß der Tritt: bleib doch gleich, wo (seines Wissens) der Pfeffer wächst. Die neuen Leute, die er bestellt, sind bekanntermaßen Folterknechte. Und dann lässt er noch wissen: „If you don’t have a wall-system, we’re not gonna have a country.“ Grammatikalische Schwächen sind da das kleinste Übel. Länder, die foltern müssen und sich einmauern, sind am Ende, sollte doch bekannt sein. Was für ein historisches Versagen. Alle Feinde unserer Lebensweise reiben sich die Hände. China muss eigentlich nur buddhamäßig dasitzen, abwarten und genüsslich zusehen, wie sich der ehemalige Westen selber zerlegt. Und dann lassen sich die Briten auch noch von Russland provozieren, wohl auch nur, um von anderen selbstverschuldeten Nöten abzulenken, was für eine Hysterie. Extrem gefährliche Situation, multiple Hinweise, dass sich Geschichte wiederholen kann, der Hybris von „Schwachköpfen“ geschuldet (um Tillerson ein Abschiedswort zu gönnen).

Bildrechte: The Globe and Mail

Trackline #4: Ebbing and Beyond

CJ3s KI-Fähigkeiten übertreffen meine Erwartungen. Dass er die gestrige Tonspur irgendwie fortführen würde, war klar. Aber wie kann er auf mein Hirn zugreifen? Ich hatte ihm nicht erzählt, dass ich gestern abend im Kino war, dennoch entschied er, konsequent, den Lauf in den Südstaaten und im Mittleren Westen rund um den Mississippi fortzusetzen. Rund um Ebbing, Missouri, das rein filmtechnisch ja in den Blue Ridge Mountains liegt, in den südlichen Appalachen zwischen Tennessee und South Carolina. Deshalb verwundert es auch nicht, dass die Filmbilder über weite Strecken ein Déja-Vu-Erlebnis waren, Jonesborough/TN revisited.

Zum Film ganz kurz: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, der richtige Film zur richtigen Zeit, für meinen Geschmack. Kleine Leute, hinter den sieben Bergen (sic!), weit ab und doch in ihrer kleinen Welt mit Herausforderungen epischen Ausmaßes konfrontiert. Sie gehen ihre Probleme direkt und mit provinziell erscheinender Schlichtheit an. Das führt zu allerlei Gewalt und Verletzungen. Und zu zahlreichen Momenten der Brechung, wo die sicher geglaubten Überzeugungen ins Wanken geraten und manches sich ins Gegenteil verkehrt. Und das Ende ist uramerikanisch, wie aus einem sehr guten klassischen Western. Ohne tiefe Narben kommt man aus der Sache nicht raus, aber man sattelt das Pferd, packt ein paar Habseligkeiten zusammen und macht sich wieder auf, geläutert… Und gönnt man sich den O-Ton, dann ist es eine mitreisende Reise ins nordamerikanische Heartland.

CJ3 malt mir die Bilder mit seiner Trackline noch einmal aus, einen Lauf lang:

J.J.Cale: Cocaine (Troubadour, 1976) – …If you want to get down,/Get down on the ground, cocaine… Ein für die Gegend und das Milieu ein inzwischen typischer Aspekt, der im Film gefehlt hat: Drogen. Alkohol wurde reichlich konsumiert, doch das ist inzwischen wohl nicht mehr das Hauptproblem. Und es gibt Counties, die immer noch Prohibition verordnen.

Eric Clapton: Five Long Years (From the Cradle, 1994) – Claptons Version eines Blues-Klassikers von Eddie Boyd von 1952. Seine etwas fistelige Stimme passt nicht recht, aber der peinigende Gitarrensound: Have you ever been mistreated? You know just what I’m talking about./I worked five long years for one woman, she had the nerve to put me out. – Im Blues (und nicht nur dort) gibt es ein „HeToo-Genre“. Wo es um Sex geht, geht es meist auch um Ökonomie, in beiden Richtungen. Eine unpassende Feststellung, wo doch der Film von einem grauenhaften Sexualmord an einer jungen Frau handelt? Und dieser eklige Typ seine Phantasien sabbert?

Van Morrison: Choppin‘ Wood (Down the Road, 2002) – Martin McDonagh, der Regisseur des Film ist irischer Abstammung, so wie Van Morrison. Der erzählt hier die Geschichte, von einem der sein Glück in Detroit versucht hat und gescheitert heimkehrt nach Nordirland. Das Glück hat sich verflüchtigt, aber irgendwie macht man weiter, …you still kept on choppin‘ wood… Jason Dixon ist im Film dieser Loser, ein rassistischer Unsympath dazu, der unerwartet zum fast mythischen Krieger avanciert. Morrisons R&B-Song singt dahin wie die Baumsäge, in mäßigem Tempo, hin und her, versetzt das Gerät in rhythmische Schwingung.

Herbert Pixner Projekt: Black Orpheus (bauerntschäss, 2010) – Wechselt CJ3 doch das Thema und die Richtung? Nein, es stellt sich heraus, er nimmt einen kleinen Umweg über den richtigen Süden, Lateinamerika und Südtirol. Pixners Band interpretiert ein Bossa-Nova-Stück von Luiz Bonfa, rhythmischer Harfenklang. Von Brasilien geht es durch die Karibik nach New Orleans. Wichtig für den Läufer: das Metrum bleibt konstant, das Gerät schwingt noch immer.

Steve Riley & The Mamou Playboys: Lyons Point (Grand Isle, 2011) – Eine der besten Cajun-Bands, die immer wieder beweist, wie weit Minimalismus führen kann. 2011 traten sie zuletzt in Originalbesetzung auf, auch mit einem wunderbaren Tiny-Desk-Concert, das von diesem treibenden Song eröffnet wird.

Keb‘ Mo‘: Standin‘ At the Station (Just Like You, 1996) – Zeitgenössischer Deltablues mit den bekannten alten Themen: warum der andere und nicht ich? You wanna marry him/Make a family/That’s why I’m standin‘ at the station/Teardrops in my eyes…

Keb‘ Mo‘: Momma, Where’s My Daddy? (Just Like You, 1996) – Jetzt hat sich CJ3 für einen Moment festgefressen, das beweist, wie eigenständig, prägnant dieser Deltablues-Gitarrensound ist. Hier gräbt Keb‘ Mo‘ dicht an den Wurzeln, nahe bei der musikalischen Hütte von Son House am Mississippi.

Van Morrison: High Summer (Back On Top, 1999) – High summer’s got him lonesome/Even when he makes the rounds… Der versponnene Text erschließt sich mir nicht, dafür ist mein Englisch wohl viel zu schlecht. Aber der Song treibt den Läufer noch einmal kräftig voran und führt unweigerlich zu einer Dosis Endorphin. Well done.

Van Morrison: Keep Mediocrity At Bay (Magic Time, 2005) – You gotta fight every day to keep mediocrity at bay… Die Moral wird gleich noch nachgeliefert, aber das ist doch kein schlechter Vorsatz für die nächste Woche. Jason Dixon konnte das ja schließlich auch beherzigen, dort draußen in Ebbing, Missouri.

Trackline #3: Dahoam, Not Dahoam

Freund CJ3 und Lynx trafen sich mal wieder im Hamsterrad. Was hatte er diesmal mitgebracht? Kurzes Ping-Pong zwischen Norah Jones und Sven Regener (was für ein Match!), bevor wir uns auf den Byways von Nordamerika und in aktuellen Fragen der Zeit verliefen. Wie immer der Reihe nach:

The Little Willies: Fist City (For the good times, 2012) – If you don’t wanna go to Fist City,/You’d better detour ‚round my town/Cause I’ll grab you by the hair of the head/And I’ll lift you off the ground. Die Schlusstakte des Songs ertönen, übrig noch vom letzten Lauf. Norah Jones macht ihren Standpunkt klar, während Donald Trump nach Davos ausgewichen ist.

Element of Crime: Schwert, Schild und Fahrrad (Lieblingsfarben und Tiere, 2014) – Robert Habeck ist jetzt Grünen-Vorsitzender und die von Regener besungenen Attribute scheinen wie für ihn ausgewählt. Doch das ist eine andere Geschichte. Eigentlich ist es eines der vielen melancholischen Lieder, die um die Schwierigkeiten oder Unmöglichkeiten des Zusammenlebens in einer wirren Welt handeln. Wenn Trump einfliegt, nichts wie weg: Hinauf, Hinauf zu dem Punkt, von dem aus man sieht/Wie der Horizont sich verbiegt, nur damit auf dich/Noch mehr Licht fällt, als ohnehin schon/Und der Wind singt dazu monoton/Ein Lied von Glück und Gefahr/Wie an dem Tag/An dem ich dich das erste mal sah… Lynx kennt diese Orte über Davos durchaus, hat sie in den Beinen, aus Zeiten ohne Hubschrauberlärm.

The Little Willies: I gotta get drunk (The Little Willies, 2006) – Ein Willie Nelson Song von 1970 in einer munter zupackenden Version, eine Einladung an Regener, an die Bar zu kommen. Eine Verzweiflungstat, um sich diesen ganzen Irrsinn wegzusaufen? Well I gotta get drunk and I sure do dread it/cause I know just what I’m gonna do… Der Text endet mit der Einladung zur nächsten Runde, denn es gäbe schließlich mehr alte Trinker als alte Ärzte.

Element of Crime: Bitte bleib bei mir (Immer da wo du bist, bin ich nie, 2009) – Regener singt aber lieber davon, das alles hinter sich lassen, sich abzufinden, dass Jugend vergänglich, die Leber empfindlich und nicht unendlich belastbar ist, und dass es doch auch anders gehen kann. Auf die Beine, raus aus der Bar: Komm mit mir woanders hin, ich/weiß noch einen Weg/den kann man nicht alleine gehn und/ich hab mir überlegt…

Keb‘ Mo‘: More than one way home (Just like you, 1996) – Keb‘ Mo‘ mischt sich ein, der alte Fahrensmann des späten Blues, herumgekommen, ziemlich harmoniesüchtig, voller warmer Klänge. Er stammt aus Compton im berüchtigten Süden von L.A., lebt jetzt im Heartland der amerikanischen Rootsmusic, in Nashville/TN, dort wo die Zikaden kreischen und am Spätnachmittag alles etwas sepiafarben wird. Im Song erinnert er sich an seine Kindheit in den Straßen von Compton, von denen er sich weit entfernt hat: Well, there’s more/Than one way home/And there ain’t/No right way, no wrong – Ach, wem müsste man das alles eintrichtern, um die Ohren hauen. Was einmal eine Binsenweisheit war, hat aktuell schon wieder den Status einer fast revolutionären Erkenntnis.

Bob Marley & The Wailers: Buffalo Soldier (Confrontation, 1983) – Weggehen, heimkommen, woanders ankommen. Rem Kolhaas zerpflückt heute in der SZ das deutsche Heimatgefühl, diese Sehnsucht nach Statik und Unveränderlichkeit (Dazu noch einmal Sven Regener: …wo die Erde niemals bebt, baut man gerne mal ein Haus aus Stein…). Die Niederlande würden alle 10 Jahre neu entstehen, einen Heimat-Begriff gäbe es dort nicht. Ob es wahr ist? Viele Holländer verreisen ja nicht ohne ihren Wohnwagen, hängen die Heimat an die Anhängerkupplung. Mobile Heimat, wieder eine andere Geschichte… Viele Leute sind unterwegs. Und krass ist, dass die heutigen Sklaven zwar ebenfalls nicht freiwillig, aber aus eigener Kraft unterwegs sind. There was a Buffalo Soldier in the heart of America/Stolen from Africa, brought to America/Fighting on arrival, fighting for survival… Viele wollen von diesen modernen Sklaven nichts wissen. Andere nehmen das Angebot gerne an und machen ihr Geschäft. Wir allermeisten wissen nicht recht damit umzugehen. Wir wollen sie nicht als Sklaven sehen, finden aber keine rechte Verwendung. Würden sie sich doch einfach in Luft auflösen, dürfte ein verbreiteter heimlicher Wunsch sein.

Ashley Monroe: Like a Rose (NPR Tiny Desk Concert, 2013) – Ashley Monroe stammt aus Tennessee, aus dem Bible Belt. Auch phänotypisch verkörpert sie ideal Trump-Country: blond, schlank, weiß. Und sie hat diese in der Countrymusik häufige helle Stimme, die etwas gequetscht klingt, sehr weiß eben. Irgendwie passt diese Interpretin gar nicht in diese Tracklist – oder doch? Folk und Country Songs sind voll von Geschichten vom Weglaufen, Auf-der-Straße-sein, Heimat suchen, heimwärts Reisen, Verlorensein, Einsamkeit. Im Song Like A Rose erzählt sie vom Weglaufen aus North Dakota, aus einer zerbrochenen Familie, immer nach Süden, in die Wärme: Sitting in this diner with a coffee in my hand/Waiting on a bus to some promised land/I got a one way ticket as far as it goes/And I came out like a rose… Diese Geschichten stecken im Kern amerikanischer Identität. Wenn man die richtige Hautfarbe hat und zur Majorität gehört, werden die Geschichten zu gut verkäuflichen Heimatliedern…

N.B.: Eine veritable Heimat für Neugierige in Sachen Musik ist das National Public Radio (NPR) mit seinen Tiny Desk Concerts. Hier treten sie alle auf und geben sich die Klinke in die Hand, die großen Stars und die jungen musikalischen Startups. Der Platz in den Büroräumen des Senders ist beengt, häufig wird unplugged gespielt, meist auf technischen Schnickschnack verzichtet. Die Auftritte sind kurz, zwei, drei Nummern, die haben es in sich. Der Auftritt von Adele gehört zu den beliebtesten und wenn man sie dort sieht und hört, gönnt man ihr neidlos jeden Ruhm. Ganz aktuell dort übrigens Barbara Hannigan mit Liedern von Wiener Komponisten der letzten Jahrhundertwende, der Zeit, als sich in der klassischen Musik die gewohnte Harmonik aufzulösen begann, all in german. Darunter auch die Goethe-Vertonung von Hugo Wolf: Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide…

Facebook baut um: Freizeitpark mit angeschlossener Mall

Der US-amerikanische Geograph Jared Diamond berichtet davon, dass die Trump-Regierung damit begonnen hat, fundamentalistische Gesinnung via Zensur im öffentlichen Bereich durchzusetzen. Der staatlichen Gesundheitsbehörde wurde eine Liste mit Begriffen vorgelegt, die künftig in Finanzierungsanträgen nicht mehr verwendet werden dürfen: gefährdet, diversity, Anspruch, faktengestützt, wissenschaftlich erwiesen. Eine überragende Wissenschaftsnation beraubt sich ihrer Früchte zuliebe religiöser Eiferer und ignoranter Hillbillies, die meinen, ein Recht darauf zu haben, dass ihre Sicht der Welt, nämlich dass sie eine Scheibe sei, zur offiziellen Weltsicht erklärt wird. – Fällt einem dazu noch etwas ein? Der Iran vielleicht?

Mark Zuckerberg ist etwas eingefallen: back to the roots! Vergesst die Schwachköpfe! Lasst uns feiern und quatschen! Zuckerberg will Facebook (FB) wieder persönlicher machen und den privaten Austausch der Nutzer wieder mehr in den Vordergrund rücken. Die Bedeutung von kommerziellen Seiten oder von Gruppen soll geringer werden. Zugleich sollen die kommerziellen Inhalte verstärkt danach ausgewertet werden, ob sie die Nutzer zu „bedeutungsvollen Interaktionen ermutigen“. Mit solchen Interaktionen sind m.E. keinesfalls politische Initiativen gemeint, sondern vorrangig Kaufsignale. Die Werbeflächen werden reduziert und zugleich verteuert: Verknappung gehört nun einmal zum Basiswissen erfolgreicher Kapitalisten.

Zuckerberg schlägt so zwei Fliegen mit einer Klappe: Er verbessert seine Möglichkeiten, FB aus dem Sturm um Fake-News und Zensur herauszunehmen, in dem er klarstellt, dass es primär um den privaten Austausch gehen soll. Meinungs- und Willensbildung wird nur insofern zugelassen bzw. gefördert, so weit sie mit den Unternehmenszielen von Facebook konform geht. Und er macht FB noch mehr zur Mall, die es meiner Ansicht nach dem Wesen nach ist. Besser: ein Freitzeitpark mit angeschlossener Mall. Das ist FB. Der parallel vollzogene Rückzug von Sheryl Sandberg aus dem Disney-Aufsichtsrat aus strategischen Gründen ist ein weiteres Indiz, dass es FB künftig v.a. um seichte Unterhaltung und Feel-Good-Momente geht. FB will kein öffentliches Medium sein, wo Nutzer ein Recht auf die Ausübung von Meinungsfreiheit einklagen können.

Letzteres versucht ja bekanntermaßen der grundbeleidigte ultrarechte Hetzblogger Jürgen Fritz aus Hamburg. Er hat vor einiger Zeit Klage gegen FB wg. mehrerer vorübergehender Sperrungen seines Accounts eingereicht. Gestern berichtete er nun triumphierend, dass das Landgericht Hamburg seine Klage zugelassen hat. Jetzt wittert er Morgenluft und das große Geld: sollte seine Musterklage erfolgreich sein, sieht er einen Dominoeffekt eintreten, der eine Geldlawine von zig Milliarden Dollar auslösen und Facebook zerstören wird. Träum‘ weiter.

Eigentlich ist es gut, dass es (womöglich) zu dieser juristischen Klärung kommt. Manche Leute müssen halt länger die Schulbank drücken oder brauchen ein wenig Nachhilfe. Bis dahin ist der clevere Zuckerberg längst weitergezogen, die Händel von gestern interessieren ihn nicht, es geht nur um das Geschäft von morgen. Er hat erklärt, dass er seit der Geburt seiner Kinder die Dinge etwas anders sieht: Er möchte „einige der Dinge, die im System passieren können“ besser in den Griff bekommen. Denn es sei ihm wichtig, dass seine Kinder einmal das Gefühl hätten, „dass das, was ihr Vater aufgebaut hat, gut für die Welt war.“ Und was ist besser als glücklich shoppende Menschen im Freizeitpark? Politische Eiferer werden da betrachtet wie, Verzeihung, versoffene Penner: sie stören nur, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen.

Quellen:
Jared Diamond: Die Erde ist rund! SZ Nr. 9 vom 12.01.2018
Handelsblatt/dpa: Zuckerberg degradiert Inhalte von Unternehmen und Medien, 12.01.2018

Streicheleinheiten

In Alabama hat der Mann gewonnen, der die Mörder von minderjährigen Mädchen hinter Gitter bringt. Nicht derjenige, der sich an Mädchen vergeht. Die „Soccer Moms“ und die schwarze Community hätten den Ausschlag gegeben. Good news. Und Juliette Binoche findet, dass Männer viel zerbrechlicher sind „als wir glauben“:

„Unsere Wahrnehmung von Männlichkeit ist ja völlig deformiert. Wir suchen immer den starken Mann, den Beschützer, den Retter. […] Wir Frauen müssen diese Erwartung loslassen.“

Puuh, das entspannt. Fehlt nur noch eine ordentliche Erkältung. Der kanadische Arzt Kyle Sue hat viel Material gesammelt, mit dem er glaubhaft nachweisen kann, dass „Männergrippe“ keine Einbildung ist. Auch andere Wissenschaftler stützen inzwischen seine These. Männer leiden womöglich tatsächlich deutlich stärker unter viralen Infekten als Frauen und brauchen länger zur Genesung. Kathrin Zinkant berichtet davon und empfiehlt, „Männern echte Aufmerksamkeit zu schenken, wenn ein Virus sie niederstreckt“. Tut das gut. Weitermachen…

Heute erholen wir uns, atmen mal tief durch. Und morgen gehen wir wieder raus und räumen weiter auf, wenigstens den Dreck am Straßenrand, den der Spätherbststurm hergetragen hat.

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 287 vom 14.12.2017

Brooklyn Yard

Neulich habe ich ein wenig an Aoife O’Donovans Weg ins Mainstream-Musikgewerbe herumgekrittelt – wie vermessen! Steht mir gar nicht zu! Die Retourkutsche kam prompt und sie lotste mich zu diesem drei Jahre alten Clip, den sie in wohl in ihrem Hinterhof in Brooklyn aufgenommen hat. Ich bin ganz still und lausche. New Yorker Sommer samt zwitschernden Vögeln (anstatt der Zikaden, die eigentlich dazu gehören) heitert den vorweihnachtlichen Dauerdämmerzustand auf…

Ihr Begleiter Noam Pikelny ist begnadeter Banjo-Spieler und ein Punch Brother. Sein aktuelles Soloalbum Universal Favorite ist als Best Bluegrass Album für den Grammy nominiert. Ausgiebigen Vorgeschmack findet man auf seiner Website.

Und Aoife O’Donovan? Tourt demnächst wieder mit den Kolleginnen Sarah Jarosz und Sara Watkins als Mädelsband I’m with her, im Januar soll das erste Album erscheinen. Progressive Bluegrass lebt! So kriegt man auch den härtesten Winter rum. Am 7. Mai ist das einzige Deutschland-Konzert in Berlin.

Trackline #1

Eine Runde im Hamsterrad. Laufen auf der Stelle. Die Gedanken gehen dabei wunderbar auf Wanderschaft. Zuverlässig begleitet vom alten Freund Cowon J3, wir sehen uns fast nur noch bei dieser Gelegenheit. Ein MP3-Player aus der Zeit, als diese Geräte absolut perfekt waren und denen dann vom Smartphone schlagartig der Garaus gemacht wurde. Was für ein Glück, dass er noch spielt. Denn er ist, wie gesagt, ein guter Freund: er schnüffelt nicht. Er fühlt sich ein und unterstützt. Ein R2D2 für Musik. – Wie? Einfühlen? Was?

Schon vor der Zeit von Spotify et al. hat man dem J3 einen Shufflemode mitgegeben, der KI-Funktionalität besitzen muss. Oder jedenfalls hervorragende analytische Fähigkeiten. Seine Erkenntnisse daraus teilt er allerdings nur mit mir und mit sonst niemandem. Ganz offensichtlich analysiert er allerlei Kriterien von Musikdateien: Metrum, Harmonik, Melodik, Instrumentierung, was weiß ich alles. Und generiert Sequenzen, die, unterstützt vom eigenen Laufen, zu regelmäßigem Flow führen. Von Hand ausgesucht würde kaum ein abgestimmteres und intelligenteres Programm entstehen, mit harmonischen Übergängen und thematisch stimmigen Verknüpfungen. Nur hin und wieder wechselt er abrupt das Thema, um dann konsequent ein neues Spektrum zu eröffnen.

Es ist also keine Tracklist, die zusammengestellt wurde, sondern eine Trackline, die sich ergibt und der man neugierig folgt, so wie heute, wenigstens für eine halbe Stunde. Los geht’s, quasi daheim, vor der Haustür:

Georg Ringsgwandl: Brucknwirt (Gache Wurzn, 2001): Ob Ringsgwandl das Lied heute noch ins Programm nimmt, nach dem Auftauchen von Pegida und AfD? Eine Ode auf den „gesunden Volksverstand“, der keine ordnenden Eingriffe braucht und schon selber weiß, wo’s lang geht. Störenfriede werden notfalls gewaltsam entsorgt. Irgendwie hat sich ein solches Lied vor 15 Jahren unbeschwerter angehört. Zeit auf Reisen zu gehen.

Beach Boys: Got To Know The Woman (Sunflower, 1970): Die Westküste also, ganz weit weg, in Zeit und Raum. Sunflower ist ein wenig bekanntes und wenig erfolgreiches Album der Beach Boys, wurde aber vom Rolling Stone in die Liste der „500 besten Alben aller Zeiten“ gewählt. Keine großen Hits, aber schöne Soundbasteleien aus einer, aus heutiger Sicht, unbeschwerteren Zeit. Love the way you’re looking/You look like you like it, too…

Kris Kristofferson: I’ll Be Your Baby Tonight (The 30th Anniversary Concert Celebration, 1993): Vor 25 Jahren hatte Bob Dylan sein 30-jähriges Bühnenjubiläum. Das Allstar-Tribute-Konzert vom Oktober 1992 im Madison Square Garden NYC ist als Live-Album erschienen, Kris Kristofferson trug eine astreine Countryversion von Dylans Song von 1967 bei, eingeführt und begleitet von Willie Nelson: Close your eyes, close the door/You don’t have to worry anymore…
Wäre K.K. noch jünger, würde er heute vielleicht einen Convoy zur Vertreibung von Trump anführen, zumindest als Filmheld.

Francis Cabrel: Je te vois venir (tu pars) (Les Beaux Dégats, 2004): Vergangene Woche ist Johnny Hallyday, der Elvis Presley Frankreichs, von uns gegangen, ein großer Publikumsliebling dort. Der Bob Dylan Frankreichs ist bei uns noch weniger bekannt: Francis Cabrel, ein Chansonnier oder besser Singer-Songwriter, der das französische Chanson um Blues- und Rockelemente erweitert hat. Wiederholt hat er Dylan-Titel ins Französische übertragen und ihm mit Vise le ciel (2012) ein ganzes Album gewidmet. Allmählich wird es ruhiger um ihn, aber seine Lieder tragen noch weit: Pour ma petite boutique de souvenirs/Allez, tu pars, je te vois venir!

Razorlight: America (Razorlight, 2006) – All my life/Watching America/All my life/There’s panic in America. Alle setzen wir uns auseinander mit den USA, kein Entrinnen. 2007 war ich dort, machte eine Reise von Manhattan ins Hinterland, in die Hillbilly-Staaten der Appalachen und des Bible-Belt, Süd-Virginia, Tennessee, Kentucky. Trump-Country würde man heute sagen. Und tatsächlich war dort damals schon Manches verwunderlich bis verstörend in der Provinz. Razorlights „America“ war zu der Zeit noch ein Hit und wenn es ertönt, sehe ich mich immer wieder in Newark landen.

Oscar Peterson Trio: Let there be love (Live at the Blue Note, 1990): Manhattan ist anders und das Blue Note hat Jazzgeschichte geschrieben. Im März 1990 hatte das legendäre Trio von Oscar Peterson dort nochmals einen Auftritt und war ein Quartett aus O.P. (p), Herb Ellis (g), Ray Brown (b) und Kenny Durham (dr). Abgehangen. So viel Entspannung und Sound der Bel Etage ist doch nicht so geeignet für die Tretmühle – skip.

Francis Cabrel: La dame de Haute-Savoie (Double Tour, 2000) – Oder doch Bel Etage? Quand je serai fatigué/De sourire à ces gens qui m’écrasent…
Eine zupackende Rhythm ’n Blues Live-Version eines seiner beliebtesten Songs von 1980: wenn er die Schnauze voll hat, dann haut er halt ab ins gemütliche winterliche Hochsavoyen mit seinen hölzernen Chalets: Y’a les étoiles qui courent/Dans la neige autour/De son chalet de bois/Y’a les guirlandes qui pendent du toit/Et la nuit descend/Sur les sapins blancs/Juste quand elle frappe les doigts… 

Crooked Still: Wind and Rain (Shaken By a Low Sound, 2006) – Draußen schneit es inzwischen ebenfalls, Wind und Regen sollen folgen. Crooked Still ist eine der wunderbarsten Bands, die sich dem Erbe der Bluegrassmusik angenommen und sie in neues Gewand gepackt und auf neue Höhen des Progressive Bluegrass geführt haben. Leider ist es seit einer Weile still geworden, das Bandprojekt ist wohl, zugunsten einzelner Solokarrieren, in den Standbymodus versetzt. Insbesondere Sängerin Aoife O’Donovan hat sich (leider) dem Mainstream zugewandt, seit ihres sehr erfolgreichen Beitrags zu Alison Krauss‘ Album Paper Airplane. Denn mehr Drive in akkustischer moderner Folkmusic ist nirgends (außer bei den Punch Brothers). Wind and Rain ist eine Ballade über Schwesternmord aus Eifersucht, der aus dem Schottland des 17. Jh. stammt, eines der besttradierten Lieder im keltisch geprägten Folk. The only tune that the fiddle would play/Was oh the dreadful wind and rain.

Die Laufzeit ist abgelaufen, doch der Sound stimmt, also noch eine Zugabe:

Conor Oberst: Eagle on a Pole (Outer South, 2009 ): Ein weiterer Musiker, der tief schürft in den abgelegenen oder verlassenen Goldminen amerikanischer Musik zwischen Folk und Rock, weiter im Westen jedoch. Mit seiner Begleitband Mystic Valley Band ließ er es 2009 recht rockig angehen, man meint nun die Hitze an der mexikanischen Grenze flirren zu sehen, dort, wo Amerika nicht lustig ist: El Cielo es azul, Just don’t go telling everyone…

Cool Down, gute zwei Minuten zum Auslaufen und Runterkommen:

John Lee Hooker: Bottle up and go (Boom Boom, 1992) – Immer tiefer lotst mich Freund J3 nun in die Sümpfe amerikanischer Rootsmusic. 1992 erschien ein spätes Album von John Lee Hooker, in dem er alte, teils sehr alte Titel mit neuer Studiotechnik wieder aufnahm, in Sausalito, da sind wir jetzt fast wieder am Anfang der Reise in Kalifornien. Ein Alterswerk, von der Presse nicht so goutiert. Aber was soll’s: so schlammig-träge-treibend, das ist großer Blues: Well, mama killed a chicken/Thought it was a duck/Put him on the table with his legs stickin‘ up…baap, baap, baap, baap.

Bildrechte: Timline.com

Broken Manual (Alec Soth)

Dem Denken, Fühlen und Leben von „Einsamen Wölfen“ hat Alec Soth in „Broken Manual“ versucht nachzuspüren. Aktuell zu sehen in den Hamburger Deichtorhallen, im Rahmen der Ausstellung „Gathered Leaves“, die die wichtigsten Arbeiten von Soth aus den letzten 15 Jahren zeigt – noch bis zum 07.01.2018.

Alec Soth (*1969), Magnum-Fotograf, gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Dokumentarfotografie. Bislang widmete er sich hauptsächlich der Erkundung des „heartland“ der USA, dem Mittleren Westen (im weiteren Sinne), dem „flachen Land“ abseits der Metropolen, dem Hinterland am Mississippi, in den Appalachen, in den Sümpfen des Südens. Mehrere für seine Arbeitsweise charakteristische Serien sind dabei entstanden und in der Schau zu sehen: »Sleeping by the Mississippi« (2004). »Niagara« (2006), »Broken Manual« (2010) sowie die Serie »Songbook« (2014) .

Den packenden Höhepunkt dieser Serien bildet in meinen Augen »Broken Manual«: Zwischen 2006 und 2010 war Soth unterwegs im Hinterland und hat Männer aufgespürt, die die Zivilisation hinter sich gelassen haben. Aussteiger, Einsiedler, Eremiten. Verwirrte, beschädigte Männer, üble Rassisten,  Suprematisten, Nazis. Verhinderte Weltverbesserer und Survival-Freaks. Furchtbar Einsame. Das Projekt entstand aus der Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Lester B. Morrison, der ein „Handbuch des Verschwindens“ geschrieben hatte. “In einem Leben schleppst Du Dich täglich aus dem Bett heraus”, schreibt Morrison, “im anderen Leben TRÄUMST Du…die Essenz Deines Traumes ist die Sehnsucht nach dem ENTKOMMEN”.

Die Ausstellung dokumentiert diese Arbeit umfassend, mit Fotografien, Manuskripten, Skizzen, veröffentlichten Bänden – und einem Film. Für den Film muss man etwas Zeit bringen, aber er bietet die beste Möglichkeit, um sich mitnehmen zu lassen in diese bedrückende, mitunter verstörende Welt. Und um ein Gefühl, womöglich Verständnis dafür zu entwickeln, was diese Männer umtreibt. Manche wirken wie tickende Zeitbomben. Soth traut sich heran, ganz nah heran und schält die Menschen heraus aus ihren ganzen Verhärtungen. Eindrucksvoll.

Bildrechte: Alec Soth

 

Selbst verschuldete Unmündigkeit und das Ende der freien Gesellschaften

Wer hätte vor kurzem noch gedacht, dass wir im 500. Jahr der Reformation Gelegenheit bekommen, uns die Haltung von Martin Luther den Autoritäten von Staat und Kirche gegenüber so zu vergegenwärtigen?
Und dass wir uns 200 Jahre nach Kant seiner berühmten Frage „Was ist Aufklärung“ von 1783 wieder so entschieden zuwenden müssen?

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Derzeit bekommt Lynx den Eindruck, dass die Menschen ihre Unmündigkeit wieder gezielt suchen. Ihre Mündigkeit freiwillig in der Wahlkabine abgeben. America first, die US-Amerikaner waren die Vorreiter. Demnächst folgen die Türken, dann womöglich die Franzosen. Die Niederländer nicht zu vergessen. Undsoweiter. Mit Ausnahme der Türken alles Länder, die einstmals zu den Vorreitern der Aufklärung gehörten, dort sind die modernen freien Gesellschaften entstanden. Jetzt geben die Leute ihre Errungenschaften quasi an der Garderobe wieder ab. Dafür fehlen einem die Worte.

Die USA küren allen Ernstes eine fundamentalistische Christin zur Bildungsministerin, die die Trennung von Staat und Kirche wieder aufheben und die Kirchen wieder überall hineinregieren lassen will. Und die Schulen als Firmen definiert, die um die Almosen, die ihnen wohltätige Spender oder künftig der Staat zukommen lassen, buhlen. Bei denen Bildungsinhalte aber ganz hintenan stehen und teilweise, um sich liebkind zu machen, aus der Mottenkiste kommen (Ablehnung der Evolutionstheorie zum Beispiel). Der Bildungsgrad an von ihr bisher geförderten Schulen hinkt erwiesenermaßen weit den öffentlichen Schulen hinterher. Es entsteht der Eindruck, dass es ihr und ihren Mitstreitern nur darum geht, dumme, willfährige, (denk-)faule Konsumenten heranwachsen zu lassen, die zu nichts anderem gut sind, als das Warenangebot ihres und anderer Konzerne möglichst umfassend nachzufragen. Oder weiter gedacht und zugespitzt formuliert: die Erziehung von Klonkriegern. Für ausreichend Junkfood, Fernsehen, Sportereignisse ist gesorgt, das Denken wird ihnen abgenommen, nur möglichst ekstatisch ereifern sollen sie sich gegen alle Feinde, die von den neuen Herren ausgerufen werden. Aufputschen und aufhetzen lassen sollen sie sich, um die freien Gesellschaften in den Abgrund zu stoßen – wenn es nach dem Willen von Steve Bannon und ähnlichen Finsterlingen geht.

Hat all das uns die Aufklärung eingebracht? Ist der Mensch einfach nicht geschaffen dafür, Mühen auf sich zu nehmen, selbständig zu denken, die Gesellschaft zu gestalten? Sind die Menschen erschöpft von all diesen Zumutungen der letzten 200 Jahre seit der Französischen Revolution und der Gründung der USA? Was kommt da auf uns zu?

Die Fuggerhäuser in Augsburg waren 1518, als Luther dort von Kardinal Cajetan in die inquisitorische Zange genommen wurde (sog. „väterliches Verhör“), gerade neu errichtet und sie sind bis heute ein Glanzbild im Augsburger Stadtbild. Luther ist entwischt und hat die Welt nachhaltig in die Zukunft gestoßen. Erinnern wir uns daran, immer wieder.

GRÖPAZ

Am 28. September hatte Trump erklärt, er werde der „greatest president for jobs that God ever created“ werden. Nach einigen Tagen im Amt zeichnet sich schon ab, dass wir den Zusatz „for jobs“ getrost streichen können, das war falsche Bescheidenheit. Nein – er ist der Größte Präsident aller Zeiten, darum wird Lynx ihn künftig nur noch GRÖPAZ nennen. Kann zwar sein, dass diese Präsidentschaft nicht lange dauern wird, wenn in der Grand Old Party ein Funken Überlebenswillen steckt. Dann war er es halt. Aber wer weiß. Vielleicht haben wir es ja bald schon mit Ermächtigungsgesetzen zu tun, weil das mit den Dekreten nicht zufriedenstellend funktioniert. Hail GRÖPAZ.

America___

Trumps Präsidentschaft beginnt: „America first – always.“ Nachwievor irrationale, vielleicht besorgniserregende Töne.

Auf der Suche nach Trost einmal mehr bei NPR gelandet (wann erfolgt die Gleichschaltung?). Dort gibt es den R&B-Musikkanal ‘I’ll Take You There’ von Jason King aus New York. Als ich eingeschaltet habe, lief ein Song ‘Respect Yourself’. Und anschließend, in dieser Reihenfolge:

  • Roy Ayers, ‚Love Will Bring Us Back Together’
  • Fats Domino, ‚Don’t Blame It On Me’
  • Al Green, ‚Jesus Will Fix It‘
  • Loleatta Holloway, ‚Casanova‘
  • Cee Lo Green, ‚Closet Freak’
  • Lupe Fiasco and Guy Sebastian, ‚Battle Scars’

Man kann gar nicht genug kriegen. Hat da einer den Zufallsgenerator in seiner Playlist mal kurz ausgeschaltet und ein bisschen steuernd eingegriffen, zugeschnitten auf den heutigen Tag? Hallelujah!

Dieser sog. Präsident ist nichts als ein Verräter an seinem Volk. Er schwört bei der Heiligen Schrift und missachtet alle Grundsätze, die sein Religionsstifter, auf den er sich beruft, ihm mitgegeben hat. Er ist ein Heuchler und ein Judas. Aber die Amerikaner halten sich ja auch für das erwählte Volk, zumindest der Teil, der ihn gewählt hat.