30 Jahre später

Manchmal sagt das Fernsehprogramm mehr als alle politischen Verlautbarungen. Aktuell, Stand 22:30 laufen im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen:
ARD: Frag doch mal die Maus (Spielshow)
ZDF: Der Staatsanwalt (Serie)
BR: Schön, dass es dich gibt (Schmonzette)
SWR: Talk am See, Talkshow zur ARD-Themenwoche „Zukunft Bildung“
HR: Die Rhön: Naturschönheiten im Land der offenen Fernen (Dokumentation)
WDR: First Ladies (Kabarettpreis)
NDR: 35 Jahre Sketchup (Comedy)
MDR: Sound der Wende (Musikshow)
RBB: Bornholmer Straße (Spielfilm)
3Sat: Cecilia Bartoli & Friends (Dokumentation)
Arte: Nacktmulle: Superhelden der Forschung (Tierdokumentation)
Phoenix: Soundtrack der Freiheit (Musikdokumentation)
Tagesschau 24: Aktuelle Kamera (DDR-Nachrichten 9.11.1989)
ARD-alpha: Fünf Tage im November (Dokumentation)

Kurz gesagt: den Westländern geht das Ganze am A.… vorbei, immer noch. Wir sollten uns was schämen. Die MDR-Sendung ist zwar auch nur eine sehr mäßige Schlagershow, aber eigentlich trifft das die Stimmung des Tages seinerzeit doch irgendwie am besten.

Lieber Herr Lenz

beginnt der erste Brief Peter Handkes an Hermann Lenz, datierend vom 21. Dezember 1972. Am 23. März 1998 schrieb Hermann Lenz noch „lieber Peter, unser Telephongespräch hat mir wohlgetan„, wenige Wochen später ist er, seit Längerem schwer erkrankt, in München verstorben. Hermann Lenz, der Ältere, verdankte Peter Handke, dem Jüngeren, seinen späten literarischen Erfolg. Doch der Jüngere hatte in Lenz eine Bezugsperson gefunden, einen Ruhepol in einem zeitweise unsteten Leben, von dem er immer wieder Stärkung beziehen konnte. 25 Jahre lang schrieben sie sich regelmäßig, zeitweilig suchte Handke bei den Lenzens Unterschlupf.

In Handkes erstem Brief heißt es: „Ich bin sicher, Sie und Ihre ruhige, verläßliche Art der Weltsicht sehr zu verehren. Ihr letztes Buch [Der Kutscher und der Wappenmaler, das Buch, mit dem die Beziehung der beiden begann] habe ich Satz für Satz gelesen, weil ich auf jede Einzelheit neugierig war. Einmal dachte ich: ‚Da kann man sich wirklich auf die Einzelheiten ganz und gar verlassen‘ – und das ist sicher ein Zeichen, daß da wirklich ein Schriftsteller arbeitet, und kein bloßer Behaupter. […] Ich halte Sie für einen der wenigen Schriftsteller, bei denen man sich lesend zwar fremd, aber doch ganz zu Hause fühlen kann.

Wer so etwas schreibt an einen Kollegen, vielleicht schon gefühlten Freund, für den ist das auch Selbstreflexion, und so ist anzunehmen, dass Handke sich selbst auch so sehen wollte. Kein Behaupter zu sein, das trifft in den Kern seines eigenen Schreibens. Und genau das hat die Akademie in Stockholm heute auch so gesehen und ihm deshalb den Nobelpreis für Literatur 2019 zuerkannt. Ihm, einem der letzten wirklich freien, denkfreien, wortfreien Autoren der Gegenwart.

Alles Gute!“ endet dieser erste Brief. Alles Gute, Peter Handke. Und danke.


Bildrechte: Hermann-Lenz-Stiftung

Deutscher Herbst?

Ich lausche der „Winterreise“ von Franz Schubert, die Vertonung der Gedichte von Wilhelm Müller aus Dessau, weil ich eine Herbstreise nach Sachsen-Anhalt vorbereite und der Sound, den ich mit Orten, Begebenheiten, Reisen verbinde, für mich essentiell ist. Im speziellen Fall ist das ein arg theoretisches Konzept, weil Müller nicht wusste, dass Schubert seine Gedichte vertonte und beide von dem dauerhaften Erfolg dieses Werks nicht profitieren konnten, weil er erst posthum eingetreten ist, für beide. Aber irgendwelche Schwingungen werden schon da sein?

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt in seinem Schatten
So manchen süßen Traum. […]

Die kalten Winde bliesen
Mir grad ins Angesicht,
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Die aktuellen Überlegungen werden massiv gestört von den heutigen Vorfällen in Halle, die man getrost als Terroranschlag bezeichnen darf, auch wenn die Hintergründe erst in Umrissen bekannt sind. Und das löst Gedanken in eine ganz andere Richtung aus, nicht mehr vorwärts, unternehmungslustig, sondern rückwärts, retrospektiv. Oktober in Deutschland, da war doch was. Nein, nicht vor dreißig Jahren, länger her, vor nun genau 42 Jahren. Kann sich noch jemand erinnern an den sog. „Deutschen Herbst“ 1977? Als die RAF meinte, sie könne diesen Staat vorführen, in die Knie zwingen, vergewaltigen, was auch immer?

Damals war ich sehr jung. Wer jung war hatte zumeist Sympathien für alles Antikapitalistische und verdächtigte die staatlichen Autoritäten eigentlich grundsätzlich des Missbrauchs derselben. Als die RAF dann das Land mit ihrem Terror überzog, packte der Staat sein Filetierbesteck aus und wurde unangenehm, auch im Alltagsleben. Überall Polizeikontrollen. Der sog. „Radikalenerlass“ war schon seit fünf Jahren in Kraft und irgendwie kannte jede/r eine/n der/die davon betroffen war. Es war ungemütlich. Auch wenn man kein wirklicher Sympathisant war, fühlte man dennoch mit, mit den Sympathisanten, die nun massiv unter Druck gerieten. Die meisten waren doch nur pure Idealisten, Träumer einer besseren Welt, auch: Verirrte im unübersichtlichen Gelände der Weltverbesserungsideologien. (Andere machten damals mit wachem Geist Frontarbeit: Schily, Ströbele…) Die ganz gewöhnlich idealistische Jugend beschlich damals das Gefühl, dieser Staat könne womöglich alle Aufbruchsregungen im Keim ersticken, in einer Überreaktion auf die Provokation durch die RAF.

Rückblickend scheint es mir, dass der Staat echte Stärke bewiesen hat. Vordergründig und bekanntermaßen in der ziemlich gnadenlosen Bereinigung des RAF-Problems. Hintergründig (und viel wichtiger) darin, dass er aus der Situation nicht insofern Kapital geschlagen hat, dass die jugendlichen Befürchtungen wahr wurden. Nein, als sich die Situation beruhigt hatte, hat sich der Staat auch wieder entspannt und die Dinge wieder laufen lassen, vielleicht sogar großzügiger als zuvor. Und genau das hat diesen Staat stark gemacht – in meinen Augen. Ich möchte es wenigstens so sehen.

Auf die aktuelle Situation gewendet: ich wünsche mir, dass der Staat gnadenlos durchgreift auf der rechten Seite. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, hat das heute abend in der ARD wieder angesprochen: auf Worte folgen Taten. Die Täter aus der rechten Szene sind zumeist arme Irre (anders als die RAF-Terroristen). Die wirklich gefährlichen Leute sind die, die bislang ungestraft, ihr exklusives Gedankengut verbreiten, in Schnellroda und sonstwo. Die sich die Hände nicht schmutzig machen und sich dieser depperten willigen Helfer bedienen. Eigentlich ein ganz einfaches Kalkül. Und dieser Staat hat hier bisher offenbar keine juristische Handhabe.

Vielleicht braucht es diese Provokation, dass sich unser aller Staat besinnt und, wieder einmal, gnadenlos die Schranken aufzieht. Radikalenerlass für die Rechten? Höchste Zeit (Kriegt Höcke eigentlich noch Beamtensalär?). Immerhin war man auffallend schnell mit der Einschätzung „staatsgefährdend“, Generalbundesanwalt übernimm!

Im Zuge der Reisevorbereitung habe ich von einem Ort gelesen, einem alten Schloss, das vor Jahren aus öffentlichem in privaten Besitz übergegangen ist. Die aktuellen Besitzer hatten offenbar darauf spekuliert, das Anwesen ließe sich, in einer durchaus touristischen Gegend, touristisch vermarkten. Pustekuchen, Flaute. Man vermietet die historischen Räumlichkeiten für private und öffentliche Veranstaltungen, auch an Parteien, auch an die AfD, weil das eine demokratisch legitimierte Partei sei. Ob man auch an den „Flügel“ vermieten werde, müsse man noch überlegen. Der Große Geist behüte: wenn erst einmal ökonomische Abhängigkeiten entstehen, dass man an die Nazis vermieten „muss“… Schnellroda ist dort gleich ums Eck. Und wer weiß: dem Kubitschle wäre ein gediegen Schloss am Ende wahrscheinlich noch lieber als sein popeliges „Rittergut“, das nur so heißt.

Bei aller bitterer Tragik war es vielleicht wichtig, dass das heute ausgerechnet in Halle passiert ist, wo diese bescheuerte „Ein-Prozent-Bewegung“ der Identitären residiert. Ausmisten, sofort. Keinen Stein auf dem anderen lassen, in einem weiteren deutschen Herbst.

Frühlingstraum

Ich träumte von bunten Blumen,
So wie sie wohl blühen im Mai,
Ich träumte von grünen Wiesen,
Von lustigem Vogelgeschrei.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Auge wach;
Da war es kalt und finster,
Es schrien die Raben vom Dach.

Doch an den Fensterscheiben
Wer malte die Blätter da?
Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah?

(Wilhelm Müller, Gedichtzyklus „Die Winterreise“)

2019.157 | D-Day

Wahrscheinlich war er einer der ersten deutschen Soldaten, die ihr Leben lassen mussten am Tag der großen Invasion. Am Tag der Befreiung. Er war stationiert auf der Halbinsel Cotentin, im Hinterland von „Utah-Beach“. Dort fielen schon in der Nacht, vor der Landung der Schiffe, die amerikanischen Fallschirmjäger vom Himmel, still und leise. Er war als Melder unterwegs, vermutlich alleine, irgendwo zwischen den Hecken der verwinkelten Bocage. Wochen zuvor hatte man ihn für die SS mustern wollen, weil er ein so stattlich gewachsener junger Mann war. Er ist durch’s Clofenster getürmt, vor einer direkten harten Bestrafung konnte ihn der Vater eines Freundes bewahren, der in der Partei war. So musste er „nur“ an die Front, ganz schnell, ganz unvorbereitet. Er wurde 18 Jahre alt. Immerhin haben seine sterblichen Überreste ein Grab gefunden auf einem Soldatenfriedhof in der Bocage. Das ist heute ein ungemein friedlicher und großzügiger Ort, völlig entrückt. Gelegentlich besuche ich sein Grab, obwohl ich ihm im Leben nie begegnet bin. Nur ein paar zufällig zugeteilte Gene verbinden uns. Ich lege dann einen kleinen Strauß wilder weißer Margeriten vor den Grabstein. Sie blühen immer um diese Zeit im Saum der schmalen Landstraße unweit des Friedhofs, wo ich sie gepflückt habe. Er soll ein Mensch voller Möglichkeiten gewesen sein. Vor genau 75 Jahren ist er gestorben, 6.6.44.

Notiz aus dem Siebenjährigen Krieg

Die Unfähigkeit seiner Heerführer in der Fremde und der verhängnisvolle Mangel an Energie in den Räten im Lande selbst hatten Großbritannien aus der stolzen Höhe herabgeholt, in die es durch die Talente und den Unternehmungsgeist seiner früheren Krieger und Staatsmänner gehoben worden war. Von seinen Feinden nicht mehr gefürchtet, verloren seine Diener bald jene Zuversicht, die aus der Selbstachtung erwächst.

1826 erschien dieser Text, vor knapp 200 Jahren. 70 Jahre nach den geschilderten Ereignissen des Jahres 1757 im Kolonialkrieg, den England und Frankreich als „Nebenkriegsschauplatz“ des Siebenjährigen Krieges in den nordamerikanischen Territorien führten. Hat das irgendetwas zu tun mit den Ereignissen im Großbritannien der Gegenwart? Bullshit – hat schließlich ein Amerikaner geschrieben, ein Yankee aus den abtrünnigen Kolonien obendrein. 

Übrigens setzen sich in der Geschichte die Briten am Ende doch irgendwie durch, gegen die Franzosen und ihre heimtückischen Verbündeten.

Fenimore Cooper, James. Der letzte Mohikaner – Ein Bericht aus dem Jahre 1757, München: Carl Hanser, 2013 – die erste vollständige und ernstzunehmende deutsche Übersetzung von Karen Lauer. Eine Fundgrube. Zitat aus dem 1. Kapitel.

Bildnachweis: Lake George, New York (der Ort des Geschehens), Georgian Lakeside Resort, verändert

60 Kilometer

Matera ist europäische Kulturhauptstadt 2019. Lynx verdankt der Tagesschau den Hinweis, dass sie 60 km vom nächsten Flughafen entfernt ist. Und dennoch seit Jahren steigende Touristenzahlen verbucht. Das sei erstaunlich. Was mögen das wohl für Leute sein, die sich so etwas antun? Oder gibt es da schon Flugtaxis, mag man sich in der Tagesschau-Redaktion wohl fragen. So hörte sich das an.

Lynx freut sich schon auf die Flugtaxis. Das überlässt ihm einen 60-km-Korridor, zur freien Bewegung. Oder mehr. Wege und Straßen im Hinterland. Streifraum, Backcountry Roads, Byways. Früher gab es in den USA dazu spezielle Karten, später Websites. Alles im Verschwinden begriffen, trotz Trump. Es zählen, auch für Seinesgleichen, nur noch Hauptstädte. Und was man mit dem Flugtaxi erreichen kann. Das ergibt eine Menge Grauzonen, von hellgrau bis dunkelgrau. Sehr viele Grauschattierungen. Und schmale Pfade zwischen Disteln und Wegwarten.

Anfang der 1950er Jahre ließ die italienische Regierung die historischen Höhlenwohnungen von Matera räumen, aus sanitären Gründen. Die Leute lebten dort teilweise noch wie im Frühmittelalter. Und waren viel zu Fuß unterwegs. Als sie weg waren, dauerte es noch ein paar Jahre, dann wurde das Kulturerbe wiederentdeckt, saniert, geschützt, gelabelt, musealisiert. Bald mit dem Flugtaxi erreichbar. Wie auch das Kanzleramt in Berlin, das einen todchicen und abgehobenen Hubschrauberlandeplatz erhalten soll. Was es auf den Fußwegen zwischen Airport und Taxistand wohl alles zu sehen, hören, riechen gibt?

Prosper Haniel

Am Freitag ist es also soweit, die letzte Steinkohlenzeche in Deutschland schließt, Prosper Haniel in Bottrop. Das Abbausoll wurde allerdings bereits im September erreicht, seitdem wird allmählich dicht gemacht. Einem Schreiberling aus Süddeutschland steht es in keiner Weise an, sich hierzu würdevoll zu äußern, ist mir schon bewusst. Vor drei Jahren waren wir vor Ort bzw. in der Nachbarschaft, auf der Halde Beckstraße mit der Landmarke ‚Tetraeder‘.

Aber eigentlich waren wir zu Besuch im Museum Quadrat, bei der wunderbaren Walker-Evans-Ausstellung. Hätte es dafür einen besseren Ort geben können? Jedenfalls sind ein paar Bilder ins Gelände dabei abgefallen, die ich jetzt wieder herausgekramt habe. Und irgendwie haben die doch auch etwas mit Süddeutschland im weiteren Sinne, wenn man es bis in die Alpen ausdehnt, zu tun. Diese Skihalle und das Detail ganz links außen: alpenländlerischer Hüttencharme – o.m.g! Ein paar Jahre zuvor hatte uns das Schicksal für einen Abend in die Skihalle in Neuss verschlagen. Sprachlos, „Atemlos“, betrachteten wir das Geschehen rundumadum, die Dirndl- und Janker-Träger*innen, die sich zum Abendmahl einfanden – w.t.f.?

Hoffen wir mal, dass das nicht die einzige Zukunftsidee ist. Nein sicher nicht! Das Ruhrgebiet ist so schön grün bei zugleich so viel Urbanität, der etwas spezielleren Sorte vielleicht, aber: das wird der nächste heiße Scheiß, da bin ich mir sicher. Und dann werden uns hier im Süden noch die Augen rausfallen!

Einstreu im Unterholz #1

Lynx hat sich ins Winterlager zurückgezogen. Die Einstreu von heute handelt vom Staatsdefizit (ein Mythos?), schier endlosen Nullzinserwartungen, stabilen Paarbeziehungen in Zeiten existenzieller Krisen, Narzissten bei der AfD und den Versprechungen des Nordens und ob er sie hält. Wie geht das alles zusammen? Weiß Lynx nicht. Aber es ist da, ist Gedanke, Erfahrung, Erlebtes und hat sich abgelagert auf Papier und digital. Ob es wärmt, isoliert gegen den kalten Zug in diesen Tagen und Nächten? Oder eher Feuchtigkeit zieht, so dass die ganze Wärme abfließt und es zu faulen anfängt? „Einstreu im Unterholz #1“ weiterlesen

Tischwahlkabine

Man muss kein Parteigänger der CDU sein, um festzustellen: dieser Hamburger Parteitag war eine Sternstunde unserer Demokratie. Und die Bilder davon kann man nicht genug in die Welt verbreiten. Allein die Idee mit der Tischwahlkabine: herzliche Grüße nach China. Und ich bekenne mich schuldig: das offensive zur Schau tragen von schwarz-rot-gold war mir immer suspekt bis unangenehm. Allein über den Verstand konnte ich mir allmählich erschließen, dass das für unser Land nicht die schlechteste Trikolore ist, wir hatten schlechtere. Aber das Delegierten-Halsband der CDUler: so kann man durchaus unsere Nationalfarben tragen. Nicht Fahnen schwingen, sondern konstruktiv arbeiten. Zur Sache. Auch Merkels Abschied war groß, im Stil wie in der preußisch-gepflegten Selbstironie. Wo findet man das noch auf der Welt, aktuell?


Bildquelle: RT Deutsch (sic!)

Mantra #5

Das größte Glück ist das Vergessen jener Dinge, die unwiederbringlich sind.
(Rerum irrecuperabilium summa felicitas est oblivio)

Den Satz verdanke ich einer Fernsehdokumentation über die Gärten der Schlösser der Habsburger in und um Wien. Er gilt als Wahlspruch von Kaiser Friedrich III. (1415-1493). Im zweiten Innenhof des Alten Schlosses in Laxenburg ist er Teil einer Inschrift an der Fassade, die erst 1982 wieder freigelegt wurde. 1492 wurde Amerika entdeckt, damit begann endgültig die Neuzeit. Kaiser Friedrich war in persona einer der letzten Vertreter des Mittelalters – und der Herrscher des Hl. Römischen Reiches, der am längsten regierte, 53 Jahre lang als König und Kaiser. Es war eine Zeit beginnender epochaler Umbrüche, vielen galt Friedrich jedoch als „des Heiligen Römischen Reiches Erzschlafmütze“.

Die Inschrift soll auf das Jahr 1453 zurückgehen, da hatte Friedrich den erhofften direkten Zugriff auf Böhmen und Ungarn verloren. Der Satz taucht in dieser Zeit wohl an verschiedenen Stellen als Sinnspruch auf. Eine antike Originalquelle sei nicht bekannt. Dafür gibt es aus dem Umfeld der Habsburger später interessante Interpretationen:

So soll Kaiser Franz II. / I. den Satz zitiert haben, nachdem er 1811 einen Staatsbankrott verkünden musste. Als Franz II. war er der letzte Kaiser des Hl. Römischen Reiches und dankte 1806 ab. Als Franz I. gründete er sich aber vorsorglich 1804 das „Kaisertum Österreich“, um seine habsburgische Hausmacht zu sichern in der Auseinandersetzung mit Napoleon. Laxenburg war eines seiner liebsten Schlösser, so kannte er wohl daher die Inschrift seines Ahnen. Er hat sie in einer Weise zitiert, die dem Gottesgnadentum seiner Kaiserwürde, von dem er zutiefst überzeugt war, gut gerecht wurde.

Im ersten Akt von Johann Strauß’ Wiener Operette „Die Fledermaus“ (1874), die der Stern als „’Dom Pérignon’ unter den Operetten“ bezeichnet, gibt es ein Trinklied, wo es heißt:
Flieht auch manche Illusion,
Die dir einst dein Herz erfreut,
Gibt der Wein dir Tröstung schon
Durch Vergessenheit.
Glücklich ist, wer vergißt,
Was doch nicht zu ändern ist!
Sing, sing, sing, trink mit mir,
Sing mit mir – Lalalala!

Hier dient der (sinngemäß abgewandelte) Satz als Motto des ganzen Stücks – doch ob es lebensklug ist, schicksalhafte Entwicklungen sich mit großzügigem Alkoholkonsum aus der Erinnerung wegzusaufen? Zumindest ist es gut, Illusionen als solche zu erkennen.

Aktuell scheint Angela Merkel sich an Friedrichs Wahlspruch erinnert zu haben. Auf dem CDU-Landesparteitag in Thüringen am vergangen Wochenende sagte sie u.a.:
Wenn wir uns für den Rest des Jahrzehnts damit beschäftigen wollen, was 2015 vielleicht so oder so gelaufen ist und damit die ganze Zeit verplempern, dann werden wir den Rang als Volkspartei verlieren […] Deshalb fordere ich, dass wir uns jetzt um die Zukunft kümmern […] Mit Griesgram gewinnt man die Menschen nicht.

Zukunftsoffenheit, Optimismus, Mut, Innovationspolitik nannte sie als Gegenmittel – die sind aber bereits von einer anderen Partei derzeit okkupiert. Ob für die CDU/CSU da noch etwas abfällt?

Jedenfalls zeigt sich, gerade in der aktuellen Entwicklung bei den Grünen (und der AfD), dass Zukunftsoffenheit befreiend und beflügelnd wirken, das ewige Hadern aber zu immer noch mehr Frustration und schweren Gedanken führt: irgendwann wird das selbst vielen AfD-Wählern zu viel der Depression und hoffentlich setzt sich auch dort die Erkenntnis durch: die Vergangenheit ist vergangen und Unwiederbringliches ist nicht zurückzuholen, auch wenn man noch so fest daran glaubt. Der alte Kaiser wusste das. Eine Dame, die Manche inzwischen auch zur Erzschlafmütze ausgerufen haben, scheint hellwach zu sein. Und man könnte ja mal in die „Fledermaus“ gehen.

Bildquelle: Elisabeth Firsching (verändert)

Vorwärts nimmer, rückwärts immer

Was für ein trüber Tag. Der GRÖPAZ chasst seinen Außenminister, während der durch Afrika reist, wahrscheinlich hieß der Tritt: bleib doch gleich, wo (seines Wissens) der Pfeffer wächst. Die neuen Leute, die er bestellt, sind bekanntermaßen Folterknechte. Und dann lässt er noch wissen: „If you don’t have a wall-system, we’re not gonna have a country.“ Grammatikalische Schwächen sind da das kleinste Übel. Länder, die foltern müssen und sich einmauern, sind am Ende, sollte doch bekannt sein. Was für ein historisches Versagen. Alle Feinde unserer Lebensweise reiben sich die Hände. China muss eigentlich nur buddhamäßig dasitzen, abwarten und genüsslich zusehen, wie sich der ehemalige Westen selber zerlegt. Und dann lassen sich die Briten auch noch von Russland provozieren, wohl auch nur, um von anderen selbstverschuldeten Nöten abzulenken, was für eine Hysterie. Extrem gefährliche Situation, multiple Hinweise, dass sich Geschichte wiederholen kann, der Hybris von „Schwachköpfen“ geschuldet (um Tillerson ein Abschiedswort zu gönnen).

Bildrechte: The Globe and Mail

Intransigentes Justamentnicht im Zeichen der Kornblume

Die Kornblume als politisches Symbol ist zurück. Die Kornblume, die sich FPÖ-Politiker gerne ans Revers heften, ist keineswegs die blaue Blume der Romantik, Symbol der Revolution von 1848 (H.C. Strache) oder die „Europablume“ (N. Hofer), sondern sie ist ein Abzeichen reaktionärer und rassistisch orientierter deutschnationaler Bewegungen des 19. Jh., wie der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 einräumen musste.

Die „Alldeutsche Vereinigung“ des Georg von Schönerer trug sie im Parteilogo, sie kann als eine Vorläuferorganisation der Identitären Bewegung gesehen werden. „Die Kornblume war ganz klar ein Symbol für die antisemitische Schönerer-Bewegung und diente in den Dreißiger Jahren den [in Österreich vor dem „Anschluss“] illegalen Nazis als Erkennungszeichen.“ (Oliver Rathkolb, Universität Wien, Kurier, 12.06.2016) Hitler wurde durch Schönerer wesentlich geprägt, wie er in „Mein Kampf“ ausführlich darlegt. Schönerer legte den Grundstein für Hitlers Denken, er war sein „geistiger Vater“, schrieb Hannah Arendt 1955 in ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. (a.a.O)
Bis in die jüngste Zeit wurde v.a. in Österreich mit der Kornblume symbolisch politische Gesinnung vertreten und genau heute vor einem Jahr gab es in Wien einen Aufschrei und handfeste Proteste gegen den „Kornblumenball“ des FPÖ-nahen „Kulturring Favoriten“, der zum wiederholten Male stattfand.

Jetzt allerdings will die FPÖ in die Regierung und hat erst einmal Kreide gefressen. Zur Eröffnungssitzung des neu gewählten Parlaments hefteten sich die FPÖ-Abgeordneten ein neutrales kreideweißes Edelweiß ans Revers. (Süddeutsche Zeitung, 17.11.2017, S. 8) Ob diese Camouflage etwas nützt?

Die Geschichte der Kornblume als politisches Symbol ist umfangreich und spannend, sie soll ein andermal vertieft werden. An dieser Stelle aber noch eine wertvolle Trouvaille aus der kleinen Recherche, die ein schönes Schlaglicht darauf wirft, dass wir zur Zeit sehr alte Debatten wieder durchfechten müssen. Geschichte ist eben nicht linear, sondern entwickelt sich in Kreisen, vielleicht in Spiralen:

Noch kein Staat konnte auf die Dauer bestehen, in dem die Radikalen zur führenden Rolle gelangten. Um auf die politische Führung eines ganzen Volkes Anspruch zu machen, dazu gehört doch noch mehr als starke Lungen, gewandte Zungen und jener physische Mut, den auch der nächstbeste Bauernbursche auf einer Kirchtagrauferei bekundet; dazu gehört praktische Erprobung, ernste, jahrelange erfolgreiche Arbeit, dazu gehört besonnene Überlegung, die den jeweiligen Verhältnissen die angewendeten Mittel anpaßt und durch vernünftige Beschränkung auf das Erreichbare ihr Ziel auch wirklich erreicht.

Was sehen wir dagegen bei den Radikalen? Das Häuflein von fünf Männern will auch den anderen hundertfünfzig Vertretern der großen deutschen Parteien die politische Haltung vorschreiben, ein Verhalten, das im Wesen auf Randalieren, Skandalmachen, auf ein intransigentes [kompromissloses] „Justamentnicht“ hinausläuft, und wenn die Hundertfünfzig vor den Fünf nicht ducken, dann wird geschimpft und geschmäht, dann werden die besten Männer des deutschen Volkes vor die radikale Feme gestellt und als Verräter in die Pfanne gehauen.

So lange die ausschließlich privilegierten Patentdeutschen sich nur mit den Antisemiten herumschimpften, konnten wir Anderen, wenn auch angewidert von dem wüsten Lärm, am Kampfplatz weilen, auf dem sich die Anhänger der weißen Nelke und der blauen Kornblume mit keineswegs wohlriechenden Geschoßen bewarfen. Doch seit Kurzem gehen die Ritter von der Kornblume gegen nur Alle los, verhängen sie den nationalen Bann gegen Alle, die über die richtige Methode der wirksamsten Vertretung der nationalen Interessen sich eine eigene Meinung zu hegen erlauben.

Wiedergabe einer Rede des bedeutenden konservativen tiroler Politikers Karl Grabmayr (1848 – 1923) bei einer „Versammlung der politischen Vereine“ in Meran (Südtirol) im April 1898, in der er sich gegen die Ziele und die Taktik der radikalnationalen Fraktion wandte. Grabmayr war damals Abgeordneter für die Großgrundbesitzer im österreichischen Abgeordnetenhaus. (Mährisches Tagblatt, 19.04.1898, Seite 2)