2017.333 | Ludwig Wilding

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Ausstellungshinweis: Ludwig Wilding im Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt, noch bis zum 25.02.2018.

Ludwig Wilding (1927–2010) beschäftigte sich zeitlebens mit Fragen der visuellen Wahrnehmung und den Grenzen des Sehens. Ab den 1960er Jahren begann er mit der Überlagerung von Linien und Rastern, um damit scheinbare Bewegungen im Bild zu erzeugen, die sich je nach Blickwinkel des Betrachters veränderten und teils intensivierten. Sein Ziel dabei war es, die Sehgewohnheiten des Menschen zu irritieren und dessen  Wahrnehmungsmuster von Realität zu hinterfragen.

Die Ausstellung präsentiert einen Querschnitt durch sämtliche Schaffensphasen Wildings: Vom Trompe-l’œil über Scheinbewegungen bis hin zu paradoxen Körpern. Vor allem die Arbeiten aus den 1960/70er Jahren überzeugen und sind wegen ihrer ganz handgemachten 1-0-Effekte aus einer noch fast vordigitalen Zeit für digitale Zeitgenossen überraschend.

Gemeinsam mit seiner Frau Ingeborg Wilding war Ludwig Wilding Stiftungsgründer der 2007 ins Leben gerufenen Stiftung für Konkrete Kunst und Design Ingolstadt.
Bildrechte: ©Nachlass Ludwig Wilding / Ingeborg Wilding-König | Foto: Lynx
Text zitiert aus: Presseinformation zur Ausstellungseröffnung

Fotografie als Sprache und Diskurs?

„Fotografie ist keine Kunstform mehr, sondern eine Sprachform. Wir kommunizieren bereits damit, aber es fehlen noch klare Regeln, sozusagen ein Wörterbuch und eine ausgefeilte Grammatik. […] Der Kunsthistoriker Aby Warburg hat vor etwa 100 Jahren die These entwickelt, dass wir durch Bilder viel stärker geprägt werden als durch Worte. Laut Warburg werden die die größten Ideen durch Bilder übertragen, sie transzendieren Ideen und Glauben besser als Sprache. Wir erkennen in einem einzigen Augenblick auf sehr vielen Ebenen gleichzeitig, was ein Bild bedeutet. […] Bevor sie [die Bilder] vom Verstand auf Gehalt durchgefiltert werden, haben sie ihre Wirkung oft schon entfaltet. Bis hinein ins Allerkleinste sind Bilder Propaganda geworden, sogar für uns selbst…“

Frage: Nimmt bei dieser Entwicklung die Anzahl und Qualität diskursiver Bilder zu oder nicht?

Gespräch mit Leanne Shapton über Bilder, Süddeutsche Zeitung Nr. 271/2017, S. 54

Berlinbelichtung

Berlin, Käseglocke | Irgendwo im Nirgendwo, da bin ich

Berlin, Käseglocke | Irgendwo im Nirgendwo, da bin ich

Berlin, Käseglocke | Irgendwo im Nirgendwo, da bin ich

Es ist schon eine Weile her, so zu Beginn des Sommers, da hat die Süddeutsche Zeitung Lesern der Print-Ausgabe ein kleines visuelles Erlebnis ermöglicht, das es eben nur auf Papier gibt und das deshalb den Digitalkonsumenten vorenthalten blieb. Anzunehmen, dass dieser Layout-Geniestreich eher zufällig passiert ist und unbemerkt mit der Zeitung von gestern in der Tonne gelandet ist. – Nicht ganz unbemerkt, drum sei er hier festgehalten und ins digitale Zeitalter gerettet.

Ein launiger und auch drei Monate später noch hochaktueller Artikel von Kurt Kister zu den eher kuriosen Bemühungen von Peer Steinbrück im September Kanzler zu werden ( gegen die „kanzleringewordene Größtseifenblase“), wurde auf Seite 13 mit einem Bild der Reichstagskuppel von Regina Schmeken illustriert. Auf der Rückseite der Berliner Politik ging es dann um Kunst. Ein Gespräch mit dem kalifornischen Land-Art Künstler und „Lichtmagier“ James Turrell anlässlich seines 70. Geburtstages. Dazu ein Bild von Florian Holzherr von Turrells Installation „Breathing Light“ 2013 in Los Angeles.

Blättert man die Zeitung um und lässt am Frühstückstisch kurz das Morgenlicht durch das Papier scheinen, dann werden beide Bilder perfekt ineinander geblendet, mit überraschender Verfremdung, der man nun weiter nachsinnen kann.

Die Paarung der beiden Artikelüberschriften hilft dabei weiter und ergibt zwangsläufig den Titel des Bildpaares: Berlin, Käseglocke | Irgendwo im Nirgendwo, da bin ich.

Passt doch zur bevorstehenden Bundestagswahl: wo verorten wir uns da und was hat das mit unserer Wahrnehmung zu tun oder damit, wie wir wahrgenommen werden?

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 130/2013, S. 13/14

Die Kunst zu sehen

Man sieht nur, was man weiß.

Dieser Satz wird J.W.v. Goethe zugeschrieben und er soll angeblich in der Italienischen Reise zu finden sein. Da bin ich nicht fündig geworden. Und offenbar hat er ihn in dieser Formulierung, die wohl als redensartliche Verkürzung zu verstehen ist, nie verwendet. Ähnliche Formulierungen finden sich allerdings bei ihm mehrfach. So hat er bei einer „großen Abendgesellschaft“ am 25. April 1819 „über die Kunst zu sehen“ gesprochen:

»Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht. Oft sieht man lange Jahre nicht, was reifere Kenntniß und Bildung an dem täglich vor uns liegenden Gegenstande erst gewähren läßt. Nur eine papierne Scheidewand trennt uns öfters von unsern wichtigsten Zielen, wir dürften sie keck einstoßen und es wäre geschehen. Die Erziehung ist nichts anders als die Kunst zu lehren, wie man über eingebildete oder doch leicht besiegbare Schwierigkeiten hinauskommt.«(1)

Ich erinnere mich an meine ästhetische Grundausbildung, als unser Professor mittels mehrere Stunden andauernden Dia-Doppelprojektionen unseren Sehsinn schulte. Als Durchhalteparole gab er da hin und wieder auch den Goethe-Satz aus: Man sieht nur, was man weiß. Also Augen auf und durch!

Johannes Fried (2) hat den Grund-Satz zur Wahrnehmung um eine neue, zeitgemäße Variante bereichert:

Ich sehe, was ich in Worte fassen kann.

Großartig! Der Satz stammt zwar aus der Besprechung eines Buches über den Stilwandel von der Romanik zur Gotik, doch welch treffende bündige Beschreibung des allgemeinen Social-Network-Geblubbers. Ach ja, das Buch hat ein „Medientheoretiker“ verfasst.

Quellen:
(1) aus Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896, bei Zeno.org
(2) J. Fried: Im Kirchgarten brach der Autor einen Apfel vom Baume. SZ Nr. 56 v. 7.3.2013, S. 14