2020.096 | Fritillaria meleagris

Mein Garten misst 40 m², davon sind vielleicht 25 m² begehbar. Er hat x Ecken und Winkel und beheimatet zahllose Pflanzenarten. Jetzt habe ich Frühjahrsputz und dabei locker 10.000 Schritte gemacht. Netter Spaziergang in die Botanik, auch wenn mancher da aktuell vielleicht eher an Rundlauf im Gefängnishof denkt.

In einem Winkel traf ich die Schachbrettblume wieder, zu meiner Überraschung. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie die letzten beiden Jahre geblüht hätte und hatte sie fast vergessen. Jetzt stand sie da und blühte prächtiger denn je. Ob das an dem etwas verregneten Spätwinter liegt? In einem verbeulten, undichten Blecheimer habe ich ihr ein Kleinstbiotop eingerichtet, einen Mikrosumpf, der weitgehend sich selbst überlassen bleibt. Dort fristet sie ihr Exotendasein. Mein Exemplar stammt aus einem Blumengeschenk vor Jahren. Aber eigentlich ist sie eine selten gewordene Wildpflanze aus unseren Sümpfen und Mooren, von denen es ja auch immer weniger gibt. Sie ist giftig und deshalb sogar im Viehfutter unerwünscht. Hat also mit Zivilisation rein gar nichts am Hut und ist ein echter Wildfang. Insofern ist sie bei mir ganz gut aufgehoben. Und netterweise dankt sie es mir, dass ich sie in Ruhe lasse.

Persephones Insel

Nachrichten aus dem verstummenden Frühling 1986.

Wir küssten uns am Strand. Um uns herum knutschten alle oder lagen sich irgendwie in den Armen, als hätte Dionysos persönlich uns angestiftet. In unserer Mitte loderte ein Feuer, das einer aus der Gruppe entzündet hatte. Seit gut 2700 Jahren loderten an dieser Stelle die Feuer, seit die Griechen hier ihre erste Kolonie auf Sizilien gegründet hatten. Es war ein noch etwas kühler Frühlingsabend, die Wellen aus der Straße von Messina trieben her und oben auf dem Felsen sah man die Lichter von Taormina. Den Tag über waren wir im Ätnagebiet unterwegs gewesen. Waren in den kürzlich erkalteten Lavaflüssen herumgestapft und hatten nach Spuren der aufkeimenden Vegetation gesucht. Am Fuß des Vulkans hatten wir uns in den Weingärten umgesehen, die tief in die bröselige schwarze Lava hineingegraben waren, Sonne, Wasser und Nährstoffe einfangend, bündelnd, verdichtend.

Zwölf Tage vorher waren wir in Oberbayern aufgebrochen, ein Bus, rund 50 Studenten, Professoren, Wissenschaftler. Der Bauch des Busses transportierte unser spärliches Gepäck und viele Kästen Hefeweißbier, es ging ja schließlich in die Fremde. (Über die isotonischen Qualitäten von Weißbier haben wir uns nicht so viele Gedanken gemacht, aber es hat gewirkt.) Die Hinfahrt nach Sizilien zog sich über drei Tage, denn selbstverständlich mussten auch an Autobahnparkplätzen und in Pompeji botanische Bestandsaufnahmen gemacht werden. So ging es dann auf Sizilien weiter: ein steter Wechsel zwischen klassischem Sightseeing, insbesondere von antiken Stätten, und vegetationskundlicher Erforschung von entlegenen Hügels irgendwo in der Pampa oder von grasiger Steilküste bei normannischen Wachtürmen. Diese Insel hatte schon viel gesehen und mitgemacht. Über die Pflanzen taucht man unwillkürlich tief ein in ihre mythologische Geschichte, nicht zuletzt am Fluss Ciane, dem einzigen wilden Vorkommen von Papyrus in Europa. Wir waren sehr weit weg.

Zurück vom Ätna empfing uns im Hotelfoyer deutsches Fernsehen. Das irritierte uns zunächst, doch wir waren um diese Jahreszeit die einzigen Gäste, also warum nicht? Was die Tagesschau dann berichtete, ließ uns erstarren: in der sowjetischen Teilrepublik Ukraine war es zu einem schweren Reaktorunfall im Kernkraftwerk Tschernobyl gekommen. Und das schon vor ein paar Tagen. Jetzt begann sich eine radioaktive Wolke auszubreiten in Richtung Westeuropa. Unsere Heimreise stand unmittelbar bevor: sollten wir jetzt dahin zurückfahren? Diese Frage stellte niemand ernsthaft. Die Nachrichtenlage war dürftig, es gab lediglich diese gelegentlichen Fernsehberichte – oder ein Telefonat vom Münzfernsprecher nach Hause.

Sizilien ist auch die Insel der Göttin Persephone. Sie ist die Tochter von Zeus und Demeter und muss, weil der Unterweltgott Hades sie als seine Braut entführt hat (übrigens mit der Einwilligung des Baba), ein Drittel des Jahres mit ihm im Totenreich verbringen. Den Rest des Jahres ist sie in der Landwirtschaft der Insel tätig, sorgt für Fruchtbarkeit und leistet ihrer Mutter Demeter Gesellschaft. Dieser Teil der Geschichte interessiert aber niemand, sie ist nur bekannt als düstere Göttin der Unterwelt. Eine Mafiabraut wider Willen, die dennoch ihren Job in der „Familie“ sehr ernst nimmt, heißt es. Mit ihr ist nicht zu spaßen und sie ruft zu sich, wen sie will und wann sie will. Für die Gerufenen gibt es in aller Regel keine Wiederkehr.

Die Reise näherte sich ihrem Ende und auf dieses Ende fiel ein dunkler, endzeitlicher Schatten. Zwei Jahre zuvor war 1984 unauffällig vergangen und Orwells Dystopie war eine literarische Erfindung geblieben. Nun war mit einem Schlag alles anders. Vielleicht lagen wir uns deshalb alle in den Armen an jenem Abend, abschiedstrunken, und sind zurückgekommen als ein Bus von 25 Paaren? So geht jedenfalls die Legende. Die Rückfahrt über zwei Tage verlief in teils aufgekratzter, teils ratloser Stimmung. Am Tiber schlugen abends die Nachtigallen. Sobald das Busradio einen deutschen Radiosender empfangen konnte, lauschten wir der verrauschten Stimme, die davon erzählte, dass man die Kinder nicht zum Spielen rauslassen solle, Sandkasten und Salatbeet seien tabu, möglichst zu Hause ausharren, bis es Entwarnung gibt. Das erschien uns als komplett surreal. Ereignete sich das alles tatsächlich eben jetzt? Den Rest dieses Frühlings haben wir als sehr still in Erinnerung.

Pappeln, fast ausgekämmt

Die Stadt wiedersehen, wo das Siegestor im Nebel näherrückte, das Siegestor, dessen Erzmedaillons die Marmorflanken schwärzten, weil über sie der Regen hundert Jahre lang herabgeflossen war. Dahinter regten sich die gelben Pappeln, schon fast ausgekämmt.

So beginnt der Roman Neue Zeit von Hermann Lenz, in dem er schildert, wie sein alter ego Eugen Rapp Nationalsozialismus und Weltkrieg erlebt, als Student in München, daheim in Stuttgart, als Frontsoldat in Frankreich und Russland, schließlich an der Mosel und als US-Kriegsgefangener im pazifischen Westen der USA. Wer sich interessiert dafür, wie man im größten Schlamassel ganz unheroisch „bei sich“ bleiben und es unter Wahrung der Menschenwürde durchstehen kann, der ist hier gut aufgehoben. Doch dies nur nebenbei. Denn eigentlich geht es aktuell um die Pappeln in der Leopoldstraße in München. Weiterlesen „Pappeln, fast ausgekämmt“

Zuflucht bei den Buchen

Die Buchenwälder leuchten wieder, das rührt uns, begeistert, macht auch wehmütig: mehr Romantik geht fast nicht. Ach, Deutschland kann so schön sein mit seinen über die Hügel und Berge wogenden Wäldern, mehrheitlich von Buchen bevölkert, zumindest in einigen wichtigen Regionen. Ob diese herbstlich romantische Stimmung die CSU dazu bewogen hat, auf ihrem Parteitag in München am vergangenen Wochenende 4.000 junge Buchensetzlinge an das Parteivolk zu verschenken? Das verleitet mich zu einer kleinen Reflexion über die Buche.

Eine Partei und erst recht die CSU tut natürlich (sic!) nichts ohne Plan und Hintergedanken, schon gar nicht Bäume verschenken. Das soll schon ein symbolischer Akt sein, mit einem kleinen Info-Anhänger. Vorne drauf gepappt ist die Botschaft: wir handeln beim Klimaschutz und bei der Nachhaltigkeit. Bäume pflanzen jetzt! Nicht nur popelige, annuelle Sonnenblumen, nein Buchen sollen es sein, stolze mächtige Buchen. Sagt nicht schon das Sprichwort: „Buchen sollst du suchen“, wenn Gewitter drohen?

Das verweist auf das, was hinten drauf steht: die Buche ist eine sog. „Klimax-Baumart“, d.h. sie bildet das Endstadium, genauer das Optimalstadium einer Waldbildung in Mitteleuropa (bevor der Wald altersbedingt wieder abstirbt und ein neuer Zyklus beginnt). Die ökologische Strategie, mit der die Buche (Fagus sylvatica) dies erreicht, ist: Dominanz. Hat sich eine junge Buche erst einmal durchgesetzt und ist sie nicht allein, schiebt sie sich mit den Artgenossen langsam nach oben und bildet allmählich ein geschlossenes Laubdach, von dem fast nur noch die Buche profitiert. Ihr hoch oben, in einer relativ dünnen Schichtung angesiedeltes Laub fängt nahezu das ganze Sonnenlicht ab und nutzt es für die eigene Photosynthese. Wenig Licht fällt noch hindurch und ermöglicht nur wenigen Spezialisten, die sehr schattenverträglich sein müssen, ein karges Auskommen am Waldboden. Diesen Wald kennen wir als „Hallenwald“ oder als „Buchenkathedrale“ – da will die CSU mit „Sonnenkönig“ Söder (wieder) hin.

Im Frühjahr, vor dem Laubaustrieb, grünt es intensiv am Waldboden im Buchenwald, dann ist da genügend Licht und die Spezialisten nutzen dies für eine rasche, nur kurz währende Blüte, um dann für rund zehn Monate wieder im Schatten auszuharren, bis ein neuer Frühling einsetzt. Und so sagt sich jetzt die CSU: genug geblüht ihr Blümchen da unten, jetzt treiben wir wieder aus, wir sind die Herren des Waldes: Die CSU weiß, wie Natur und Naturschutz funktionieren!

Nein, weiß sie nicht. Weil sie sich mit der Buche nur sehr oberflächlich beschäftigt hat. Wieder einmal nur auf den schnellen Symboleffekt geschielt hat, anstatt zu verstehen, wie es sich wirklich mit den Buchen verhält. Aber vielleicht will sie auch nicht verstehen, weil sie eigentlich ganz andere Ziele verfolgt, immer noch und wie auch nicht? Deshalb gibt es hier noch einen kleinen Beipackzettel mit guten Ratschlägen von Dr. Lynx für die armen Parteimitglieder, die sich jetzt mit der Buche daheim abplagen müssen.

1. Die Buche ist ein großer Baum. Ein sehr großer Baum. Ich würde sagen, 1.000 m2 Garten müssen mindestens sein, damit eine Buche sich ordentlich entwickeln kann. Da darf natürlich sonst nicht mehr viel sein. Also, wenn Ihr Garten schon bepflanzt sein sollte: zumindest alles andere was baumförmig ist, muss raus, wenn aus der CSU-Buche etwas werden soll und Sie nicht ganz im Wald sitzen wollen. Ist das nachhaltig? Und wer hat schon einen 1.000 m2 Garten? Ach so, die CSU-Basis in Trudering schon und die in Niederbayern womöglich auch. Aber Normalos wie unsereins? Wir müssen mit eurer Buche zu Baumfrevlern werden, weil wir penibel darauf achten müssen, dass sie nicht den Stammumfang von 80 cm erreicht, um dann unter die Baumschutzverordnung zu fallen. Vorher müssen wir sie umschneiden, also so in 25 Jahren vielleicht (aber das entspricht vermutlich dem maximal denkbaren Zeithorizont einer Partei). Ansonsten wird sie unseren und noch 10 weitere Gärten verlässlich beschatten. Den Ärger will keiner. Umschneiden, kleinsägen und verheizen, im Schweden-Ofen. So habt ihr euch das gedacht, CSU, das ist also eure Aufforstung: Kaminfeuer geht vor Klimaschutz. Oder aber: 1.000m2-Gärten für alle? Zumindest in Trudering und ähnlichen Münchner Quartieren, die sich „Gartenstadt“ nennen, ist das die Devise. Also für alle, die schon besitzen. Die anderen? Ja mei.

Die bessere Alternative 1: ein Apfelbaum. Dessen Größe ist allgemein hausgartenverträglich, er fällt niemals unter die Baumschutzverordnung, er blüht schön und man kann Sinnvolles und Gesundes ernten (Bucheckern taugen bekanntlich nur für die Schweinemast). Und er ist gut für die Bienen!!! – Aber wahrscheinlich war euch das Apfelbäumchen zu protestantisch, welche CSU will schon mit Martin Luther in Verbindung gebracht werden?

Die bessere Alternative 2: Hainbuche (Carpinus betulus). Wird zwar freiwachsend auch eher zu groß für den Kleingarten, ist aber bewährt in der Niederwaldbewirtschaftung, wo sie traditionell für die Brennholzgewinnung kultiviert wurde. Also, wenn schon Schweden-Ofen sein muss und Abholzen weil zu groß werdend, dann Hainbuche. Die steckt alle Hiebe ein, treibt verlässlich wieder aus und nach ein paar Jahren hat man wieder einen ordentlichen Hausbaum. Bei kluger Holzentnahme kann man auch heizen ohne zu fällen. Aber solch überlegt nachhaltiges Wirtschaften ist der CSU vermutlich zu kompliziert und kleinkariert.

2. Die Buche hat ein Klimaproblem. Es zeichnet sich ab, dass die Buche in ihrem angestammten Terrain in Mitteleuropa Stress bekommt. Es wird zu warm und zu trocken, tendenziell. Die Buche mag es mäßig temperiert und gleichmäßig feucht, ein echter Durchschnittstyp. Es könnte sein, dass die Buche ihr Areal in Folge des Klimawandels ausdehnt, nach Norden vor allem, aber hierzulande scheint es eher schwierig zu werden. Deshalb ist ein Buchengeschenk problematisch: damit kann man, klimaökologisch betrachtet, fast nur verlieren. Keine gute Botschaft, liebe CSU, nicht sehr nachhaltig gedacht.

Die bessere Alternative: Mehlbeere (Sorbus aria). Sie ist hausgartenkompatibel und hat gute Aussichten, ein Klimawandel-Profiteur zu werden, mehr Wärme und Trockenheit steckt sie weg, sie ist zäh. Außerdem hübsch anzuschauen, Bienenweide und Vogelnährgehölz – mehr öko geht fast nicht. Aber Mehlbeere, der Name ist abtörnend, klingt nach Mehltau und Schimmelbefall. Da wäre das Verschenken von Elsbeere (Sorbus torminalis) noch mutiger gewesen! Derzeit ist sie noch eine Randexistenz, aber mutmaßlich wird sie ein Hauptgewinner im Klimawandel sein. Und sie hätte sogar einen Slogan mitgeliefert: CSU – what els(e)?

Die SZ berichtet, dass beim Parteitag so wenig Parteivolk da war, dass die Leute zwei bis drei Setzlinge mitnehmen mussten. Sind das lauter Großgrundbesitzer? Oder (Wald-)Bauern, die doch noch vorwiegend in Festmetern und Brennholzeinheiten denken? Oder tut sich die Parteibasis zusammen und pflanzt aus den 4.000 Setzlingen einen ordentlichen Park oder Wald, auf einem Gelände, das der Parteistiftung gehört? Fächenbedarf für 4.000 Buchen bei gärtnerischer Verwendung ca. 25 ha, 500 x 500 m – das wird sich doch wohl finden?
Wenn die CSU sich zu so viel solidarischer Baumkultur durchringen kann, dann gelobe ich, künftig dorthin zu pilgern, einmal jährlich, anstatt nach Altötting, wo ich noch nie war. Denn ich liebe Buchen.

Architekten-Poesie (1)

Zum Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses in Berlin-Köpenick meldet das Baunetz:

Um die Naturverbundenheit und den ökologischen Anspruch auch nach Außen deutlich zu machen, wurden die Blätter der alten Eichen vom Grundstück in den Beton der Fassade eingestreut. Nach dem Trocknen hinterließen ihre Abdrücke ein pflanzliches Ornament. Als grüne Blätter in grauem Beton.

Was die Außen(raum)gestaltung angeht, ist der Beitrag von einer merkwürdig hybriden Mischung aus Renderings und Fotos begleitet, der gewisse Zweifel im tatsächlich rücksichtsvollen Umgang mit den Bäumen aufkommen lässt. Auf einem Bild sind jedenfalls sehr stumpfe Schnitte an dicken Ästen zu erkennen. Aber das sind natürlich Petitessen. Die naturverbundene Verdreckelung des Fassadenbetons mit abgestorbenen Blättern (die sicher nicht mehr grün waren oder sind) ist einfach der Hit, oder etwa nicht?

(Don’t) Paint it!

Es ist mal wieder Freitag und die Freitagsbewegung der Jugend wächst und wird dringlicher. Mein Nachbar hat seinen Buchs, dem der Zünsler den Garaus gemacht hat, mit grüner Farbe angesprüht und ist auf seiner Harley davongebraust, sehr laut knatternd, wie sich das gehört. Diese Deko hält eine ganze Weile, die Fernwirkung ist verblüffend und beruhigt das Gemüt. Photosynthese findet natürlich keine statt. – So ist unsere Generation.

Ich hoffe und wünsche, dass die Jugend es besser macht. Und am Sonntag wählen geht, massenweise: haut den Zukunftsverweigerern ihre kratzigen Stimmchen um die Ohren. Geht zu Fuß ins Wahllokal, trinkt nachher zusammen einen Tee. Lasst das Grillfeuer aus und gönnt euch ein kleines Netflix-Fasten, denn ihr wisst ja: Streamen ist Energiekonsum von unglaublichem Ausmaß. Pflanzt lieber einen Apfelbaum. Dafür ist es allerdings schon etwas spät, vielleicht solltet ihr dafür doch bis Herbst warten. Der Herbst wird kommen, für uns alle, wie auch immer. Für manche von uns ist er schon Dauerzustand. Einstweilen tun es auch Tomaten am Balkon, den Sommer über. Lasst es wachsen und blühen, an allen Ecken und Enden, widmet euch der Photosynthese und haltet ein wenig die Luft an.

Pimp your Pavement“ war ein Motto des Guerilla-Gardenings (was ist daraus geworden?). Aufhübschen allein wird es nicht mehr tun, ob mit Sprühfarbe oder echten Pflanzen. Ihr müsst etwas tiefer in die Substanz gehen. Und leider auch viel mehr verzichten, wenn die Bilanz ins Lot kommen soll. Also: guten Mut und lasst euch nicht unterkriegen!

Stop. Bis hierher hat es noch nicht wehgetan. Eben lese ich, dass für den 20. September der große internationale Klimastreiktag geplant ist. Da sind dann alle aus dem Sommerurlaub zurück, auch die Bayern. Die Aktivisten fordern dazu auf, man solle sich mit Aktionen beteiligen, die auf die Klimakrise aufmerksam machen. Mein Projektvorschlag: bei den Demos die Leute befragen, wie viele Flugmeilen sie im zurückliegenden Urlaub absolviert haben. Ob sie mit dem Billigflieger geflogen sind, ob sie einen Ökozuschlag bezahlt haben, all so Zeug. So viel statistisch relevantes Material in einer so kurzen Zeit kann man sonst kaum generieren. Zigtausende Auskünfte erhält man da auf einen Schlag. Und auch noch aus genau dem Milieu, das die weitere Entwicklung auf diesem Planeten ganz wesentlich mitbestimmen wird. Aber ob das jemanden interessiert?


Bildquelle: Green Lawn Paint for quick touch up of brown dead dormant grass or brown pet pee spots

Ast und Baum

Draußen zeigen sich die ersten Pflaumenblüten. Tatsächlich ein Frühlingsmorgen, noch hinter Glas. Ich sitze bei der Zeitung und auf einmal muss ich an eine kleine einsame Kiefer in Oregon denken, Hitze und Dürre trotzend. In meinem Kopf passieren manchmal merkwürdige Dinge.

Neulich gab es eine aktuelle Stunde im Bundestag, wahrscheinlich wieder mal losgetreten von der AfD, ich weiß nicht mehr, um was es konkret gehen sollte, aber natürlich ging es nur um Migration, wie immer, wenn die AfD meint, etwas zu sagen zu haben, egal zu was, wovon sie nichts versteht. Bewusst mitbekommen habe ich nur den kurzen Auftritt von Karamba Diaby (SPD), der seinen Kollegen zu erklären versuchte, wie sich das anfühlt, wenn man ertrinkt. Wenn sich die Lungen mit Wasser füllen… – Da mussten vielleicht sogar die blauen Kobolde schlucken, ganz kurz nur vermutlich? Es war auf einmal auffallend still im Plenum.

Die Süddeutsche widmet MdB Diaby heute ein Kurzportrait in einem Feature über schwarze Deutsche (Heimatkunde, SZ Nr. 76/2019, S. 11). Da kann man erfahren, dass Diaby in den 1980er Jahren als Student aus Senegal in die DDR kam und über die Schwermetall- und Nährstoffgehalte in den Böden von Kleingartenanlagen promoviert hat. Und seitdem ein begeisterter Kleingärtner geblieben ist, zumindest mental. Ein urwüchsiger Spießer sozusagen, wenn man geläufige Zuschreibungen bemüht. Seit auf einem rechten Blog ein Foto von ihm herumgereicht wurde, das ihn im Grand Boubou zeigt, trägt er den nur noch zuhause, als „Vorsichtsmaßnahme“.

Boubou, Brexit, Christchurch, Sellner, Ungarn, was mir so durch den Kopf ging die letzten Tage, fließt auf einmal zu einem Bild zusammen: die Nationalisten und anderen Rechten, sie sägen munter am Ast, auf dem sie sitzen. Sägen ihn auch mal ab. Fallen dann runter. Zetern, suchen Schuldige. Steigen zurück auf den Baum, wollen sich wieder ein Plätzchen suchen, was unweigerlich zu Konflikten führt, weil alle Äste schon besetzt sind. Müssen also Andere runterschmeißen, wenn sie oben sitzen wollen (und das wollen sie natürlich, am besten ganz ganz oben!). So geht das rechte Weltbild. Sie können nur in Ästen denken und wissen nichts vom Baum, der die Äste trägt. Und der nur in seiner Gesamtheit funktioniert.

Jetzt werden die Rechten entgegnen: falsch, wir verstehen sehr wohl, wie der Baum funktioniert. Das Wichtigste am Baum ist, dass jeder auf seinem Ast bleibt, dass die Balance stimmt, dass er nirgends zu schwer wird, dass er keine Schlagseite kriegt, die Äste wegen Überlastung abbrechen. So geht das Weltbild der Identitären. – Was zeigt, dass sie eben doch nur in Ästen denken, und keine Vorstellung vom Baum haben, seiner Funktionsweise, seinem Aufbau. Dem Stamm, den gemeinsamen Wurzeln, den Leitungsbahnen, aus denen alle Äste ihre Versorgung beziehen.

In den wüstenartigen Lavafeldern von Oregon gibt es Kiefern, deren Spezialität ein spiralförmiger Wuchs des Stammes ist: in einer extrem lebensfeindlichen Umgebung, wo es vielleicht nur an einer einzigen, winzigen Stelle eine kleine Wasserader gibt, versucht der Baum Fuß zu fassen. Er kann fast nur in diese eine Richtung wurzeln, versucht aber dennoch, aufrecht zu wachsen und die oberirdischen Pflanzenteile statisch im Gleichgewicht zu halten. Dafür braucht er Äste ringsum, die er bei regelmäßigem Wachstum mit nur einseitiger Bewurzelung nicht gleichmäßig versorgen könnte. Also wächst sein Stamm spiralförmig nach oben, damit die Leitungsbahnen an jedem Ast mal vorbeikommen. So funktioniert Baum. So funktioniert Ökologie. Und Solidarität. Jetzt bin ich draußen. Ein schönes Wochenende.

Buchsbaumzünsler: Wespen helfen

Jetzt wüten sie auch bei mir, die gefürchteten Buchsbaum-Schädlinge. An einer Stelle, wo ich dachte, dass die Biodiversität in meinem wilden Garten nicht so ausgeprägt sei, habe ich mich heute früh entschlossen, die Wirkungsweise von Spritzmittel auszuprobieren. Unter’m Spritzen fiel mir schon auf, das recht viele Wespen um mich herum waren und ebenfalls gezielt den Buchs anflogen, mit dem ich gerade beschäftigt war. Bis ich dann entdeckte, wie eine Wespe eine Raupe in der Mitte durchschnitt und sich am saftigen Inhalt labte: frische Shrimps für Wespen sozusagen und eine derzeit reichlich vorhandene Eiweißquelle.

Wenn sich das herumspricht in der Wespen-Community, dann haben die Zünsler jedenfalls einen wirksamen Gegner mehr. Ich bilde mir auch ein, einzelne Schlupfwespen gesehen zu haben, die wären ebenfalls sehr wirkungsvoll. Jetzt hoffe ich nur, dass mein Spritzmittel den Wespen nicht schadet. An anderer Stelle werde ich jedenfalls versuchen, die Kooperation mit den Wespen ohne Gift und mit Handarbeit zu intensivieren.