Am Spielfeldrand

„Wir lernen, während wir segeln. Deshalb ärgere ich mich so über die vielen Kommentatoren am Spielfeldrand, die ohne viel Einsicht die Wissenschaftler und Politiker kritisieren, die sich bemühen, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Das ist sehr unfair.“

Peter Piot

Präzise auf den Punkt gebracht von Monsieur Piot, einem belgischen Arzt und Wissenschaftler, der Covid-19 selbst durchlitten hat. Dem belgischen Magazin Knack hat er ein Interview gegeben, das in Science und der Welt zusammenfassend wiedergegeben wird. – Das wird unseren „besorgten Bürgern“ herzlich wurscht sein, die sind nun einmal leidenschaftliche Spielfeldrandkommentatoren, und wer jemals Kinder auf dem Fußballplatz hatte, weiß, was das heißt.

Besorgte Bürger zitieren üblicherweise gerne den Volkmund. Aus dem stammt auch der Satz: „Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um.“ Herzliche Grüße an die nächste bräunliche Schmutzel-Demo.


Bildrechte: Bayerischer Rundfunk/picture alliance, ZUMA Press, verändert

2020.099 | † John Prine

Wird das hier ein Sterberegister? Heute früh hat mich die NYT unterrichtet, dass John Prine in Nashville Covid-19 erlegen ist. Wenn man so will der typische Fall eines gesundheitlich angeschlagenen alten weißen Mannes, leichte Beute für das Virus…
Seine Musik habe ich (leider) erst spät für mich entdeckt, umso intensiver hat er mich die letzten Monate begleitet. Einfache Melodien, perfektes und transparentes Arrangement, eine kratzige Stimme, vollendete kleine Geschichten aus der Mitte der USA: davor haben auch die ganz Großen nach und nach über die Jahre den Hut gezogen. Erst im vergangenen Dezember hat er den Grammy für sein Lebenswerk erhalten.

Möglich, dass sich einmal für einen Moment unsere Wege gekreuzt haben, unerkannt. Am 15. Februar sollte noch ein Konzert von ihm in Berlin stattfinden, es wurde jedoch wegen seiner gesundheitlichen Probleme (erneut) abgesagt. Im Vorfeld war im SZ-Magazin ein Gespräch mit John Prine erschienen, wo es auch um seine Militärzeit in Deutschland in den 1960er Jahren ging. Ich stelle mir vor, dass er einer von den GIs war, die im Garten meines Onkels zu Gitarre und Mandoline gegriffen haben. Denn er erzählt, dass er auf den Nebenstraßen der Region unterwegs war: „Wenn ich mal ein oder zwei Tage frei hatte, habe ich versucht, mir kleine Orte auf dem Land anzuschauen, wo nicht so viele GIs hinkamen. Besonders in der Gegend zwischen Stuttgart und München.“ Dort verbrachten wir viele Wochenenden in einem paradiesischen Garten, der sich in den Hang schmiegte zwischen einem sehr berühmten Berg im Albvorland und einem idyllischen Wiesental, das von der Abendsonne golden ausgemalt wurde. Schon mittags loderte das Feuer im großen Gartenkamin, das Barbecue zog sich über den langen Nachmittag, zwischendurch wurden die Instrumente herausgeholt. Musizierend, lachend, speisend plätscherte der Sommertag dahin.

Im Song My Darlin‘ Hometown (aus dem Album Fair and Square von 2005) scheint mir die Erinnerung an den Garten meines Onkels festgehalten, far away over the sea… – möge er dorthin friedlich zurückgekehrt sein.

Far away over the sea
There’s a river that’s calling to me
That river she runs all around
The place that I call my hometown

There’s a valley on the side of the hill
And flowers on an old windowsill
A familiar old picture it seems
And I’ll go there tonight in my dreams

Where it’s green in the summer
And gold in the fall
Her eyes are as blue
As the sky I recall

Far away over the sea
There’s a place at the table for me
Where laughter and music abound
Just waiting there in my hometown

The river she freezes
When there’s snow on the ground
And the children can slide
To the far side of town

Far away far away me
Hung up on a sweet memory
I’m lost and I wish I were found
In the arms of my darlin‘ hometown

With the evening sun sittin‘
On the top of the hill
And the mockingbird answering
The old chapel bell

Far away over the sea
My heart is longing to be
And I wish I could lay myself down
In the arms of my darlin‘ hometown

(John Prine & Roger Cook)

2020.088 | Recovery?

Vor Jahren gelang dem Feuilleton der Süddeutschen schon einmal solch ein visueller Geniestreich, heute wieder (SZ Nr. 74/2020, S. 15/16). Auf der Vorderseite geht es um Bill Gates, den Guru und Geldgeber der Epidemieerforschung und -bekämpfung. Auf der Rückseite wird unter dem Titel „Der Derwisch von Absurdistan das neue Album „Recovery“ des Chicagoer Glamrockers Bobby Conn besprochen, den ich nicht kenne und dessen Musik mich wahrscheinlich nicht die Bohne interessiert. Doch dank der glücklichen Hand des SZ-Layouts entsteht auf semitransparentem Zeitungspapier ein Bildkommentar, der alle die langen Artikel und Endlosdiskussionen zur gegenwärtigen Lage auf den Punkt bringt: Wir sind am Boden, erledigt, alle Bremslichter leuchten. Wir hoffen auf Erholung und womöglich bald auf einen Erlöser. Dem Thinktank um Gates ist immerhin zuzutrauen, dass er mehr zustande bringt als der Denkpanzer von Trump.

In der Spalte daneben (nicht mehr abgebildet) bespricht Willi Winkler Bob Dylans aktuelle und überraschende Wortmeldung, Murder Most Foul. Mancher Kritiker spricht schon von Epilog. Recovery ist bei Dylan nicht in Sicht, nur noch tödlich getroffene, verdämmernde Erinnerung. Er berichtet vom Ende einer Epoche, das mit dem Attentat auf John F. Kennedy eingeläutet wird, ein Abgesang. Play „Moonlight Sonata“ in F-sharp / And „A Key to the Highway“ for the king on the harp…

Persephones Insel

Nachrichten aus dem verstummenden Frühling 1986.

Wir küssten uns am Strand. Um uns herum knutschten alle oder lagen sich irgendwie in den Armen, als hätte Dionysos persönlich uns angestiftet. In unserer Mitte loderte ein Feuer, das einer aus der Gruppe entzündet hatte. Seit gut 2700 Jahren loderten an dieser Stelle die Feuer, seit die Griechen hier ihre erste Kolonie auf Sizilien gegründet hatten. Es war ein noch etwas kühler Frühlingsabend, die Wellen aus der Straße von Messina trieben her und oben auf dem Felsen sah man die Lichter von Taormina. Den Tag über waren wir im Ätnagebiet unterwegs gewesen. Waren in den kürzlich erkalteten Lavaflüssen herumgestapft und hatten nach Spuren der aufkeimenden Vegetation gesucht. Am Fuß des Vulkans hatten wir uns in den Weingärten umgesehen, die tief in die bröselige schwarze Lava hineingegraben waren, Sonne, Wasser und Nährstoffe einfangend, bündelnd, verdichtend.

Zwölf Tage vorher waren wir in Oberbayern aufgebrochen, ein Bus, rund 50 Studenten, Professoren, Wissenschaftler. Der Bauch des Busses transportierte unser spärliches Gepäck und viele Kästen Hefeweißbier, es ging ja schließlich in die Fremde. (Über die isotonischen Qualitäten von Weißbier haben wir uns nicht so viele Gedanken gemacht, aber es hat gewirkt.) Die Hinfahrt nach Sizilien zog sich über drei Tage, denn selbstverständlich mussten auch an Autobahnparkplätzen und in Pompeji botanische Bestandsaufnahmen gemacht werden. So ging es dann auf Sizilien weiter: ein steter Wechsel zwischen klassischem Sightseeing, insbesondere von antiken Stätten, und vegetationskundlicher Erforschung von entlegenen Hügels irgendwo in der Pampa oder von grasiger Steilküste bei normannischen Wachtürmen. Diese Insel hatte schon viel gesehen und mitgemacht. Über die Pflanzen taucht man unwillkürlich tief ein in ihre mythologische Geschichte, nicht zuletzt am Fluss Ciane, dem einzigen wilden Vorkommen von Papyrus in Europa. Wir waren sehr weit weg.

Zurück vom Ätna empfing uns im Hotelfoyer deutsches Fernsehen. Das irritierte uns zunächst, doch wir waren um diese Jahreszeit die einzigen Gäste, also warum nicht? Was die Tagesschau dann berichtete, ließ uns erstarren: in der sowjetischen Teilrepublik Ukraine war es zu einem schweren Reaktorunfall im Kernkraftwerk Tschernobyl gekommen. Und das schon vor ein paar Tagen. Jetzt begann sich eine radioaktive Wolke auszubreiten in Richtung Westeuropa. Unsere Heimreise stand unmittelbar bevor: sollten wir jetzt dahin zurückfahren? Diese Frage stellte niemand ernsthaft. Die Nachrichtenlage war dürftig, es gab lediglich diese gelegentlichen Fernsehberichte – oder ein Telefonat vom Münzfernsprecher nach Hause.

Sizilien ist auch die Insel der Göttin Persephone. Sie ist die Tochter von Zeus und Demeter und muss, weil der Unterweltgott Hades sie als seine Braut entführt hat (übrigens mit der Einwilligung des Baba), ein Drittel des Jahres mit ihm im Totenreich verbringen. Den Rest des Jahres ist sie in der Landwirtschaft der Insel tätig, sorgt für Fruchtbarkeit und leistet ihrer Mutter Demeter Gesellschaft. Dieser Teil der Geschichte interessiert aber niemand, sie ist nur bekannt als düstere Göttin der Unterwelt. Eine Mafiabraut wider Willen, die dennoch ihren Job in der „Familie“ sehr ernst nimmt, heißt es. Mit ihr ist nicht zu spaßen und sie ruft zu sich, wen sie will und wann sie will. Für die Gerufenen gibt es in aller Regel keine Wiederkehr.

Die Reise näherte sich ihrem Ende und auf dieses Ende fiel ein dunkler, endzeitlicher Schatten. Zwei Jahre zuvor war 1984 unauffällig vergangen und Orwells Dystopie war eine literarische Erfindung geblieben. Nun war mit einem Schlag alles anders. Vielleicht lagen wir uns deshalb alle in den Armen an jenem Abend, abschiedstrunken, und sind zurückgekommen als ein Bus von 25 Paaren? So geht jedenfalls die Legende. Die Rückfahrt über zwei Tage verlief in teils aufgekratzter, teils ratloser Stimmung. Am Tiber schlugen abends die Nachtigallen. Sobald das Busradio einen deutschen Radiosender empfangen konnte, lauschten wir der verrauschten Stimme, die davon erzählte, dass man die Kinder nicht zum Spielen rauslassen solle, Sandkasten und Salatbeet seien tabu, möglichst zu Hause ausharren, bis es Entwarnung gibt. Das erschien uns als komplett surreal. Ereignete sich das alles tatsächlich eben jetzt? Den Rest dieses Frühlings haben wir als sehr still in Erinnerung.

Kurze Reise in die kleine Republik glücklicher Menschen

Roadtrip März 1990 in Thüringen, eine Woche vor der ersten und letzten freien Volkskammerwahl in der DDR, zwischen Vorfrühling und Endzeit, vor 30 Jahren.

Zwei Fast-Noch-Studenten, ein roter Golf-I-Diesel, ein nur vager Plan zur Reiseroute. Wie immer war klar: wir wollten ins Hinterland und auf die Nebenstraßen. Denn nicht nur die DDR-Bürger waren aufgekratzt im Spätherbst und Winter 1989/90. Stundenlang hatte ich mir im Fernsehen die Sitzungen des Runden Tischs in Ostberlin angesehen, fasziniert: da passierte etwas und es wurde darum gerungen, dass es zivilisiert geschah. Mitte März ergab sich eine Gelegenheit, für ein verlängertes Wochenende sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen, wir reisten in die mitteldeutsche Provinz – wer wusste schon, wie lange es sie in dieser Form noch geben würde? (Dabei fotografierten wir leider viel zu wenig und teils mit einfachen Kameras. Die digitalisierten Dias entwickeln dennoch einen ganz eigenen Reiz einer schon fern erscheinenden Zeit.)

Ein klarer Spiegel dient dazu, die eigene Gestalt zu erkennen; die Vergangenheit dient dazu, die Gegenwart zu erkennen. 
(Chinesisches Sprichwort)

Irgendwo in Oberfranken überquerten wir die Grenze hinein in den Thüringer Wald. Der einst gefürchtete DDR-Grenzer warf nur einen oberflächlichen Blick auf unsere Papiere, gab sich Mühe, freundlich zu lächeln und schon waren wir „drüben“. Vorausgehende DDR-Erfahrung hatten wir so gut wie keine, aber wir waren jung und hatten ein verlässliches und sparsames Gefährt dabei. Der Vorfrühling ist durchaus eine schwierige Reisezeit. Es ist kühl bis kalt, die Vegetation noch in Winterruhe, die Landschaft graubrauntrüb. Waldige Mittelgebirge mit Nadelwäldern neigen zur Düsternis, so auch die ersten Eindrücke auf der Fahrt durch den Thüringer Wald auf kurviger Strecke. Wenige Häuser oder Siedlungen unterwegs, und wenn, dann von grauschwarzen Schieferschindeln verhüllt, was die Schwermut der Gegend noch unterstrichen hat. Keine Veranlassung, irgendwo anzuhalten.

Ausfachung von Fachwerk als Bricolage

So machten wir den ersten Halt in Ilmenau, als sich der Wald gelichtet hatte. Ein Café am Straßenrand in einem bürgerlichen Haus der Vorkriegszeit sah einladend aus. Es war gut besucht, wir suchten uns einen der wenigen freien Tische und zwängten uns irgendwie dazwischen. Fehler: wir hätten uns einen Platz anweisen lassen sollen. Die Bestellung wurde etwas missmutig entgegengenommen, weil wir sie aber verbal äußern mussten, gab es nun für niemanden einen Zweifel mehr: das waren Fremde. Aus dem Westen. Wir nahmen unseren Kaffee ein und versuchten, uns mit der styroporartigen Sahnetorte anzufreunden, ständig beäugt, verstohlen oder unverhohlen. Ein Gespräch ergab sich nicht. Als wir den Raum verließen, meinte man ein deutliches Aufatmen zu vernehmen.

Wir fuhren weiter nach Rudolstadt, dann das Saaletal aufwärts, in der durchaus richtigen Annahme, dass das eine Ausflugsgegend ist, da würde sich schon auch eine Übernachtungsmöglichkeit finden. In Saalfeld hatte man im Hotel keinen Platz für uns, auf dem Weiterweg entlang der Talsperren senkte sich die Nacht herein. Die Straßen waren nun wirklich schmal, keinerlei bei Dunkelheit erkennbare Begrenzung oder Markierung, unser schmaler Lichtkegel verlor sich in düsterem Wald und tiefschwarzer Nacht: ungewohnt. Noch ein oder zwei andere Herbergen lagen am Weg, kein Platz, keine Lust, keine Ahnung. Als Notnagel hatten wir die Adresse eines Pfarrhauses im Raum Schleiz dabei, also schlugen wir diese Richtung ein, in der Hoffnung, vielleicht doch noch eine andere Bleibe zu finden.

Doch irgendwann standen wir im Kirchhof, klingelten vorsichtig. Und verbrachten dann zwei Abende im Kreis der Pfarrersfamilie, wärmstens aufgenommen. Es gab so viel zu erzählen. Erinnerlich ist mir, dass die Stasi und ihr Unwesen ein Leitthema war. Auch die Unsicherheit, ob da noch Stasi-Leute im Busch seien oder ob man jetzt aus dem Gröbsten raus sei. Und es ging ums Reisen: die Welt entdecken, in Amerika studieren, leuchtende Augen, große Erwartungen.

Vor dem Uniturm in Jena, 10.03.1990

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Jena, spazierten ein wenig in der Stadt herum. Vor der Volksbuchhandlung am JenTower, der damals wohl noch Uniturm hieß, hielt die FDP eine Wahlkampfveranstaltung ab. Die damalige Bundesministerin Adam-Schwaetzer sprach vor einem winzigen Häuflein auf dem zugigen Platz, fast niemand interessierte sich, wir auch nicht. In Weimar machten wir nur kurz Halt, die Stadt war bereits von Touristen eingenommen, beige Rentnergruppen überall, das war nicht unser Ding. Ich hatte zuvor Wieland und Kleist gelesen und wollte Oßmannstedt besuchen, Wielands Landgut, das er für ein paar Jahre bewohnte und erfolglos bewirtschaftete.

"...eine kleine Republik von guten und glücklichen Menschen wie noch keine gewesen ist..."

1797 schrieb Christoph Martin Wieland an seinen Verleger Göschen in Leipzig: „Das Gut ist ein ächtes Horazisches Sabinum; vortreffliche Aussichten, reine Luft, große Mannigfaltigkeit des Terrains, viel Grün, viel Bäume, kurz alles, was eine für mich reizende Situazion ausmacht…“ Mit dem seinerzeitigen Literatur-Papst Klopstock wetteiferte er darum, wer von beiden wohl die süßesten Trauben ziehen möge. Dies sei eine „kleine Republik von guten und glücklichen Menschen […] wie noch keine gewesen ist“, schrieb Wieland an seinen Schwiegersohn in Zürich im ersten Überschwang. Von diesem bukolischen Ambiente finden wir fast nichts mehr vor. Wenn ich mich recht erinnere, war Oßmannstedt im Prinzip eine große LPG mit allerlei Scheunen und Ställen. Wielands Landgut lag unbeachtet neben der Straße, im Dämmerschlaf, verschlossen, fast vergessen.

Wielands Landgut Oßmannstedt, März 1990

Im Winter 1802/3 besuchte ihn dort Heinrich von Kleist, verbrachte Weihnachten und den Jahreswechsel mit der Familie Wieland, war aufgewühlt und voller Erwartungen. Wieland war ihm und seinem Schreiben wohlgesonnen, bestärkte ihn ausdrücklich bei seinen dramatischen Projekten. Aber auch Wielands jüngste Tochter Luise fand ziemlichen Gefallen an Kleist, was dann im Hause Wieland doch nicht so erwünscht war: „Ich habe mehr Liebe gefunden, als recht ist, und muß über kurz oder lang wieder fort; mein seltsames Schicksal! – Wenigstens bis zum Frühjahr möchte ich hier bleiben…“, schrieb Kleist im Januar 1803 an seine Schwester Ulrike. Aber wohl schon Ende Februar, Anfang März musste er Oßmannstedt verlassen, ging zunächst nach Weimar und dann nach Leipzig. Kurze Zeit darauf verkaufte Wieland sein Gut, die Schulden wurden zu hoch, die kleine Republik war am Ende. Aber auf seinen Wunsch hin liegt er im dortigen Gutspark begraben.

Zurück ins Pfarrhaus nahmen wir wieder die Landstraßen und notierten die Bundesfahnen, die über den halb zerfallenen Gehöften wehten… Die kleine Republik war sichtlich am Ende.

Auf Anraten unserer Gastgeber, die wollten, dass wir auch etwas Schönes sehen, sind wir am Sonntag dann das Saaletal hinunter gefahren, zu den Dornburger Schlössern und nach Naumburg, das war nett. Beim Abschied im Kirchhof machten sie sich noch lustig über unseren laut nagelnden Diesel, der höre sich ja an wie ein Trecker und gar nicht wie ein schickes Westauto…

Der Naumburger Dom war touristisch noch kaum tangiert und wir hatten ihn für uns. Im Halbdunkel des Westchores besuchten wir die berühmten Stifterfiguren, die beiden herrschaftlichen Paare, die sich dort seit Jahrhunderten gegenüber stehen: die Machtbewussten und die irgendwie mehr mit dem Leben verbandelten. Ekkehard und Uta mit undurchdringlichen, unnahbaren stolzen Gesichtern, das perfekte Herrscherpaar, von dominanter Präsenz und fast kalter, teilnahmsloser Distanz. Hermann und Reglindis, ein merkwürdig heterogenes Paar. Er melancholisch, zurückgenommen, wie zurücktretend, seitwärts, aus dem Bild. Sie überrascht mit ihrem zugewandten, aufgeweckten, neugierigen, kessen, vielleicht auch naiven Lächeln – die Meinungen gehen da auseinander. Sie rafft ihr Gewand und scheint zum Aufbruch entschlossen. Tatsächlich stammte sie aus Polen und ist noch sehr jung (womöglich im Kindbett) verstorben und Hermann, der ältere Bruder von Ekkehard, hat sich später ins Kloster zurückgezogen. – Hätten wir damals ahnen können, wieviel Prophetie in dieser Aufstellung sich verbarg? – Als wir den Dom wieder verließen, entdeckten wir in einer nahegelegenen Gasse eine Crêperie: ein geschäftstüchtiger Bäcker hatte eine kleine Theke als Straßenverkauf in die Außenwand seiner Backstube integriert und servierte frische Crêpes. Das wiederum entsprach genau unseren Erwartungen, die jedoch zu diesem Zeitpunkt nur an dieser einzigen Stelle erfüllt wurden.

Dornburger Schlösser, Saaletal, März 1990

Eine Woche später wählte die DDR die Volkskammer. Klarer Sieger war die sog. „Allianz für Deutschland“ [!], bestehend aus der ehemaligen Blockpartei CDU, der CSU-nahen DSU und dem Demokratischen Aufbruch (DA) des Stasi-Spitzels Schnur. (Heute schlagen wir uns mit einer AfD herum, die von alten Stasi-Leuten und neuen russischen Agenten durchsetzt ist?) Damit war die Sache gelaufen und die Zeit der DDR abgelaufen. Diese Wahl mit einer Wahlbeteiligung von 93,4 % habe gegolten „als Plebiszit für Artikel 23 Grundgesetz (Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes)“ (Kowalczuk). Wir für uns dachten und sagten: etwas vorschnell. Aber das interessierte niemand. So fuhren wir wieder heim in unser Gelobtes Land, den Kopf voller Fragen und Zweifel, aber auch tief berührt.

Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker bei der Stasiunterlagenbehörde, plädiert dafür, dass wir uns endlich eine neue, gesamtdeutsche Verfassung geben, inkl. überarbeiteter Symbole für diesen Staat, weg vom Raubtier Adler vielleicht, eine neue Hymne jedenfalls. Sollte man darüber nachdenken. Dann müssen alle an den Tisch, die mitreden wollen oder meinen, etwas beizutragen zu haben. Und die Entscheidung zur Annahme könnte womöglich ein Plebiszit sein? Ein quasi ideales und aussagekräftiges Votum zur Annahme läge wohl so zwischen 67 und 80 %, bei ähnlich hoher Wahlbeteiligung. Damit könnte man Weichen stellen und vielleicht manchen Auswuchs austrocknen. Was aber, wenn dieser zweite „Runde Tisch“ mit einem ähnlich klaren, aber eigentlich von den Initiatoren unerwünschten Ergebnis endet, wie der erste? Denn die Sieger der Volkskammerwahl waren eigentlich die, die gar nicht oder nur widerwillig am Runden Tisch teilnahmen und nebenher ihr eigenes Süppchen kochten oder alten Seilschaften frönten.

Nachtrag 18.03.2020: Der Freitag macht sich wieder einmal verdient, in dem er auch in Zeiten der Corona-Krise die langen Linien im Auge behält. In der aktuellen Ausgabe veröffentlicht er, anlässlich des heutigen Jubiläums der Volkskammerwahl, einen Text von Christa Luft, die unter der Modrow-Regierung 1989/90 Wirtschaftsministerin der DDR war. Sie fasst die Situation in diesen Tagen bündig und stimmig zusammen. Aus ihrer Perspektive verständlicherweise mit bitterem Unterton. Deshalb sollte auch nicht verschwiegen werden, dass sie selbst Teil des Systems war, das den Zusammenbruch der DDR heraufbeschworen hat und ihre Einsichten zu spät kamen. Dass dem (womöglich einsichtigen) Strauchelnden vom eigenen Volk ein Bein gestellt wurde und er auch von den Umstehenden nicht aufgefangen wurde, das ist die Tragik dieser Geschichte. Es war einfach zu spät.

Blöde Blauäugigkeit

Es sei die Lebenslüge des Bürgertums, dass die Weimarer Republik durch den „Zangengriff“ der Radikalen zugrunde gegangen sei, in Wirklichkeit habe der „Extremismus der ‚demokratischen Mitte‘ und der Verrat des Bürgertums die Nazis stark gemacht„, sagt Claus Leggewie heute in der Süddeutschen (SZ Nr. 36/2020, S. 15). Er warnt zwar davor, allzusehr auf Parallelen zu den frühen 1930er Jahren herumzureiten, aber die blöde Blauäugigkeit [sic!] mit der in Thüringen agiert wurde, lässt einfach jeden erschauern, der einigermaßen in Geschichte zugehört hat. Weiter sagt er:

Die AfD hat in Thüringen gezeigt, was sie im Schilde führt: die parlamentarische Demokratie entgleisen zu lassen und sie gewissermaßen sturmreif zu schießen für eine neue Art von Volksdemokratie. Die AfD-Kader planen den Anschlag auf die Demokratie […], sie pflegen einen paranoiden Politikstil, und die Grenzen zum Terror sind dabei fließend.

Gauland hat heute, bei der aktuellen Stunde zum Thema im Bundestag, wieder Zeugnis davon abgelegt, dass ihn Geschichte nicht interessiert, sonst hätte er die Gelegenheit genutzt, sich öffentlich von seinem Sprecher-Kollegen im Europaparlament zu distanzieren, nachdem Paul Ziemiak ihm dafür eine Steilvorlage gegeben hatte. Legt die AfD nicht ständig Wert darauf, als Bewahrer des Judentums in Deutschland gesehen zu werden? Gauland plappert von (s)einer angeblich demokratischen Partei, agiert aber, in Anlehnung an Höcke, als Faschist. Mit grobem Vorsatz – s. dazu auch Chaos, abgesagt?

30 Jahre später

Manchmal sagt das Fernsehprogramm mehr als alle politischen Verlautbarungen. Aktuell, Stand 22:30 laufen im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen:
ARD: Frag doch mal die Maus (Spielshow)
ZDF: Der Staatsanwalt (Serie)
BR: Schön, dass es dich gibt (Schmonzette)
SWR: Talk am See, Talkshow zur ARD-Themenwoche „Zukunft Bildung“
HR: Die Rhön: Naturschönheiten im Land der offenen Fernen (Dokumentation)
WDR: First Ladies (Kabarettpreis)
NDR: 35 Jahre Sketchup (Comedy)
MDR: Sound der Wende (Musikshow)
RBB: Bornholmer Straße (Spielfilm)
3Sat: Cecilia Bartoli & Friends (Dokumentation)
Arte: Nacktmulle: Superhelden der Forschung (Tierdokumentation)
Phoenix: Soundtrack der Freiheit (Musikdokumentation)
Tagesschau 24: Aktuelle Kamera (DDR-Nachrichten 9.11.1989)
ARD-alpha: Fünf Tage im November (Dokumentation)

Kurz gesagt: den Westländern geht das Ganze am A.… vorbei, immer noch. Wir sollten uns was schämen. Die MDR-Sendung ist zwar auch nur eine sehr mäßige Schlagershow, aber eigentlich trifft das die Stimmung des Tages seinerzeit doch irgendwie am besten.

Lieber Herr Lenz

beginnt der erste Brief Peter Handkes an Hermann Lenz, datierend vom 21. Dezember 1972. Am 23. März 1998 schrieb Hermann Lenz noch „lieber Peter, unser Telephongespräch hat mir wohlgetan„, wenige Wochen später ist er, seit Längerem schwer erkrankt, in München verstorben. Hermann Lenz, der Ältere, verdankte Peter Handke, dem Jüngeren, seinen späten literarischen Erfolg. Doch der Jüngere hatte in Lenz eine Bezugsperson gefunden, einen Ruhepol in einem zeitweise unsteten Leben, von dem er immer wieder Stärkung beziehen konnte. 25 Jahre lang schrieben sie sich regelmäßig, zeitweilig suchte Handke bei den Lenzens Unterschlupf.

In Handkes erstem Brief heißt es: „Ich bin sicher, Sie und Ihre ruhige, verläßliche Art der Weltsicht sehr zu verehren. Ihr letztes Buch [Der Kutscher und der Wappenmaler, das Buch, mit dem die Beziehung der beiden begann] habe ich Satz für Satz gelesen, weil ich auf jede Einzelheit neugierig war. Einmal dachte ich: ‚Da kann man sich wirklich auf die Einzelheiten ganz und gar verlassen‘ – und das ist sicher ein Zeichen, daß da wirklich ein Schriftsteller arbeitet, und kein bloßer Behaupter. […] Ich halte Sie für einen der wenigen Schriftsteller, bei denen man sich lesend zwar fremd, aber doch ganz zu Hause fühlen kann.

Wer so etwas schreibt an einen Kollegen, vielleicht schon gefühlten Freund, für den ist das auch Selbstreflexion, und so ist anzunehmen, dass Handke sich selbst auch so sehen wollte. Kein Behaupter zu sein, das trifft in den Kern seines eigenen Schreibens. Und genau das hat die Akademie in Stockholm heute auch so gesehen und ihm deshalb den Nobelpreis für Literatur 2019 zuerkannt. Ihm, einem der letzten wirklich freien, denkfreien, wortfreien Autoren der Gegenwart.

Alles Gute!“ endet dieser erste Brief. Alles Gute, Peter Handke. Und danke.


Bildrechte: Hermann-Lenz-Stiftung

Deutscher Herbst?

Ich lausche der „Winterreise“ von Franz Schubert, die Vertonung der Gedichte von Wilhelm Müller aus Dessau, weil ich eine Herbstreise nach Sachsen-Anhalt vorbereite und der Sound, den ich mit Orten, Begebenheiten, Reisen verbinde, für mich essentiell ist. Im speziellen Fall ist das ein arg theoretisches Konzept, weil Müller nicht wusste, dass Schubert seine Gedichte vertonte und beide von dem dauerhaften Erfolg dieses Werks nicht profitieren konnten, weil er erst posthum eingetreten ist, für beide. Aber irgendwelche Schwingungen werden schon da sein?

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt in seinem Schatten
So manchen süßen Traum. […]

Die kalten Winde bliesen
Mir grad ins Angesicht,
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Die aktuellen Überlegungen werden massiv gestört von den heutigen Vorfällen in Halle, die man getrost als Terroranschlag bezeichnen darf, auch wenn die Hintergründe erst in Umrissen bekannt sind. Und das löst Gedanken in eine ganz andere Richtung aus, nicht mehr vorwärts, unternehmungslustig, sondern rückwärts, retrospektiv. Oktober in Deutschland, da war doch was. Nein, nicht vor dreißig Jahren, länger her, vor nun genau 42 Jahren. Kann sich noch jemand erinnern an den sog. „Deutschen Herbst“ 1977? Als die RAF meinte, sie könne diesen Staat vorführen, in die Knie zwingen, vergewaltigen, was auch immer?

Damals war ich sehr jung. Wer jung war hatte zumeist Sympathien für alles Antikapitalistische und verdächtigte die staatlichen Autoritäten eigentlich grundsätzlich des Missbrauchs derselben. Als die RAF dann das Land mit ihrem Terror überzog, packte der Staat sein Filetierbesteck aus und wurde unangenehm, auch im Alltagsleben. Überall Polizeikontrollen. Der sog. „Radikalenerlass“ war schon seit fünf Jahren in Kraft und irgendwie kannte jede/r eine/n der/die davon betroffen war. Es war ungemütlich. Auch wenn man kein wirklicher Sympathisant war, fühlte man dennoch mit, mit den Sympathisanten, die nun massiv unter Druck gerieten. Die meisten waren doch nur pure Idealisten, Träumer einer besseren Welt, auch: Verirrte im unübersichtlichen Gelände der Weltverbesserungsideologien. (Andere machten damals mit wachem Geist Frontarbeit: Schily, Ströbele…) Die ganz gewöhnlich idealistische Jugend beschlich damals das Gefühl, dieser Staat könne womöglich alle Aufbruchsregungen im Keim ersticken, in einer Überreaktion auf die Provokation durch die RAF.

Rückblickend scheint es mir, dass der Staat echte Stärke bewiesen hat. Vordergründig und bekanntermaßen in der ziemlich gnadenlosen Bereinigung des RAF-Problems. Hintergründig (und viel wichtiger) darin, dass er aus der Situation nicht insofern Kapital geschlagen hat, dass die jugendlichen Befürchtungen wahr wurden. Nein, als sich die Situation beruhigt hatte, hat sich der Staat auch wieder entspannt und die Dinge wieder laufen lassen, vielleicht sogar großzügiger als zuvor. Und genau das hat diesen Staat stark gemacht – in meinen Augen. Ich möchte es wenigstens so sehen.

Auf die aktuelle Situation gewendet: ich wünsche mir, dass der Staat gnadenlos durchgreift auf der rechten Seite. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, hat das heute abend in der ARD wieder angesprochen: auf Worte folgen Taten. Die Täter aus der rechten Szene sind zumeist arme Irre (anders als die RAF-Terroristen). Die wirklich gefährlichen Leute sind die, die bislang ungestraft, ihr exklusives Gedankengut verbreiten, in Schnellroda und sonstwo. Die sich die Hände nicht schmutzig machen und sich dieser depperten willigen Helfer bedienen. Eigentlich ein ganz einfaches Kalkül. Und dieser Staat hat hier bisher offenbar keine juristische Handhabe.

Vielleicht braucht es diese Provokation, dass sich unser aller Staat besinnt und, wieder einmal, gnadenlos die Schranken aufzieht. Radikalenerlass für die Rechten? Höchste Zeit (Kriegt Höcke eigentlich noch Beamtensalär?). Immerhin war man auffallend schnell mit der Einschätzung „staatsgefährdend“, Generalbundesanwalt übernimm!

Im Zuge der Reisevorbereitung habe ich von einem Ort gelesen, einem alten Schloss, das vor Jahren aus öffentlichem in privaten Besitz übergegangen ist. Die aktuellen Besitzer hatten offenbar darauf spekuliert, das Anwesen ließe sich, in einer durchaus touristischen Gegend, touristisch vermarkten. Pustekuchen, Flaute. Man vermietet die historischen Räumlichkeiten für private und öffentliche Veranstaltungen, auch an Parteien, auch an die AfD, weil das eine demokratisch legitimierte Partei sei. Ob man auch an den „Flügel“ vermieten werde, müsse man noch überlegen. Der Große Geist behüte: wenn erst einmal ökonomische Abhängigkeiten entstehen, dass man an die Nazis vermieten „muss“… Schnellroda ist dort gleich ums Eck. Und wer weiß: dem Kubitschle wäre ein gediegen Schloss am Ende wahrscheinlich noch lieber als sein popeliges „Rittergut“, das nur so heißt.

Bei aller bitterer Tragik war es vielleicht wichtig, dass das heute ausgerechnet in Halle passiert ist, wo diese bescheuerte „Ein-Prozent-Bewegung“ der Identitären residiert. Ausmisten, sofort. Keinen Stein auf dem anderen lassen, in einem weiteren deutschen Herbst.

Frühlingstraum

Ich träumte von bunten Blumen,
So wie sie wohl blühen im Mai,
Ich träumte von grünen Wiesen,
Von lustigem Vogelgeschrei.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Auge wach;
Da war es kalt und finster,
Es schrien die Raben vom Dach.

Doch an den Fensterscheiben
Wer malte die Blätter da?
Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah?

(Wilhelm Müller, Gedichtzyklus „Die Winterreise“)

2019.157 | D-Day

Wahrscheinlich war er einer der ersten deutschen Soldaten, die ihr Leben lassen mussten am Tag der großen Invasion. Am Tag der Befreiung. Er war stationiert auf der Halbinsel Cotentin, im Hinterland von „Utah-Beach“. Dort fielen schon in der Nacht, vor der Landung der Schiffe, die amerikanischen Fallschirmjäger vom Himmel, still und leise. Er war als Melder unterwegs, vermutlich alleine, irgendwo zwischen den Hecken der verwinkelten Bocage. Wochen zuvor hatte man ihn für die SS mustern wollen, weil er ein so stattlich gewachsener junger Mann war. Er ist durch’s Clofenster getürmt, vor einer direkten harten Bestrafung konnte ihn der Vater eines Freundes bewahren, der in der Partei war. So musste er „nur“ an die Front, ganz schnell, ganz unvorbereitet. Er wurde 18 Jahre alt. Immerhin haben seine sterblichen Überreste ein Grab gefunden auf einem Soldatenfriedhof in der Bocage. Das ist heute ein ungemein friedlicher und großzügiger Ort, völlig entrückt. Gelegentlich besuche ich sein Grab, obwohl ich ihm im Leben nie begegnet bin. Nur ein paar zufällig zugeteilte Gene verbinden uns. Ich lege dann einen kleinen Strauß wilder weißer Margeriten vor den Grabstein. Sie blühen immer um diese Zeit im Saum der schmalen Landstraße unweit des Friedhofs, wo ich sie gepflückt habe. Er soll ein Mensch voller Möglichkeiten gewesen sein. Vor genau 75 Jahren ist er gestorben, 6.6.44.

Notiz aus dem Siebenjährigen Krieg

Die Unfähigkeit seiner Heerführer in der Fremde und der verhängnisvolle Mangel an Energie in den Räten im Lande selbst hatten Großbritannien aus der stolzen Höhe herabgeholt, in die es durch die Talente und den Unternehmungsgeist seiner früheren Krieger und Staatsmänner gehoben worden war. Von seinen Feinden nicht mehr gefürchtet, verloren seine Diener bald jene Zuversicht, die aus der Selbstachtung erwächst.

1826 erschien dieser Text, vor knapp 200 Jahren. 70 Jahre nach den geschilderten Ereignissen des Jahres 1757 im Kolonialkrieg, den England und Frankreich als „Nebenkriegsschauplatz“ des Siebenjährigen Krieges in den nordamerikanischen Territorien führten. Hat das irgendetwas zu tun mit den Ereignissen im Großbritannien der Gegenwart? Bullshit – hat schließlich ein Amerikaner geschrieben, ein Yankee aus den abtrünnigen Kolonien obendrein. 

Übrigens setzen sich in der Geschichte die Briten am Ende doch irgendwie durch, gegen die Franzosen und ihre heimtückischen Verbündeten.

Fenimore Cooper, James. Der letzte Mohikaner – Ein Bericht aus dem Jahre 1757, München: Carl Hanser, 2013 – die erste vollständige und ernstzunehmende deutsche Übersetzung von Karen Lauer. Eine Fundgrube. Zitat aus dem 1. Kapitel.

Bildnachweis: Lake George, New York (der Ort des Geschehens), Georgian Lakeside Resort, verändert

60 Kilometer

Matera ist europäische Kulturhauptstadt 2019. Lynx verdankt der Tagesschau den Hinweis, dass sie 60 km vom nächsten Flughafen entfernt ist. Und dennoch seit Jahren steigende Touristenzahlen verbucht. Das sei erstaunlich. Was mögen das wohl für Leute sein, die sich so etwas antun? Oder gibt es da schon Flugtaxis, mag man sich in der Tagesschau-Redaktion wohl fragen. So hörte sich das an.

Lynx freut sich schon auf die Flugtaxis. Das überlässt ihm einen 60-km-Korridor, zur freien Bewegung. Oder mehr. Wege und Straßen im Hinterland. Streifraum, Backcountry Roads, Byways. Früher gab es in den USA dazu spezielle Karten, später Websites. Alles im Verschwinden begriffen, trotz Trump. Es zählen, auch für Seinesgleichen, nur noch Hauptstädte. Und was man mit dem Flugtaxi erreichen kann. Das ergibt eine Menge Grauzonen, von hellgrau bis dunkelgrau. Sehr viele Grauschattierungen. Und schmale Pfade zwischen Disteln und Wegwarten.

Anfang der 1950er Jahre ließ die italienische Regierung die historischen Höhlenwohnungen von Matera räumen, aus sanitären Gründen. Die Leute lebten dort teilweise noch wie im Frühmittelalter. Und waren viel zu Fuß unterwegs. Als sie weg waren, dauerte es noch ein paar Jahre, dann wurde das Kulturerbe wiederentdeckt, saniert, geschützt, gelabelt, musealisiert. Bald mit dem Flugtaxi erreichbar. Wie auch das Kanzleramt in Berlin, das einen todchicen und abgehobenen Hubschrauberlandeplatz erhalten soll. Was es auf den Fußwegen zwischen Airport und Taxistand wohl alles zu sehen, hören, riechen gibt?

Prosper Haniel

Am Freitag ist es also soweit, die letzte Steinkohlenzeche in Deutschland schließt, Prosper Haniel in Bottrop. Das Abbausoll wurde allerdings bereits im September erreicht, seitdem wird allmählich dicht gemacht. Einem Schreiberling aus Süddeutschland steht es in keiner Weise an, sich hierzu würdevoll zu äußern, ist mir schon bewusst. Vor drei Jahren waren wir vor Ort bzw. in der Nachbarschaft, auf der Halde Beckstraße mit der Landmarke ‚Tetraeder‘.

Aber eigentlich waren wir zu Besuch im Museum Quadrat, bei der wunderbaren Walker-Evans-Ausstellung. Hätte es dafür einen besseren Ort geben können? Jedenfalls sind ein paar Bilder ins Gelände dabei abgefallen, die ich jetzt wieder herausgekramt habe. Und irgendwie haben die doch auch etwas mit Süddeutschland im weiteren Sinne, wenn man es bis in die Alpen ausdehnt, zu tun. Diese Skihalle und das Detail ganz links außen: alpenländlerischer Hüttencharme – o.m.g! Ein paar Jahre zuvor hatte uns das Schicksal für einen Abend in die Skihalle in Neuss verschlagen. Sprachlos, „Atemlos“, betrachteten wir das Geschehen rundumadum, die Dirndl- und Janker-Träger*innen, die sich zum Abendmahl einfanden – w.t.f.?

Hoffen wir mal, dass das nicht die einzige Zukunftsidee ist. Nein sicher nicht! Das Ruhrgebiet ist so schön grün bei zugleich so viel Urbanität, der etwas spezielleren Sorte vielleicht, aber: das wird der nächste heiße Scheiß, da bin ich mir sicher. Und dann werden uns hier im Süden noch die Augen rausfallen!

Einstreu im Unterholz #1

Lynx hat sich ins Winterlager zurückgezogen. Die Einstreu von heute handelt vom Staatsdefizit (ein Mythos?), schier endlosen Nullzinserwartungen, stabilen Paarbeziehungen in Zeiten existenzieller Krisen, Narzissten bei der AfD und den Versprechungen des Nordens und ob er sie hält. Wie geht das alles zusammen? Weiß Lynx nicht. Aber es ist da, ist Gedanke, Erfahrung, Erlebtes und hat sich abgelagert auf Papier und digital. Ob es wärmt, isoliert gegen den kalten Zug in diesen Tagen und Nächten? Oder eher Feuchtigkeit zieht, so dass die ganze Wärme abfließt und es zu faulen anfängt? Weiterlesen „Einstreu im Unterholz #1“