Wald. Lichtung. Hain. Quelle

Die Welt ist ein Wald: nachdem ich an der Süddeutschen in letzter Zeit hin und wieder herumgekrittelt habe, widmet sie heute dem Motto dieses Blogs einen Artikel. Nette Geste. Christoph Quarch beleuchtet das Verhältnis von Wald und Lichtung im Fortschreiten der Gesellschaften. Angefangen, natürlich, bei wilden Waldmenschen, Giganten, über die Gründung Roms als Rodungsinsel, über die Aufklärung als große Lichtung, die Waldverehrung der Romantiker und den heutigen Dschungel. (Blitz aus dem Virtuellen, SZ Nr. 81/2019, S. 10)

Überraschenderweise erklärt er nicht das Netz, die digitale Welt zum undurchdringlichen Wald, in dem man leicht verloren gehen kann, sondern zur Lichtung, die sich „schleichend in den alten Raum der Stadt gebrannt [hat], eine Lichtung, deren Licht so grell ist, dass sich niemand ihr entziehen kann.“ Was folgt daraus? „Der urbane Raum der analogen Stadt wird bald den Wald beerben“. Quarch beschwört den Großstadtdschungel als Sehnsuchtsort für neue „wilde“ Männer und Frauen und sieht die große Verwilderung des Stadtraums heraufziehen, weil Gestaltung, Zuwendung, Sichkümmern nur noch den digitalen Formaten gelten könnte. – Bedenklich. Aber er dreht noch weiter, weil er meint, diese neue digitale Lichtung sei so groß und grell beleuchtet, dass es keinen Schatten mehr gäbe, also eher eine Wüste als eine Lichtung, diese neue Welt, wo „zu viel Licht tödlich“ ist. (So betrachtet könnte es also sein, dass es manchen Leuten in den unendlichen Weiten und unter der grellen Sonne des Web schon die Großhirnrinde weggebrannt hat, bei dem Stuss, den sie oft absetzen.)

Letztlich ist der Wald der Ursprung von allem. Nur weil es Wald gibt, kann es Lichtung geben. Der Wald ist der Wurzelraum, die Quelle, die „Brutstätte„, das sich ständig erneuernde Füllhorn, das die Natur ausschüttet, wenn man sie lässt. So ist der Wald in den Mythen der Menschheit häufig der „Ort der Transformation, Initiation und Verwandlung“ der Helden. Der ackerbauende und viehzüchtende Mensch drängte ihn immer weiter zurück, schaffte sich erschöpfenden Produktionsraum, den er dann künstlich düngen muss. Bis nur noch eine große Agrarsteppe zurückblieb, auch eine Art von Wüste, wie Leute wissen, die etwas von Biodiversität verstehen.

In der großen Agrarsteppe der USA, zwischen den Appalachen und den Rocky Mountains, in großen Teilen natürliches Grasland, das unter den Pflug genommen wurde, erkennt man die Farmen schon von weit her. Auch an den Getreidesilos, aber vor allem an den Bäumen. Kleine Waldinseln. Inverse Lichtungen sozusagen. Sie dienen hier oft zunächst dem Windschutz, weil die Great Plains von unaufhörlichen Winden geplagt sind, auch wenn kein Tornado droht. Und für deren Schutz vor Wind und Sonne in der Ackerwüste der einsame Wanderer sehr dankbar ist, wie Wolfgang Büscher in „Hartland“ berichtet – wenn die Hofhunde ihn ruhen lassen. Dort, wo Menschen sich verorten, bedürfen sie offenbar des Waldes, seinem kühlenden Schatten, seinen Geheimnissen der Quellnymphen, dem Gesang seiner Vögel. Wobei diese Art von Wald eher ein Hain und der Hain der Topos schlechthin ist für den „locus amoenus“ einer arkadischen Weltsicht. Der Hain steht zwischen Wald und Lichtung, ist geprägt von beiden Sphären, ist nicht zu groß, ein wenig licht, überschaubar. Man könnte auch sagen: nett. Bieder. Die goldene Mitte. Gegenstand unzähliger Bilder der frühen Neuzeit, als der Mensch begann, das Licht der Welt für sich zu entdecken und das „himmlische Licht“ in den altgewordenen gotischen Kathedralen zurückließ. Der Hain gewinnt aktuell wieder an Bedeutung: Agroforst, Waldackerbau sozusagen ist das neueste Ding in der (ökologischen) Landwirtschaft. Ackern unter Bäumen, Landwirtschaft in Etagen, nicht zu viel Sonne und die Feuchte beieinander halten. Die Umstände verlangen danach.

Lynx streift herum, mal hier, mal dort. Sein Lieblingsort wird nicht verraten. Einmal war er allein unterwegs am Westabhang der Appalachen, in den Wäldern von Kentucky, bei Wildcat Mountain. Er hatte Witterung aufgenommen und folgte der Fährte von Daniel Boone, dem „Trailblazer“, der Ende des 18. Jh., also zu Zeiten der Aufklärung, den Siedlern den Weg durch das östliche Küstengebirge in die unendlich fruchtbaren, paradiesisch beschaffenen Weiten des Mittleren Westens gewiesen hatte. Dieser Weg, die Wilderness Road durch die Cumberland Gap führte durch das Stammesgebiet der Shawnee. Deren bedeutendster Anführer war Tecumseh, ein weitsichtiger Politiker, dem es gelungen war, zeitweise eine große Koalition der Stämme in „Appalachia“ zu schmieden, um sich der Siedlerflut zu erwehren. Das Ergebnis ist bekannt, Tecumseh aber in Erinnerung geblieben und zur mythischen Figur geworden. Lynx folgte einem schmalen Waldpfad in eine Senke hinunter, ein kleines hölzernes Schild hatte zu einer „Indian Spring“ gewiesen, einer Quelle, die offenbar die Shawnee gekannt hatten. Es war sehr still, kein Mensch weit und breit. Aus einem Felsen rann ein sehr dünnes Wässerchen, kleine Pfützen am Grund. Er streckte die Hand aus, um vom Wasser zu kosten, benetzte seine Lippen. Da erhob sich ein Rauschen in den Wipfeln der Bäume. Seitdem…

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Genesis radikal

Manchmal kommt es vor, dass ich an ganz alte Fragen gerate, die doch längst beantwortet sind – oder scheinen. Diesmal war das eine ganz grundsätzliche. Völlig vermessen, sich als kleiner Luchs an so etwas Großes anzupirschen, aber die Neugier siegt: Wie ist das eigentlich mit dem Gründungsmythos unserer abendländischen Kultur, der Mensch sei das Ebenbild Gottes und solle sich die Erde untertan machen (Genesis 1,28) – was ist da dran? Warum kann man unter diesem Motto so viel Unsinn anstellen? Steht das da so?

Also habe ich mir meine Lutherbibel geholt und versucht, ganz unverstellt, ganz frisch und fromm, die einschlägigen Stellen der Genesis erneut zu lesen. Hebräisch kann ich nicht, also bleibt es ein ganz oberflächliches Unterfangen. Aber die Herangehensweise ähnelt der von Martin Luther (ohne mich mit ihm im geringsten messen zu wollen) und letztlich basiert darauf die gesamte protestantische Kirche in all ihren Verästelungen. Gerade fundamentalistische Strömungen wie die Evangelikalen legen allergrößten Wert darauf, die Bibel gleichsam naiv zu lesen und so auch wörtlich zu nehmen. (Das unterscheidet sie nicht von salafistischen Strömungen im Islam oder orthodoxen Juden.) Die Schrift ist so zu lesen, wie sie da steht. Keine Ausdeutungen, keine Interpretationen, heißt es. Theologen braucht es da eigentlich nicht. Nur ich und der Text, ganz fundamentalistisch. Also: Genesis 1-3, Kurzfassung der für die Fragestellung wesentlichen Passagen:

Gott hat die Erde geschaffen und alles was darauf wimmelt. Er ist begeistert von seinem Tun, so sehr, dass er sich noch ein Alter Ego schafft, das für ihn diese Erde, dieses Paradies verwalten soll (dass er mehr Zeit für sich hat?). Dieses Alter Ego nennt er Mensch und er konstruiert es fortpflanzungsfähig, weil er wohl meint, es bräuchte viele davon, um seinen Verwalter-Auftrag ordnungsgemäß auszuführen: sich die Erde untertan zu machen. Über alle Fische im Meer, alle Vögel im Himmel, alles Vieh und sonstige Getier sollen die Menschen bestimmen. (Leider erfährt man nicht, ob Gott die Menschen vorher in irgendeiner Form gecoacht hat. Macht eher den Eindruck als hätte er ihnen den Job mit sehr großem Vertrauensvorschuss einfach übergeben.)

Er klärt diese Menschen dann noch auf, dass er ihnen alle Pflanzen, Samen und Früchte zur Speise gibt, davon sollen sie sich ernähren. Da steht nix von Tiere essen, Alter! Der Mensch ist als Vegetarier gedacht, steht da! – Die Tiere allerdings auch, genauer als Gras- und Krautfresser. Keine Carnivoren, kein Luchs & Co, nirgends. Wo ist da etwas schiefgelaufen?

Gott fand dieses Layout jedenfalls perfekt: „siehe, es war sehr gut“, hat er sich gesagt. Dann legte er den Sabbat ein und seine Schöpfung tummelte sich auf dieser wohlweislich eingerichteten Erde, alles was lebte, mümmelte friedlich vor sich hin: wie im Paradies. Ja, das war das Paradies.

Dann kam die dumme Geschichte mit dem Baum der Erkenntnis (geschlechterspezifische Verwicklungen vertiefe ich jetzt nicht, die sind nicht entscheidend). Die Herren-Menschen, die doch alles managen sollten, ließen sich von einer einzigen frechen Schlange hinters Licht führen – oder ins Licht? Jedenfalls war Gott stinksauer, dass die Menschlein nicht einmal sein einziges Verbot, nicht die Früchte dieses einen Baumes zu essen, einhalten konnten. Und schmiss sie raus aus dem Paradies. Nicht ohne ihnen noch einmal richtig den Kopf zu waschen: die Feldfrüchte werden ihnen künftig nicht mehr einfach in den Mund wachsen, sie müssen ein Leben lang den Buckel krumm machen, sich jedes Krümelchen Essen hart erarbeiten und ihre Kinder unter Schmerzen gebären. Und die Alter-Ego-Würde nimmt er ihnen auch wieder weg, die Quasi-Göttlichkeit: „Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ Wie das sonstige Getier und Gewürm. Gott war echt enttäuscht und schickte sein Ebenbild von dannen.

Also ich verstehe das als Kündigung. Im Job versagt, zum Feldgehilfen degradiert. Wie kann der Mensch jetzt noch glauben, er sei Chef über den Rest der Schöpfung? Was ist das für ein eingebildeter, aufgeblasener Macker? Gott hat ihm doch ganz klar seinen Platz angewiesen, in der Ackerfurche, zwischen „Dornen und Disteln“, wo er „das Kraut auf dem Felde“ essen soll. Da steht immer noch nichts von Schnitzel und Steak. Krone der Schöpfung war vielleicht mal so angedacht, ist aber schief gegangen, hat sich nicht bewährt. Schöpfung untertan machen: das galt nur im Paradies, so lese ich das.

Was die Farmer (und sonstigen Geschäftemacher) in den Bible Belts dieser Welt, zwischen Kansas und Niederbayern wohl zu solch einer radikal fundamentalistischen Bibellektüre sagen? Der Status in der Ackerfurche ist ihnen ja an sich bekannt, tagtäglich mühen sie sich darin ab. Aber den Teil der Botschaft, den Lizenzentzug, hören sie und wir alle nicht so gerne. Der Anfang der Geschichte gefällt besser, Herren-Menschen und Untertan-Machen, gerne auch mit Roundup. Religiöses Rosinenpicken könnte man das nennen. Erst am Grabesrand wird auf „Erde zu Erde“ zurückgegriffen. Reine Willkür und Autosuggestion. Mit ernsthafter Religiosität nicht zu entschuldigen.

Noch ein kleiner Exkurs ins Neue Testament: Viele Jahre später kam dann Jesus und starb den Kreuzestod, als geschundener Mensch unter geschundenen, gekrümmten Menschen. Vor seiner Verhaftung war er nicht Burger essen, sondern nahm etwas Brot und Landwein zu sich, unter Freunden. Vielleicht war auch ein Schälchen Olivenöl dabei, wer weiß? Danach wurde er gefoltert und verstarb qualvoll (oder auch nicht?) Die Bibel sagt jedenfalls, dass er im Sterben durch ein Nadelöhr ging, durch das wir fettleibigen Grillgutfresser alle es niemals schaffen werden. Weshalb das Paradies uns auch weiterhin versperrt bleibt, im Diesseits sowieso und womöglich auch im Jenseits.

Ich muss gestehen: ich habe lange nicht mehr in der Bibel gelesen. Aber dieser fundamentalistische, unverstellte Zugang erfrischt meinen Geist. Endlich bin ich diese Rednecks und selbstzufriedenen Scheinheiligen los, sie haben fertig, argumentativ. Gut, dass Luther mir das übersetzt hat.

Porridge zum Frühstück ist jedenfalls weiterhin gesetzt. Ansonsten denke ich mir: Leute, lest die Bibel, wenigstens die ersten Seiten! Fügt euch endlich ein in den Rest der Schöpfung, nah am Boden, wie der Herr es euch angewiesen hat! Und esst Müsli (ohne Zucker). Und Äpfel. Vielleicht stimmt das den Herren gnädig. Vielleicht.


Bild: Paolo Veronese – Adamo ed Eva dopo la cacciata dal paradiso (Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies), ca. 1580, Wikipedia

Ast und Baum

Draußen zeigen sich die ersten Pflaumenblüten. Tatsächlich ein Frühlingsmorgen, noch hinter Glas. Ich sitze bei der Zeitung und auf einmal muss ich an eine kleine einsame Kiefer in Oregon denken, Hitze und Dürre trotzend. In meinem Kopf passieren manchmal merkwürdige Dinge.

Neulich gab es eine aktuelle Stunde im Bundestag, wahrscheinlich wieder mal losgetreten von der AfD, ich weiß nicht mehr, um was es konkret gehen sollte, aber natürlich ging es nur um Migration, wie immer, wenn die AfD meint, etwas zu sagen zu haben, egal zu was, wovon sie nichts versteht. Bewusst mitbekommen habe ich nur den kurzen Auftritt von Karamba Diaby (SPD), der seinen Kollegen zu erklären versuchte, wie sich das anfühlt, wenn man ertrinkt. Wenn sich die Lungen mit Wasser füllen… – Da mussten vielleicht sogar die blauen Kobolde schlucken, ganz kurz nur vermutlich? Es war auf einmal auffallend still im Plenum.

Die Süddeutsche widmet MdB Diaby heute ein Kurzportrait in einem Feature über schwarze Deutsche (Heimatkunde, SZ Nr. 76/2019, S. 11). Da kann man erfahren, dass Diaby in den 1980er Jahren als Student aus Senegal in die DDR kam und über die Schwermetall- und Nährstoffgehalte in den Böden von Kleingartenanlagen promoviert hat. Und seitdem ein begeisterter Kleingärtner geblieben ist, zumindest mental. Ein urwüchsiger Spießer sozusagen, wenn man geläufige Zuschreibungen bemüht. Seit auf einem rechten Blog ein Foto von ihm herumgereicht wurde, das ihn im Grand Boubou zeigt, trägt er den nur noch zuhause, als „Vorsichtsmaßnahme“.

Boubou, Brexit, Christchurch, Sellner, Ungarn, was mir so durch den Kopf ging die letzten Tage, fließt auf einmal zu einem Bild zusammen: die Nationalisten und anderen Rechten, sie sägen munter am Ast, auf dem sie sitzen. Sägen ihn auch mal ab. Fallen dann runter. Zetern, suchen Schuldige. Steigen zurück auf den Baum, wollen sich wieder ein Plätzchen suchen, was unweigerlich zu Konflikten führt, weil alle Äste schon besetzt sind. Müssen also Andere runterschmeißen, wenn sie oben sitzen wollen (und das wollen sie natürlich, am besten ganz ganz oben!). So geht das rechte Weltbild. Sie können nur in Ästen denken und wissen nichts vom Baum, der die Äste trägt. Und der nur in seiner Gesamtheit funktioniert.

Jetzt werden die Rechten entgegnen: falsch, wir verstehen sehr wohl, wie der Baum funktioniert. Das Wichtigste am Baum ist, dass jeder auf seinem Ast bleibt, dass die Balance stimmt, dass er nirgends zu schwer wird, dass er keine Schlagseite kriegt, die Äste wegen Überlastung abbrechen. So geht das Weltbild der Identitären. – Was zeigt, dass sie eben doch nur in Ästen denken, und keine Vorstellung vom Baum haben, seiner Funktionsweise, seinem Aufbau. Dem Stamm, den gemeinsamen Wurzeln, den Leitungsbahnen, aus denen alle Äste ihre Versorgung beziehen.

In den wüstenartigen Lavafeldern von Oregon gibt es Kiefern, deren Spezialität ein spiralförmiger Wuchs des Stammes ist: in einer extrem lebensfeindlichen Umgebung, wo es vielleicht nur an einer einzigen, winzigen Stelle eine kleine Wasserader gibt, versucht der Baum Fuß zu fassen. Er kann fast nur in diese eine Richtung wurzeln, versucht aber dennoch, aufrecht zu wachsen und die oberirdischen Pflanzenteile statisch im Gleichgewicht zu halten. Dafür braucht er Äste ringsum, die er bei regelmäßigem Wachstum mit nur einseitiger Bewurzelung nicht gleichmäßig versorgen könnte. Also wächst sein Stamm spiralförmig nach oben, damit die Leitungsbahnen an jedem Ast mal vorbeikommen. So funktioniert Baum. So funktioniert Ökologie. Und Solidarität. Jetzt bin ich draußen. Ein schönes Wochenende.

Der (ewige) Gärtner

Heute nacht hat der Wind ein wenig ums Häuschen gepfiffen, jetzt flockt es draußen wieder herum, schmuddelwintermäßig. Aber eigentlich nimmt das Frühjahr schon spürbar Anlauf und ich muss mir allmählich Gedanken machen, was ich dieses Jahr mit meinem Minigemüsebeet anstelle. Aber erst muss ich den Apfelbaum noch schneiden, dazu hätte ich es gerne ein bisschen sonnig bitteschön. Also zurück zur Zeitung.

Dort lese ich, dass ein verdienter Mittelalterhistoriker, Johannes Fried, sich auf seine alten Tagen ein paar Überlegungen und Spekulationen erlaubt, wie das „wirklich“ gewesen sein könnte, damals auf Golgatha, medizinisch betrachtet. Kann es nicht sein, dass der Lanzenstich des römischen Soldaten (Johannes 19, 33-34), der zum Abfluss von angestautem Blut und Wasser führte, gewirkt hat wie eine Pleurapunktion, wie man sie heutzutage ausführt? Und dass Jesus lediglich tief ohnmächtig, quasi narkotisiert war, als man ihn ins Grab legte, infolge der Verabreichung von Essig (ebd. 29-30)? Und dass er, nach dem Erwachen aus der Narkose, von weißgewandeten Männern (den Engeln) fortgebracht wurde? Als er wieder hergestellt war, könnte er den Rest seines Lebens gut versteckt verbracht haben, „wahrscheinlich als Gärtner“, so die Mutmaßung. Warum gerade als Gärtner? Dazu müsste ich das Buch wohl lesen. Mal sehen. (1)

Vielleicht liebte Jesus Rosen? Und zog sie für seine angeblich große Liebe Maria Magdalena? Vielleicht lebten sie noch lange fort in stiller Eintracht, Philemon und Baucis von Jerusalem?

There are all kinds of roses
But none are as handsome
As the ones that your own hands have grown
They bring as much hope
Leave as much satisfaction
As anything I’ve ever known

Vergangene Nacht wurden in den USA die Grammys verliehen und, hi folks: die Punch Brothers holten sich die verdiente Auszeichnung in der Kategorie „Best Folk Album“ mit ihrem letztjährigen Album „All ashore“, das man nicht genug preisen kann. Tags zuvor unkten sie noch, sie flögen lediglich hin, um zu bezeugen, dass Joan Baez den Titel davon tragen würde. Doch die Jury war erfreulich zukunftsorientiert, die Zeiten sind danach. Die obigen Zeilen sind dem (schwächeren) Song „The Gardener“ des prämierten Albums entnommen, der letzte Vers allerdings lautet:

May green grow the grass underneath our children’s feet

Ein wiederkehrendes Motiv in der aktuellen Musik der PB, fast schon ein Beschwören der amerikanischen Ideale vom Gemeinsinn und Zusammenhalt, gepaart mit lakonischer Zeitdiagnose: „Just look at this Mess“ heißt ein anderer Song. Jedenfalls: herzlichen Glückwunsch von einem „Big Time Friend“!

Womit wir bei der Kategorie „erwachsener Mensch des Tages“ wären: Timothy Springer ist ein US-Biochemiker aus Boston, der wissenschaftlich Wesentliches geleistet hat, aber auch einen gesunden Sinn für’s Investieren besitzt und es damit zu erklecklichem Wohlstand gebracht hat. Auf die Frage, ob er sich von seinem vielen Geld vielleicht nicht eine schicke Villa am Meer oder in den kalifornischen Hügeln leisten möchte, antwortet er nur: „Kein Bedarf“. Denn: „Wenn wir den Sommer über weggehen, wer kümmert sich dann um die Gemüseernte?“ (2)

Dem ist nichts hinzuzufügen.

(1) Rudolf Neumaier: Atmen kann man auch mit einem Lungenflügel. SZ Nr. 35/2019, S. 9; Johannes Fried: Kein Tod auf Golgatha. C.H.Beck, München 2019
(2) Claus Hulverscheidt: Der Millionen-Professor. SZ Nr. 35/2019, S. 17

Regungen, Aufregungen

Vor einer Weile hat Lynx seinen Streifraum ausgeweitet und ist ein wenig durch Seattle gepirscht. Dieser (meist) regnerische Winkel des pazifischen Nordwestens ist ein HotSpot der Digitalisierung, von Beginn an, und inzwischen hat sich das in das Stadtbild eingeschrieben. Mit Bill Gates und Jeff Bezos leben und arbeiten in der Region zwei der reichsten Männer, gelegentlich wechseln sie sich auf den beiden ersten Plätzen ab. Auf einem kleinen Stadtspaziergang zwischen dem Seattle Center, wo die Gates-Stiftung ihren Altruismus zelebriert, und dem Amazon-Headquarter an der Ecke 6th Ave./Westlake Ave. kann man erkunden, was das physisch in der Stadt für Spuren hinterlässt und wie sie sich auch verändert hat, über diverse ökonomische Schübe hinweg, die sie in ihrer eigentlichen kurzen Geschichte schon erlebt hat.

Um 1850 herum überließ der Suquamish-Häuptling Chief Seattle den weißen Siedlern das Gelände, mit der Auflage, dass die Stadt seinen Namen trage und er und seine Familie dauerhaft versorgt werden. Es gibt Fotos von seiner zeitlebens ledigen Tochter Princess Angeline, die bis zu ihrem Tod 1896 noch in einem Häuschen am zentralen Pike Place Market lebte, während ringsherum die Stadt in die Höhe schoß. Kein Vergleich jedoch zu dem, was Amazon ein paar Straßen weiter derzeit durchzieht: in Windeseile richten sich die neuen Bürotürme auf, einer neben dem anderen, schlanke moderne Architektur, smart buildings bis in jede Zelle. Hier kann man der globalisierten Wirtschaft den Puls fühlen. Verstörend und beeindruckend gleichermaßen. Beeindruckend, weil es daran erinnert, was im 15. Jh. in Florenz passiert ist, mit welcher Macht die Medici einst die Stadt in die Neuzeit katapultierten. Verstörend, weil man das Gefühl hat, dass hier ein irgendwie autistisches Gebilde innerhalb der Stadt entsteht, das gar nicht wirklich mit dem Rest der Stadt kommuniziert – aber vielleicht täuscht das auch. Seit langem in Seattle ansässige Menschen, die ich darauf angesprochen hatte, haben allerdings diesen Eindruck bestätigt. Und es war zu hören, der eine Milliardär hätte „gut“ geheiratet, der andere habe keine so gute Wahl getroffen. Mit der (warum auch immer) angeblich nicht so guten Wahl war Bezos gemeint – und das war eine ganze Weile, bevor bekannt wurde, dass seine Frau sich scheiden lässt.

Diese bevorstehende Scheidung hat zunächst vor allem die Amazon-Mitarbeiter und -Aktionäre beschäftigt, weil man große Unwägbarkeiten auf die Firma zukommen sieht. Seit aber bekannt wurde, dass Jeff Bezos eine Affäre hatte, verlagert sich die Aufmerksamkeit auf das, was die Leute wirklich interessiert: Wäschezipfel, semierigierte Penisse und sonstiges Zeugs „down south“. Irgendwer hat etwas ausgeplaudert, was er versprochen hatte, für sich zu behalten. Der „National Enquirer“ (NE), ein kostenloses  Käseblatt der Supermarktkassen, das gerne Leute vorführt, hat das ausgeschlachtet. Der Herausgeber des NE ist ein Kumpel von Trump, weshalb Bezos, der wiederum Trumps Erzfeind ist, der Meinung war, die Veröffentlichung der Affäre sei politisch motiviert. Das wollte das Käseblatt nicht auf sich sitzen lassen und hat Bezos damit gedroht, intime Fotos zur Affäre zu veröffentlichen – da dachten sie beim NE, jetzt hätten sie ihn am Wickel.

Weit gefehlt und Bezos völlig unterschätzt, wie das wohl schon einige getan haben. Er kennt keine falsche Scham und geht lieber in die Offensive, Überraschungsangriff: Er hat sich hingesetzt und einen Beitrag auf seinem privaten Blog verfasst. Darin legt er ausführlich die Erpressung offen, einschließlich der Original-Mails mit den verbalisierten Details der  Fotos, die man angedroht hatte, abzudrucken. Think big sagt sich wieder mal Bezos und die Kontrahenten sehen nun nach – na ja, sehr kleinen und auch noch verklemmten „Würmchen“ aus.

Warum erzähle ich eine solche Boulevardgeschichte aus der Parallelwelt der Reichen und leidlich Schönen, aus der Herzkammer des Turbokapitalismus, wo immer zu viel Testosteron unterwegs ist? Was geht es unsereins an? Ich muss gestehen, ich habe Bezos’ Beitrag mit Genuss gelesen, weil ich mir dachte: es gibt tatsächlich noch erwachsene Menschen. Dieser ganze mediale Kindergarten kann sich noch so hysterisch aufführen, aufblasen, das ist mir doch wurscht – lassen wir die Luft raus. (Und tun nebenbei noch was für’s Geschäft, in dem wir zugleich noch einen draufsetzen.) Ein Auftritt wie im klassischen Western. Rauchende Colts.

Ganz nebenbei hat Bezos dabei für Entzücken in den Redaktionsstuben der elaborierten Presse, die ihm ja teilweise auch noch gehört (Washington Post), gesorgt, weil er mit seinem Blogpost angeblich den US-amerikanischen Wortschatz um ein neues Wort bereichert hat: complexifier. So sei der Umstand, dass er Eigentümer eines Pressehauses sei, ein complexifier für ihn gewesen im Umgang mit der Thematik. Auf deutsch würde man schön lautmalerisch sagen: eine Verkomplizierung – so ein Wort knödelt sich in unserer Sprache en passant, weshalb wir von Haus aus so kompliziert denken? Jedenfalls noch ein schöner Seitenhieb von Bezos in Richtung Trump: es ist entschieden smarter, die Kompexität zu sehen, sich ihr zu stellen und sie einzubeziehen in seine Überlegungen. Denn der complexifier bietet dem, der um die Ecke denkt, einige Vorteile. Mit Trump dürfte die Sache bald richtig losgehen. Außerdem hatten sie beim NE vergessen, dass sie wegen eines kürzlich ergangenen Urteils in den nächsten Jahren sich keine solchen Sachen wie mit Bezos mehr erlauben dürfen. Jetzt hat er sie am A…. Voller Punktsieg für Bezos. Den Rest erledigen seine vielen Anwälte und das dürfte teuer werden. Eine Blaupause, wie man der Rattenplage beikommen kann.

Bildrechte: Frank La Roche/The Seattle Times: Princess Angelines Haus am Pike Place Market

Lynx dans son nique

Es tut Lynx nicht gut, sich mit den Faschisten zu beschäftigen. Das treibt nur seinen Puls hoch. Nachdem er die Sache mit Sichert festgehalten hatte, ist er noch ins Hamsterrad gegangen. Hatte er eh vor, aber jetzt hoffte er zusätzlich darauf, wieder runterzukommen von seinem Ast. Bluegrass, Cajun und TexMex sollten ihm dabei helfen, er hat diese unsägliche Neigung zu Musik aus rückständigen Regionen, wo die Rednecks, Hillbillies und Trump-Wähler hausen (doch dazu ein ander Mal mehr)…

Oh je. Die Trainingszeit war schon fast rum, da pendelte sich sein Puls zu einer warmherzigen Arhoolie-Allstar-Version des Lagerfeuer-Klassiker „Good Night, Irene“ mit Taj Mahal in tragender Rolle allmählich auf ein gesundes Niveau herunter – aber das Trainingsziel war noch weit. Also hat er sich noch eine Strafrunde auferlegt, durch die ihn das aus sentimentalen Gründen unvermeidliche „Take it easy“ der Eagles zuverlässig begleitet hat: Don’t let the sound of them old wheels drive you crazy. So ging sich das einigermaßen aus und er konnte vollends nach Hause laufen mit dem Cajun-Song „Lapin Dans Son Nique“ in den Ohren. Nochmal gut gegangen.

Bildrechte: The Week

Movement and Location

Mit diesem Song eröffneten die Punch Brothers die Konzerte ihrer letztjährigen Tour durch die Staaten: Movement and Location. Steckt da nicht alles drin, was unsere Zeit aktuell bewegt? Die einen wollen gerne bleiben, müssen aber gehen. Die anderen wollen sich bewegen und ernten dafür Hass, Ablehnung, Widerstand, Verachtung… Die anderen wollen verharren, stillstehen und reden dabei von „Aufbruch“ oder „Aufstehen“. Die einen wollen demnächst einen neuen Elysée-Vertrag unterzeichnen und die Kontur einer erweiterten Heimat ein wenig stärker zeichnen. Die anderen irren in diesem Raum herum und wissen nicht, wo sie hier eine Heimat finden können. Wieder andere sagen, Schnellroda ist Heimat genug, weil wir sind ja schon hier und das reicht. Um das zu verdeutlichen gründen wir jetzt eine neue Partei, „Asyl für Patrioten – Mitteldeutschland“. Oder so ähnlich. Verwirrend.

Muss ich etwas zu den Punch Brothers sagen? Falls nicht bekannt: Jenseits von Coldplay, Radiohead und Bluegrass gibt es etwas, wo die Sounds von gestern und heute eingeschmolzen werden und in ungehörter Klarheit wieder aus dieser Schmelze gezogen werden von fünf Musikern und ihren rein akkustischen Instrumenten. Best of America. Ja, es kommen noch immer wunderbare Dinge aus den USA. Lynx ist bekanntlich so ein merkwürdiger Americana-Liebhaber und wenn er Seelennahrung braucht, konsultiert er die Punch Brothers. Oder, wenn es traditioneller sein darf, schaut er bei Arhoolie Records vorbei, dem legendären Label, das echte Graswurzelarbeit geleistet hat. Zum 50. Geburtstag 2013 gab es ein großes Konzert und das Album dazu (They all played for us) bringt das Roots-Amerika zu Gehör, das wir (und mehr als 50 % der Amerikaner) sich wünschen, in allen Sprachen und Rhythmen, die dieses Land in sich vereint, immer noch und noch lange.

Die südwestlichen Regionen der USA sind seit Anbeginn der europäischen Kolonisation umstritten und die Mexikaner mussten da im Lauf der Zeit große Gebietsansprüche an die USA abtreten. Das nagt noch immer an den Gemütern und die Fröhlichkeit der TexMex-Musik, verbindendes Element der Kulturen, täuscht etwas darüber hinweg. „The Free Mexican Airforce“ ist ein Klassiker dieses Genres und angesichts des tumben Auftritts von Trump an der texanischen Grenze in diesen Tagen, wünscht man sich, dass sie aufsteigt: Not even the President knows the full truth of what’s going on. Zapatas Geist lebt in einem Raumschiff fort und die kleinen grünen Männchen, sie kommen…

Movement and Location. Das ewige Hin und Her. Heute hier, morgen dort. Tradition ist statisch – Heimat ist dynamisch, habe ich heute gelesen. Sagte ein Landschaftsplaner 1950. Waren einerseits ganz andere Umstände, andererseits…

Die Punch Brothers beschlossen ihr Konzert übrigens mit „Familiarity“: Again you nod your head and take my hand/Though i’m not sure where we’ll go (amen)…

Vorwärts nimmer, rückwärts immer

Was für ein trüber Tag. Der GRÖPAZ chasst seinen Außenminister, während der durch Afrika reist, wahrscheinlich hieß der Tritt: bleib doch gleich, wo (seines Wissens) der Pfeffer wächst. Die neuen Leute, die er bestellt, sind bekanntermaßen Folterknechte. Und dann lässt er noch wissen: „If you don’t have a wall-system, we’re not gonna have a country.“ Grammatikalische Schwächen sind da das kleinste Übel. Länder, die foltern müssen und sich einmauern, sind am Ende, sollte doch bekannt sein. Was für ein historisches Versagen. Alle Feinde unserer Lebensweise reiben sich die Hände. China muss eigentlich nur buddhamäßig dasitzen, abwarten und genüsslich zusehen, wie sich der ehemalige Westen selber zerlegt. Und dann lassen sich die Briten auch noch von Russland provozieren, wohl auch nur, um von anderen selbstverschuldeten Nöten abzulenken, was für eine Hysterie. Extrem gefährliche Situation, multiple Hinweise, dass sich Geschichte wiederholen kann, der Hybris von „Schwachköpfen“ geschuldet (um Tillerson ein Abschiedswort zu gönnen).

Bildrechte: The Globe and Mail

Trackline #4: Ebbing and Beyond

CJ3s KI-Fähigkeiten übertreffen meine Erwartungen. Dass er die gestrige Tonspur irgendwie fortführen würde, war klar. Aber wie kann er auf mein Hirn zugreifen? Ich hatte ihm nicht erzählt, dass ich gestern abend im Kino war, dennoch entschied er, konsequent, den Lauf in den Südstaaten und im Mittleren Westen rund um den Mississippi fortzusetzen. Rund um Ebbing, Missouri, das rein filmtechnisch ja in den Blue Ridge Mountains liegt, in den südlichen Appalachen zwischen Tennessee und South Carolina. Deshalb verwundert es auch nicht, dass die Filmbilder über weite Strecken ein Déja-Vu-Erlebnis waren, Jonesborough/TN revisited.

Zum Film ganz kurz: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, der richtige Film zur richtigen Zeit, für meinen Geschmack. Kleine Leute, hinter den sieben Bergen (sic!), weit ab und doch in ihrer kleinen Welt mit Herausforderungen epischen Ausmaßes konfrontiert. Sie gehen ihre Probleme direkt und mit provinziell erscheinender Schlichtheit an. Das führt zu allerlei Gewalt und Verletzungen. Und zu zahlreichen Momenten der Brechung, wo die sicher geglaubten Überzeugungen ins Wanken geraten und manches sich ins Gegenteil verkehrt. Und das Ende ist uramerikanisch, wie aus einem sehr guten klassischen Western. Ohne tiefe Narben kommt man aus der Sache nicht raus, aber man sattelt das Pferd, packt ein paar Habseligkeiten zusammen und macht sich wieder auf, geläutert… Und gönnt man sich den O-Ton, dann ist es eine mitreisende Reise ins nordamerikanische Heartland.

CJ3 malt mir die Bilder mit seiner Trackline noch einmal aus, einen Lauf lang:

J.J.Cale: Cocaine (Troubadour, 1976) – …If you want to get down,/Get down on the ground, cocaine… Ein für die Gegend und das Milieu ein inzwischen typischer Aspekt, der im Film gefehlt hat: Drogen. Alkohol wurde reichlich konsumiert, doch das ist inzwischen wohl nicht mehr das Hauptproblem. Und es gibt Counties, die immer noch Prohibition verordnen.

Eric Clapton: Five Long Years (From the Cradle, 1994) – Claptons Version eines Blues-Klassikers von Eddie Boyd von 1952. Seine etwas fistelige Stimme passt nicht recht, aber der peinigende Gitarrensound: Have you ever been mistreated? You know just what I’m talking about./I worked five long years for one woman, she had the nerve to put me out. – Im Blues (und nicht nur dort) gibt es ein „HeToo-Genre“. Wo es um Sex geht, geht es meist auch um Ökonomie, in beiden Richtungen. Eine unpassende Feststellung, wo doch der Film von einem grauenhaften Sexualmord an einer jungen Frau handelt? Und dieser eklige Typ seine Phantasien sabbert?

Van Morrison: Choppin‘ Wood (Down the Road, 2002) – Martin McDonagh, der Regisseur des Film ist irischer Abstammung, so wie Van Morrison. Der erzählt hier die Geschichte, von einem der sein Glück in Detroit versucht hat und gescheitert heimkehrt nach Nordirland. Das Glück hat sich verflüchtigt, aber irgendwie macht man weiter, …you still kept on choppin‘ wood… Jason Dixon ist im Film dieser Loser, ein rassistischer Unsympath dazu, der unerwartet zum fast mythischen Krieger avanciert. Morrisons R&B-Song singt dahin wie die Baumsäge, in mäßigem Tempo, hin und her, versetzt das Gerät in rhythmische Schwingung.

Herbert Pixner Projekt: Black Orpheus (bauerntschäss, 2010) – Wechselt CJ3 doch das Thema und die Richtung? Nein, es stellt sich heraus, er nimmt einen kleinen Umweg über den richtigen Süden, Lateinamerika und Südtirol. Pixners Band interpretiert ein Bossa-Nova-Stück von Luiz Bonfa, rhythmischer Harfenklang. Von Brasilien geht es durch die Karibik nach New Orleans. Wichtig für den Läufer: das Metrum bleibt konstant, das Gerät schwingt noch immer.

Steve Riley & The Mamou Playboys: Lyons Point (Grand Isle, 2011) – Eine der besten Cajun-Bands, die immer wieder beweist, wie weit Minimalismus führen kann. 2011 traten sie zuletzt in Originalbesetzung auf, auch mit einem wunderbaren Tiny-Desk-Concert, das von diesem treibenden Song eröffnet wird.

Keb‘ Mo‘: Standin‘ At the Station (Just Like You, 1996) – Zeitgenössischer Deltablues mit den bekannten alten Themen: warum der andere und nicht ich? You wanna marry him/Make a family/That’s why I’m standin‘ at the station/Teardrops in my eyes…

Keb‘ Mo‘: Momma, Where’s My Daddy? (Just Like You, 1996) – Jetzt hat sich CJ3 für einen Moment festgefressen, das beweist, wie eigenständig, prägnant dieser Deltablues-Gitarrensound ist. Hier gräbt Keb‘ Mo‘ dicht an den Wurzeln, nahe bei der musikalischen Hütte von Son House am Mississippi.

Van Morrison: High Summer (Back On Top, 1999) – High summer’s got him lonesome/Even when he makes the rounds… Der versponnene Text erschließt sich mir nicht, dafür ist mein Englisch wohl viel zu schlecht. Aber der Song treibt den Läufer noch einmal kräftig voran und führt unweigerlich zu einer Dosis Endorphin. Well done.

Van Morrison: Keep Mediocrity At Bay (Magic Time, 2005) – You gotta fight every day to keep mediocrity at bay… Die Moral wird gleich noch nachgeliefert, aber das ist doch kein schlechter Vorsatz für die nächste Woche. Jason Dixon konnte das ja schließlich auch beherzigen, dort draußen in Ebbing, Missouri.

Trackline #3: Dahoam, Not Dahoam

Freund CJ3 und Lynx trafen sich mal wieder im Hamsterrad. Was hatte er diesmal mitgebracht? Kurzes Ping-Pong zwischen Norah Jones und Sven Regener (was für ein Match!), bevor wir uns auf den Byways von Nordamerika und in aktuellen Fragen der Zeit verliefen. Wie immer der Reihe nach:

The Little Willies: Fist City (For the good times, 2012) – If you don’t wanna go to Fist City,/You’d better detour ‚round my town/Cause I’ll grab you by the hair of the head/And I’ll lift you off the ground. Die Schlusstakte des Songs ertönen, übrig noch vom letzten Lauf. Norah Jones macht ihren Standpunkt klar, während Donald Trump nach Davos ausgewichen ist.

Element of Crime: Schwert, Schild und Fahrrad (Lieblingsfarben und Tiere, 2014) – Robert Habeck ist jetzt Grünen-Vorsitzender und die von Regener besungenen Attribute scheinen wie für ihn ausgewählt. Doch das ist eine andere Geschichte. Eigentlich ist es eines der vielen melancholischen Lieder, die um die Schwierigkeiten oder Unmöglichkeiten des Zusammenlebens in einer wirren Welt handeln. Wenn Trump einfliegt, nichts wie weg: Hinauf, Hinauf zu dem Punkt, von dem aus man sieht/Wie der Horizont sich verbiegt, nur damit auf dich/Noch mehr Licht fällt, als ohnehin schon/Und der Wind singt dazu monoton/Ein Lied von Glück und Gefahr/Wie an dem Tag/An dem ich dich das erste mal sah… Lynx kennt diese Orte über Davos durchaus, hat sie in den Beinen, aus Zeiten ohne Hubschrauberlärm.

The Little Willies: I gotta get drunk (The Little Willies, 2006) – Ein Willie Nelson Song von 1970 in einer munter zupackenden Version, eine Einladung an Regener, an die Bar zu kommen. Eine Verzweiflungstat, um sich diesen ganzen Irrsinn wegzusaufen? Well I gotta get drunk and I sure do dread it/cause I know just what I’m gonna do… Der Text endet mit der Einladung zur nächsten Runde, denn es gäbe schließlich mehr alte Trinker als alte Ärzte.

Element of Crime: Bitte bleib bei mir (Immer da wo du bist, bin ich nie, 2009) – Regener singt aber lieber davon, das alles hinter sich lassen, sich abzufinden, dass Jugend vergänglich, die Leber empfindlich und nicht unendlich belastbar ist, und dass es doch auch anders gehen kann. Auf die Beine, raus aus der Bar: Komm mit mir woanders hin, ich/weiß noch einen Weg/den kann man nicht alleine gehn und/ich hab mir überlegt…

Keb‘ Mo‘: More than one way home (Just like you, 1996) – Keb‘ Mo‘ mischt sich ein, der alte Fahrensmann des späten Blues, herumgekommen, ziemlich harmoniesüchtig, voller warmer Klänge. Er stammt aus Compton im berüchtigten Süden von L.A., lebt jetzt im Heartland der amerikanischen Rootsmusic, in Nashville/TN, dort wo die Zikaden kreischen und am Spätnachmittag alles etwas sepiafarben wird. Im Song erinnert er sich an seine Kindheit in den Straßen von Compton, von denen er sich weit entfernt hat: Well, there’s more/Than one way home/And there ain’t/No right way, no wrong – Ach, wem müsste man das alles eintrichtern, um die Ohren hauen. Was einmal eine Binsenweisheit war, hat aktuell schon wieder den Status einer fast revolutionären Erkenntnis.

Bob Marley & The Wailers: Buffalo Soldier (Confrontation, 1983) – Weggehen, heimkommen, woanders ankommen. Rem Kolhaas zerpflückt heute in der SZ das deutsche Heimatgefühl, diese Sehnsucht nach Statik und Unveränderlichkeit (Dazu noch einmal Sven Regener: …wo die Erde niemals bebt, baut man gerne mal ein Haus aus Stein…). Die Niederlande würden alle 10 Jahre neu entstehen, einen Heimat-Begriff gäbe es dort nicht. Ob es wahr ist? Viele Holländer verreisen ja nicht ohne ihren Wohnwagen, hängen die Heimat an die Anhängerkupplung. Mobile Heimat, wieder eine andere Geschichte… Viele Leute sind unterwegs. Und krass ist, dass die heutigen Sklaven zwar ebenfalls nicht freiwillig, aber aus eigener Kraft unterwegs sind. There was a Buffalo Soldier in the heart of America/Stolen from Africa, brought to America/Fighting on arrival, fighting for survival… Viele wollen von diesen modernen Sklaven nichts wissen. Andere nehmen das Angebot gerne an und machen ihr Geschäft. Wir allermeisten wissen nicht recht damit umzugehen. Wir wollen sie nicht als Sklaven sehen, finden aber keine rechte Verwendung. Würden sie sich doch einfach in Luft auflösen, dürfte ein verbreiteter heimlicher Wunsch sein.

Ashley Monroe: Like a Rose (NPR Tiny Desk Concert, 2013) – Ashley Monroe stammt aus Tennessee, aus dem Bible Belt. Auch phänotypisch verkörpert sie ideal Trump-Country: blond, schlank, weiß. Und sie hat diese in der Countrymusik häufige helle Stimme, die etwas gequetscht klingt, sehr weiß eben. Irgendwie passt diese Interpretin gar nicht in diese Tracklist – oder doch? Folk und Country Songs sind voll von Geschichten vom Weglaufen, Auf-der-Straße-sein, Heimat suchen, heimwärts Reisen, Verlorensein, Einsamkeit. Im Song Like A Rose erzählt sie vom Weglaufen aus North Dakota, aus einer zerbrochenen Familie, immer nach Süden, in die Wärme: Sitting in this diner with a coffee in my hand/Waiting on a bus to some promised land/I got a one way ticket as far as it goes/And I came out like a rose… Diese Geschichten stecken im Kern amerikanischer Identität. Wenn man die richtige Hautfarbe hat und zur Majorität gehört, werden die Geschichten zu gut verkäuflichen Heimatliedern…

N.B.: Eine veritable Heimat für Neugierige in Sachen Musik ist das National Public Radio (NPR) mit seinen Tiny Desk Concerts. Hier treten sie alle auf und geben sich die Klinke in die Hand, die großen Stars und die jungen musikalischen Startups. Der Platz in den Büroräumen des Senders ist beengt, häufig wird unplugged gespielt, meist auf technischen Schnickschnack verzichtet. Die Auftritte sind kurz, zwei, drei Nummern, die haben es in sich. Der Auftritt von Adele gehört zu den beliebtesten und wenn man sie dort sieht und hört, gönnt man ihr neidlos jeden Ruhm. Ganz aktuell dort übrigens Barbara Hannigan mit Liedern von Wiener Komponisten der letzten Jahrhundertwende, der Zeit, als sich in der klassischen Musik die gewohnte Harmonik aufzulösen begann, all in german. Darunter auch die Goethe-Vertonung von Hugo Wolf: Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide…

Facebook baut um: Freizeitpark mit angeschlossener Mall

Der US-amerikanische Geograph Jared Diamond berichtet davon, dass die Trump-Regierung damit begonnen hat, fundamentalistische Gesinnung via Zensur im öffentlichen Bereich durchzusetzen. Der staatlichen Gesundheitsbehörde wurde eine Liste mit Begriffen vorgelegt, die künftig in Finanzierungsanträgen nicht mehr verwendet werden dürfen: gefährdet, diversity, Anspruch, faktengestützt, wissenschaftlich erwiesen. Eine überragende Wissenschaftsnation beraubt sich ihrer Früchte zuliebe religiöser Eiferer und ignoranter Hillbillies, die meinen, ein Recht darauf zu haben, dass ihre Sicht der Welt, nämlich dass sie eine Scheibe sei, zur offiziellen Weltsicht erklärt wird. – Fällt einem dazu noch etwas ein? Der Iran vielleicht?

Mark Zuckerberg ist etwas eingefallen: back to the roots! Vergesst die Schwachköpfe! Lasst uns feiern und quatschen! Zuckerberg will Facebook (FB) wieder persönlicher machen und den privaten Austausch der Nutzer wieder mehr in den Vordergrund rücken. Die Bedeutung von kommerziellen Seiten oder von Gruppen soll geringer werden. Zugleich sollen die kommerziellen Inhalte verstärkt danach ausgewertet werden, ob sie die Nutzer zu „bedeutungsvollen Interaktionen ermutigen“. Mit solchen Interaktionen sind m.E. keinesfalls politische Initiativen gemeint, sondern vorrangig Kaufsignale. Die Werbeflächen werden reduziert und zugleich verteuert: Verknappung gehört nun einmal zum Basiswissen erfolgreicher Kapitalisten.

Zuckerberg schlägt so zwei Fliegen mit einer Klappe: Er verbessert seine Möglichkeiten, FB aus dem Sturm um Fake-News und Zensur herauszunehmen, in dem er klarstellt, dass es primär um den privaten Austausch gehen soll. Meinungs- und Willensbildung wird nur insofern zugelassen bzw. gefördert, so weit sie mit den Unternehmenszielen von Facebook konform geht. Und er macht FB noch mehr zur Mall, die es meiner Ansicht nach dem Wesen nach ist. Besser: ein Freitzeitpark mit angeschlossener Mall. Das ist FB. Der parallel vollzogene Rückzug von Sheryl Sandberg aus dem Disney-Aufsichtsrat aus strategischen Gründen ist ein weiteres Indiz, dass es FB künftig v.a. um seichte Unterhaltung und Feel-Good-Momente geht. FB will kein öffentliches Medium sein, wo Nutzer ein Recht auf die Ausübung von Meinungsfreiheit einklagen können.

Letzteres versucht ja bekanntermaßen der grundbeleidigte ultrarechte Hetzblogger Jürgen Fritz aus Hamburg. Er hat vor einiger Zeit Klage gegen FB wg. mehrerer vorübergehender Sperrungen seines Accounts eingereicht. Gestern berichtete er nun triumphierend, dass das Landgericht Hamburg seine Klage zugelassen hat. Jetzt wittert er Morgenluft und das große Geld: sollte seine Musterklage erfolgreich sein, sieht er einen Dominoeffekt eintreten, der eine Geldlawine von zig Milliarden Dollar auslösen und Facebook zerstören wird. Träum‘ weiter.

Eigentlich ist es gut, dass es (womöglich) zu dieser juristischen Klärung kommt. Manche Leute müssen halt länger die Schulbank drücken oder brauchen ein wenig Nachhilfe. Bis dahin ist der clevere Zuckerberg längst weitergezogen, die Händel von gestern interessieren ihn nicht, es geht nur um das Geschäft von morgen. Er hat erklärt, dass er seit der Geburt seiner Kinder die Dinge etwas anders sieht: Er möchte „einige der Dinge, die im System passieren können“ besser in den Griff bekommen. Denn es sei ihm wichtig, dass seine Kinder einmal das Gefühl hätten, „dass das, was ihr Vater aufgebaut hat, gut für die Welt war.“ Und was ist besser als glücklich shoppende Menschen im Freizeitpark? Politische Eiferer werden da betrachtet wie, Verzeihung, versoffene Penner: sie stören nur, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen.

Quellen:
Jared Diamond: Die Erde ist rund! SZ Nr. 9 vom 12.01.2018
Handelsblatt/dpa: Zuckerberg degradiert Inhalte von Unternehmen und Medien, 12.01.2018

Streicheleinheiten

In Alabama hat der Mann gewonnen, der die Mörder von minderjährigen Mädchen hinter Gitter bringt. Nicht derjenige, der sich an Mädchen vergeht. Die „Soccer Moms“ und die schwarze Community hätten den Ausschlag gegeben. Good news. Und Juliette Binoche findet, dass Männer viel zerbrechlicher sind „als wir glauben“:

„Unsere Wahrnehmung von Männlichkeit ist ja völlig deformiert. Wir suchen immer den starken Mann, den Beschützer, den Retter. […] Wir Frauen müssen diese Erwartung loslassen.“

Puuh, das entspannt. Fehlt nur noch eine ordentliche Erkältung. Der kanadische Arzt Kyle Sue hat viel Material gesammelt, mit dem er glaubhaft nachweisen kann, dass „Männergrippe“ keine Einbildung ist. Auch andere Wissenschaftler stützen inzwischen seine These. Männer leiden womöglich tatsächlich deutlich stärker unter viralen Infekten als Frauen und brauchen länger zur Genesung. Kathrin Zinkant berichtet davon und empfiehlt, „Männern echte Aufmerksamkeit zu schenken, wenn ein Virus sie niederstreckt“. Tut das gut. Weitermachen…

Heute erholen wir uns, atmen mal tief durch. Und morgen gehen wir wieder raus und räumen weiter auf, wenigstens den Dreck am Straßenrand, den der Spätherbststurm hergetragen hat.

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 287 vom 14.12.2017

Brooklyn Yard

Neulich habe ich ein wenig an Aoife O’Donovans Weg ins Mainstream-Musikgewerbe herumgekrittelt – wie vermessen! Steht mir gar nicht zu! Die Retourkutsche kam prompt und sie lotste mich zu diesem drei Jahre alten Clip, den sie in wohl in ihrem Hinterhof in Brooklyn aufgenommen hat. Ich bin ganz still und lausche. New Yorker Sommer samt zwitschernden Vögeln (anstatt der Zikaden, die eigentlich dazu gehören) heitert den vorweihnachtlichen Dauerdämmerzustand auf…

Ihr Begleiter Noam Pikelny ist begnadeter Banjo-Spieler und ein Punch Brother. Sein aktuelles Soloalbum Universal Favorite ist als Best Bluegrass Album für den Grammy nominiert. Ausgiebigen Vorgeschmack findet man auf seiner Website.

Und Aoife O’Donovan? Tourt demnächst wieder mit den Kolleginnen Sarah Jarosz und Sara Watkins als Mädelsband I’m with her, im Januar soll das erste Album erscheinen. Progressive Bluegrass lebt! So kriegt man auch den härtesten Winter rum. Am 7. Mai ist das einzige Deutschland-Konzert in Berlin.